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People | 26.08.2022

„Wir haben viel gelernt fürs nächste Mal“

Rudi Anschober ist allen als der österreichische Gesundheitsminister bekannt, dessen Amtszeit von Anfang bis zum gesundheitlich bedingten Ende von der Coronapandemie geprägt war. Viel hat sich seither getan, die Pandemie ist angesichts anderer Krisen aus dem Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Mehr als ein Jahr nach seinem Rücktritt haben wir den gebürtigen Welser, der derzeit mit Lesungen aus seinem Buch „Pandemia“ durch das Land zieht, zum Gespräch gebeten: über Corona, den Klimawandel, den Krieg in der Ukraine und sein Leben nach der Spitzenpolitik.

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Der gebürtige Welser spricht über Corona, Klimawandel und Co. © Thom Trauner

Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich bekanntlich in Zeiten der Krise. Rudi Anschober hat in der schwersten globalen Gesundheitskrise seit hundert Jahren Charakterstärke bewiesen. Ohne Machtkalkül und persönliche Eitelkeiten, respektvoll im Umgang mit Gleichgesinnten wie Anders-
denkenden, empathisch und selbstkritisch – allesamt nicht unbedingt Attribute, die man Politikern gemeinhin zuschreibt – führte er Österreich solide durch die ersten, die schwersten, 15 Monate der Pandemie. 

 

Zum Zeitpunkt seines Amtsantritts am 29. Jänner 2020 konnte niemand erahnen, dass nur wenige Wochen danach die Coronapandemie beginnen sollte, die Welt aus den Fugen zu reißen. Rudi Anschober verschrieb sich der Aufgabe, diese hierzulande wieder zu kitten, als Minister des in Zeiten einer Pandemie denkbar schwierigsten Ressorts mit vollem Engagement, Professionalität und unermüdlichem Einsatz. Nach anfänglich erfolgreicher Koalitionsarbeit und einem auf Konsens beruhenden, von den Regierungsparteien gemeinsam erstellten Maßnahmenkatalog zur Pandemiebekämpfung, der von der Bevölkerung zunächst gut angenommen und mitgetragen wurde, wurde die Zusammenarbeit zwischen den Koalitions­partnern ÖVP und Grüne immer schwieriger. Zudem wurden im Laufe der Zeit nicht nur kritische Stimmen in der Bevölkerung immer lauter, auch radikale Coronaleugner und Impfgegner traten auf den Plan, die vor Gewalt- und Morddrohungen gegen Anschober nicht zurückschreckten. Hier die Grundrechte, dort die Notwendigkeit, die Menschen vor einem potenziell gefährlichen Virus zu schützen – die Anforderungen an den Gesundheitsminister waren hoch, die Entscheidungen heikel und schwer. Die anfängliche Dankbarkeit der Bevölkerung schlug bei einigen bald in Anfeindungen, Hass und Häme um. Mit sachlicher Kritik, die angesichts von Fehlentscheidungen, die in singulären Ausnahmesituationen unvermeidbar sind, durchaus berechtigt gewesen wäre, hatten diese nichts mehr gemein. Die Belastungen waren immens und wurden irgendwann unzumutbar, sodass sich Rudi Anschober im April 2021 zum Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen gezwungen sah. Kreislaufkollapse, Erschöpfung, hoher Blutdruck und ein Tinnitus verunmöglichten das Weiterführen seines besonders in Pandemiezeiten so verantwortungsvollen Amtes. 

 

Um die schwierige Zeit zu verarbeiten und gleichermaßen als Mahnruf, aus den Fehlern im Pandemiemanagement zu lernen, verfasste der Ex-Spitzenpolitiker ein Buch. „Pandemia“ ist voll gespickt mit Erzählungen über dramatische Einzelfälle von an Covid-19 Erkrankten und Verstorbenen, Erklärungsversuchen, wie es zur Pandemie kommen konnte und warum manches nicht so lief, wie gewünscht. Es gibt die erste Innenansicht eines europäischen Gesundheitsministers während der Coronapandemie direkt „aus dem Maschinenraum der Macht“ sowie einen Ausblick darauf, was kommen könnte – der den Grünen so eigentümliche sympathische Idealismus, dem auch ein Hauch von Naivität und Weltfremdheit anhaftet, stets mitschwingend. 

