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People | 12.08.2020

"Wir brauchen ein Immunsystem gegen die Verängstigung"

„Egal, ob Corona- oder Ehekrise, jede Krise ist ein Ergebnis von Ignoranz und in jeder Krise steckt auch eine Chance“, sagt Matthias Horx im Talk mit dem Oberösterreicher und erklärt, warum es so wichtig ist, dass wir uns noch über etwas wundern können. Die Corona-Krise sieht der Trend- und Zukunftsforscher als eine Art „reset“, der einen Epochenwechsel ankündigt.

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© Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Mit einem Aufsatz zu Beginn des Lockdowns, der viral mehrere Millionen Zugriffe erzielte, wollte Matthias Horx gegen die aufkommende Corona-Hysterie Mut machen. Das Konzept dieses Essays setzt der gebürtige Deutsche nun mit seinem neuen Buch „Die Zukunft nach Corona“ fort. Im Interview erklärt der Trend- und Zukunftsforscher, welche Story die Corona-Krise für die gesamte Gesellschaft hinterlassen wird, und er verrät auch, warum für ihn dadurch alles noch intensiver und wertvoller geworden ist. 

 

Herr Horx, zu Beginn der Corona-Krise haben Sie auf Ihrer Website einen Text veröffentlicht, der einen Blick auf die mögliche Zukunft nach Corona warf. Diese sogenannte Re-Gnose stieß mit mehreren Millionen Zugriffen auf großes Interesse. Wie sehen Sie die Entwicklung heute, fast sechs Monate später?

Ähnlich! Ich habe allerdings nicht einfach nur eine Prognose gemacht, sondern das Publikum aufgefordert, sich selbst in die Zukunft zu versetzen und sich dort umzusehen. Die Vermutung war, dass Krisen immer auch eine andere Seite haben, eine Dimension von Bewältigung und Wandel. Und dass wir dieser anderen Seite innere Aufmerksamkeit schenken sollten, statt nur der Angst.

 

Warum haben Sie sich der Re-Gnose bedient? Können Sie uns dieses „Instrument“ genauer beschreiben?

In der Re-Gnose versetzen wir uns geistig in die Zukunft und schauen von dort aus zurück. Wir nutzen dabei unseren unbewussten Zukunfts-Sinn, der nicht unbedingt mit unseren „Meinungen“ über die Zukunft übereinstimmen muss, in denen ja meistens Verängstigungen die Hauptrolle spielen. Dadurch kann sich unsere Verbindung zur Zukunft verbessern. Die Zukunft kommt eben nicht „über uns“, wie wir das normalerweise empfinden, sie entsteht MIT uns oder  DURCH uns. Darauf können wir hoffen, und vor allem: uns dafür entscheiden.

 

Wundern ist ein Schlüsselwort Ihres Textes „Die Zukunft nach Corona“. Warum ausgerechnet „wundern“?

Wundern ist der Moment, in dem wir uns von der Wirklichkeit positiv überraschen lassen.   Dann öffnen sich unsere Hirnsynapsen und wir sind in der Lage, zu lernen. Ohne Wundern-können wird man innerlich alt. Das ist dann die Verbitterung, die viele Menschen in sich tragen, die Negativität, die uns glauben lässt, alles werde immer schlechter. Viele Menschen befinden sich heute in einem solchen MINDSET. Aber das muss nicht so bleiben.

 

Schon während des Shutdowns war zu hören, dass sich durch Corona vieles verändern wird. Spezielle Berufsgruppen (Pfleger, Krankenschwestern, Supermarktmitarbeiter, Lkw-Fahrer ...) werden mehr geschätzt werden. Regionalität wird einen neuen Stellenwert bekommen, Kreuzfahrtschiffe werden aus Städten wie Venedig verschwinden, die Natur wird sich erholen ... Wie lange wird das Bestand haben? Glauben Sie nicht, dass wir relativ rasch wieder dort sein werden, wo wir vor Corona waren?

Nein, das glaube ich nicht. In Frankreich bekamen „Frontarbeiter“ des Gesundheitssystems eine Gehaltserhöhung von enormen acht Milliarden Euro, in England stiegen die Gehälter von 800.000 Lehrern, Polizisten und Pflegern deutlich und auch in Deutschland gibt es inzwischen einen kräftigen Aufschlag. Jetzt kann man natürlich sagen: „Geld ist nicht alles und es reicht nicht.“ So machen wir uns Erfolge immer gerne selber schlecht. Ich finde aber, wir sollten diese Sympathiewelle für die Helfer in der Corona-Zeit würdigen, das war eine weltweite Würdigung, in so gut wie allen Ländern. Die Kreuzschifffahrt wird sich verändern. In Venedig zum Beispiel hat sich übrigens eine sehr entschlossene Initiative gegen den Overtourismus gebildet und man wird nicht zulassen, dass alles wieder so wird wie vorher. Ich glaube, dass auch die Passagiere mehr Bewusstsein erlangt haben. Zum Zukunftsbewusstsein gehört auch, mit dem Kleinreden der Erfolge und dem Großreden der Unmöglichkeiten aufzuhören.

