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People | 01.01.2019

Wertschätzung durch Transparenz

Neun von zehn Österreicher achten beim Einkauf auf die regionale Herkunft von Lebensmitteln. Warum diese Transparenz auch auf Speiseplänen in Gasthäusern und Großküchen einziehen soll, erklärt Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger im Interview.

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Landesrat Max Hiegelsberger mit Schülerinnen der HLFS Elmberg, wo wie in allen landwirtschaftlichen Fachschulen Ernährungskompetenz gelebt wird. (© Land OÖ)

Regionalität spielt in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Rolle und wird durch die Konsumenten aktiv nachgefragt. Einer Umfrage der Agrarmarkt Austria (AMA) zufolge achten neun von zehn Österreicher beim Einkauf auf die österreichische oder regionale Herkunft. Immer mehr Menschen verpflegen sich durch die Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Und auch in diesem Bereich wünschen sich laut einer GfK-Umfrage 68 Prozent der Österreicher eine Herkunftskennzeichnung. Für Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger muss Transparenz auf den Speisekarten in der Gastronomie und in den Großkantinen einkehren, um den Konsumenten den Wunsch nach Regionalität in der Außer-Haus-Verpflegung erfüllen zu können.

 

Der Megatrend „Regionalität“ schwappt auch auf den Außer-Haus-Verzehr, also in Gastronomiebetriebe, Großküchen und Kantinen über. Wie ist hier aktuell der Status quo?

Landesrat Max Hiegelsberger: Beim Lebensmittelerwerb für die einzelnen Haushalte sind wir auf einem sehr guten Weg, und auch in der Gas­tronomie und in Großküchen sowie in Kantinen sind Bemühungen vorhanden. Um diese weiter zu forcieren, haben wir heuer mit dem Land Oberösterreich ein Pilotprojekt zur Her­kunftskennzeichnung und zum Einkauf heimischer Lebensmittel in der Großküche des Landesdienstleistungszentrums gestartet.

 

Beim Wareneinkauf liegt der Regionalanteil in den Landesküchen derzeit auf knapp über 50 Prozent. Welcher Anteil wird angepeilt?

Im öffentlichen Bereich gibt es Küchen, die bereits zu 50 Prozent im Regionalbereich einkaufen. Natürlich gibt es auch hier noch Luft nach oben. Es geht uns aber vor allem darum, dass dann, wenn regionale Produkte vorhanden sind, auch auf diese zurückgegriffen wird. Auf der Unternehmens­seite gibt es in Sachen Einkauf für Betriebsküchen schon sehr lobenswerte Beispiele, wo sich Firmen zum Ziel gesetzt haben, die nachhaltigste und regionalste Betriebsküche des Landes zu werden.

 

Wird es für Landes- oder Großküchen auch leistbar sein, auf regionale Lebensmittel zuzugreifen?

Eine gute Qualität kann nur unter bestimmten Strukturen erzeugt werden und hat daher auch ihren Preis. Dabei geht es vor allem um die Wertschätzung unserer Landwirte und Produzenten. Immerhin sind wir auch in anderen Bereichen dazu bereit, tiefer in die Tasche zu greifen. Im medizinischen Bereich etwa ist es selbstverständlich, dass wir die besten Mediziner und die neueste technische Ausstattung haben wollen, und wir leisten uns für unsere Bevölkerung die teuersten Medikamente. Beim Essen hingegen sparen wir. Da muss ein Umdenken stattfinden.

 

Was beim Einkauf im Handel schon Usus ist, nämlich eine Herkunftsbezeichnung bei Lebensmitteln, wünschen sich 70 Prozent der Österreicher auch bei der Außer-Haus-Verpflegung. Wie stehen Sie dazu?

Hier muss ganz klar Transparenz auf den Speisekarten und in den Großkantinen einkehren. Die Herkunft der Produkte und auch die Produktionsbedingungen müssen nachvollziehbar sein. Oberösterreichs Bauern erfüllen höchste Standards sowohl in der Tierhaltung als auch in der Bodenbewirtschaftung; sie erzeugen höchste Qualität, die auch sichtbar werden muss, um unseren Landsleuten die Wahlfreiheit am Teller zu ermöglichen.

 

Im Rahmen des Pilotprojektes gibt es für Großküchen des Landes Einkaufsgrundsätze in der Form eines Kriterienkataloges als Empfehlung. Wie wird kontrolliert, ob diese Grundsätze eingehalten werden?

Grundsätzlich bleiben wir bei dem Modell „Gut zu wissen“, eine Initiative, die die Landwirtschaftskammer Österreich vor zwei Jahren gestartet hat. Mit der rot-weiß-roten Lupe werden die Hauptzutaten Fleisch und Eier gekennzeichnet, die in Österreich erzeugt wurden. Diese Herkunftsauslobung gibt dem Gast in der Kantine, in der Schulküche, im Spital oder im Seniorenheim die Wahlmöglichkeit, wie er sie im Supermarkt jetzt bereits hat.