 

Egal, wie man politisch zu Rudi Anschober und seiner Partei, den Grünen, steht, die Glaubwürdigkeit und Authentizität, sein echtes Interesse an der Sache, seine Besonnenheit und Gesprächsbereitschaft auch mit Andersdenkenden sind beeindruckend und waren auch im ausführlichen und doch kurzweiligen persönlichen Gespräch nicht zu übersehen. 

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Rudi Anschober beim Durchblättern unserer Magazine während seines Besuchs in den Redaktionsräumen. © Thom Trauner

Herr Anschober, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich von der schwierigen Zeit als „Corona-Gesundheitsminister“ erholt? 

Danke der Nachfrage, mir geht es sehr gut mittlerweile. Ich hatte ja einiges an Zeit, es ist nun mehr als ein Jahr vergangen. Es hat mir sehr gutgetan, die Zeit mit dem Buchprojekt aufarbeiten zu können. Das ist ein Luxus, den man in der Politik nie hat. 

 

Was machen Sie derzeit? Was ich weiß, ist, dass Sie viel unterwegs sind, fast täglich Lesungen in ganz Österreich halten.

Mein Leben ist jetzt natürlich viel entspannter, obwohl ich auch sehr viel arbeite: als Autor, als Zeitungskolumnist, als Vortragender. In Summe ist das sehr viel, es gibt momentan keinen Abend, an dem ich nicht unterwegs bin. Aber ich bin mein eigener Herr als neuer Selbstständiger. 

 

War der Schreibprozess zu „Pandemia“ eine Art Seelenreinigung? 

Ich wollte diese schwierige Zeit als Gesundheitsminister in der größten Gesundheitskrise seit hundert Jahren, die vielen Entscheidungen, bei denen es teilweise um Leben oder Tod ging, in weit über hundert Gesprächen mit Betroffenen, Fachleuten, Hinterbliebenen und vielen mehr in Ruhe aufarbeiten. Diese Aufarbeitung brauchen wir übrigens auch als Gesellschaft. Wir müssen verstehen lernen, wie uns die Krise verändert, wie sich auch neue Chancen auftun, wie wir uns in Zukunft besser schützen können. Das ist das Ziel meines Buches.

 

Ich werde bei meiner nächsten Frage nicht in die gleiche Kerbe schlagen wie viele Journalisten, die offenbar noch immer einen Phantomschmerz spüren, obwohl Sebastian Kurz ja nun bereits eine ganze Weile weg ist. Ich hatte das Gefühl, man wünschte sich geradezu, Sie hätten Kurz im Buch „schlecht geredet“, ihn diskreditiert. Ihre Kritik an ihm fällt aber mild aus. Das Buch ist keine Abrechnung geworden.

Die Politikblase in Wien wollte eine Abrechnung haben, weil das unterhaltsam wäre und das auch dem Umgang, den wir in der Politik haben, entspräche, aber das ist nicht meins. Manche Journalistinnen und Journalisten waren mir deshalb auch böse, aber das halte ich aus. Diese Abrechnungssache ist ein klassisches Politspielchen. Wenn ich das gemacht hätte, hätte über dieses Buch niemand etwas anderes berichtet als das persönliche Match Kurz–Anschober. Aber das ist absurd. Wir sind zwei Menschen, die gar nicht mehr involviert sind. Und es geht um viel mehr bei dieser Sache.

 

Ein paar Dinge werfen Sie Sebastian Kurz aber doch vor: dass er es Ihnen nicht immer einfach gemacht hätte, weil er einen Kurswechsel vollzogen hatte, seine harte Linie im Bereich der Pandemiebekämpfung nach einem Jahr aufgegeben hatte. Kurz war allerdings nicht „nur“ Gesundheitsminister, musste als Bundeskanzler auch auf die Stimmen der Wirtschaft hören, die Arbeitslosenquote im Auge behalten. Eine starke Wirtschaft ermöglicht eine teure Gesundheitspolitik überhaupt erst.  Ist der Vorwurf in Anbetracht dessen wirklich berechtigt?

