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People | 03.03.2021

Meine Frau ist meine Göttin

Nach längerer Pause präsentiert Reinhold Bilgeri nun seinen zweiten Roman: eine Lovestory. Zudem bereitet der vielfach ausgezeichnete Musiker, Literat und Regisseur zwei Universum-History-Filme vor.

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© Lars Wieder, Starpix/picturedesk.com

"Die Liebe im leisen Land“, titelt das neue Buch von Reinhold Bilgeri, das im Lockdown in New York spielt. Ein erfolgreiches Ehepaar – die US-Anwältin Amy und der aus Wien stammende Journalist Tom – erlebt während der Pandemie eine private Krise. Denn dieser Stillstand bringt nicht nur Ruhe und Entschleunigung, sondern auch eigene Ängste, Selbstzweifel, innere Konflikte und Sehnsüchte an die Oberfläche. Eine Zerreißprobe für die bisher harmonische Verbindung.

Realer Bezug. Seine Tochter Laura, die seit mehr als einem Jahr im Big Apple lebt, ließ ihn täglich via Handykamera am neuen, geradezu gespenstischen Alltag teilhaben. Gemeinsam seien sie u. a. durch Chelsea spaziert, um so viel Atmosphäre  wie möglich einzufangen. Der völlig leere Times Square, Männer in Anzug und Krawatte, die auf der Straße sitzend Margaritas trinken oder die Menschenschlangen vor den Wohnhäusern, die darauf warten, mit  dem Lift (mehr als zwei durften coronabedingt nie einsteigen) in ihre Apartments zu gelangen. Vor allem für Alte und Kranke eine Katastrophe. „Diese Szenarien haben  mich  derart angesprungen, dass ich mir dachte, darüber muss ich schreiben“, so der Vorarlberger und Amerika-Fan. „Zudem hat mich interessiert, was mit einem Paar passiert, wenn die große Stille hereinbricht, noch dazu in einer Stadt, die sonst niemals schläft.“

Spontan umgesattelt. Ursprünglich wollte er sein Buchprojekt über die „Rattenlinien“ (die Fluchtrouten ehemaliger Nazi-Bonzen nach Südamerika) fertigstellen. Ein Thema, das ihm seit Langem unter den Nägeln brennt. Aber  dann  kamen auf einmal die Pandemie, der Stillstand der Welt, die Trump-Zeit, die Wahlen usw. dazwischen. Und  aufgrund seiner Liebe zu Amerika bzw. zu New York im Besonderen berührte es ihn auch so unglaublich, was dort in letzter Zeit alles passiert ist.

Treue ist die Basis. Ein großes Thema des Romans widmet sich auch der Treue bzw. dem Ehebruch. Während Amy den Avancen eines feschen Arztes erliegt (und hofft, endlich schwanger zu werden), macht Tom kurz vor seinem Seitensprung schlapp, weil er ständig an seine Frau denken muss. Hier fließe viel Autobiografisches ein, denn Bilgeri hält Treue in der Ehe für ein Must. Früher sei er auch von einer Blume zur nächsten geflattert, aber seit Beatrix – sie  lernten  einander vor 35 Jahren kennen, seit 1989 sind  sie verheiratet – sei damit Schluss. Ein gute Ehe basiere auf Respekt, Wertschätzung, Würde und Treue.

 

 

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© Lars Wieser, Starpix/picturedesk.com

OBERÖSTERREICHERIN: Der Lockdown löst bei Ihren Protagonisten eine Krise aus, die entweder das Eheende bedeutet oder einen Neuanfang. Der Stillstand belastet also alle auch privat, unabhängig vom sozialen Status.

Reinhold Bilgeri: Der Lockdown hat alles lauter gemacht hat, selbst die Gedanken, weil es plötzlich derart still war. Auf einmal kam alles hoch: Sehnsüchte, Wünsche der Seele, lange Vergessenes ...In der Upper East Side zum Beispiel ist ab dem Lockdown die Scheidungsrate um 20 bis 30 Prozent gestiegen. Ja, selbst die Reichen, die auf einmal nicht mehr raus und daher nicht mehr voreinander fliehen konnten, stellten ihr Leben bzw. ihre Ehe infrage. Ähnliches ist aber ebenso in Österreich passiert ... Mein Ehepaar aus dem Roman, also die US-Anwältin, die mit einem Wiener Journalisten verheiratet ist und in einem eigenen New Yorker Townhouse lebt, gibt es tatsächlich, wenngleich ihre private Geschichte natürlich fiktiv ist.

Wie erging es Ihnen im Lockdown?

