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People | 02.07.2018

Mit kreativem Chaos zum Erfolg

Seit 69 Jahren bürgt der Name Tostmann für Qualität. Wir haben Anna Tostmann-Grosser, Zweifachmama, Chefin von 120 Mitarbeitern und Neo-Wirtin, in ihrem Bandlkramerey-Café in Seewalchen besucht und über Werte, Familie und Trends gesprochen.

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Naturliebhaberin Anna Tostmann am Steg der Villa Paulick in Seewalchen am Attersee. (© Karin Lohberger)

Für unser Covershooting treffen wir Anna Tostmann-Grosser (42) an einem traumhaft schönen Frühlingstag in der Bandlkramerey in Seewalchen. Schon frühmorgens ist das neue Café und Kulturzentrum, das die Familie Tostmann nur wenige Gehminuten vom Trachtengeschäft entfernt eröffnet hat, gut besucht. Einheimische wie auch Sommergäste genießen auf der Terrasse ein herzhaftes Frühstück und einen grandiosen Blick auf den Attersee.

Wie schon beim Trachtenunternehmen, das Anna Tostmanns Großmutter Marlen (1915-2017) vor 69 Jahren gegründet hat, liegt auch in der Bandlkramerey der Fokus auf hoher Qualität, Wertigkeit und Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihrer Mutter Gexi gibt Anna Tostmann-Grosser in Sachen Tracht und Dirndl österreichweit den Ton an. Und wenn man betrachtet, wie sie aus dem halb verfallen Büchsenmeistergütl ein Schmuckkasterl par excellence gemacht haben, dann steht eines fest: Was diese Frauen anpacken, funktioniert zu mehr als 100 Prozent – ohne dass sie dabei je den Blick fürs Wesentliche verlieren. Denn Begriffe wie Tradition, Regionalität und Nachhaltigkeit werden nicht als werbewirksame Floskeln verwendet, sondern ehrlich gelebt. Vor allem von der Wegwerfgesellschaft nimmt man Abstand. Daher werden bei Tostmann Trachten keine Wegwerf-Kollektionen erzeugt und auch der Umbau der Bandlkramerey wurde höchst sensibel abgewickelt. Kein Wunder, dass im Café vorwiegend Bio-Lebensmittel aus der Region auf den Teller kommen.

 

„Lieber ein Dirndl in zehn Tagen als zehn Dirndl an einem Tag erzeugen“ war der Leitspruch Ihrer Großmutter Marlen Tostmann. Hat dieser eigentlich noch Gültigkeit?

Anna Tostmann-Grosser: Mit dieser Philosophie könnten wir heute nicht überleben, aber meine Großmutter hat das symbolisch gemeint. Und die Philosophie dahinter hat immer noch Gültigkeit, weil wir sehr viel Wert auf Details und Handarbeit legen und ausschließlich in Österreich produzieren.

 

Ursprünglich waren Sie ein „Hosenkind“ und haben Jus studiert. Wie kam es, dass Sie im Unternehmen der Mutter gelandet sind?

Schon während der Schulzeit und dem Studium habe ich immer bei Tostmann Trachten mitgearbeitet. Es hat mir extrem viel Spaß gemacht, aber ich wollte ein zweites Standbein haben, daher habe ich Jus studiert. Als ich schließlich ganz ins Unternehmen eingestiegen bin, war ich rundum glücklich, weil ich mich richtig reinknien konnte.

 

Seit dem Jahr 2002 sind Sie in der Geschäftsführung von Tostmann Trachten. Inwieweit ist Ihre Mutter, die mit ihren 76 Jahren topfit ist, noch im Unternehmen tätig?

Meine Mutter nimmt mir im Bereich der Kundenpflege sehr viel ab, weil mir dazu leider oft die Zeit fehlt. Und auch um unser Wiener Geschäft kümmert sie sich. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

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Im Garten vor der Bandlkramerey sind die ersten Kirschen reif. (© Karin Lohberger)

Was genau machen Sie in der Firma?

Das frage ich mich auch manchmal. (lacht) Im Prinzip bin ich die Entscheidungsträgerin. Ich habe ein tolles Team, das perfekt funktioniert und auf das ich mich verlassen kann.

 

Ihre beiden Kinder sind sechs und drei Jahre alt. Arbeiten Sie Vollzeit in der Firma?

Grundsätzlich ist mein Tag völlig unstrukturiert, und wenn er einmal gut durchgeplant ist, kommt sicher etwas dazwischen. Ob in der Bandlkramerey oder bei Tostmann Trachten, ich bin immer dort, wo ich am meisten gebraucht werde, da gibt es keine fixe Aufteilung. Während der Umbauarbeiten des Büchsenmachergütls und der Aufbauarbeiten der Bandlkramerey lag mein Schwerpunkt allerdings in diesem Bereich. 

 

Sie arbeiten mit Ihrem Mann Florian, der auch in der Geschäftsführung tätig ist, Seite an Seite. Wie funktioniert das?

