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People | 15.07.2020

Naturbursch unter Strom

Seit Jahresbeginn produziert das neue Kraftwerk Traunleiten bei Wels Ökostrom für 60.000 Menschen und spart 85.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Darüber hinaus gilt es als Musterbeispiel für modernen und vor allem ökologisch hochwertigen Kraftwerksbau. Mastermind hinter diesem Vorzeigeprojekt in einem Natura-2000-Gebiet ist Wels Strom-Geschäftsführer Ing. Friedrich Pöttinger. Der Naturliebhaber und Nebenerwerbsbauer hat uns das neue Kraftwerk Traunleiten gezeigt.

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© Martin Seifried/duapixel; Dominik Derflinger, Wels Strom

In der Rekordbauzeit von zwei Jahren hat Wels Strom mit dem Neubau des Kraftwerks Traunleiten eines der modernsten Wasserkraftwerke Europas errichtet. Einige Wochen nach der Inbetriebnahme, treffen wir Ing. Friedrich Pöttinger, einen der Geschäftsführer von Wels Strom, direkt beim neuen Kraftwerk Traunleiten und lernen einen absoluten Visionär im Bereich der Elektrizität und E-Mobilität kennen. Bei unserer Ankunft zeigt er uns den Platz, wo das alte Kraftwerk aus dem Jahr 1899 stand und erklärt: „Das alte Kraftwerk haben wir abgerissen und den Zulauf trockengelegt. Daher mussten wir nicht im Fluss bauen, was sicher um einiges teurer gewesen wäre.“ Anschließend führt er uns mit Begeisterung durch das neue Kraftwerk, das tief unter der Erde liegt und zeigt uns stolz dessen Herzstück, die zwei riesengroßen Kaplanturbinen, die CO2-freien Ökostrom, für alle Welser Haushalte liefern. 

Kraftwerksbau ohne Proteste. Auch von der hohen Priorität, die der Umwelt- und Naturschutz beim Bau hatte, können wir uns an diesem traumhaft schönen Tag an Ort und Stelle überzeugen. An den Schotterbänken am Flussufer lassen sich mit Sicherheit erholungsreiche Sommertage verbringen. Friedrich Pöttinger zeigt uns, dass im Staubereich auf Gunskirchner Seite ein neues Nebengerinne als Biotop für eine möglichst artenreiche Tier- und Pflanzenwelt geschaffen wurde. Auch beim Bruthügel für Vögel, der in der in der Nähe des Kraftwerkes angelegt wurde, machen wir Halt. „Damit haben wir für gefährdete Vogelarten ideale Lebensräume und Bedingungen schaffen“, erklärt uns der leidenschaftliche Nebenerwerbslandwirt und Jäger aus dem St. Georgen bei Grieskirchen. Bei unserem Rundgang hat uns der 54-Jährige auch verraten, wie es ihm mit seinem Team von Wels Strom gelungen ist, das neue Kraftwerk Traunleiten ohne jegliche Proteste und Beschwerden von Anrainern auf die Beine zu stellen.

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© Martin Seifried/duapixel; Dominik Derflinger, Wels Strom

Herr Pöttinger, ein neues Wasserkraftwerk in einem Natura-2000-Gebiet und das ganz ohne Proteste. Wie ist Ihnen dieses Kunststück mit der Wels Strom GmbH gelungen?

Dazu braucht es viel Geduld und vor allem auch die richtigen Projektanten und Mitarbeiter, die das Ganze entsprechend umsetzen. Aber natürlich braucht es auch geografisch und geologisch die richtigen Gegebenheiten. Denn um ein Kraftwerk überhaupt in das Gebilde, wie in der Au im unteren Traunbereich einbetten zu können, muss vor allem die Fallhöhe passen.

 

Warum ist die Fallhöhe bei einem Wasserkraftwerk so wichtig?

