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People | 18.08.2020

„Wir müssen China Paroli bieten“

Wie der britische Historiker und Journalist Douglas Murray, Autor der Erfolgsbücher „Der Selbstmord Europas“ und „Wahnsinn der Massen“, den Umgang der EU mit der Corona- Krise bewertet, warum er China für die Pandemie verantwortlich macht und weshalb es wichtig ist, auch rückwärts gehen zu können, hat uns der Bestsellerautor im Skype-Interview erzählt.

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© Shutterstock

Der britische Autor und Historiker Douglas Murray verurteilt die Vorgehensweise der Kommunistischen Partei Chinas in Bezug auf Corona aufs Schärfste. In unserem Interview fordert der Brite Europa dazu auf, Einheit zu zeigen und in den Verbindungen mit China die Notbremse zu ziehen. „Die Chinesen haben vertuscht, was sie mit dem Virus angerichtet haben. Die Kommunistische Partei Chinas hat die Weltwirtschaft runtergebrannt“, wettert Murray in unserem Skype-Gespräch und er hält fest, dass Covid-19 mittlerweile das dritte Virus dieser Art ist, das wir im letzten Jahrzehnt von China bekommen haben. Wie recht er damit hat, wurde nun erneut bewiesen, als Ende Juni Wissenschaftler in China eine neue Art der Schweinegrippe entdeckt haben, die eine Pandemie auslösen könnte.

 

Mr. Murray, wie bewerten Sie die Vorgangsweise der EU im Umgang mit der Corona-Krise?

Da wir Briten ja aus der EU aussteigen werden, halte ich mich mit meinen Aussagen dazu besser zurück. Das wäre ja, als ob man einen Club kritisiert, den man verlassen will (lacht). Trotzdem meine Meinung dazu: Es gab bereits vor Auftreten der Pandemie gewisse Anspannungen in der EU, diese haben sich aber durch die Corona-Krise noch weiter verstärkt. Das Auffälligste für mich war der Umgang der EU mit der Situation in Italien. Von Anfang an wurde das Land alleine gelassen. Das ist extrem hart für Menschen, die an den Traum eines vereinigten Europas geglaubt haben. Länder wie Deutschland und Frankreich hingegen wurden tatkräftig unterstützt, das ist meiner Ansicht nach zutiefst heuchlerisch. Vor allem haben die Menschen in Italien das auch mitbekommen, was sicher problematisch ist. 

 

Ende Dezember soll Großbritannien nun endgültig aus der EU austreten. Glauben Sie, dass aufgrund der Corona-Krise auch andere Länder nachziehen werden?

Diese Entscheidung hängt im Endeffekt von der Bevölkerung in den einzelnen Ländern ab. Dennoch glaube ich, dass die Schwierigkeiten, die Großbritannien bei den Austrittsverhandlungen hatte, andere Länder abschrecken werden. Einzelne Parteien in Italien, Frankreich oder in den Niederlanden waren sehr EU-kritisch und haben sich mit dem Gedanken eines möglichen Austritts getragen. Aber aufgrund des extremen Schlamassels bei den Austrittsverhandlungen unter Theresa May haben sich sicher die meisten gedacht „Wenn das für die Briten, die nicht einmal in der Eurozone sind, so schwierig ist, welche Chance haben wir dann?“ Und ich habe mit vielen Politikern in Europa gesprochen, die mir genau das bestätigt haben. Ich denke, dass vieles davon abhängen wird, wie die Briten diesen Ausstieg schaffen werden und auch davon, wie die EU damit umgehen wird. Wenn Großbritannien nach dem Austritt boomt, dann werden die EU-Skeptiker offensichtlich feststellen, dass ein Austritt nicht das Ende der Fahnenstange ist,sondern vielleicht sogar die Möglichkeit eines Neustarts. Aber durch die Corona-Krise haben sich die wirtschaftlichen Bedingungen verändert. Letztendlich hängt nun alles davon ab, wie erfolgreich Großbritannien diesen Austritt schaffen wird. Das ist sicher mitunter ein Grund, warum die Europäische Kommission den Ausstieg so schwierig gestaltet, weil man nicht will, dass Großbritannien dabei einen Erfolg zieht.

 

 

 

 

 

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© Andy Ngo

In Ihrem neuen Buch „Wahnsinn der Massen. Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften“ weisen Sie darauf hin, wie wir im Kampf um Anerkennung unsere gemeinsamen Werte und die Menschlichkeit verlieren. Denken Sie, dass die Corona-Pandemie ein Weckruf für die Menschen ist?

