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People | 04.12.2019

Nach jedem Tal ein Berg

Eva Klampfer alias LYLIT beeindruckt mit ihrer gewaltigen Soulstimme und ihrer virtuosen Kompositionskunst. Sie hat nicht nur das neue Album von Conchita Wurst geschrieben, am 29. November ist auch ihr erster eigener Longplayer erschienen. Die Innviertler Soulröhre im Talk.

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Die aus Feldkirchen bei Mattighofen im Innviertel stammende Künstlerin Eva Klampfer alias LYLIT. (© Peter Grillmair)

"Wenn man etwas loslässt, gehen auf einmal alle Türen auf.“ Diese Worte fassen Eva Klampfers musikalische und seelische Berg- und Talfahrt der vergangenen Jahre perfekt zusammen. 2009 beim Boss des legendären amerikanischen Plattenlabels Motown Records unter Vertrag genommen (ihr Song „The Plan“ war in den USA „Single of the Week“ auf iTunes), war ihr Traum von einer Musikkarriere in den USA nicht von langer Dauer: Der Plattenboss ging pleite und entließ seine Künstler nicht mehr aus ihren Verträgen. Drei Jahre lang konnte die aus Feldkirchen bei Mattighofen stammende Eva Klampfer alias LYLIT keine Musik mehr veröffentlichen. Doch ihr Herz und ihre Seele brennen nur für die Musik, und so kommt es, dass die stimmgewaltige Soulröhre nach ihrer Zwangspause stärker und lauter zurückkommt: mit dem ersten eigenen Album „Inward Outward“ – und das, nachdem LYLIT auch Conchita Wursts kurz davor erschienenes Elektropop-Album „Truth over Magnitude“ komponiert hat.

 

Eva, wie sind Sie zur Musik gekommen?

Eva Klampfer: Im Grunde hat alles am Pianino des Nachbarn begonnen. Ich war als Vierjährige bei ihm, und laut Erzählungen meiner Mama habe ich mich zum Pianino gesetzt und nicht mehr aufgehört zu spielen. Es war so exzessiv, dass meine Eltern und mein Opa, der sehr musikalisch war, beschlossen haben, mir ein kleines, altes Pianino zu kaufen. Damit ist es losgegangen. Ich habe meine Kindheit hauptsächlich am Klavier verbracht.

Mit zwölf habe ich dann zum ersten Mal Gospelmusik gehört – da war es um mich geschehen. Nun habe ich auch zu singen begonnen und mit neun Freundinnen einen Gospelchor gegründet. Wir sind mit Konzerten von Kirche zu Kirche getingelt und haben freiwillige Spenden für die Kinderkrebshilfe gesammelt.

 

Wie ging es dann weiter? Welche musikalische Ausbildung haben Sie genossen?

Mit 14 ging ich aufs Musikgymnasium, ins Internat, nach Linz und habe dort klassisches Klavier gelernt. Ich war damals schon viel mit meiner Band unterwegs, hatte bereits viele Lieder geschrieben. Irgendwann bin ich auf Jazzgesang umgestiegen und habe mit 17 auch Jazzgesang mit klassischem Klavier als Schwerpunkt studiert und meinen Master gemacht.

 

Ihr Talent hat sich also sehr früh bemerkbar gemacht.

Ja. Das ist in der Musik sehr selten, weil Stimmen ja immer „ausgewachsen“ sein müssen, aber ich war, glaube ich, ein sehr begabtes Kind, das nichts anderes getan hat, als Musik zu machen.

 

Mit dem Spruch „Lern was G’scheites, Kind!“ wurden Sie also nie konfrontiert?

(lacht) Nein, gar nicht. Für meine Eltern war es so offensichtlich, dass Musik das ist, was ich machen muss – was super war, denn mit 14 ist man schon ein bisschen zerrissen. Wegzugehen von den Freunden, in eine andere Stadt zu gehen, das ist nicht ganz einfach in dem Alter. Meine Mama ist mit mir zur Bruckneruni gefahren und hat mir ein Klavier-Vorspiel organisiert. Ich hatte damals Zopferl, blaue Fingernägel und zerrissene Jeans, und das Erste, was der Professor, bei dem ich vorgespielt habe, zu mir gesagt hat, war: „Spielst du so, wie du aussiehst?“ Das war eigentlich total gemein. (lacht) Meine Antwort war: „Nein, so singe ich.“ Seine Antwort war: „Na gut, dann starte, es wird eh nicht lange dauern.“ Nach zirka einer Minute hat er sich entschuldigt, er hatte sich wirklich vom äußeren Eindruck so täuschen lassen.