Von der Fallhöhe und auch der Wassermenge hängt ab, wie viel Strom erzeugt werden kann. Während das alte Kraftwerk, aus dem Jahr 1899, nur ein paar Gigawattstunden an Arbeit erbracht hat, erzielen wir mit dem Neuen 91 GWh. Damit kann der Jahresenergiebedarf für 60.000 Menschen im Raum Wels abgedeckt werden, das ist eine enorme Größe. Nicht umsonst hatten wir zwei Jahre lang die größte und wohl auch spektakulärste Wasserkraftwerk-Baustelle Österreichs.

 

Das neue Kraftwerk Traunleiten seit Jahresbeginn in Vollbetrieb. Wie schaut es in Sachen Versorgungssicherheit aus? Was können Sie der Bevölkerung von Wels auch bei etwaigen Problemen bzw. Krisenszenarien wie einen Blackout garantieren?

Einerseits haben wir ökologische Kraftwerke vor Ort, andererseits haben wir mit den Gasturbinen auch kalorische Blöcke zur Verfügung. Beides zusammen kann den Bedarf an Energie für den Großraum Wels gut abdecken. Am wichtigsten ist, dass unsere Kraftwerke in Summe schwarzstartfähig sind, das bedeutet das Anfahren eines Kraftwerks unabhängig vom externen Stromnetz. Wir betreuen derzeit zwei Gasturbinen, eine Dampfturbine und fünf Wasserkraftwerke. Dieser Kraftwerkspark kann ohne vorgegebene Spannung von extern hochgefahren werden. Wenn die Transportleitungen zum Beispiel durch Unwetterschäden in Mitteleuropa tagelang außer Kraft gesetzt wären, braucht man in jedem Fall ein Back-up-System, wie Gaskraftwerke, zur Steuerung dazu. Nur mit Wasserkraft alleine würde das nicht funktionieren.

 

Das alte Wasserkraftwerk Traunleiten, das 1899 erbaut worden ist, wurde abgerissen und wenige Meter flussabwärts in einem Naturerholungsgebiet wurde das Neue gebaut. Was war Ihnen und Ihrem Team in Sachen Architektur sowie Umwelt- und Naturschutz wichtig?

Das neue Kraftwerk wurde durch die horizontale Lage der Turbinenachsen beinahe zur Gänze in den Boden gebaut und fügt sich unauffällig in das umgebende „Natura 2000“- Europaschutzgebiet ein. Die Turbinen sind weit unter dem Niveau des alten Kraftwerkes und werden auch die nächsten 100 Jahre vor sich her mahlen. 

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© Martin Seifried/duapixel; Dominik Derflinger, Wels Strom

Die Umgebung rund um das Kraftwerk ist einfach paradiesisch Beim Rundgang haben Sie uns die Auf-, Ab- und Umstiegshilfen für Fische sowie den Bruthügel gezeigt. Und Sie waren selbst in Sachen Umwelt- und Naturschutz tagelang in der Au unterwegs, sind Sie generell ein Naturbursche?

Ja, in jedem Fall. Ich bin Nebenerwerbsbauer und am Land aufgewachsen, daher habe ich auch eine hohe Affinität zur Natur. Der Umweltschutz ist mir immer wichtig gewesen und so habe ich gemeinsam mit unserem vorsitzenden Betriebsrat Werner Forstinger die Ausbildung zum Naturwachorgan des Landes OÖ gemacht. Das heißt, ich bin manchmal auch als Beamter unterwegs. (lacht) Aber Spaß beiseite, durch diese Ausbildung bekamen wir noch mehr Einblick in das, was schützenswert ist und wie viele Güter es in Mitteleuropa gibt. Außerdem war mir beim Bau des Kraftwerkes auch eine hohe Transparenz gegenüber der Bevölkerung wichtig. Daher haben wir unsere Vorhaben immer ganz klar kommuniziert und auch bei uns im Haus war eine hohe Akzeptanz vorhanden.

 

Ist Ihnen dadurch das schier Unmögliche, nämlich ein neues Kraftwerk, ohne Proteste von Anrainern und Bevölkerung zu bauen, gelungen?