Mein Mann hat Wirtschaft studiert und danach in seiner Heimat Bayern gearbeitet. Unsere Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass er einen völlig anderen Bereich abdeckt als ich. Er mischt sich bei mir nicht ein und umgekehrt. Aber natürlich sprechen wir uns ab. Wie bei privaten Dingen sind wir auch beruflich nahezu immer einer Meinung.

 

Im Museum in der Bandlkramerey kann man Kleider aus den Anfängen von Tostmann Trachten bewundern. Sind die Schnitte, die Ihre Großmutter Marlen Tostmann in den 1950er-Jahren kreiert hat, noch immer in Verwendung?

Ja, die Omi hat einen Stock an tollen Schnitten geschaffen, auf dem wir immer noch aufbauen. Es handelt sich dabei um sehr gute Schnitte. Auch unsere Wiederverkäufer betonen, dass so gut wie niemand mit Tostmann-Schnitten mithalten kann. 

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Anna Tostmann-Grosser mit ihrem Mann Florian Grosser, der ebenfalls in der Geschäftsführung von Tostmann Trachten tätig ist. (© Karin Lohberger)

Neben Tostmann Dirndln bieten Sie auch Tracht anderer Hersteller an. Mit welchen Firmen arbeiten Sie zusammen?

Unser wichtigster Lieferant ist die Firma Meindl aus Bayern mit ihren Lederhosen, und auch mit Lodenfrey und Schneiders arbeiten wir zusammen. Seit einigen Jahren haben wir eine hauseigene Herrenkollektion, die wir selber entwerfen. Die Teile werden in einer Werkstatt in der Steiermark genäht.

 

Blöde Frage, aber können Sie nähen?

Leider nein, aber ich würde es gerne können. Die einzige, die wirklich nähen konnte, war meine Großmutter. Meine Mutter ist sogar noch ungeschickter als ich. Wir können beide nicht nähen, und wir können auch nicht kochen. Darum haben wir uns einen Gastronomiebetrieb dazu genommen. (lacht)

 

Im Vorjahr waren Sie zum ersten Mal auf der Fashion Week in Paris. Tostmann Trachten hat für die berühmte Brit-Designerin Vivienne Westwood Dirndl gefertigt. Wie kam es dazu und sind diese Dirndl bei Tostmann erhältlich?

Die Dirndl wurden 2016 gemeinsam mit Vivienne Westwood und ihrem Mann Andreas Kronthaler bei uns in Seewalchen erarbeitet. In unserer Werkstatt wurden Musterteile gefertigt und die finalen Modelle wurden teilweise mit unseren Stoffen genäht. Die Kollektion heißt „Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood“, die Modelle haben aber auch unsere Tostmann-Etiketten. Es gibt pro Größe jeweils nur ein Model und die Kleider werden ausschließlich von Vivienne Westwood vertrieben.

 

Was muss eine Designerin haben, damit Sie mit ihr zusammenarbeiten?

Die Philosophie muss stimmen! Vivienne Westwood und ihr Mann Andreas sind mit sehr viel Respekt an unser Projekt herangegangen. Vivienne Westwood hat ein unglaubliches Wissen im Bereich der Tracht, ihr Mann stammt aus Tirol und ist mit Tracht aufgewachsen. Sie sind beide „Botschafter der Tracht“, weil sie sich immer wieder in der Öffentlichkeit positiv für die Tracht stark gemacht haben. Auch zu einer Zeit, wo diese noch nicht so populär war. Außerdem gehen wir in Sachen Nachhaltigkeit konform, wir nehmen genauso wie Vivienne Westwood Abstand von der Wegwerfgesellschaft.

 

Auch beim diesjährigen Life Ball unter dem Motto „The Sound of Music“ war Tostmann mit Kleidern auf der Bühne stark vertreten. Wie kam es dazu? 

Es ist für mich selbstverständlich, dass wir bei so einem großartigen Event mitmachen. Der Kampf gegen HIV und die Aufklärung über diese Krankheit sind ganz wichtige Themen. Dass Organisator Gery Keszler als Motto „The Sound of Music“ wählte, sorgte mehrfach für Unverständnis, gilt das Musical als Hollywood-Kitsch und wird hierzulande bestenfalls belächelt. Dass dahinter eine hochpolitische wahre Geschichte steht, ist vielen nicht bewusst. Für uns war der Life Ball ein tolles Erlebnis. Eine Tanzgruppe war bei ihrem „Bandltanz“ ganz in Tostmann gekleidet, und zum Abschluss defilierte noch „unser“ Vivienne Westwood-Kleid bei der Modenschau. Auch die über hundert Debütantinnen trugen Kleider, die Amra Bergmann entworfen hat und die von uns und von Schülerinnen der „Herbststraße“ umgesetzt wurden.

