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People | 20.11.2019

Mit immer weniger immer zufriedener sein

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Roland Düringer (© Andrea Sojka Sein)

Ob in Kultfilmen („Muttertag“, „Hinterholz 8“), TV-Serien („MA 2412“), im Solokabarett („Benzinbrüder“, „Ein­zelstück“), als Gärtner („Der wilde Gärtner“), Wutbürger, Buchautor („Weltfremd“) oder politischer Aktivist – egal, welche Rolle Roland Düringer innehat, das Publikum hängt an seinen Lippen wie bei sonst kaum einem Kleinkünstler. Mit seinen Geschichten zieht der 1963 in Wien geborene und im Bezirk St. Pölten lebende Vater einer 19-jährigen Tochter die Menschen in seinen Bann, bringt sie zum Lachen – oder auch zum Nachdenken, und das seit mittlerweile mehr als 30 Jahren. 

Seit November tourt Roland Düringer mit seinem neuen Programm „Africa Twinis“ durchs Land, ein Anlass, um den Kabarettisten, Schauspieler, Polit-Aktivisten – und nicht zu vergessen: Philosophen – zum Gespräch zu bitten. Denn eines vorweg: Uns ist noch selten eine so treffende Definition von „Glück“ untergekommen wie die von Roland Düringer ...  

 

OBERÖSTERREICHERIN: Die Afrika Twin, an die der Titel Ihres neuen Stücks offenbar angelehnt ist, ist ein legendäres Motorrad von Honda, das schon fast jeder Biker einmal besessen hat oder besitzen wollte. Es klingt ganz danach, dass Sie in Ihrem neuen Programm wieder zurück zu Ihren Wurzeln als Benzinbruder kehren. Täuscht das?

Man soll sich bekanntlich vom Titel und der eigenen Interpretation des Pressetextes nicht täuschen lassen. In meinem Stück „Africa Twinis“ steht die Sehnsucht nach dem großen Abenteuer im Zentrum der Geschichte, auch die Angst vor dem Scheitern und der Erkenntnis, dass man letztlich nicht das Leben gelebt hat, das man eigentlich leben wollte. 

 

Es geht darin um zwei Männer Mitte 50 – Engl und Loisl –, die nachholen, was sie in ihrer Jugend versäumt haben. Sie wagen das große Abenteuer, wollen mit dem Motorrad nach Dakar fahren, das Ziel der großen Rallye Paris-Dakar. Welche Hürden stellen sich ihnen? 

Die größte Hürde bei diesem Abenteuer sind die beiden Helden selbst. Die Motorradreise bildet nur den Rahmen, und Dakar ist für meine Protagonisten kein Etappenziel, sondern ein Fluchtpunkt vor der eigenen Lebensrealität. Es geht um die große Hoffnung, nach 15.000 Kilometern durch die Wüste als jemand anderer am Ziel der Reise anzukommen. Und wie es im Theater so ist: Das Scheitern der Helden macht die Geschichte zur Komödie. 

 

Mich, die das Stück noch nicht gesehen hat, erinnert „Africa Twinis“ an Josef Hader und Alfred Dorfers „Indien“, dessen zwei Protagonisten sich auch auf einem Roadtrip befinden. Zwei unterschiedliche Charaktere, komisch und tragisch, unterhaltsam und berührend zugleich ... Ist der Vergleich berechtigt?

Von Ihrer Beschreibung der Figuren her sage ich jetzt einmal: Ja. Zwei Charaktere, die miteinander müssen, aber nicht können. Was die Geschichte betrifft, gehen die Twinis aber in eine ganz andere Richtung. Mit dem Motorrad die Sahara zu durchqueren ist nicht ein simpler „Roadtrip“, weil es ja keine „Road“ gibt, sondern da geht es wirklich ans Eingemachte, ums Überleben.

 

Um welche wichtige Erfahrung sind Engl und Loisl nach ihrem Abenteuer und die Zuseher nach dem Ansehen des Stücks reicher? 

Die Zuseher werden wohl zur Erkenntnis gelangen: Es braucht nicht viel Aufwand, um auf einer Bühne eine spannende Abenteuergeschichte und eine Reise in die Wüste mitzuerleben, denn die aufregendsten Bilder entstehen immer im Kopf. Und die Erkenntnis meiner zwei Helden lautet: „Dakar is ned ums Eck!“

 

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„Africa Twinis“ heißt Düringers neues Kabarett­programm. (© Andrea Sojka Sein)

"Wenn man nichts braucht,

um das Gefühl von Glück zu erleben,

dann ist man wirklich glücklich."

