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People | 16.10.2019

Romantiker mit Hang zum Bösen

Das Warten hat ein Ende. Am 30. September ist mit „Der Fund“ der neue Thriller von Erfolgsautor Bernhard Aichner auf den Markt gekommen. Im Pageturner um Supermarktkassiererin Rita spielen einmal mehr der Tod, die Liebe – und Bananen eine tragende Rolle.

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Ausgerechnet Bananen. Ob Supermarktverkäuferin Rita in Bananen das große Glück findet, erfährt man in Bernhard Aichners neuem Thriller „Der Fund“, der Ende September auf den Markt kommt. (© StollI)

Ich treffe Bernhard Aichner vor einer Lesung am Domplatz in Linz, wo er, in Gedanken versunken, bei einer Tasse Kaffee Notizen in ein kleines Heftchen schreibt. Dass es sich dabei um Inhalte für sein nächstes Buch handelt, erfahre ich erst später im Interview, als er mir erzählt, dass er seine Bücher mit der Hand schreibt.

Der Durchbruch gelang dem sympathischen Tiroler im Jahr 2014. Seine  „Totenfrau“-Trilogie stand monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten und wurde in 16 Ländern verkauft. Mit „Bösland“ schloss er 2018 an seine internationalen Erfolge an. Und auch mit seinem neuen Thriller „Der Fund“, in dem eine tote Supermarktverkäuferin samt einem Karton Bananen die Hauptrolle spielt, ist dem Erfolgsautor wieder ein echter Pageturner gelungen. Wie lange es gedauert hat, bis er erste Erfolge einfuhr, und wovon er momentan träumt, hat mir Bernhard Aichner im Interview erzählt.

 

Herr Aichner, Sie haben schon in jungen Jahren davon geträumt, Autor zu werden, heute können Sie vom Bücherschreiben leben. Dazwischen haben Sie die Matura nachgeholt, Germanistik studiert, als Kellner und Fotograf gejobbt. Wie wichtig ist es, dranzubleiben?

Bernhard Aichner: Es ist ganz wichtig, konsequent zu sein und an sich zu glauben. Nur vier Prozent aller Autoren können vom Schreiben leben, was beweist, wie schwierig es ist. Die Rückschläge sind enorm, und es besteht die Gefahr, dass man irgendwann aufgibt. Ich wollte das immer mehr als alles andere.

 

Gab es dafür einen speziellen Grund?

Eigentlich nicht. Das Schreiben hat mich schon im Alter von 15 Jahren fasziniert, und mir war klar, dass mich ein Blatt Papier und ein Stift glücklich machen würden. Ich bin in einem kleinen Dorf in Osttirol aufgewachsen, ich habe mich mit Fantasie ein bisschen „rausgeschrieben“. (lacht)

 

2014 ist Ihnen mit der „Totenfrau“ der Durchbruch gelungen. Bis dorthin war es ein langer Weg ...

Vor der „Totenfrau“ habe ich sieben Bücher geschrieben, die sich nur mäßig verkauft haben. Nebenbei habe ich bis zu 60 Stunden die Woche als Pressefotograf gearbeitet. Ich wollte nicht zu meiner Frau sagen: „Schatz, ich bin jetzt Dichter und wir müssen auf alles verzichten.“ Es war natürlich ein riesengroßes Glück, dass dieses Wunder mit der „Totenfrau“ passiert ist. Denn auch wenn man nach Deutschland zu einem großen Verlag wechselt und einen Spitzentitel herausbringt, ist das noch lange keine Garantie, dass die Menschen die Bücher auch kaufen.

 

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Interview mit Fun-Faktor: Bernhard Aichner und Chefredakteurin Ulli Wright. (© Stolli)

Haben Sie damals schon gewusst, dass es eine „Totenfrau“-Trilogie werden wird? 

