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People | 25.04.2016

Nina wird immer bei uns sein

Im Dezember vergangenen Jahres starb die Tochter nach einem Suizidversuch und 13 Monaten im Wachkoma. Step by step kehrt Angela Pointner nun zurück ins Leben.

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Neo-Schriftstellerin, Lern- und Regenera­tionscoach Angela Pointner vor dem Kamin, auf dem Fotos von Nina stehen. (© Bubu Dujmic)

Idyllisch ruhig ist es in Innsbruck/Amras, dort wo Familie Pointner lebt. Angela Pointner bittet uns freundlich lächelnd ins Haus. Zart wirkt sie und zerbrechlich, aber auch gefasst und in sich ruhend. Ihr Mann Alexander – ehemals erfolgreichster ÖSV-Ski--sprungtrainer und gebürtiger Oberösterreicher – und Lilith, die jüngste Tochter, 7, sind ebenfalls zu Hause.

 

Auszeit. Monatelang hatte sich die 44-Jährige zurückgezogen, um Kraft zu tanken und zu trauern. Am 5. November 2014 verübte ihre damals 16-jährige Tochter zu Hause einen Suizidversuch. Angela Pointner fand Nina und versuchte, sie wiederzubeleben, was aber erst dem Notarzt gelang. Danach lag sie 13 Monate im Wachkoma. Am 17. Dezember starb sie in der Klinik in Innsbruck. Woher die vierfache Mutter die Kraft nimmt, über ihre Trauer und ihren Schmerz zu sprechen, weiß sie selbst nicht so genau. Aber sie weiß, dass sie ihrer Familie zuliebe funktionieren muss. Und möchte. Obwohl bisher fast kein Tag ohne Tränen verging. Wenn Angela Pointner aber schreibt – ihr Debütroman „Phie und die Hadeswurzel“ erschien im November und sie arbeitet bereits an der Fortsetzung – gelingt es ihr, für ein paar wenige Stunden abzuschalten und sich auf den Text zu konzentrieren.

 

Der letzte Satz in Ihrem Buch lautet „Doch sie war bereit, ihn loszulassen, wenn es so weit sein sollte“. Kann man das jemals sein?

Wir haben es sein müssen, weil es unserer Tochter so schlecht gegangen ist, und wenn du miterlebst, wie sich ihr Zustand von einem Tag auf den anderen derart verschlechtert, dann war es einfach ethisch nicht mehr vertretbar, Nina mit weiteren Behandlungen länger zu quälen. Zuletzt hatte sie auch zwei sehr aggressive, höchst resistente Keime, die eben diese massive Verschlechterung ihres Zustands bewirkt und eine unkontrollierbare Blutung verursacht haben. 

 

Das heißt, Geräte wurden ausgeschaltet?

So kann man sich das nicht vorstellen. Nina hat selbständig geatmet, aber sie konnte nicht selbständig schlucken. Und in der letzten Woche musste sie für eine weitere Operation erneut intubiert werden. Sie hatte auch eine Atemkanüle und die hätte man nicht mehr setzen können, womit klar war, wenn man sie extubiert und sie nicht schluckt, dann kann sie nicht überleben … Wir haben Sie bis zum letzten Atemzug begleitet.

 

Darf ich Sie nach der Art des Suizids fragen?

Ich kann es Ihnen sagen, aber es ist wichtig, dass man nicht darüber schreibt. Ein auf Selbstmord spezialisierter Psychiater riet dazu, weil es eher zu Nachahmung anregt. Was ich sagen kann, ist, dass man erst im Nachhinein feststellte, dass sich Nina geritzt hatte. Fünf Ritze auf den Unterarmen, die sie mit Armbändern verdeckt hat.

 

Wann kam die Idee zum Buch?

Die Idee trage ich schon seit zehn Jahren mit mir herum. Ich bin ein großer Harry-Potter-Fan und liebe es, mich in andere Welten zu versetzen. Daher wollte ich auch für mich eine Welt finden. Und es wurde der Traum. Dass der Vater im Koma liegt, hängt damit zusammen, dass ich beruflich schon früher mit einem Wachkoma-Patienten arbeiten durfte.

 

Sie haben bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgegeben und auf ein Wunder gehofft?

Ja. Das vergangene Jahr war ein Jahr des Hoffens und diese Hoffnung war ausschlaggebend. Denn es macht einen stark. Beim Weiterschreiben tue ich mir jetzt halt schwer, diese Hoffnung aufrechtzuerhalten, weil sich meine Hoffnung nicht erfüllt hat. Und ich muss sehr aufpassen, nach zwei Monaten in einem tiefen Loch, dass die Verbitterung nicht allzu stark wird. Und ich wollte in meinem Buch auch zeigen, welche Emotionen noch mitspielen. Aggression, Sehnsucht und auch die Verzweiflung über das Unverständnis mancher Menschen.

