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People | 26.08.2022

Mit Know-how und Innovationsgeist durch Krisen

Im Juni dieses Jahres ging BMW mit der Verkündung, künftig vermehrt auf die Produktion von Elektroantrieben zu setzen, an die Öffentlichkeit. Eine Milliarde Euro will die BMW Gruppe bis 2030 in den Standort Steyr investieren. Maßgeblich daran beteiligt, das BMW-Motorenwerk Steyr zu einem der wichtigsten Produzenten und Entwickler für Elektroantriebe bei BMW zu machen, ist Dr. Alexander Susanek, seit Jänner 2020 dortiger Geschäftsführer. Ein Gespräch.

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Dr. Alexander Susanek ist seit Jänner 2020 Geschäftsführer beim BMW-Motorenwerk in Steyr.

Die Automobilbranche hinkte anderen Branchen beim Klimaschutz, bei der Nachhaltigkeit, der Digitalisierung und neuen Technologien lange stark hinterher. Inzwischen ist man auf den Umweltzug aufgesprungen und hat eine Wende eingeleitet in Richtung Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Tesla hatte der Automobilindustrie vor Augen geführt: Wer den Wandel nicht mitgestaltet, bleibt auf der Strecke. 

Die Gegebenheit des Wandels prägt die zweieinhalb Jahre, in denen Alexander Susanek Geschäftsführer der BMW Gruppe im Werk Steyr ist, gleich in mehrerlei Hinsicht. Nicht nur die im Juni öffentlich angekündigte Transformation des jahrzehntelangen Spezialisten für den Bau von Verbrennungsmotoren zu einem Zentrum der E-Mobilität, auch die Coronapandemie, die kurz nach seiner Übernahme die Welt ins Wanken gebracht hat, hat einen Wandel erzwungen und nicht nur den BMW-Konzern vor große Herausforderungen gestellt. Ebenso in den Zeitraum von Susaneks Werksübernahme fällt der Ukrainekrieg und die auf diesen zurückzuführenden Lieferausfälle von Kabelbäumen, die Produktionsausfälle im Werk Steyr nach sich zogen. Der gebürtige Deutsche wächst an den Herausforderungen der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart. In Zeiten der Krise sorgt er für eine langfristige Absicherung des Standorts Steyr, sichert die Wettbewerbsfähigkeit des Werks, erhält und schafft Arbeitsplätze, setzt Meilensteine in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit und stärkt die Führungsposition des Werks Steyr in Sachen Automobilantrie­be. Im Gespräch über die Elektro-Offensive, Nachhaltigkeit in der Produktion und Handlungsbedarf bei der E-Ladeinfrastruktur wurden nicht nur einige Erfolgsgeheimnisse von BMW offenbar, sondern auch vom Geschäftsführer im Werk Steyr: Alexander Susanek ist jemand, der es versteht, Krisen produktiv zu nutzen.   

 

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Einblicke in die E-Antriebsproduktion im Werk Dingolfing – so ähnlich wird es ab 2025 auch im Werk Steyr aussehen.

Sie sind seit Jänner 2020 Geschäftsführer des weltgrößten Motorenwerks der BMW Group, ein Zeitpunkt, seitdem eine globale Krise die andere ablöst: die Coronapandemie, der Halbleitermangel, die EU-Vorgaben, die das Ende des Verbrennungsmotors einleiten, jetzt die völlige Neuausrichtung im Werk – man kann sich durchaus leichtere Zeiten zur Übernahme eines Motorenwerks dieser Größenordnung vorstellen. Dennoch ist BMW Steyr immer noch eines der erfolgreichsten und umsatzstärksten Unternehmen des Landes. Wie schaffen Sie das? 

Das geht nur mit einem starken Team. Wir können hier mittlerweile auf 40 Jahre Erfahrung und Kompetenz zurückblicken. Das Werk in Steyr ist der führende Antriebsstandort der BMW Group. Das hilft natürlich als Startbedingung. Was wir bewusst getan haben: Wir haben uns ernsthaft und schonungslos mit den Zeichen der Zeit auseinandergesetzt und haben uns strategisch für kommende Herausforderungen aufgestellt.