Ja, es war klar, dass es drei Bücher werden. Es hat sich für mich supergut angefühlt, weil ich gewusst habe, dass die Geschichte gut und spannend ist, mit einer coolen Frau als Protagonistin, die Männer umbringt. Als fünf Verlage die Bücher verlegen wollten, habe ich mir gesagt: „Aufpassen, Bub, da passiert etwas!“

 

Ihre Frau sagt, Ihre größte Stärke sei es, leidenschaftlich und laut zu träumen. Wovon träumen Sie gerade?

Dass es in der Liebe weiterhin so gut klappt wie jetzt – und natürlich auch mit meinen drei Kindern und dem Schreiben.

 

Die Liebe spielt in Ihren Büchern immer eine Rolle, so auch in Ihrem neuen Buch „Der Fund“. Können Sie uns verraten, ob es ein Happy End gibt?

Das verrate ich besser nicht, aber es gibt in allen meinen Büchern eine Liebesgeschichte. Die Liebe und der Tod sind in der Literatur seit Hunderten Jahren immer die Hauptmotive. Ein Leben ohne Liebe ist nur ein halbes Leben.

 

Sind Sie ein Romantiker?

Ja, schon, und das lebe ich hemmungslos in meinen Büchern aus.Auch wenn in vielen Büchern die Liebe schier unmöglich ist. Aber ich lasse sie wahr werden und denke mir: „Wie schön, die haben sich gekriegt und kriegen sich, auch wenn die ganze Welt sagt, das geht nicht!“

 

Für die „Totenfrau“ haben Sie zu Recherchezwecken bei einem Bestattungsinstitut reingeschnuppert. Haben Sie für „Kaschmirgefühl“ bei einer Sex-Hotline angerufen?

Ja, habe ich, aber nur zu Recherchezwecken. (lacht)

 

Vorher nie?

Nein, dazu war ich zu schüchtern.Für „Kaschmirgefühl“ habe ich bei drei Sex-Hotlines angerufen und gesagt, dass ich nur reden möchte. Zwei Damen haben mich ausgelacht, aber dann bin ich an eine geraten, die mir fast drei Stunden lang erzählt hat, wie das Geschäft funktioniert und was sie alles erlebt.

 

Sex-Hotlines gibt es also noch?

Ja, auch wenn es in Zeiten von Webcams sicher ein aussterbendes Geschäft ist. Das Faszinierende für mich ist, dass die Fantasie viel mehr angeregt wird, wenn man nur telefoniert. Das ist im Grunde wie beim Schreiben. Als Autor stellt man einfach Dinge in den Raum, und der Leser muss dann herausfinden, was wahr ist oder nicht.

 

Das Sterben ist immer auch ein sehr zentrales Thema in Ihren Büchern. Wie stehen Sie dem Tod gegenüber?

Das Thema Tod hat mich schon immer fasziniert. Natürlich haben viele Menschen Angst davor, über den Tod zu reden; man klammert ihn gerne komplett aus. Diese Angst hatte ich genauso, aber ich wollte sie verlieren, und dazu war die Recherche im Bestattungsinstitut recht gut. Zu sehen, wie es ist, wenn da ein toter Mensch liegt, hat das Schreckliche genommen. Sich dessen bewusst zu sein, dass alles endlich und jeder Tag, den wir leben dürfen, genial ist, hat mir viel an Angst genommen. 

 

Sie wären 2004 beim Tsunami in Thailand beinahe ums Leben gekommen und haben dieses Erlebnis in „Bösland“ verarbeitet. Wie hat Sie das verändert?

Damals war mir klar, dass ich sterben werde. Gott sei Dank war es nicht so. Ich hatte Todesangst und danach jahrelang Albträume. Das Erlebnis hat sicher etwas damit zu tun, dass ich im Krimisegment gelandet bin. Sterben und Töten ist nicht nur für mich beim Schreiben faszinierend, sondern für viele Menschen. Man braucht nur zu schauen, wie gerne Krimis gelesen werden. Es interessiert die Leute, auf die dunkle Seite zu gehen und aus sicherer Distanz reinzuschnuppern. Man erlebt die grausigsten Sachen, aber am Ende schlägt man das Buch zu und alles ist heil. Das ist das Schöne daran.