 

Wie haben diese reagiert?

Mich macht z. B. die Phrase „Das Leben muss weitergehen“ sehr zornig. Weil ich mir denke, ich muss mir das von niemandem sagen lassen, und es geht eben nicht so weiter. Man fühlt sich in seiner Trauer nicht wahrgenommen. Das Schlimmste war, Menschen zu treffen, die in ihrer Hilf-losigkeit sprachlos waren. Hilflos ist verständlich, aber sprachlos? 

 

Welche Reaktion hat Ihnen denn am meisten geholfen?

Mir einfach zuzuhören oder ehrliche Gedanken auszutauschen, aber sicher keine Allerweltsweisheiten.  Am meisten tat mir gut, wenn jemand offen zugeben konnte, mit der Situation überfordert zu sein. Kurz nach dem Suizid war eine große Hemmung da, auf uns zuzugehen. Meine Damen vom Volleyballverein z. B. haben jeden Tag Essen vor die Tür gestellt. Einige haben gefragt, ob sie anläuten dürfen, andere haben gesagt, dass sie das nicht schaffen, und das Essen einfach deponiert. Aber sie waren da für uns.

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Familienbild: Angela (l.) und Alexander Pointner (2.v.r.) mit Sohn Max, Tochter Nina und Elias Rath bei der Saisonabschlussparty der ÖSV-Skispringer (2013)

Haben Sie spezielle Trauertherapie in Anspruch genommen?

Ich bin seit den Depressionen von meinem Sohn Max und von Alex regelmäßig bei einer Therapeutin, die mir immer wieder weiterhilft und die mir auch bei meiner Trauerbewältigung beisteht. Ich muss die kleine Angela in mir pflegen und beruhigen, sagt meine Therapeutin. 

 

Haben Sie auch Depressionen?

Seit dem Tod meiner Tochter kann ich mir zum ersten Mal vorstellen, wie man in diesen Abwärtsstrudel reinrutscht, ohne sich selbst wieder rausziehen zu können. Zum Glück habe ich Menschen um mich, die auf mich schauen. Es hilft mir auch 
zu wandern, rauf auf die Berge oder in den Wald. Auch kleine Dinge, wie mit Freundinnen Kaffee trinken zu gehen, einfach ein wenig Ablenkung, tun gut.

 

Und wie geht es Ihren Kindern (Max, 19, Paula, 12, und Lilith, 7)?

Meine Kinder haben das vergangene Jahr auch psychologische Betreuung gehabt. Der Alltag hat sich für alle verändert, weil ich jeden Tag bei Nina war. Anfangs mit Alex gemeinsam, dann abwechselnd, weil wir gemerkt haben, dass die Kinder uns brauchen. Aber sie haben während dieser Zeit sicher nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie davor hatten bzw. die sie jetzt wieder kriegen.

 

Kommunizieren Sie mit Nina?

Ja. Es gelingt mir jetzt immer besser, sie präsent zu halten in einem positiven Sinn. Langsam kommt auch, dass ich mir in bestimmten Situationen – wie z. B. kurz vor meiner ersten Lesung – denke: „Das hier hättest du locker geschafft.“ Sie war stets so outgoing, stellte sich auf die Bühne, obwohl sie noch gar nicht g’scheit Gitarre spielen konnte. Einfach so (lacht). Daher war es ja für alle unverständlich, dass sie an Depressionen litt. Womit ich mir derzeit noch sehr schwer tue, weil nach wie vor extrem schmerzvoll, sind die 
Erinnerungen ans Krankenhaus. Und daher verbiete ich sie mir auch.

 

Empfinden Sie Schuldgefühle?

Ich fühle mich nicht schuldig, weder an ihrer Krankheit noch an ihrem Selbstmord. Aber ich überlege dauernd, was ich hätte anders machen können. Wir haben zwar alles getan, was zu diesem Zeitpunkt möglich war, aber man hinterfragt. Sie war sofort in Therapie, war bis zuletzt voll involviert in der Schule, war fröhlich, auch am Tag vor dem Suizid war sie noch in Behandlung und meinte, es ginge alles schon besser. Niemand – weder Schulkollegen noch Freunde – hätte gedacht, dass sie sich etwas antun könnte. Was ich mir wünsche? Dass wir uns alle irgendwann einmal nur noch an die positiven Dinge erinnern, wenn wir an Nina denken. Ich hoffe, dass wir bald wieder Fotos von früher ansehen können, was derzeit unmöglich ist, weil es noch so weh tut.