Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 26.04.2021

Wenn die Kinder das Nest verlassen

Wie hart es vor allem für Mütter sein kann, wenn die Kinder flügge werden und ausziehen, musste auch Promi-Mama Barbara Becker erfahren. Psychologen nennen es „Empty Nest-Syndrom“.

Bild 2104_O_Menschen_Emptynest_Ba.jpg
© Joseph Montezinos

Endlich sind die Kinder in der Schule. Herrlich, diese Stille! Endlich Zeit, um durchzuatmen und in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Wie sehr man diese Minuten Tag für Tag herbeisehnt. Bis zu jenem Tag, an dem die lieben Kleinen groß sind, ausziehen und man ab sofort jeden Morgen in Ruhe den Kaffee trinken kann. Allein. Kein Chaos und keine Hektik mehr, aber auch keine Umarmung, kein Abschiedsbussi und keine aufmunternden Worte für den Schultag mehr. 

Wie hart das für Mamas sein kann, musste auch Barbara Becker erfahren. Nach der Scheidung von Ex-Tennisstar Boris Becker zieht sie mit den beiden Söhnen nach Miami. Als Noah (27) nach seinem Schulabschluss nach Berlin geht, wird der jüngere Sohn Elias (21) zum Mittelpunkt im Leben der 54-Jährigen. „Ich habe mich in dieser Zeit praktisch wie eine Henne, die ihr verbleibendes Ei unbedingt vor der großen weiten Welt beschützen will, auf Elias draufgesetzt, was er in der Pubertät teilweise völlig absurd und übertrieben fand“, erinnert sich Becker, die gemeinsam mit ihrer Freundin, der deutschen Journalistin Christiane Soyke, nun ein Buch darüber geschrieben hat. Der treffende Titel: „Mama allein zu Haus“. Darin beschreiben die beiden Mütter, wie es ihnen gegangen ist, als ihr Nachwuchs erwachsen geworden und von zu Hause ausgezogen ist. Denn mit diesen Gefühlen sind sie nicht alleine: Viele Eltern kämpfen mit der plötzlichen Stille daheim. Psychologen nennen es „Empty-Nest-Syndrom“, unter dem vor allem Mamas leiden (siehe dazu auch Interview mit Sabine Linser auf Seite 18).

Die Kinder als Ein und Alles. Auch bei Barbara Becker und ihrer Freundin fließen viele Tränen, immer wieder. Sie hanteln sich von einem Hoch zum nächsten Tief. Beide stecken noch zu tief im Ablösungsprozess, um die Chance sehen zu können, sich wieder mehr um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Für Becker sind die Jungs ihr Ein und Alles. Sie fragt sich, ob sie sich jetzt tatsächlich nur noch um sich selbst kümmern soll – und ertappt sich heute noch dabei, wie sie in der Früh zu viele grüne Smoothies zubereitet, weil sie diese ihren Söhnen jahrelang zum Frühstück serviert hat. 

Über die nächsten Wochen macht sie sich auf die Suche nach jener Barbara, die eben nicht Mutter ist, sondern einfach nur Barbara. Sie beschäftigt sich mit den Fragen: Wer bin ich eigentlich? Was gibt mir Kraft? „Ich merke, dass ich mich nicht in blinden Aktionismus flüchten darf“, schreibt sie. „Wenn ich die Leere nur mit sinnlosen Tätigkeiten vollstopfe, dann wird sie mich doch irgendwann aus dem Hinterhalt überfallen und ich muss mich ihr erneut stellen. Nein, ich muss diesen Raum mit mir selbst ausfüllen. Ich muss wachsen, meinem Leben einen neuen Rahmen geben.“

Freundinnen als „Sisterhood“. Die 54-Jährige kramt ihre Geige wieder hervor und entwickelt außerdem eine große Leidenschaft fürs Kochen. Sie genießt es, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ihre Söhne die Hausaufgaben gemacht haben oder zum Sporttraining gebracht werden müssen. Zwischendurch gibt es allerdings immer wieder Rückschritte. Tage, an denen die Angst vor der großen Leere und der Einsamkeit zu Hause hochkommt. Barbara Becker hilft in dieser Zeit ihre „Sisterhood“ ganz besonders. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Wie geballte Freundinnen-Power uns vor dem Empty Nest-Syndrom bewahrte“. Immer wieder trifft sie sich mit ihren Freundinnen, sie telefonieren oder facetimen miteinander, um gemeinsam zu weinen, zu lachen und sich gegenseitig zu trösten.

Mit der Zeit erkennt Barbara Becker einen großen Vorteil an der neuen Situation: Sie muss nicht mehr immer alles richtig machen und ständig Vorbild für ihre Söhne sein. Denn genau aus diesem Grund hat sie sich selbst jahrelang keine Fehler gestattet, wie sie im Buch schreibt. Zumindest diese Veränderung fühlt sich gut für sie an. 

Trost für andere Eltern. Mit ihrem Buch wollen Becker und Soyke übrigens anderen Eltern in der gleichen Situation zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen und ihrer Traurigkeit nicht allein sind. „Ich glaube, viele Eltern haben Angst, über ihre Gefühle zu reden, weil sie dann wie Glucken aussehen“, sagt Becker. „Unser Buch ist auch dazu da, zu zeigen: Hey, da gibt es Leute, denen geht es ähnlich, die empfinden wie du. Natürlich haben wir keinen Grund, uns zu beschweren, aber es geht darum, wieder in die Balance zu kommen, glücklich zu sein, sich nicht darüber zu definieren, was kann ich für meine Kinder tun und das Vertrauen zu haben, dass die das schon selbst machen werden.“

Bild 2104_O_Menschen_Emptynest_Co.jpg
BUCHTIPP: "Mama allein zu Haus", Barbara Becker & Christiane Soyke, Gräfe und Unzer Verlag, € 18,50