Eigentlich sehr gut, aber ich weiß, dass ich privilegiert bin. Ganz am Anfang war ich zornig, weil ich meine Tournee verschieben musste sowie zwei Filme für Universum History über Kronprinz Rudolf und Wilhelm II. Mit dem  Alleinsein  habe ich aber kein Problem, weil ich oft daheim bin und alleine arbeite. Ich lebe also oftmals wie ein Eremit (schmunzelt).

Ihr Romanheld Tom sagt über seine Frau: „Sie ist das Fundament meiner Kraft.“ Ein Satz, den auch Sie über Ihre Gattin sagen?

Absolut. Ein einzementiertes Fundament, das unzerstörbar scheint. Viele Sätze sind aus meinem Leben und aus meiner Ehe gezogen. Vor 35 Jahren haben wir uns zum ersten Mal in die Augen geschaut – und das war‘s. Das war mein Glück! Vielleicht werde ich ja deshalb jetzt so belohnt, weil ich früher einmal ein Galeerensträfling war (lacht).

Ihre Frau, der Sie auch das Buch gewidmet haben, ist Ihre Muse?

Natürlich! Ich habe auch viele Lieder für sie geschrieben. Und sie liest auch immer alles als Erste. Meine Frau dirigiert mein Leben. Ich glaube ihr jedes Wort. Beatrix ist meine Göttin. Und ich finde sie heute mit 60 nach wie vor wunderschön.

Streiten Sie sich manchmal auch?

Wir streiten sehr selten, und wenn, dann fühlt sich jeder zuerst verletzt und schweigt. Bei Stress von außen – meist die Ursache für einen Konflikt – reagiert man grantig und sagt etwas, das einem im Nachhinein leidtut. Wir können es aber nicht sofort kultiviert ausdiskutieren, sondern zuerst wird geschwiegen und gebrütet. Es ist ein langsames Sich-Finden. Manchmal passiert die Versöhnung über eine Umarmung oder über Sex – wie auch in meinem Roman. Dieses Szenario ist ziemlich authentisch.

Sexualität und Sinnlichkeit spielen eine sehr große Rolle und dennoch schwören Sie auf die bedingungslose Treue ...

Ja, denn mit der Ehe verpflichtet man sich zur Treue. Das ist mir persönlich sehr wichtig. Ich lebe das absolut. Wozu der Ring, das Versprechen und all die Rituale, die ich schön finde, wenn ich es nicht ernst meine? Man verletzt den Anderen, wenn man fremdgeht. Das ist reine Egomanie. Und es funktioniert nicht, zumindest bei mir würde es nicht funktionieren. Ich propagiere mit Enthusiasmus: Wenn man diese Bindung eingeht, dann muss man sie radikal eingehen. Vielleicht mag meine Einstellung altmodisch sein, aber das ist mir gleichgültig ... Für mich gehört Treue zur Gesundheit unserer Gesellschaft dazu. Und diese Würde und diesen Respekt auch in einer Beziehung zu leben, halte ich für unerlässlich. Das klingt jetzt nach Ratgeber, aber das ist meine Sicht der Dinge.

In Ihrem Buch sind die Frauen viel stärker als die Männer. Sie helfen sich selbst, weil es in ihrer Natur liegt.

Ja. In meinen 70 Jahren habe ich das so erlebt und auch wenn man die Geschichte der Menschheit bis zurück zum Neandertaler studiert, dann muss man sagen, dass die lange Dominanz der Männer bzw. das Patriarchat dazu führte, dass sich die Frauen klügere Strategien ausdenken mussten, um in Würde überleben zu können. Darum besitzen Frauen viel bessere Antennen, können besser antizipieren und gerade in vergangener Zeit haben sich Frauen auch politisch sehr emanzipiert. Eine tolle Entwicklung, weil eine  Frau besser und schneller Empathie einsetzen kann. Und mit Empathie lässt sich eine bessere Gesellschaft entwickeln. Der Mann tut halt ein bisserl so, als ob er der Chef wäre (schmunzelt).

Am 26. März feiern Sie Ihren 71. Geburtstag. Probleme mit dem  Älterwerden?

Es macht keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wenn man bewusst lebt und die Schönheit dieses Planeten – mit all seinen Grausamkeiten – inhaliert, dann ist es spannend. Meine Neugier hält mich auf der Spur ... Ich habe großes Glück gehabt: eine wunderbare Ehe, ein supertolles Kind und es geht uns gut. Das sind ja schon alles Zugaben. Was sollte ich mehr wollen?!