Ich denke schon, dass die Gefahr besteht, dass Epidemien und Krisen als Indikation für bereits existierende Probleme hergenommen werden. Es ist nicht gut, wenn Menschen der Pandemie die Schuld an allem geben. Ich hoffe, dass diese Corona-Krise vor allem ein persönlicher Weckruf für viele Menschen ist und auf die Ungerechtigkeiten in unserem Universum hinweisen. Diese Krise zeigt uns, dass nichts sicher ist und wir aufeinander aufpassen müssen. Dass wir uns um uns nahestehende Menschen und auch um unsere Umwelt und Natur kümmern müssen. Was die einzelnen Regierungen betrifft, dazu kann ich nicht viel sagen. Aber es gibt sicher Politiker, die ihre Projekte auf Kosten der Krise durchsetzen möchten. Manche werden vielleicht damit Erfolg haben. Vor allem die identitären Linken werden die Nachwirkungen dieser Krise in Bezug auf ungleiche Chancenverteilung diskutieren. Wir müssen aufpassen, denn manche Gruppierungen werden der Corona-Krise die Schuld für bereits vorhandene politische Fehltritte in die Schuhe schieben.

 

In Ihrem Buch „Der Selbstmord Europas” schreiben Sie vom Wahlsieg des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz im Jahr 2015 und der darauffolgenden Koalition der ÖVP mit den Freiheitlichen. Damals machte Kurz Einwanderung und Integration zu Wahlkampfthemen. Nach der Ibiza-Affäre im Frühjahr 2019 zerbrach diese Koalition. Nach Neuwahlen im Herbst 2019, bei denen man sich im Wahlkampf auf die Klimakrise konzentrierte, regiert nun die ÖVP mit den Grünen als Koalitionspartner. Wie bewerten Sie diese Änderung?

Bis zu einem gewissen Grad scheint es, dass die Politik gewisse Krisen zu ihrem Vorteil nützt. Die Flüchtlingskrise 2015 war ein sehr ernsthaftes Problem für ganz Europa. Die sogenannte Klimakrise ist meiner Meinung nach nur die Neuauflage eines bereits seit Langem existierenden Dilemmas, das in den letzten Jahren aufgeschaukelt wurde. Vor allem auch von der jungen Generation. Aber das Thema ist genau wie die Flüchtlingskrise sehr komplex. Ich finde es von der Grünen Bewegung unaufrichtig, die Klimakrise zum großen Thema zu machen, aber keine konkreten Vorschläge in der Tasche zu haben, wie man aus dieser Krise herauskommen kann. Das Coronavirus gibt uns nur einen kleinen Einblick in eine Welt, in der wir leben würden, würde es nach den Grünen gehen. Wir würden nicht mehr in Flugzeuge steigen, nicht mehr reisen und so wenig Energie wie nur möglich verwenden. Im Gegensatz zu dem, was die Grünen verlangen, fühlt sich die Corona-Krise wie ein Urlaub an. Wir müssen uns schon fragen, ob so ein Leben lebens- und wünschenswert ist. Ich behaupte jedenfalls nein. Was wir brauchen, ist ein besseres Verständnis dafür, wie man saubere Energie erzeugen kann. Die Grüne Bewegung ist nicht imstande, darauf Antworten zu geben. Was sie allerdings gut kann, ist Hysterie unter den Menschen verbreiten. Daher denke ich, dass es möglich, ja sogar einfach ist, die Menschen über Krisen zu beeinflussen. Europa hat die Flüchtlingskrise 2015 mit einem Heftpflaster verarztet, dabei wäre eine Behandlung auf einer Intensivstation notwendig gewesen. Die echten Probleme wurden nicht gelöst. Ich habe die Migrationsprobleme aus erster Hand gesehen und kann sagen, das, was 2015 los war, war nur ein Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommen wird. Ich glaube, dass nur ganz wenige Politiker in Europa mit dem Ausmaß und der Langfristigkeit der Immigration zurechtkommen – egal, ob sie dem linken oder rechten Lager angehören.

 

 

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© Andy Ngo

Die Corona-Krise beeinträchtigt die Wirtschaft weltweit, eine Rezession droht, angesichts dessen steigt nun auch vielfach der Ärger auf die Vorgangsweise der Politiker zu Beginn der Krise. Für wie gefährlich schätzen Sie die Situation ein?