Ja, diese Transparenz vor und während der Bauzeit hat sich in jedem Fall ausgezahlt. Die erste Informationsveranstaltung zur Umweltverträglichkeitsprüfung haben wir in der Feuerwache in Wels abgehalten. Normalerweise kommen zu so einer Veranstaltung sicher 200 bis 300 Anrainer. Bei unserer Infoveranstaltung war neben den Gutachtern vom Land Oberösterreich und den Gutachtern von unserer Seite sowie der Verhandlungschefin vom Land OÖ nur ein Anrainer dabei. Das hat uns gezeigt, wie gut im Vorfeld alle informiert waren. Großer Dank gebührt diesbezüglich unserem Kraftwerkschef Gerald Kalchauer und auch Franz Gruber, meinem Kollegen in der Geschäftsführung.

 

Hat es von Seiten des Naturschutzes keine Probleme gegeben?

Nein, ganz im Gegenteil. Der WWF hat vor kurzem eine Studie über Kraftwerksprojekte gemacht. Im Rahmen dieser Studie hat man sich neben der Naturverträglichkeit auch die Rentabilität beim neuen Kraftwerk Traunleiten angeschaut und festgestellt, dass wir hervorragen gearbeitet haben. Wir haben für den Neubau des Kraftwerkes 48 Millionen Euro geplant und konnten unter diesem Budget abschließen. So etwas kommt eher selten vor. Wir haben das Kraftwerk mit 537 Euro je Kilowattstunde projektiert und nun mit knapp über 500 Euro abgeschlossen. Zum Vergleich: Die Salzburger AG, die Energie AG und der Verbund bauen Kraftwerke um ungefähr 1.200 bis 1.400 Euro je Kilowattstunde. Dieser Vergleich gibt uns die Sicherheit, dass wir es richtig gemacht haben.

 

Also ist Ihnen ein Vorzeigeprojekt in allen Bereichen gelungen?

Ja, das kann man so sagen. Das neue Kraftwerk Traunleiten ist sicher vom Investment und auch von der Abwicklung her ein Vorzeigeprojekt, daher auch ein großes Dankeschön an die gesamte umliegende Bevölkerung für ihr Verständnis. Immerhin konnten die Anrainer das Gelände ein paar Monate lang nicht nützen, da die Baustelle ein Gefahrenbereich war. Auch die Bauherren der Firma Felbermayr und Porr als Dienstleister haben super Arbeit geleistet.

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© Martin Seifried/duapixel; Dominik Derflinger, Wels Strom

Das neue Kraftwerk Traunleiten erzeugt 100 Prozent Welser Ökostrom. Wie viel CO2 kann damit pro Jahr eingespart werden?

Mit dem Neubau des Kraftwerkes können wir die Leistung an Stromerzeugung im Gegensatz zum alten Kraftwerk um das Doppelte erhöhen und sparen gleichzeitig jedes Jahr 85.000 Tonnen an CO2. Das entspricht immerhin rund 13.000 Autofahrten rund um den Globus. 

 

Sie sind auch im Bereich der Elektromobilität sehr engagiert und starteten im Jahr 2017 mit Wels Strom ein E-Carsharing-Projekt für Wels. Was hat Sie dazu motiviert, auch auf diesem Gebiet Pionierarbeit zu leisten?

Wenn man die Bevölkerung mit Strom bedienen darf, dann gehört es für mich dazu, auch in im Bereich der Mobilität mitgestalten zu können. Für uns ist E-Carsharing ein logischer und wichtiger Schritt in eine nachhaltige Zukunft. Daddurch wird Elektromobilität für viele Menschen ohne große Investitionen erfahrbar.

 

Wie funktioniert das E-Carsharing von Wels-Strom und wie kommt es bei den Welsern an?

