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People | 25.07.2016

Sehen ohne Grenzen

Ende Jänner reiste Diplomkrankenschwester Sandra Bilic vom Klinikum Wels-Grieskirchen mit dem Verein „Sehen ohne Grenzen“ nach Nigeria, um Patienten, die am grauen Star erkrankten, zu behandeln. Was sie dort erlebt hat, erzählt die 36-jährige Leondingerin im Interview mit der Oberösterreicherin.

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Sandra Bilic wurde in Nigeria herzlich empfangen. (© Zopf Photography)

Insgesamt 139 Menschen, die an grauem Star erkrankten, operierten Universitätsprofessor Christoph Faschinger und sein achtköpfiges Team Ende Jänner während eines fünftägigen „Eye Camps“ in Nigeria. Weltweit sind rund 40 Millionen Menschen blind, etwa die Hälfte davon durch grauen Star, eine altersbedingte Linsentrübung, die sich operativ beheben lässt. Da es vor allem in Entwicklungsländern an Behandlungsmöglichkeiten fehlt, gründete der Grazer Augenarzt Dr. Christoph Faschinger im Jahr 2000 den Verein „Sehen ohne Grenzen“ (www.sehenohnegrenzen.org) und hat in mittlerweile 40 Eye Camps unzähligen Menschen ihr Augenlicht wieder zurückgegeben. Ende Jänner reiste erstmals auch Sandra Bilic, Bereichsleiterin der Augenambulanz, Augen OP und Augentagesklinik im Klinikum Wels-Grieskirchen im Rahmen eine Eye Camps nach Nigeria. 

 

Frau Bilic, warum kommt der graue Star in Entwicklungsländern häufiger vor als in der westlichen Welt?

Die Ursachen dafür sind unterschiedlich, wie etwa Rötelninfektionen der Mutter während der Schwangerschaft, Mangelernährung und erhöhte UV-Strahlung. 

 

Was genau geschieht bei dieser Erkrankung?

Die anfangs klare Linse im Auge trübt sich im Laufe des natürlichen Alterungsprozesses. Die Sehschärfe beginnt langsam und schmerzlos abzunehmen. Mit der Zeit sieht man nur noch wie durch einen Schleier. Da das Licht nicht mehr richtig gebrochen wird, nimmt die Blendungsempfindlichkeit zu. Der Schleier wird im Laufe der Zeit immer dichter, bis man schließlich nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden kann.

 

Wie kann man Menschen, die an grauem Star erkrankt sind, helfen?

Der Erkrankung kann ausschließlich operativ entgegengewirkt werden. Eine medikamentöse Therapie gibt es nicht. Die Operation dauert unter den richtigen Voraussetzungen eine Viertelstunde. 

 

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, Ende Jänner mit einem Team von „Sehen ohne Grenzen“ nach Nigeria zu reisen?

Die Arbeit des Vereins „Sehen ohne Grenzen“ faszinierte mich schon immer und als ich eine Einladung für das Eye-Camp bekam, war für mich fix, dass ich mitfahre, egal, wie gefährlich es sein könnte.

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Der Grazer Augenarzt Christoph Faschinger, Gründer des Vereins "Sehen ohne Grenzen". (© Zopf Photography)

Wo genau sind Sie hingereist?

Für das Eye Camp wurden uns im Madonna Austrian Hospital Ihtte Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Die Stadt Ihtte liegt ungefähr 200 Kilometer nordöstlich von Port Harcourt. Dort kamen wir bei der Familie von Emeka Emeakaroha unter. Der gebürtige Nigerianer ist Pfarrer in Obergrafendorf in Niederösterreich und engagiert sich in vielen Projekten für seine Heimatstadt.

 

War es gefährlich?

Na ja, die Angst reist immer mit. Wir wurden während der gesamten Aufenthaltszeit von bewaffneten Polizisten begleitet – eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme, wie Anschläge am Vortag im Norden die akute Terrorgefahr aufgezeigt hatten. Entführungen und Verschleppungen, auch von Ärzteteams, sind jederzeit möglich. Mit dieser Deutlichkeit habe ich nicht gerechnet. Auch das Risiko an Malaria, Denguefieber, HIV, Hepatitis oder TBC zu erkranken, ist allgegenwärtig.

 

Wie läuft so ein Eye Camp ab?

Am ersten Nachmittag werden alle Vorbereitungen für die Operationen getroffen und dann geht es los. Täglich werden von halb acht in der Früh bis 19:30 Uhr durchgehend Voruntersuchungen, Operationen und Visiten vorgenommen. 

 

Was genau haben Sie gemacht?

Vor den Operationen muss festgestellt werden, ob es sich bei den Krankheitsbildern tatsächlich um den grauen Star handelt. Michael Kern, Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie aus Leoben, und ich prüften, ob die Patienten eventuell unter einer anderen Grunderkrankung wie dem grünen Star und zusätzlich an einer Katarakt leiden. 

 

Wie viele Operationen wurden während Ihres fünftägigen Aufenthaltes beim Eye Camp in Ihtte durchgeführt? 

Unser Chirurgenteam, Dr. Christoph Faschinger und seine Tochter Dr. Eva-Maria Faschinger, führten in Summe 139 Staroperationen durch und arbeiteten jeweils zwölf Stunden am Stück. 

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Sandra Bilic bei Operationsvorbereitungen. (© Zopf Photography)

Wie schwerwiegend sind die Erkrankungen?

Wir haben ganz schlimme voroperierte Ergebnisse gesehen, was wiederum deutlich macht, wie wichtig es ist, das Know-how in Nigeria weiterzugeben und nachhaltig einheimische Spezialisten im Land zu haben. Der Bruder von Pfarrer Emeka absolviert derzeit seine augenärztliche Ausbildung in Deutschland – er soll später den Fachbereich im Madonna Austrian Hospital übernehmen. Eine einheimische Optometristin betreut bereits jetzt ständig Patienten im Krankenhaus.

 

Ihr berührendstes Erlebnis?

Sehr berührend war, als wir einen zwölfjährigen Buben in retrobulbärer Lokalanästhesie – also mit einer Spritze ins Auge – operiert haben. Es war die einzige Möglichkeit, da wir keinen Anästhesisten hatten, der eine Vollnarkose macht. Der Bub war fast völlig am grauen Star erblindet und das tapferste Kind, das ich jemals gesehen habe. Am nächsten Tag haben wir ihn im Dorf getroffen und vor Ort Visite gemacht. Die Zufriedenheit in seinem Gesicht, endlich wieder sehen zu können, war unbeschreiblich! 

 

Welche Eindrücke haben Sie nach Österreich mitgenommen?

Es war eine Ehre, als neues Mitglied in einem etablierten Team mit dabei zu sein. Wir verfolgten alle das gleiche Ziel und unser Zusammenspiel klappte somit perfekt. Die Lebensbedingungen in Schwarzafrika sind vergleichbar mit jenen bei uns vor einhundert Jahren. Ich bin wieder geerdet durch die Einfachheit der Dinge.