Was mich an dieser Krise enorm stört, ist die Tatsache, dass die Menschen in fast allen Ländern, die ich beobachtet habe – außer in Amerika – ein großes Vertrauen zu ihren Regierungschefs haben. Denn das war in den vergangenen Jahren nicht der Fall – ganz im Gegenteil, es herrschte vielfach eine große Unzufriedenheit mit diversen politischen Entscheidungen. In der Corona-Krise haben aber viele Menschen festgestellt, dass die Politiker ihren Job in einer derart unvorhersehbaren Situation so gut machen, wie sie können. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich sogar bei der Bevölkerung entschuldigt und Fehler, die während dieser Krise gemacht wurden, eingestanden. Das ist sehr interessant. Aber schon nach der ersten Phase gibt es beträchtliche Beschwerden. Hier ist vor allem der Rat von Wissenschaftlern, den sie den Politikern gegeben haben, entscheidend. Denn darauf basiert dieser völlige Lockdown. Die Menschen sind verunsichert und das wird eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft werden. Falls herauskommt, dass uns die Experten und Wissenschaftler falsch informiert haben, dann mache ich mir wirklich ernste Sorgen. An der Politik wird es sicher in fast allen Ländern Schuldzuweisungen geben, vor allem auch wegen Lieferausfällen bei Schutzkleidung und -materialien. Die wichtigste Frage, die wir uns hier in Europa stellen müssen, ist die Fragen hinsichtlich unserer Beziehung zu China. Politisch gesehen, war der bersorgniserregendste Moment für mich ein Statement des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić ganz zu Beginn der Krise über die Art, wie die EU sein Land im Stich gelassen hat, während ihr einziger treuer Freund China war. Wir alle in Europa, egal ob Mitglieder der EU oder nicht, müssen uns die Frage stellen, ob wir uns für die internationalen Menschenrechte engagieren möchten oder uns von der Kommunistischen Partei Chinas kaufen lassen. Die Chinesen haben vertuscht, was sie mit dem Virus angerichtet haben. Die Kommunistische Partei Chinas hat die Weltwirtschaft runtergebrannt. Sie hat gelogen, sie hat irregeführt und sie hat jene Menschen, die etwas dazu sagen wollten, verschwinden lassen. Sie hat einer lokalen Krise erlaubt, eine globale daraus zu machen. Wir dürfen nicht erlauben, dass sie damit einfach so davonkommen und sich ihrer Verantwortung nicht stellen. Wir alle leben in der internationalen Weltordnung und sollten gemeinsam gegen dieses falsche und reiche Regime kämpfen. Wir müssen handeln und Paroli bieten.

 

Welche Lehren sollen wir daraus ziehen?

Die meisten Länder haben, wirtschaftlich gesehen, viele Verknüpfungen mit China. Und dafür gibt es einen Grund, nämlich das Streben nach kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteilen. Das Problem mit China war schon immer vorhanden und das hat der amerikanische Präsident Donald Trump, wie immer man zu ihm stehen mag, sehr früh erkannt. Jetzt zahlen wir die Rechnung dafür. Wir müssen uns fragen, ob wir wegen kurzfristiger wirtschaftlicher Vorteile, die uns langfristig zerstören werden, die Beziehungen zu China im selben Ausmaß wie jetzt aufrechterhalten wollen. Ich weiß nicht, wie die Situation in Österreich ist, aber wir Briten haben einen Schuldenberg, der mit jenem nach dem Zweiten Weltkrieg, verglichen werden kann. Die Schulden damals waren jedoch für die Bevölkerung noch tragbar, weil man sich ziemlich sicher war, dass so etwas so schnell nicht mehr passieren wird. Aber Corona ist mittlerweile das dritte Virus dieser Art, das wir im letzten Jahrzehnt von China bekommen haben. Und wie man deutlich sieht, kann sich das jederzeit wiederholen. Das kann sich kein Land leisten. Dass das chinesische Außenministerium einen Gastbeitrag von Botschaftern der EU-Staaten für eine chinesische Tageszeitung zensiert hat und einen Halbsatz über die Herkunft des Coronavirus aus China gestrichen hat, ist für mich untragbar. Und schauen Sie sich an, was die Chinesen mit der australischen Regierung gemacht haben. Nachdem die Regierung in Canberra von einer internationalen Kommission die weltweite Verbreitung des Coronavirus untersuchen lassen wollte, hat die chinesischen Führung damit gedroht, dass Touristen und Studenten aus China in Zukunft einen Bogen um Australien machen könnten. Außerdem wurde ein möglicher Boykott australischer Waren angedroht. Das ist sehr besorgniserregend. Daher ist es strategisch wichtig, dass unsere Länder hier in Europa zusammenhalten.

 

Philosoph Jürgen Habermas meinte vor Kurzem: „So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie!“ Wem können wir in Zeiten wie diesen vertrauen? 

Das ist eine der wichtigsten Fragen, die wir uns im Moment stellen können. Denn was derzeit mit unserer Umwelt und unserer Welt allgemein passiert, können wir kaum mehr verstehen. Die Methoden, die wir in der Vergangenheit zur Verfügung hatten, um die Welt verstehen zu können, reichen heute bei Weitem nicht mehr aus. Vor dem Internet konnte jeder ziemlich unwissend durchs Leben kommen. Das geht jetzt nicht mehr. Wir haben einen Überfluss an Information und es ist sehr schwierig zu filtern, was richtig und falsch ist. Und dieser Überfluss erzeugt Stress und Unzufriedenheit in unserem Leben. Daher ist es ganz wichtig, unsere Zeit gut zu nützen. Ich halte es wie Schiller, der sagt: „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.“ Berufsbedingt reise ich normalerweise sehr viel durch die Welt. Während des Shutdowns habe ich Tolstoi gelesen und Anton Bruckner gehört. Es ist sehr wichtig, auch rückw.rts gehen zu können, um den Weg durch unsere komplizierte Welt zu finden