 

Nun zu einem schwierigen Kapitel in Ihrem Leben: Der Motown-Plattenboss, bei dem Sie in den USA unter Vertrag waren, ging pleite und sie durften drei Jahre lang keine Songs veröffentlichen. Wie erging es Ihnen damals?

Es war ganz eigenartig, alles hatte ja begonnen wie der absolute Traum. Das Problem war, dass ich so lange nicht gewusst hatte, was Sache war. Hätte ich gewusst, dass er einfach pleitegegangen war, hätte ich das nicht so auf mein eigenes Ich abgewälzt. Aber es wurde mir anders verkauft, so, als würde ich noch ein bisschen Zeit brauchen, als wäre ich noch nicht gut genug. Ich habe irgendwann nur mehr für ihn Lieder geschrieben, damit er zufrieden war, und das hat mich, glaube ich im Nachhinein, trauriger gemacht als die Tatsache, dass ich die drei Jahre warten musste. Es war gut, wieder zurück nach Wien zu kommen, zurück nach Hause, Halt dort zu finden. Es war seelisch eine schwierige Zeit, eine Sinnfindungsphase.

 

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© Peter Grillmair

Was haben Sie während der drei Jahre Zwangspause gemacht?

Ich habe viel an mir gearbeitet und versucht, Glück zu finden, auch wenn ich gerade nicht wusste, wie es weitergehen würde mit meiner Karriere. Und genau als ich innerlich etwas losgelassen hatte, hat mich Conchita gefragt, ob ich ihr Album schreiben möchte. Das war dann der Start davon, dass es wieder bergauf ging. Ich war anfangs noch sehr vorsichtig, meinte zu Conchita, schauen wir uns das doch erst einmal an, lass uns einmal nur zwei Songs machen ... Aber sie meinte gleich, nein, mach das ganze Album. Wir hatten dann so einen tollen Workflow, dass sich alles ganz von selbst ergeben hat. So kam es, dass ich Conchita Wursts neues Album „T.O.M. – Truth over Magnitude“ geschrieben habe, das am 25. Oktober 2019 erschienen ist.

 

Sie haben nach der dreijährigen Pause aber auch Ihre erste eigene EP „Aurora“ veröffentlicht ...

Genau. Nach dem dunklen Tal, in das ich bis Mitte 2017 abgetaucht bin, war plötzlich alles wie ein Wasserhahn, den man nicht mehr zudrehen kann. Ich habe noch nie so viel Musik geschrieben wie in dieser Zeit. Seither geht es gut, das Kreative ist zurück.

 

Sie schreiben also alle Songs für LYLIT selber?

Ja, ich habe aber einen musikalischen Partner an meiner Seite, der mich lenkt. Andreas Lettner begleitet mich und produziert alles, was ich mache.

 

Was haben Sie Positives von der Arbeit in den USA mitgenommen?

Ich kenne niemanden, der jemals so eine Möglichkeit gehabt hat, in so ein Big Business eintauchen zu dürfen. Es war schon sehr überwältigend als Österreicherin, ich hatte davor ja noch nie einen Vertrag angeboten bekommen, und dann gleich so einer. Ich bereue nichts. Natürlich war es schade, dass es nicht geklappt hat, aber das Schöne war, dass ich gemerkt habe, dass es nicht an mir gelegen hat, sondern dass es vielen anderen auch so erging. Ich bin durch das Erlebte wieder zu dem zurückgekehrt, wo ich als Kind angefangen habe: Ich schreibe für mich und schaue dann, ob es den Leuten gefällt, nicht umgekehrt.

 

Am 29. November erscheint Ihr erstes eigenes Album „Inward Outward“. Was finden die Hörer darauf?

Das Album ist zwar eine Art Weiterführung von „Aurora“, die Songs davon kommen darauf aber gar nicht vor. Wir waren im Sommer in einem Steinhaus in der Toskana mit einem unglaublichen Ausblick, wo es kein Internet und keinen Telefonempfang gab. Da ist plötzlich eine ganz weiche Seite von mir he­rausgekommen, die uns total getaugt hat. Da haben wir angesetzt und ganz neue Songs geschrieben, sehr schnell, von Mai bis jetzt.

 

Sind demnächst Live-Auftritte in Oberösterreich geplant?

Wir sind ab März auf Tour, da wird auch Oberösterreich dabei sein. Ich freu mich!

 

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LYLITS neue CD "Inward Outward" ist seit 29. November erhältlich.