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People | 01.02.2016

Weltfremd?

Mit dem Buch „Weltfremd?“ und seinem gleichnamigen neuen Programm fasst Roland Düringer fünf Jahre Vortragsarbeit zusammen. Herausgekommen ist ein 400 Seiten dicker Mutmacher und Wachrüttler.

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© Lukas Beck

Wissen Sie, was ich am 8. Dezember 2015 gemacht habe? Nein, ich war nicht shoppen. Ich habe mich mit Roland Düringer in St. Florian getroffen, wo die Oberösterreich-Vorpremiere seines neuen Programmes „Weltfremd?“ über die Bühne gegangen ist. Im Interview hat mir der Kabarettist und Schauspieler Einblicke in seinen sanften Ausstieg aus dem System gegeben und mich zum Denken angeregt. Genauso wie sein neues Buch, das ebenso den Titel „Weltfremd?“ trägt und das der 52-jährige Philosoph von der ersten bis zur letzten Zeile selbst geschrieben hat. 

 

Herr Düringer, wie sind Sie nach Sankt Florian angereist?

Heute mit dem Auto und zwar deswegen, weil die Feiertagsverbindungen in Österreich sehr schlecht sind. Es wäre eine Weltreise gewesen, daher bin ich mit dem Auto gefahren. 

 

Sie haben vor drei Jahren einen Selbstversuch gestartet und so gut wie möglich auf Dinge wie Auto, Handy und Einkaufen im Supermarkt verzichtet. Was hat sich seither verändert?

Eigentlich nichts. Ich wollte einfach ausprobieren, was passiert, wenn man Dinge, auf die die meisten Menschen angewiesen sind, einfach weglässt. Dort, wo es sinnvoll ist, kann man ja auf diese allgemein gültigen Werkzeuge zurückgreifen. Man muss sich allerdings immer die Frage stellen: Wann dient das Werkzeug mir und wann diene ich dem Werkzeug. Man muss herausfinden, wo der Punkt ist, wo es kippt? 

 

Vom Benzinbruder zum Systemkritiker: Führen Sie heute ein „gutes“ Leben?

Ich führe immer ein gutes Leben. Auch vor 20 Jahren habe ich ein gutes Leben geführt. Damals war es halt für mich ein gutes Leben, wenn 600.000 Besucher einen Kinofilm mit mir gesehen haben oder wenn ich die Wiener Stadthalle zweimal füllen konnte. Aber irgendwann sagt dir dein Körper: „He Moment, so ist das nicht!“ Und mir ist es nicht mehr gut gegangen dabei. Daher musste ich mir etwas anderes überlegen.

 

War es schwierig, plötzlich zu verzichten?

Das habe ich nicht so empfunden. Ich hatte zwar Dinge wie Autos, Handy und so weiter irrsinnig gerne, aber ich wollte die Erfahrung machen, wie ist es, wenn es diese Dinge nicht mehr oder nur mehr eingeschränkt gibt. Wenn es notwendig ist, benutze ich ein Handy oder fahre mit dem Auto. Aber ich kaufe in keinem Supermarkt mehr ein. Das ist etwas, was ich bis heute beibehalten habe. Da muss man dann plötzlich überlegen, wo man seine Lebensmittel herbekommt und man sucht Alternativwege. 

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Entspanntes Interview im Alten Kino in St. Florian: Roland Düringer mit Ulli Wright

Welche Wege haben Sie gefunden?

Ich bin größtenteils mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß unterwegs. Der Vorteil dabei ist, dass man die Umgebung und Ortschaften ganz anders wahrnimmt als ein Autofahrer. Was die Lebensmittel betrifft, so habe ich schon vor meinem Selbstversuch Gemüse im Garten angebaut. Bei den anderen Lebensmitteln muss man sich halt informieren, wo was verkauft wird. Es gibt Bauernläden und mittlerweile habe ich auch den Jagdschein gemacht und halte Schweine. 

 

Ist das nicht ein extremer Zeitaufwand?

Natürlich, der bequemere Weg ist, ins Auto zu steigen, zum Billa zu fahren, bei der Kassa die Vorteilscard reinzustecken und so weiter. Aber wenn man im Supermarkt ein Semmerl kauft, dann zahlt man 30 Prozent Zinsen ans Bankensystem und unterstützt damit genau jenes System, das die meisten Menschen in die Arbeitssklaverei treibt. Weil sie arbeiten müssen, um Zinsen zu bezahlen. Nicht nur, wenn sie selber Schulden gemacht haben, sondern weil in jedem Produkt die Schulden bereits drinnen sind. Will ich das unterstützen, gehe ich in den Supermarkt. Wenn nicht, dann kümmere mich gerne um die Pflanzerl. Da weiß ich, wofür ich das mache. 