 

Fleischprodukte und Eier müssen bereits auf Basis der Zertifizierung „Gut zu wissen“ gekennzeichnet werden. Was ist mit anderen Produkten?

Gekennzeichnet werden Produkte, bei denen wir in Sachen Qualität und Quantität stark sind. Das ist der gesamte Fleisch- und Getreidebereich. Diese Produktgruppen sollen in den Landesküchen regional bezogen werden. Derzeit setzen wir auch alles da­ran, dass Milch dazukommt. 

 

Wie stehen Wirte und Restaurantbetreiber der Herkunftskennzeichnung gegenüber? Die Diskussion bewegt sich ja immer mehr in einem Spannungsfeld aus Verboten, Geboten und Angst.

Viele Wirte und Restaurantbetreiber stehen einer Herkunftskennzeichnung regionaler Lebensmittel offen gegenüber. Das beweist auch die Genussland Gastro-Initiative, die wir Anfang 2016 ins Leben gerufen haben. Damit sollen regionale Produkte stärker in der Gastronomie verankert und auch nachhaltig gesichert werden. Mittlerweile sind 100 Wirte ausgezeichnete Genussland-Partner und leben regionale Partnerschaften zwischen Produzent und Gastronom. Durch die Zertifizierung können sich die Restaurants und Gasthäuser aktiv von ihren Mitbewerbern abheben und zeigen, dass sie auf geprüfte, oberösterreichische Qualität setzen.

 

Auf welcher Grundlage basiert die Zertifizierung?

Grundlage ist das AMA-Gastro­siegel. Denn wer sich auf das AMA-Gütesiegel verlässt, kann sicher sein, garantiert Ware aus Österreich zu konsumieren. Die Wirte bekennen sich mit dem Gütesiegel zu Transparenz und einer externen Kontrolle.

 

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Oberösterreichs Bauern erfüllen höchste Standards sowohl in der Tierhaltung als auch in der Bodenbewirtschaftung. Sie erzeugen höchste Qualität, die für die Konsumenten auch sichtbar werden muss. (© Land OÖ)

Wo muss man ansetzen, um die Menschen in Sachen Ernährung und Lebensmittel zu sensibilisieren?

Da muss man schon bei den Kleinsten ansetzen. Ich würde das mit der Mülltrennung vergleichen, wo ja schon vor vielen Jahren eine Sensibilisierung stattgefunden hat. Damals wurden die Kinder in der Schule aufgeklärt. Mit dem Ergebnis, dass sie das Gelernte zu Hause weitergegeben haben. Genauso ist es mit dem Bewusstsein um den Wert von Lebensmitteln und Ernährung. Ernährungsbildung von Kindesbeinen an wird immer wichtiger.

 

Welche Anstrengungen unternimmt das Agrarressort diesbezüglich?

Ein Erfolgsmodell ist das Projekt „Schule am Bauernhof“ von der Landwirtschaftskammer, wo derzeit in 130 landwirtschaftlichen Betrieben in Oberösterreich Angebote zum lebendigen und erlebnisorientierten Lernen am Bauernhof geboten werden. Diese Aktion läuft so gut, dass wir noch mehr Betriebe brauchen könnten. Auch die Ferienaktion „Kochen mit Kids“, die die 15 landwirtschaftlichen Fachschulen jedes Jahr auf die Beine stellen, hat sich gut etabliert. Neben dem Kochen ist auch die Geschmacksschulung bei Kindern äußerst wichtig. Viele wissen gar nicht mehr, wie ein einzelnes Lebensmittel schmeckt.

 

Gibt es auch Projekte, die bei der Ernährungsbildung von Jugendlichen ansetzen?

Mit unserem Ernährungsblog „Schmeck's“ sprechen wir Jugendliche ab 16 Jahren an. Damit schaffen wir eine Online-Plattform, die die Vielfalt und den Wert unserer Lebensmittel und einer bewussten Ernährung zeigt. Produzenten, Diätologen, Food-Blogger und Experten liefern praxisnahe Infos und Rezepte.

 

Genuss, Nachhaltigkeit, Regionalität – die Menschen sind informiert und wollen Transparenz. Das war nicht immer so. Was hat diesen Boom ausgelöst?

Es gibt immer einen Ausgleich, das Yin und Yang findet immer statt. Als die Globalisierung stark angezogen hat, gab es eine Gegenbewegung, und das war die Lokalisierung. Aus diesem Denken heraus hat sich ein neues Bewusstsein entwickelt. Die Menschen wollen sich wieder zu Hause fühlen, was sehr stark mit Lebensmitteln verbunden wird. Eigentlich hat das Regionalbewusstsein mit der Gründung von Biomasseheizwerken begonnen. Damals hat man sich gefragt, warum man in Oberösterreich Öl und Gas zukauft, wo ja traditionell immer mit Holz geheizt wurde. Genauso ist das jetzt mit den Lebensmitteln. Dieses Regionalbewusstsein soll noch viel weiter gehen, indem man den Installateur oder Tischler vor Ort beauftragt. Am Ende lebt die Region davon.