Natürlich haben wir derzeit nicht die besten Rahmenbedingungen – auch in Hinblick auf den Krieg in der Ukraine und die globalen Lieferkettenprobleme. Aber diese Rahmenbedingungen gelten ja nicht nur für uns, sondern für alle unsere Wettbewerber. Und ich bin mir sicher, dass wir uns im Vergleich bisher sehr gut geschlagen haben. Am wichtigsten aber ist: Wir haben eine hochmotivierte Mannschaft, die das nötige Know-how besitzt und in den letzten zwei Jahren viel Flexibilität bewiesen hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam auch kommende Herausforderungen stem­men werden und an einem Strang ziehen. 

 

Mitte Juni wurde verkündet, dass BMW künftig voll auf E-Mobilität setzen wird. Knapp eine Milliarde Euro soll im weltweit größten Motorenwerk der BMW-Gruppe in die Entwicklung und Fertigung von Elektromotoren investiert werden. Das sei „der wichtigste Meilenstein seit der Grundsteinlegung“ und sichere die Zukunft des Standorts, sagten Sie in einem Interview mit dem „Kurier“. Die Serienproduktion soll schon in gut drei Jahren, im Herbst 2025, anlaufen. Das ist ein ambitioniertes Ziel. Was muss noch alles bewerkstelligt werden?

Um die E-Mobilität organisatorisch bestmöglich im Werk zu verankern, haben wir bereits erste Maßnahmen getroffen. Aber bis zum Anlauf der Produktion liegt noch viel Arbeit vor uns: Der Bau der neuen Gebäude folgt einem straffen Zeitplan. Parallel laufen die Ausplanung und Bestellungen für die neuen Produktionsanlagen. Gleichzeitig bauen wir in der Belegschaft Kompetenzen in Hinblick auf die Fertigung von Elektromotoren auf. Dazu stehen wir in engem Austausch mit anderen Werken im BMW Group Produktionsnetzwerk. Zum Beispiel waren in den letzten Monaten Mitarbeiter von uns in der E-Motoren-Fertigung im Werk Dingolfing im Einsatz. Die dort gewonnenen Einblicke geben sie nun an ihre Kollegen weiter. Wir bereiten uns also sehr frühzeitig auf die neuen Produkte vor. 

 

Handelt es sich bei den 620.000 Einheiten, die jährlich vom Band laufen sollen, um einen neuen Motorentyp? In welche Modelle wird er eingebaut? 

Wir werden im Werk Steyr die neue Generation des E-Antriebs herstellen und dabei das gesamte Typenspektrum an E-Antrieben abdecken. Zusätzlich werden wir einen komplett neuen High-Performance-E-Antrieb für die Fahrzeuge der BMW M GmbH hier entwickeln und auch produzieren. Mit diesem neuen Antrieb werden wir ein echtes Ausrufezeichen am Markt setzen. Mehr darf ich Ihnen aber dazu jetzt noch nicht verraten. Es freut mich sehr, dass wir auch in Zukunft emotionale Produkte bei uns im Werk entwickeln und herstellen werden, die für das Fahrerlebnis unserer Kunden eine ganz entscheidende Rolle spielen. 

 

 

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Im weltgrößten Motorenwerk der BMW Group in Steyr soll ab 2025 die neue Generation des E-Antriebs hergestellt werden. Vom Ende des Verbrennungsmotors zu sprechen, wäre jedoch verfrüht.

Ab dem Jahr 2035 will die EU-Kommission EU-weit nur mehr emissionsfreie Autos, also solche ohne Verbrennungsmotor, zulassen. Die Technologie ist da, an ihrer Verbesserung wird intensiv geforscht und gearbeitet. Wie sieht es aber mit der Ladeinfrastruktur für E-Autos aus? Sie scheint der Produktion hinterherzuhinken.

Beim Thema Ladeinfrastruktur gibt es nach wie vor großen Handlungsbedarf. Individuelle Mobilität ist für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags, und daher ist die Ladeinfrastruktur eine essenzielle Grundlage, damit die E-Mobilität von den Menschen angenommen wird. Ebenso wichtig ist, dass die Ladesäulen mit Grünstrom betrieben werden. Es ist an der Politik und an den Energieversorgern, diese Themen rasch in Angriff zu nehmen. Wenn die Infrastruktur fehlt, ist es den Kunden schlichtweg nicht möglich, vollständig auf Elektromobilität umzusteigen.