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Die Bandlkramerey ist keine Eventlocation, sondern ein Kulturzentrum und ein Treffpunkt fürJung und Alt. (© Karin Lohberger)

Vor sieben Jahren haben Sie in Seewalchen das „Büchsenmeistergütl“ gekauft und das halb verfallene Gebäude in die Bandlkramerey umgewandelt. Was hat Sie dazu bewogen?

Dass wir das Haus gekauft haben, war ein Zufall. Ich wusste damals nur, dass es abgerissen werden und einer Wohnanlage samt Tiefgarage weichen sollte. Jeden Tag, wenn ich an diesem Haus vorbeigefahren bin, war ich unglücklich. Durch Zufall habe ich den Eigentümer kennengelernt und ihn kontaktiert. Natürlich war das Haus in einem schlechten Zustand, aber die Substanz war Großteils sehr gut. Obwohl es einige Jahre leer stand, hatte es eine große Ausstrahlung. Wir konnten nicht anders und haben es gekauft. 

 

... und mit sehr viel Respekt und dem Aspekt der Nachhaltigkeit umgebaut.

Wir haben uns bemüht, wenig wegzuwerfen. Wir haben zum Beispiel die alten Böden wiederverwendet, alle Sessel, Tischbeine und Bänke sind aus dem Holz vom alten Dachstuhl gefertigt. Wir haben auch Steine wiederverwendet. Außerdem haben wir mit Handwerkern aus dem Bezirk gearbeitet. Lediglich die Lampen sind von einem bayerischen Lichtspezialisten, und der Boden kommt aus Scharnstein.

 

Der regionale Gedanke zieht sich jetzt auch bei den Lebensmitteln und Produkten für die Bandlkramerey durch.

Ja, genau. Wir haben einen Bio-­­Gas­tro-Lieferanten, wir kaufen Biomilch vom Attersee, Bioeier aus Regau und Fleisch von Biobauern aus dem Bezirk.

 

Und wie geht es Ihnen als „Wirtin“?

Sehr gut, es macht mir unglaublich viel Spaß. Obwohl die Gastronomie ganz anders funktioniert als unser Trachtenunternehmen. Alles ist viel schnelllebiger und ich könnte mich noch mehr hineinknien, wenn ich mehr Zeit hätte. Aber wir haben ein tolles Team und von den Gästen kommt sehr viel zurück. Langsam sind wir dort, wo wir immer hinwollten. Wir sind keine Eventloca­tion, sondern ein Kulturzentrum und ein Treffpunkt für Jung und Alt.

 

Wenn Not am Mann ist, hilft Anna Tostmann dann auch mit?

Also, das Servieren vermeide ich. Ich helfe lediglich beim Abservieren, denn da kann außer kaputtem Geschirr nicht viel schiefgehen. (lacht) Am liebsten helfe ich in der Abwasch, da fühle ich mich am sichersten.

 

Wie viele Gästen können Sie bewirten?

Wir bringen rund 100 Gäste bequem unter. Bei Veranstaltungen, die oft auch im Museum im ersten Stock stattfinden, haben bis zu 140 Personen Platz.

 

Sie leiten zwei Betriebe. Wie sind Sie als Chefin?

Chaotisch! Ich neige dazu, von allen zu erwarten, dass sie meine Gedanken lesen können. Viele meiner Mitarbeiter leiden sicher darunter, dass ich erst unter Druck so richtig gut arbeiten kann. Das war auch schon während meines Studiums so. Für jemanden, der gut organisiert ist und strukturiert arbeitet, ist es natürlich fatal, wenn ich erst am Abend vor einer Deadline so richtig kreativ werde.

 

Welche Werte vermitteln Sie Ihren Kindern?

Ich möchte, dass meine Kinder so normal wie möglich aufwachsen. Einerseits haben sie durch die Firma Privilegien, andererseits aber auch Nachteile. Ich war zum Beispiel gleich nach der Geburt wieder im Unternehmen. Im Ort haben sie es sicher mit dem Namen Tostmann teilweise nicht so einfach, da es Berührungsängste gibt. Es ist mir wichtig, meinen Kindern Werte wie Toleranz und Natur- sowie auch Umweltbewusstsein mitzugeben.

 

Sieht man Anna Tostmann auch mal in Jeans und Lederjacke?

Ich bin in der Freizeit immer sehr leger angezogen. Mit Lederjacke wird man mich nicht sehen, das wäre gegen mein Prinzip. Ich trage lediglich Schuhe aus Leder und bin Vegetarierin.

 

Können Sie uns noch die neuesten Trends beim Dirndl verraten?

Der Trend beim Dirndl orientiert sich von der Farbe her an der gängigen Mode. Die Längen sind wieder kürzer. Heiraten in Tracht ist schon seit Jahren ein ganz großes Thema. Und auch die Jugend trägt gerne Tracht. Vor 15 Jahren wäre es für ein 16-jähriges Mädchen eine Strafe gewesen, ein Dirndl anzuziehen. Heute geht man auch gerne geschlossen im Dirndl zur Matura oder auf Feste.