Mein Leben hat das schon erschwert, denn am Beginn waren wir uns einig. Anfangs waren alle Parteien einer Meinung, auch die FPÖ mit Herbert Kickl bzw. damals noch Norbert Hofer. Parteipolitik war zu dem Zeitpunkt außen vor. Unser Grundprinzip war und ist in dieser Koalition, dass es bei einer Verordnung eines Ministers immer zuerst eine Verhandlung geben muss und eine Einigung, also einen Kompromiss. Es gibt keine Verordnung, die ein Minister alleine macht. Wenn man sich nicht einig ist, dauert das natürlich länger. In der Pandemie hatten wir allerdings einen massiven Zeitdruck, man musste schnell entscheiden, da es um Leben und Tod ging. Mit zunehmender Zeit wurde das immer schwieriger. Es ist uns nicht gelungen, diese Einigkeit, die wir zu Beginn hatten, zu bewahren. Sie ist zerbröselt. Mir ist bis heute noch nicht klar, was die Ursache dafür gewesen ist. Eine meiner möglichen Erklärungen ist jene, die Sie in der Frage bereits erwähnt haben, nämlich dass mein Job der Gesundheitsschutz war, während Sebastian Kurz als Bundeskanzler Wirtschaftsfragen, unterschiedliche Interessenslobbys, das Budget etc., also mehr zu berücksichtigen hatte.

 

War es nicht gewissermaßen zu erwarten, dass die anfängliche Einigkeit irgendwann bröckeln würde? Dass etwa ein Lockdown nicht auf ewig zu argumentieren ist, irgendwann an Öffnung gedacht werden musste, spätestens nachdem die Impfstoffe bereitstanden …? Es hat sich im Laufe der Zeit doch viel verändert, zu Beginn etwa wusste man nichts über dieses Virus, über die Wirksamkeit von Masken etc. 

Aber es hätte uns dennoch sehr gutgetan, wenn wir diese Schritte gemeinsam realisiert hätten. Stattdessen begann der eine oder andere, sein politisches Geschäft damit zu machen. Dann kamen die Coronaleugner, das war alles sehr verwirrend für die Bevölkerung. Wenn nicht 100 Prozent, sondern nur 75 Prozent der Menschen die Maßnahmen umsetzen, hat man in einer Pandemie Schwierigkeiten. Am Beginn herrschte das Grundgefühl, dass man zusammenhalten muss in einer Krise, dass man (Eigen-)Verantwortung übernehmen muss. Der Slogan „Schau auf dich, schau auf mich“ sagte eigentlich alles. 

Wenn durch richtige Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt eine Bedrohung erfolgreich abgewehrt wurde, wird schnell daraus geschlossen, dass diese Eingriffe gar nicht notwendig gewesen wären. Das ist das sogenannte Präventionsparadoxon. Nehmen wir das Beispiel Spanische Grippe vor hundert Jahren. Das war eine andere Situation und ein anderes Virus, aber dennoch kann man von der Abfolge her einiges lernen. Man hat untersucht, dass die erste Welle der Spanischen Grippe relativ gut bewältigt wurde, ähnlich wie bei Covid-19, dann aber wurden die Leute des Virus überdrüssig und übermütig. Die Auswirkungen der zweiten Welle waren deutlich tödlicher. Nach der ersten Welle merkten die Leute, dass es eh nicht so schlimm gekommen ist, weil wir gut waren in der Bekämpfung. Das Problem, das wir jetzt haben, ist: Je lockerer wir jetzt mit den Maßnahmen umgehen, desto länger wird die Pandemie dauern. Wir müssen aber schauen, dass wir das Virus unter Kontrolle bringen, derzeit diktiert es uns noch. 

 

Was haben Sie aus etwaigen Fehlern im Pandemiemanagement gelernt – fürs nächste Mal, denn ein solches werde es geben, schreiben Sie.