 

Sie sind Trend- und Zukunftsforscher. Hätten Sie eine Krise wie Covid-19 in irgendeiner Form vorhersagen können? Bzw. war bei unserem Lebenswandel – immer schneller, besser und mehr – absehbar, dass etwas passieren wird?

Covid-19 war die am besten vorausgesagte Superkrise von allen. Das nutzt nur nichts, weil es immer eine Frage der Aufmerksamkeit ist – eine Prognose kann völlig ignoriert werden, wenn sie nicht in die jeweiligen Wahrnehmungsraster passt. Deshalb entstehen ja manche Krisen erst: Sie sind sozusagen das Ergebnis von Ignoranzen. Außerdem kann man sich nicht ständig auf alles absichern wollen. Wir werden immer wieder mit unerwarteten Wendungen konfrontiert sein, das gehört zum Leben dazu, zu einer Welt, die sich ständig verändert. Aber das hat auch seinen „Sinn“ – Systeme korrigieren sich immer durch Krisen selbst. Das ist ja auch im Privaten so: Wir kommen nur weiter, wenn wir erschüttert werden. Wenn wir in unseren Komfortzonen hängenbleiben, degenerieren wir.

 

Angst spielt eine zentrale Rolle in der Corona-Krise. Angst vor Krankheit, Existenz­angst. Wird in den Medien zu viel Angst geschürt? Nützt die Politik die Angst der Menschen, um ihre Ziele durchzusetzen?

Es gibt politische Strategien, die ausschließlich mit Angst arbeiten und sie letztlich in Machtstrategien umformen. Das ist der Populismus mit seinem Ergebnis der Autokratie. Aber Angst ist ja an sich nichts Schlechtes, sie bildet eine evolutionäre Fähigkeit ab, Gefahren zu erkennen und uns dagegen zu mobilisieren. In unserer hypermedialisierten Welt ist Angst jedoch oft ein Mittel der Manipulation. Wir brauchen eine Art Immunsystem gegen die ständige Verängstigung. Einen Mut-Bewusstseinswandel. Dafür trete ich ein. Und ich finde auch, viele gute Politiker haben das begriffen.

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© Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Wann wird eine Krise zur Chance?

Wenn wir das Transformatorische, das in ihr steckt, anerkennen. Nehmen Sie eine Ehekrise. Oft bestehen einer oder auch beide Partner in einer solchen Beziehungskrise darauf, dass „alles wieder so werden muss wie früher“. Das wird nicht selten als Vorwurf und Anspruch an den Partner verwendet. Es kann aber gar nicht so werden wie früher, weil die Krise ja genau ausdrückt, dass es so nicht mehr weitergeht. Das heißt: Man muss sich selbst verändern. Ähnlich ist es heute in der Corona-Krise. Sie fordert uns zu gesellschaftlichem und individuellem Wandel heraus. Wenn wir passiv darauf warten, dass das „alte Normal“ wiederkommt, entsteht Niedergang.

 

Was kann die Wirtschaft aus der Corona-
Krise lernen?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Covid vor allem Branchen tief getroffen hat, die überbeschleunigt und überkonkurriert und deshalb auf einem fatalen Weg waren. Die Kreuzschifffahrtsbranche, die Fleischbranche, die Flugbranche, auch zum Teil die Kfz-Branche und der Tourismus waren Wachstumsbranchen, die überhitzt waren. Es ging immer mehr um Preis und Effizienz. Solche Turbomärkte laufen früher oder später in einen Kollaps hinein. Siehe die Bankenbranche im Jahr 2009, die Finanzkrise. Es ist unklar, ob diese Branchen jemals wieder an die alte Expansion anknüpfen können. Und das wäre auch gar nicht zu hoffen. Die Krise beendet überkommene Wertschöpfungskonzepte, was aber auch Raum für echte Innovationen gibt. 

 

Lassen Sie sich inspirieren!

Die ganze Geschichte lesen Sie jetzt in der aktuellen Ausgabe.

Text: Ulli Wright Fotos: Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

 

 

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Matthias Horx „Die Zukunft nach Corona

BUCHTIPP:

Matthias Horx

„Die Zukunft nach Corona. Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und Handeln verändert“.  Econ, € 16

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Matthias Horx „15 ½ Regeln für die Zukunft“

BUCHTIPP:

Matthias Horx

„15 ½ Regeln für die Zukunft“. Anleitung zum visionären Leben. Econ, € 25