Interessierte können über das Internet ein Auto reservieren. Die Mietdauer und die Strecke müssen im Vorfeld angegeben werden. Das E-Carsharing wird gut angenommen. In den ersten eineinhalb Jahren wurden mit drei Elektro-Autos bereits mehr als 70.000 Kilometer zurückgelegt. Mittlerweile stehen der Bevölkerung vier Fahrzeuge zur Verfügung. Wir bieten günstige Tarife und ein Netz von 22 Stromtankstellen mit 34 Ladeplätzen in der Stadt.

 

Für das Projekt „E-Carsharing“ wurde Wels Strom beim Energy Globe 2018 ausgezeichnet. Haben Sie mit einem derartigen Erfolg gerechnet?

Wir wussten anfangs nicht, wie das Projekt in Wels angenommen wird, aber es hat sich bestens bewährt und wir werden es sicher weiter ausbauen, wenn wir genug Anfragen haben. Die Nachfrage für E-Carsharing ist vorhanden, für größere Besorgungen oder Umzüge bieten wir sogar einen Transporter an. 

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© Martin Seifried/duapixel; Dominik Derflinger, Wels Strom

Gibt es in Sachen E-Carsharing auch etwas Neues zu berichten?

Interessant ist unser neuestes Projekt mit einem Immobiliendienstleister im Vorchdorf, wo erstmals E-Carsharing als Eigentumsmodell bei Wohnanlagen realisiert wird. Dabei stellt der Immobiliendienstleister den Hausbewohnern ein Elektroauto zur Verfügung, das durch ein einfaches System unkompliziert und günstig genutzt werden kann. Wir von Wels Strom managen den Betrieb des Fahrzeuges. Die Vorteile des E-Carsharings bei Wohnanlagen liegen auf der Hand: Da PKW-Abstellplätze eingespart werden können, verringern sich die Anschaffungs- als auch die Betriebskosten für Wohnungskäufer.Ich bin mir sicher, dass derartige Projekte Zukunft haben werden.

 

Welches Auto fahren Sie eigentlich?

Einen elektrobetriebenen Kia Niro. Er hat im Sommer mit einem „Tank“ eine Reichweite von 400 Kilometer und im Winter von 380 Kilometer. Ich habe kein Zweitauto, wenn ich zum Beispiel nach Wien fahren muss, dann mit der Bahn. Das funktioniert sehr gut. 

 

Dennoch ist das Thema E-Mobility teilweise sehr umstritten. Die einen sehen in Elektrofahrzeugen die Zukunft, andere verteufeln sie. Wo sehen Sie die Zukunft?

Natürlich war der Umstieg auf ein Elektroauto auch für mich eine gewaltige Umstellung. Alleine schon deshalb, weil man immer bedenken muss, wie weit man mit einem „Tank“ fahren kann. Das ist natürlich im Vergleich zum Auto mit Verbrennungsmotor ein bisschen mühsam, aber das muss man in Kauf nehmen. Hat man allerdings die Umstellung von einem Verbrenner auf ein Elektroauto einmal geschafft, dann erwartet einen ein echtes Fahrvergnügen. Im Bereich der urbanen Mobilität ist die E-Mobility nach derzeitigem Entwicklungsstand optimal, das sieht man auch beim E-Carsharing in Wels.

 

Die Forschung beschäftigt sich derzeit auch mit Fahrzeugen mit Wasserstoff-Antrieb. Haben Sie hier Erfahrungswerte?

Ich habe im vergangenen Jahr für eine längere Zeit ein wasserstoffbetriebenes Auto getestet.Dass der Antrieb mit Wasserstoff optimal, steht außer Zweifel, es scheitert aber derzeit noch am Betankungsmodell. Denn die Besorgung von Wasserstoff ist in Wels schwierig. Wir errichten zwar gemeinsam mit der Firma Fronius Wasserstoff-Tankstellen, das Ganze steckt aber noch in den Kinderschuhen. Der Wasserstoff-Antrieb ist ein großes Zukunftsthema und ich bin mir sicher im Bereich des Güterverkehrs wird Wasserstoff ein Schlüssel für moderne Mobilität werden.