Das ist nun unsere wichtigste Aufgabe, und es ist auch der Hintergrund, warum ich das Buch geschrieben habe, dass man aus Krisen lernen muss, um für ein nächstes Mal besser aufgestellt zu sein. Da gibt es mehrere Punkte: Einerseits brauchen wir eine bessere Vorbereitung. Wir sind, obwohl jeder wusste, dass die „Big One“ immer wahrscheinlicher wird, also das Risiko einer Pandemie steigt, de facto ohne Vorbereitung in die Krise geschlittert, und zwar außer in Südostasien überall auf der Welt. Das heißt, wir hatten keine Lager für Schutzkleidung, keine Masken usw. – es ist eine industriestrategische Frage, wie man gute Krisenvorsorge machen kann. Wir hatten außerdem ein völlig veraltetes Epidemiegesetz aus dem Jahr 1913, wir hatten keinen Pandemieplan etc. In vieler Hinsicht war der Start sehr schlecht, aber wir haben viel dazugelernt. 

Der zweite Punkt ist der, dass ich einige Teile des sehr großen Ressorts abgeben und mich voll und ganz auf die Pandemie hätte konzentrieren sollen. Nur für die Dauer der Pandemie. Das habe ich nicht gemacht, weil wir ja auch nicht wussten, wie lange es dauern wird – sechs Wochen, sechs Monate, sechs Jahre? Wir wissen nach zweieinhalb Jahren noch immer nicht, wann die Krise beendet sein wird. 

Wir müssen uns rückblickend auch fragen, welche Maßnahmen etwas gebracht haben, was weniger sinnvoll war, und auf Basis dieser Erfahrung auch ein neues Pandemiegesetz entwickeln. 

 

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„Als Gesundheitsminister kannst du nur auf der sicheren, auf der vorsichtigen Seite sein." © Thom Trauner

Sie schreiben im Buch, dass Experten schon seit Jahren eine große Pandemie auf uns zukommen gesehen haben, genannt „Big One“. Die WHO, die OECD und andere hätten immer wieder davor gewarnt und niemand wollte sie hören – es sei wie beim Klimaschutz, von dessen Bedrohung man seit 50 Jahren Bescheid wisse. Die WHO hat im Mai letzten Jahres einen Bericht von einem unabhängigen Gremium vorgestellt, die der Pandemiebekämpfung ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellt – das erdenklich schlechteste, der größtmögliche Vorwurf: Die Pandemie hätte verhindert werden können. Warum hat die Politik nicht auf die Warnungen gehört? Musste es zuerst krachen? 

Es scheint so. Ich bin gerade in Planung eines Forschungsprojekts mit einer großen Universität in Europa, wo es genau um diese Frage geht. Warum funktioniert das Frühwarnsystem, das die Wissenschaft eigentlich darstellen könnte und müsste, nicht? Ein Problem hierbei ist die Sprache zwischen Politik und Wissenschaft. Ich fand es oft grotesk bei Sitzungen, zu denen wir die Wissenschaft beigezogen haben, wie die Wissenschaft formuliert. Sie formuliert immer im Konjunktiv: Es könnte sein, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, wir würden empfehlen, dieses oder jenes zu machen … Wir können als Politiker aber nicht im Konjunktiv entscheiden, wir brauchen klare Entscheidungen. Wir brauchen Wissenschaftler, die sagen, so ist es, und das ist zu tun. Aber das ist etwas, was die Wissenschaft nicht macht, weil es nicht nur schwarz oder weiß gibt. Evidenzbasierte Politik ohne übereinstimmende wissenschaftliche Evidenz – das ist schwierig. 

 

Es macht Entscheidungen nicht unbedingt leichter.

Nein. Wir konnten immer nur vom aktuellen Wissensstand aus Entscheidungen treffen. Der Wissensstand entwickelte sich seit Beginn der Pandemie innerhalb von nur zwei Monaten stark weiter. Möglicherweise ist das, was vor drei Monaten noch Gültigkeit hatte, heute nicht mehr wahr. 

 

Hat man den Menschen das genug und ehrlich kommuniziert? Dass man selbst nicht sicher war, weil sich eben nicht einmal die Wissenschaft einig war?