 

 

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Bernhard Aichner schreibt seine Bücher mit der Hand. (© Stolli)

Glauben Sie, dass in jedem Menschen etwas Böses ist?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann, wenn er in eine Situation kommt, in der viele Dinge zusammenkommen. Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen.

 

Schreiben Sie Ihre Bücher immer noch mit der Hand?

Ja, immer noch. Das taugt mir einfach. Und nur ich kann es lesen. Obwohl: Wenn ich es übertrage, kann ich es auch oft nicht mehr lesen. (lacht)

 

Sie werden ständig interviewt. Gibt es eine Frage, die Sie gerne mal gestellt bekommen würden?

Ja, die Frage: „Darf ich Ihnen eine Million Euro schenken?“ Ich würde dann Ja sagen. (lacht) Für mein neues Buch „Der Fund“ habe ich mit meiner Frau durchgespielt, was wäre, wenn ich an einer Kreuzung einen Aktenkoffer mit einer Million Euro finden würde.  Würde ich zur Polizei gehen oder das Geld behalten? Allein der Gedanke, etwas zu finden, mit dem sich auf einem Schlag alles ändert, ist schon reizvoll. So war es auch bei meiner Protagonistin Rita, der Supermarktverkäuferin. In ihrem tristen Leben hat sie eine Chance bekommen,  und auch wenn es nicht richtig war, was sie gemacht hat, man gönnt es ihr.

 

Der „Fund“ ist ein absoluter Pageturner. Sie lassen die Protagonisten in kurzen Kapiteln erzählen. Hat sich Ihre Schreibweise durch die neuen Medien geändert?

Von meinem ersten bis zum letzten Buch ist viel passiert, auch sprachlich, aber das ist unabhängig von außen passiert. Ich höre einen Satz im Kopf und schreibe ihn mit der Hand in meinem Tempo auf. Das Schreiben ist bei mir generell eine Bauchsache; es muss sich gut anfühlen. Wie beim Kochen ohne Rezept schreibe ich auch die Bücher ohne Rezept einfach aus dem Bauch raus.

 

„Kaschmirgefühl“ geht in eine andere Richtung. Was haben Ihre eingefleischten Thriller-Fans zur Lovestory gesagt?

Meine Leserschaft besteht zu 70 Prozent aus Frauen. Die Rückmeldungen waren super. Ich habe „Kaschmirgefühl“ auch für mich geschrieben. Ich wollte einmal ein leichenfreies Buch schreiben, in dem niemand umgebracht wird oder stirbt. Vielleicht auch, um das Karma wieder ein bisschen zu reinigen. (lacht)

 

Lesen Sie selber viel?

Ich lese sehr viel – vom Gedicht bis hin zum Krimi und vor allem auch viel Österreichisches. Wir haben wirklich tolle Autorinnen und Autoren. Ich organisiere auch Krimifeste im ganzen Land. Dafür lese ich viel von Kollegen. 

 

Arbeiten Sie schon wieder am nächsten Buch?

Ja, im Frühjahr 2021 wird mein nächstes Buch erscheinen.

 


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Aichners neuestes Werk "Der Fund" erscheint am 30.09.

Warum musste Rita sterben? Wer hat die Supermarktverkäuferin, die doch nie jemandem etwas zuleide getan hat, auf dem Gewissen? Hat die 53-Jährige wirklich ihr Todesurteil unterschrieben, als sie eines Tages etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? Offiziell ist der Fall abgeschlossen – aber da ist einer, der nicht aufgibt. Ein Polizist, der scheinbar wie besessen Fragen stellt – und Ritas Tod bis zum Ende nicht akzeptieren will …

btb Verlag, Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, ISBN: 978-3-442-75783-1; gebundene Ausgabe: € 20,60, eBook: € 14,99