 

BMW-Konzernchef Oliver Zipse sprach sich kürzlich in einem Interview mit der „Neue Zürcher Zeitung“ gegen eine alleinige Fokussierung auf die Batterie aus, weil diese neue Abhängigkeiten von Rohstoffen, die nicht aus Europa kommen, schaffe (Stichwort: Autokratien wie Russland und China). Resilienz brauche Vielfalt. Zipse plädierte im Interview für Technologie-Offenheit. Bedeutete die E-Offensive das Ende des Verbrenners? Oder wird noch an dessen Optimierung – immerhin liegt die Kernkompetenz von BMW Steyr im Verbrennungsmotor – geforscht und gearbeitet?

Wir haben im BMW Group Werk Steyr 2021 über 1,1 Millionen Verbrennungsmotoren produziert, und das wird sich auch 2022 in etwa in diesem Rahmen bewegen. Die Anzahl wird auf längere Sicht natürlich sinken, aber eben nicht von heute auf morgen. Unser Angebot richtet sich nach der Nachfrage der Kunden. Dabei beliefern wir nicht nur Europa, sondern den Weltmarkt. Wir können also davon ausgehen, dass wir auch weiterhin Benzin- und Dieselmotoren in Steyr produzieren und diese kontinuierlich weiterentwickeln werden. Entscheidend für unser Werk ist, dass wir mit dem Start der E-Antriebsproduktion in 2025 auf zwei gesunden Standbeinen stehen und somit den Standort langfristig absichern. Bezüglich der Kompetenz ist mir eines wichtig: Wir haben über 40 Jahre Erfahrung in der Entwicklung und Produktion von Motoren. Und anders als manch einer denkt, kann man dieses Know-how sehr gut auf elektrische Antriebe übertragen. Natürlich braucht es auch eine Qualifizierung für die neuen Technologien. Aber diese packen wir systematisch an, und ich bin mir ganz sicher, dass wir damit an die Erfolge, die wir mit dem Verbrennungsmotor erzielt haben, anknüpfen können.

 

Wie hoch wird der Produktionsanteil von Elektromotoren im BMW-Werk Steyr ab 2025 etwa sein?

Wir beginnen 2025 mit der Serienproduktion des neuen E-Antriebs. Ab 2030 soll dann rund die Hälfte unserer Mitarbeiter im Bereich der E-Mobilität tätig sein. Somit sind wir für alle Szenarien aufgestellt. Ich kann aber leider nicht in die Glaskugel schauen – die tatsächliche Produktionsaufteilung wird sich letztendlich an der Kundennachfrage orientieren.

 

Nachhaltigkeit hat nicht nur bei den Produkten, sondern auch bei der Produktion einen hohen Stellenwert: Bereits 2025 soll der gesamte Energiebedarf im BMW Group Werk Steyr zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen bezogen werden. Davon sind Sie schon heute nicht mehr weit entfernt. Das ist beachtlich. Wie geht das?

Unsere Energieversorgung ist bereits heute zu über 80 Prozent CO2-neutral: Wir beziehen zu 100 Prozent Grünstrom. Die geografische Lange hilft da natürlich, wenn man zum Beispiel an die Wasserkraftwerke in der Region denkt. Unseren Wärmebedarf werden wir ab spätestens 2025 vollständig durch Fernwärme aus regional nachwachsender Biomasse decken. Dazu haben wir bereits letztes Jahr eine Absichtserklärung mit der Fernwärme Steyr geschlossen. Zusätzlich senken wir unseren Energieverbrauch laufend durch Effizienzsteigerung in der Produktion. Wir sind davon überzeugt, dass jeder Beitrag notwendig ist, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Und das ist unser klares Bekenntnis, dafür alles uns Mögliche zu tun.

Zur Person

Alexander Susanek, 1975 in München geboren, studierte Maschinenbau an der TU München. Danach absolvierte er ebendort ein betriebswirtschaftliches Aufbaustudium und promovierte anschließend an der Ludwig-Maximilians-Universität München in Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Susanek zunächst in verschiedenen Fach- und Führungspositionen beim internationalen Nutzfahrzeughersteller MAN Truck & Bus mit Sitz in München, bevor er 2014 in der BMW Group einstieg und dort rasch die Karriereleiter hochkletterte. Im Jänner 2020 folgte der sportbegeisterte Münchner und dreifache Vater Christoph Schröder als Geschäftsführer der BMW Group im Werk Steyr. Alexander Susanek ist ehrenamtliches Mitglied im Rat für Forschung und Technologie in Oberösterreich sowie Mitglied des Bundesvorstandes bei der Industriellenvereinigung.

 

Fotos: BMW Group Werk Steyr, Tom Kirkpatrick/BMW AG