Das ist die große Frage von Krisenkommunikation. Ich gebe Ihnen recht, das müsste für ein nächstes Mal besser vorbereitet sein. Das ist auch ein Schulungsfrage, da sind ganz andere Kompetenzen notwendig als bei einer herkömmlichen Pressekonferenz. Ich musste eine Gratwanderung schaffen zwischen einer radikalen Ehrlichkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite Sicherheit zu geben. Das zu vereinen ist nicht einfach. 

Nehmen wir das Beispiel Maske und die Frage, ob wir sie verpflichtend einführen sollen. Mitte April 2020 trafen wir die Entscheidung dafür. Ich kann mich erinnern, ich setzte mich mit den Fachleuten in den Krisenstab und sagte: So, nun sagt ihr mir, ja oder nein, sollen wir es machen oder nicht? Ein Drittel meinte, ja, unbedingt. Ein weiteres Drittel sagte, ich bin mir nicht sicher, wir wissen noch zu wenig. Das dritte Drittel sagte: nein. Die WHO sagte zu Beginn auch Nein und empfahl den Mund-Nasen-Schutz nicht. Als Gesundheitsminister kannst du aber nur auf der sicheren, auf der vorsichtigen Seite sein. Kurze Zeit später revidierte die WHO ihre Meinung zur Maske, zwei Monate später wurde sie überall eingeführt. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Expertenmeinungen sich weiterentwickeln. 

Sich eine Meinung aus möglichst vielen unterschiedlichen Positionen machen und mit der Zeit lernen, wem man am meisten vertraut, das ist mein Zugang. Wir haben auch ganz stark darauf gesetzt, uns als EU-Gesundheitsminister untereinander zu verständigen, die unterschiedlichen Positionierungen in die Meinungsbildung mit einfließen zu lassen. Interessant war aber, dass die Diskussionen in den einzelnen EU-Staaten extrem ähnlich gelaufen sind. 

 

Den Schrecken hat das neuartige Coronavirus bei der Bevölkerung bereits verloren, die Menschen werden immer pandemiemüder. Was ist Ihre Prognose? Wie wird sich die Coronapandemie entwickeln? Können wir sie bald für beendet erklären? Was kommt im Herbst auf uns zu?  

Viele Menschen sind nach wie vor sehr sorgsam und verantwortungsvoll. Wir müssen lernen, die Infektionszahlen durch eine Niedriginzidenzstrategie deutlich zu senken, um das Virus zu kontrollieren. Wenn wir das nicht machen, riskieren wir weitere Lockdowns und viele Menschen, die an Long Covid erkranken. Beides müssen wir mit aller Kraft verhindern. Und das geht nur durch Vorsicht, Masken in Innenräumen und Abstandhalten.

 

Während Corona eine unmittelbare Herausforderung war, wie sie historisch immer wieder einmal auftritt, hat die Klimakrise etwas Apokalyptisches. Die Pandemie und der Klimawandel, da besteht zweifelsohne ein Zusammenhang. Sie schreiben im Buch, Klimaschutz und Artenschutz seien ein entscheidender Gesundheitsschutz für uns Menschen, dass wir hier dringend handeln müssen, sonst stünden wir vielleicht bald am Anfang einer Ära von Pandemien. Ist die Pandemie eine Chance für die Politik, sich nun verstärkt für den Klimaschutz stark zu machen?

Das Problem heute ist, dass wir keine Einzelkrisen haben, sondern eine Verkettung von Krisen. Das macht es besonders schwer. Trotzdem haben wir aus meiner Sicht die positive Erfahrung gemacht, dass wir am Beginn der Pandemiebekämpfung unglaublich stark waren als Gesellschaft und sehr viel bewegen konnten. Die Erfahrung, dass wir etwas verändern können, uns als Schicksalsgemeinschaft empfinden und auch danach handeln, ist schon eine Ermutigung. Umgekehrt, hätten wir als Weltgemeinschaft auf die Pandemie so reagiert wie beim Klimaschutz, hätten wir jetzt noch Weltpandemie-Konferenzen, wo wir analysieren und analysieren, und alle sagen, es wird ganz furchtbar und irgendwann beschließen würden, dass wir um 20 Prozent weniger Infektionen haben wollen. Im Vergleich dazu waren wir dieses Mal sehr schnell und konsequent. Das Grundbewusstsein, dass wir alle in einem gemeinsamen Boot sitzen, brauchen wir. 

