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People | 01.12.2021

Weibliche Idole sind wichtig

Österreichs bedeutendste Frauenveranstaltung – dieses Prädikat hat sich das „Upper Austria Ladies Linz“ hart erkämpft. Bei der 31. Auflage des WTA-Turniers im November haben wir mit Turnierdirektorin Sandra Reichel und Turnierbotschafterin Barbara Schett über Gleichstellung im Tennissport und Nachwuchsförderung gesprochen.

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Getty Images/Alexander Scheuber

Was für ein legendäres Finale! Alison Riske hat den Titel des „Upper Austria Ladies Linz 2021“ gewonnen. 2.000 Zuschauer feierten die US-Amerikanerin und deren Gegnerin Jaqueline Cristian mit Standing Ovations. Turnierdirektorin Sandra Reichel ist am Finaltag wohl ein Stein vom Herzen gefallen. Sie und ihr Team haben aufgrund der erschwerten Bedingungen durch die coronabedingten Auflagen schier Unmögliches möglich gemacht. 

 

Gleichstellung von Frauen. Was war der schönste Moment, den Sandra
Reichel dieser Tage erlebt hat? Die Antwort kommt spontan: „Am schönsten war es für mich, die 140 jungen Mädchen mit ihren neuen Tennisschlägern zu sehen. Das war der Start unserer großen Nachwuchsinitiative ‚1.000 Tennisschläger für 1.000 Mädchen‘. Diese Aktion, bei der Mädchen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren Tennisschläger bekommen, soll keine Eintagsfliege sein, wir wollen dranbleiben“, verspricht Reichel. Die Förderung von Mädchen und Frauen hat für sie Priorität. Und auch die Gleichstellung der Frauen im Profisport ist der 50-Jährigen, genauso wie Turnierbotschafterin Barbara Schett, ein großes Anliegen.

 

Große Kluft beim Einkommen. Seit 2006 bekommen Frauen bei Grand-Slam-Tennisturnieren gleich hohe Preisgelder wie Männer. Eine Errungenschaft, in deren Genuss Barbara Schett in ihrer Karriere als Profispielerin nicht mehr gekommen ist. „Ich kann mich erinnern, dass die WTA sehr lange darum gekämpft hat, dass wir Damen bei den Grand-Slam-Turnieren das gleiche Preisgeld wie die Herren bekommen. Ein Jahr nach meinem Karriereende wurde es dann durchgesetzt“, erinnert sich die ehemalige Nummer sieben der Tenniswelt. „Gleichstellung ist auch im Tennissport enorm wichtig. Man sieht ja immer noch eine große Kluft beim Einkommen zwischen Männern und Frauen in Österreich, da es bei den Damen viel weniger Möglichkeiten gibt, große Turniere zu spielen und Preisgelder zu gewinnen. Schon alleine deshalb sind die Grand- Slam-Turniere um so wichtiger“, sagt Schett. Immer wieder wird die gebürtige Tirolerin darauf angesprochen, warum Frauen bei Grand-Slam-Turnieren gleich viel verdienen wie Männer, obwohl sie kürzer am Platz stehen. „Ich bin der Meinung, dass es egal ist, ob man zwei oder vier Stunden am Platz steht – das Training, der Verzicht und der Aufwand sind ja gleich. Ich musste mich mein Leben lang dafür rechtfertigen, und das ist schlimm. Damen- und Herrentennis ist,  meiner Ansicht nach, aktuell durch die WTA und ATP zu gespalten“, so Schett.

 

Frauenförderung als Treiber. Auch Sandra Reichel findet die Vorbildwirkung, die Damentennis in Bezug auf Gleichberechtigung hat, enorm wichtig. „Die Aufmerksamkeit für Frauensport und was die Mädels und Frauen hier leisten, das zu fördern, ist auch ein Treiber meiner Motivation“, betont Reichel. In ihrer Funktion als Turnierdirektorin ist die Welserin, die neben den WTA-Damenturnieren in Linz und Hamburg mit dem ETB in Hamburg auch ein Herrenturnier auf die Beine stellt, nach wie vor eine Exotin. „Bei den Herrenturnieren sind wir aktuell nur zwei Frauen weltweit, bei den Damenturnieren hat es sich ein bisschen verbessert und bei den knapp 50 Turnieren gibt es sieben oder acht Turnierdirektorinnen“, so Reichel. 

 

Chancengleichheit muss normal werden. Eines ihrer Ziele ist demnach auch, mehr Frauen anzuspornen, in solche Berufe zu gehen. „Wir machen Workshops für Schiedsrichterinnen und Trainerinnen, weil es auch hier viel mehr Männer als Frauen gibt. Chancengleichheit muss so normal werden, dass man nicht mehr darüber reden muss“, sagt Reichel, die sich im Gegensatz zu früher kein Blatt mehr vor den Mund nimmt: „Als ich noch jünger war, habe ich in den Meetings oft überlegt, ob ich etwas sagen soll. Heute ist es mir egal, ob da 60 Männer sitzen und nur zwei Frauen, ich sage einfach, was ich sagen will. Dieses Selbstbewusstsein habe ich mir über die Jahre angeeignet.“ 

 

Damentennis in Österreich stärken. Was die Zukunft in Österreich anbelangt, so ist eines der primären Ziele, Damentennis zu stärken und wieder an die erweiterte Weltspitze heranzuführen. Das muss allerdings bereits in jungen Jahren passieren. Um wieder mehr junge Mädchen für Tennis zu begeistern, braucht es neben Initiativen zur Nachwuchsförderung auch Idole. Wie wichtig das ist, beweist aktuell die 18-jährige Britin Emma Raducanu, die im September in New York aus der Qualifikation heraus die US Open gewonnen hat. Raducanu wird derzeit von den Medien gehypt und war auch der Star beim WTA-Turnier in Linz, allerdings hat sie hier schon in der ersten Runde in drei Sätzen gegen die Chinesin Wang Xinyu verloren. 

 

Idol Emma Raducanu. „Junge Mädchen brauchen jemanden, mit dem sie sich identifizieren können, und ich glaube, dass Raducanu mit ihren 18 Jahren polarisiert und die Jugendlichen anspricht. Es ist schön, mal wieder so einen Hype zu sehen“, freut sich Barbara Schett. Sie wünscht dem Shootingstar aus England nur das Beste. „Emma hat bereits Sponsorenverträge mit Dior und Tiffany abgeschlossen – das ist unglaublich. Jetzt heißt es, die Balance zu finden und die Konzentration auf den Sport nicht zu verlieren. Da ist es wichtig, ein gutes Umfeld zu haben“, weiß Schett aus eigener Erfahrung. 

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Trotz schwieriger Bedingungen wurde beim Turnier „Upper Austria Ladies“ auf der Gugl in Linz wieder großartiges Damentennis geboten. © Getty Images/Alexander Scheuber