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People | 16.01.2017

"Wir werden in ein Korsett gezwängt!"

Doris Hummer im Interview, warum das Arbeitszeitgesetz aus dem Jahre 1969 nicht mehr zeitgemäß ist, welchen Stellenwert die Weihnachtsfeier im Familienbetrieb Domico hat und warum das Guten-Morgen-Bussi ihres Sohnes die schönste Wertschätzung für sie ist.

Bild Doris Hummer.jpg
© Starmayr

Jedes Ende ist gleichzeitig ein Anfang. Ihre Tätigkeit als Landesrätin für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Frauen und Jugend gehört der Vergangenheit an. Die Weichen für die Zukunft sind neu gestellt: Letzten Jänner ist die blonde Powerfrau mit dem kessen Kurzhaarschnitt als Geschäftsführerin in das elterliche Familienunternehmen Domico eingestiegen und schreibt damit das erste Frauenkapitel in der 40-jährigen Firmengeschichte des Metallverarbeiters. Daneben arbeitet die Grieskirchnerin als Wirtschaftsbund-Landesobfrau und designierte Nachfolgerin von Wirtschaftskammer-Präsident Rudolf Trauner seit April intensiv an einem guten wirtschaftlichen Nährboden, damit Unternehmen in Oberösterreich erfolgreich sein und von hier aus die Welt erobern können, wie sie im persönlichen Gespräch mit der OBERÖSTERREICHERIN näher ausführt. 

 

Wann haben Sie zum letzten Mal persönlich Wertschätzung für Ihre Arbeit erfahren?

Gott sei Dank immer wieder. Ich habe das Glück, vor allem in persönlichen Gesprächen im eigenen Unternehmen oder im wirtschaftspolitischen Umfeld ehrliches und konstruktives Feedback zu erfahren, wo auch Wertschätzung dafür ausgedrückt wird, dass man hartnäckig bleibt.

 

Aktuell läuft eine Kampagne des Wirtschaftsbundes Oberösterreich mit dem Fokus auf das Thema Wertschätzung. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Weil wir eine Stimmung bei uns im Land haben, wo die Unternehmerinnen und Unternehmer sagen: Eigentlich macht es bald keine Freude mehr. Man hat das Gefühl, man steht ohnehin mit einem Fuß im Kriminal, sobald man Mitarbeiter einstellt. All die relevanten Gesetze kann man kaum überblicken. Jeder kleinste Fehler ist oft mit unverhältnismäßig hohen Strafen belegt. Das haben mir meine 17.400 Wirtschaftsbund-Mitglieder ins Stammbuch geschrieben: Nehmt euch darum an, dass die Leistungen der Unternehmer wertgeschätzt werden und betreibt eine Standortpolitik, damit es wieder Freude macht, hier Unternehmer zu sein. Und genau das tun wir.

 

In Ihnen stecken eine Unternehmerin, eine Gründerin, eine Politikerin, eine Interessenvertreterin und außerdem noch eine Mutter eines Sohnes. In welcher Rolle fühlen Sie sich am meisten wertgeschätzt?

Man kann die Rollen gar nicht trennen. Die schönste habe ich, wenn ich morgens wach werde und mein kleiner Sohn mir die Wertschätzung gibt, indem er sagt „Mama, ich hab dich lieb“, mit einem Guten-Morgen-Bussi – da ist die Welt in Ordnung. Man muss auch seine Werte ganz klar definieren und sich fragen: Was ist für mich das Wichtigste? Wofür setze ich mich ein und wofür kämpfe ich? Ich halte es da mit Kurt Kaun, dem ehemaligen Wirtschaftskammer-Präsidenten: Das Hemd ist die Familie, die Weste ist das Unternehmen und die Jacke ist die Politik. Und so lebe ich es auch.

 

Benötigen Frauen eine andere Form der Wertschätzung als Männer?

Ja, die Bedingungen sind andere, weil Frauen eben viele Rollen zu erfüllen haben. Da spielen Familie, Kinder, aber auch die Pflege Angehöriger eine große Rolle. Dementsprechend ist das Thema Arbeitszeitflexibilisierung so wichtig, weil eine Mutter, die tagsüber ihr Kind betreut, gern am Abend einmal arbeiten würde – aber Achtung, aufpassen, ob das nicht Überstunden sind oder ob die Nachtruhe eingehalten wird. Das sind Hemmnisse, wo Frauen sagen, eigentlich wird es uns schwer gemacht, dass wir erfolgreich sein können.

 

Stichwort Arbeitszeitregelungen. Das Arbeitszeitgesetz stammt aus dem Jahre 1969, da waren Sie noch nicht auf der Welt, von Internet und E-Mail ganz zu schweigen. Warum ist das Gesetz nicht mehr zeitgemäß?

Weil sich seitdem ganz viel verändert hat. Nimmt man die Bedürfnisse von heute, wie das Bedürfnis nach mehr Freizeit, nach mehr Familienzeit, dann braucht es andere Zugänge zur Arbeitswoche. Einem Landwirt braucht man das nicht zu erklären: dass dann gearbeitet wird, wann Arbeit da ist. Und den Mitarbeitern auch nicht, die wissen das. Doch sie sind trotzdem in das Korsett der Arbeitszeitregelungen gezwängt. Und da brauchen wir Neuregelungen, die den Bedürfnissen von Mitarbeitern und gerade auch von Müttern entsprechen, aber auch von Unternehmern, um Spitzen gut abarbeiten zu können, ohne Standortnachteile zu erleiden. Ob Elternsprechtag oder Großauftrag – beides muss in einem modernen Arbeitszeitmodell individuell lösbar sein.

 

Gibt es Befürchtungen, man könnte als Arbeitnehmer ausgenutzt werden und müsste rund um die Uhr abrufbereit sein?

Die Denkweise „Unternehmer ist gleich Ausbeuter“, die leider Gottes von gewissen Personen immer noch in den Raum gestellt wird, war während der Jahrhundertwende wahrscheinlich berechtigt, ist es heute aber ganz sicher nicht mehr. Als wirtschaftspolitische Vertreterin will ich dafür Sorge tragen, dass hier in unserem Land die Betriebe gegründet und Arbeitsplätze geschaffen werden, denn nur dann werden wir in Zukunft auf diesem hohen Niveau von heute unseren Sozialstaat absichern können. Mut und Risiko sollen belohnt werden. Oberösterreich ist auch der richtige Boden, um von hier aus die Welt zu erobern – dieses Vertrauen wollen wir geben.