 

Ihr Buch und Ihr neues Programm tragen den Titel „Weltfremd?“. Warum haben Sie sich für diesen Titel entschieden?

Den Titel habe ich deswegen verwendet, weil mich viele Menschen ansprechen und meinen: „Ein bisschen weltfremd ist das schon, was Sie machen.“ Da habe ich mich gefragt, was bedeutet „weltfremd“ eigentlich? Die Menschen können aber nicht die Welt allgemein meinen, ich nehme ja die Welt nur aus meiner Sicht wahr. Ein anderer wiederum aus seiner Sicht. Und das, was ich sehe, verteidige ich. Wir verteidigen praktisch jeder seine eigene Sichtweise. 

 

In Ihrem Buch schreiben Sie auch über Erziehung. Sie haben eine Tochter im Teenageralter. Hat sie einen Fernseher und ein Handy?

Ja sicher, denn alles andere wäre ja ein Diktat. Es kann jeder machen, was er will, solange er niemand anderem damit schadet. Schlimm ist für mich dieser Einheitsbrei, denn dann kann man mit der Einheitsbreimasse machen, was man will. Da gibt es auch keinen Widerstand mehr, weil es eh jedem wurscht ist.  

 

Würden Sie sich als Philosoph bezeichnen?

Ich habe in meinem Freundeskreis Philosophen, und die sagen, Philosophie ist nichts anderes, als über das Leben nachzudenken und sich auszutauschen. Geht es nach dieser Definition, dann bin ich ein Philosoph. Ein Teil meines Berufes ist es, Menschen zu beobachten, zu verstehen und Fragen zu stellen. Wenn man an den Punkt kommt, wo man über das Denken nachdenkt, befindet man sich in einer Sackgasse. Und an diesem Punkt sind wir. Darum sehnen sich die Menschen danach, Erfahrungen im Leben zu machen oder Momente zu erleben, wo das Denken kurz aussetzt. Das kann man sich über Mediation holen. Das ist aber eine schwere Übung. Es passiert aber auch manchmal durch ein Ereignis oder bei einem Orgasmus. Wenn man zum Beispiel in den Süden fährt und nach einer langen Fahrt das erste Mal das Meer sieht, dann wird es plötzlich ruhig im Auto. Solche Momente sind überall, man muss nur genau hinschauen. Das Problem ist, wir denken und bewerten zu viel.

 

Wie sehen Sie die Zukunft? 

Es gibt nur jetzt. Ich kann mir zwar Gedanken über die Zukunft machen, aber es wird anders sein als jetzt. Was man allerdings bereits merkt, ist, dass es für alle Menschen immer enger wird. Die Räume werden enger, wir werden mehr überwacht und wir müssen mehr arbeiten, um uns alles leisten zu können. Irgendwann wird eine gewisse Gruppe sagen: „Jetzt geht es nicht mehr, wir müssen was unternehmen“. Irgendwann bricht die Illusion zusammen und dann ist es vorbei. 

 

Was heißt „vorbei“? Werden wir anders leben?

Sicher sogar. Das, was ich freiwillig mache, werden dann viele machen müssen. Die Versorgung vom System wird höchstwahrscheinlich wegbrechen. Ob es die Energieversorgung ist, die Lebensmittelversorgung, was auch immer. In den nächsten Jahrzehnten werden sich strukturelle Dinge verändern. Aber wie oder wann, das weiß ich nicht. Ob es sozialen Unfrieden geben wird, Bürgerkrieg oder ob es global krachen wird – der dritte Weltkrieg ist ja womöglich schon in Gang –, das kann ich nicht sagen. 

 

Sie sind mit einem großen Talent gesegnet. Was möchten Sie den Menschen vermitteln?

Ich habe das Talent, dass ich vor vielen Menschen reden kann und sie mir zuhören. Und wenn man ein Talent hat, dann hat man die Verpflichtung, daraus etwas Sinnvolles zu machen. Ich verstehe das, was ich jetzt mache, als Dienst an der Gesellschaft. Auch wenn es ein minimaler Dienst ist und auch wenn die Menschen, die in meine Vorstellungen kommen, nicht glücklich sind, wenn sie rausgehen. Trotzdem haben sie es gehört. Das hat noch nichts bewirkt. Wenn sie aber eine Woche später etwas Ähnliches in einem Buch oder im Internet lesen, dann fängt das irgendwann zu greifen an. Und wenn diese Menschen dann umdenken, haben wir schon gewonnen.