Biodiversität ist die Grundvoraussetzung für unser Leben. Dass wir nicht alles kahlschlagen können, dass es für Wildtiere Rückzugsräume geben muss, da es sonst zu Ansteckungen kommt, zu Zoonosen. Mittlerweile herrscht Konsens in der Wissenschaft, dass Zoonosen die Auslöser von Pandemien sind. Gleichzeitig sind das die großen CO2-Speicher, und wenn wir diese zerstören, haben wir große Baustellen. Bei der Pandemie und der Klimakrise haben wir es als Menschen in der Hand, auch wenn wir als Einzelne wenige sind. Beim Ukrainekrieg ist das anders, da fühle ich mich wahnsinnig ohnmächtig. Das ist eine Krise, wo du nichts beitragen kannst.

Jede Krise ist ein Brennglas, wo du die Stärken und Schwächen einer Gesellschaft deutlicher siehst, wo auch die Veränderung mehr Tempo gewinnt. Die Bevölkerung spürt, dass wir hier Korrekturbedarf haben. Neben dem vielen Leid ist es eine der positiven Seiten, die uns die Pandemie gebracht hat, dass wir eine Nachdenkpause hatten. 

 

Sie haben den Ukrainekrieg bereits erwähnt, der momentan Politik und Öffentlichkeit beherrscht. Niemand weiß, wie man den Krieg so rasch wie möglich beenden kann, Putin zur Besinnung bringen kann. Es gibt viele unterschiedliche Ansätze, wie lautet Ihrer? 

Der Westen muss einig bleiben und Putin beweisen, dass wir uns unabhängig machen können von seinen Energielieferungen. Und wir müssen die Ukraine unterstützen – Neutralität heißt nicht Gleichgültigkeit. Es geht bei Putins Angriffskrieg aber nicht nur um die Freiheit der Ukraine, sondern um ganz Europa. Denn wenn er in der Ukraine siegt, wer wird dann als Nächstes attackiert? Es geht um Frieden und Freiheit für ganz Europa.

 

Was sind Ihre Zukunftspläne? Haben Sie mit der Politik ganz abgeschlossen? Ihr Politikstil ist ja wie gemacht für den Job des Bundespräsidenten.

Ich freue mich darüber, wieder gesund zu sein, freue mich über viele erfolgreiche Lesungen und Vorträge, über meine Zeitungskolumne. Meine parteipolitische Karriere habe ich nach 31 erfolgreichen Jahren, davon 18 in Regierungen, beendet. Aber ich bleibe ein politisch engagierter Bürger. Was die Zukunft noch alles bringt, das werden wir sehen. Ich strebe jedenfalls nichts mehr an und genieße ein Leben mit weniger Druck und mehr Zeit.

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Sein Buch „Pandemia" zählt zu den meistgelesenen Sachbüchern Österreichs. © Thom Trauner

Zur Person

Rudi Anschober, geboren 1960 in Wels und aufgewachsen in Schwanenstadt sowie teilweise bei seiner Großmutter in Altmünster am Traunsee, ging Rudolf „Rudi“ Anschober zunächst dem Beruf des Volksschullehrers nach, bevor er 1997 als Spitzenkandidat den Einzug der Grünen in den Oö. Landtag schaffte und ab 2003 als Landesrat für Umwelt, Energie, Wasser, Konsumentenschutz und Integration tätig war. Anfang des Jahres 2020 zog es ihn in die Bundespolitik: Anschober wurde als Bundesminister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz in die erste türkis-grüne Regierung in der Geschichte der Republik Österreich unter Kanzler Sebastian Kurz berufen. Im April 2021 schied er aus gesundheitlichen Gründen aus der Politik aus. Sein Buch „Pandemia“ ist zurzeit eines der meistgelesenen Sachbücher in Österreich.