 

 

Um welche wichtige Erfahrung sind Engl und Loisl nach ihrem Abenteuer und die Zuseher nach dem Ansehen des Stücks reicher?

Die Zuseher werden wohl zur Erkenntnis gelangen: Es braucht nicht viel Aufwand, um auf einer Bühne eine spannende Abenteuergeschichte und eine Reise in die Wüste mitzuerleben, denn die aufregendsten Bilder entstehen immer im Kopf. Und die Erkenntnis meiner zwei Helden lautet: „Dakar is ned ums Eck!“

 

Ist „Africa Twinis“ also auch für Menschen interessant, die nicht auf Motorräder stehen?

Ist der Film „Titanic“ auch für Menschen interessant, die nicht gerne ertrinken? Ich denke schon, schließlich geht es in „AfricaTwinis“ nicht primär um Motorräder, sondern um Menschen, ihre Sehnsüchte und ihr Scheitern. Da­rauf steht zwar auch keiner, aber jedermann und jedefrau kann ein Lied davon singen.

 

Gibt es Dinge, von denen Sie es bereuen, sie nicht gemacht zu haben? Und wenn ja, werden Sie sie noch realisieren?

Es gibt sicher Tausende Dinge, die ich noch nicht gemacht habe und auch sicher nicht machen werde – und das ist gut so, ich bereue es nicht. Obschon ich ein Ziel für die nächsten Jahre vor Augen habe: mit immer weniger immer zufriedener zu werden.

 

In Österreich hat gerade die Nationalratswahl stattgefunden. Haben Sie dieses Mal wieder – wie vor der Gründung Ihres Politik- bzw. Kunstprojekts „Jede Stimme G!LT“, mit dem Sie sonst ungültigen Stimmen eine Gültigkeit verschaffen wollten – ungültig gewählt?

Das fällt unter das Kapitel „Wahlgeheimnis“.

 

Die Wenigsten wissen wahrscheinlich, dass „G!LT“ in Tirol und Vorarlberg kandidiert hat. Sind Sie selbst politisch noch aktiv?

Mein Kunstprojekt „Meine Stimme Gilt“ hat am 15. Oktober 2017 ein erfolgreiches Ende gefunden: Ich konnte erstmals mit gutem Gewissen an der richtigen Stelle mein Kreuz machen. Die Idee dahinter wurde von einem Verein mit dem Namen „Jede Stimme GILT“ übernommen und weiterentwickelt. Es geht dabei um das Konzept einer Offenen Demokratie. Heißt: Zukünftig sollen die Bürgerinnen und Bürger in parlamentarische Entscheidungsprozesse mittels Bürgerparlamenten einbezogen werden. Weg von der Parteiendemokratie, hin zu einer echten demokratischen Entscheidungsfindung. Ich selbst habe in diesem Verein keine Funktion.

 

Leben Sie noch immer ohne Handy, Fernsehen und Auto? Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?

Nein. Dabei handelte es sich um eine zeitlich begrenztes Projekt, das ich 2014 mit einem Buch (Anm. d. Red.: „Leb wohl, Schlaraffenland. Die Kunst des Weglassens“, edition a) abgeschlossen habe. Die Erfahrungen und Erkenntnisse daraus sind mir heute noch durchaus dienlich und haben mich ein Stück weiter gebracht. Wenn man nichts braucht, um das Gefühl von Glück zu erleben, dann ist man wirklich glücklich. Das Glück im Außen zu suchen kann oft zu Enttäuschungen führen und ist mit hohem Aufwand verbunden.


Termine „Africa Twinis“:

 

15.11., 20 Uhr, Posthof, Linz

16.11., 20 Uhr, KIKAS – Kunst im Kinosaal, Aigen

28.11., 20 Uhr, AKKU, Steyr

29.11., 19:30 Uhr, Naturwunda Halle, Haibach ob der Donau

04.12., 20 Uhr, Salzhof, Freistadt

12.12., 20 Uhr, Anton Bruckner Centrum, Ansfelden