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People | 16.04.2019

„Mein Motto? Gross denken!“

Als junge Frau in der Technik-Branche wurde Personalexpertin Bettina Kern (40) oft unterschätzt. Heute ist das kein Thema mehr, sie leitet erfolgreich ein Unternehmen mit insgesamt 180 Mitarbeitern.

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Bettina Kern ist Unternehmerin mit viel Herzblut und Leidenschaft. (© Kern engineering careers)

Wir denken die ganze Zeit, warum dann nicht groß?“ Dieses Zitat hing viele Jahre gerahmt im Wohnzimmer von Bettina Kern. Mittlerweile ist es zum Arbeits- und Lebensmotto der 40-jährigen Linzerin geworden. Mit ihrem Unternehmen „Kern engineering careers“ ist sie sehr erfolgreich in der Vermittlung von technischem Personal tätig. Wir haben mit der Mutter einer sechsjährigen Tochter über Frauen in der Technik, moderne Chefinnen und Chancen-Intelligenz gesprochen.

 

Sie haben sich 2007 selbstständig gemacht und zwei Jahre später das Unternehmen „Kern engineering careers“ gegründet. Wie haben Sie den Sprung in die Selbstständigkeit damals empfunden?

Ja, wir feiern heuer schon unser Zehn-Jahre-Jubiläum. (lacht) Wie ist es mir zu Beginn gegangen? Natürlich gibt es Zweifel, weil man sich fragt, ob sich alles finanziell ausgehen wird und ob man das Ganze stemmen kann. Gerade wenn man sich als Unternehmer selbstständig macht, schaut man darauf, dass alle Kosten gedeckt sind – auf die eigenen Bedürfnisse verzichtet man völlig und schaut, dass man gerade so durchkommt. Ich habe mich auch gefragt, ob ich das überhaupt kann und mir das wirklich zutraue.

 

Zumal Sie sich als Personalexpertin für Talente und Technik einen Bereich ausgesucht haben, der immer noch sehr von Männern dominiert wird. Wie geht es Ihnen da? Müssen Sie sich als Frau immer wieder „beweisen“?

Anfangs hat mich beschäftigt, wie ich als Frau in dieser Branche wahrgenommen werde und ob sie mich überhaupt ernst nehmen. Aber mit den
ersten Erfolgen ist auch mein ­Selbstbewusstsein gestiegen. Techniker sind in dieser Hinsicht sehr angenehm. Da gilt das Ursache-Wirkung-Prinzip. Wenn man einen guten Job macht, dann arbeiten sie auch gern mit einem zusammen. Mittlerweile habe ich selbst gar kein Thema mehr damit. Hin und wieder merke ich es noch bei meinen Mitarbeiterinnen, aber wir haben gelernt, das zu unserem Vorteil zu nutzen. Als junge Frau bin ich zum Beispiel häufig unterschätzt worden, und das habe ich ebenfalls zu meinem Vorteil genutzt. Wir bekommen auf diese Weise unheimlich viel technisches Wissen, weil unser Gegenüber sehr oft davon ausgeht, dass eine Frau den technischen Hintergrund nicht kennt. Uns wird vieles im Detail erklärt und dadurch lernen wir wahnsinnig viel. Man muss sich die Vorteile herausholen. Ich nenne das immer „Chancen-Intelligenz“. Das bedeutet, Chancen zu nutzen, die einem geboten werden.

 

Stichwort Fachkräftemangel. Wie schätzen Sie die Situation aktuell in Oberösterreich ein?

Bei den technischen Kräften, die wir suchen, aber auch in anderen Bereichen gibt es im Moment einfach zu wenige Fachkräfte. Auf ein Inserat bewirbt sich so gut wie niemand mehr. Es ist alles „active sourcing“. Darum sind wir auf Social Media und in Foren unterwegs, um Kandidaten zu begeistern. Auch das persönliche Empfehlungsnetzwerk ist sehr wichtig. Gute Leute kennen gute Leute, und mit der Zeit baut man sich ein Netzwerk an Kandidaten auf, bei denen man immer wieder mal nachfragen kann. Die sind jetzt zwar vielleicht gerade glücklich in ihrem Job, aber das heißt ja nicht, dass das in zwei oder drei Jahren noch genauso der Fall ist. Früher war es oft noch so, dass Menschen in ihrem ersten Betrieb bis zu ihrer Pensionierung geblieben sind. Das wird sehr viel weniger. Die Jungen wollen mehr kennenlernen, sie wechseln bewusst. Nicht, weil sie unzufrieden mit einem Job sind, sondern weil sie Erfahrungen in verschiedenen Betrieben sammeln wollen. Da müssen wir uns allerdings erst umstellen, weil viele Wechsel bisher immer auf einen schlechten Bewerber hingedeutet haben. Das ist heute nicht mehr zwingend so. Man kann das heute auch so interpretieren: viele Wechsel, viel Erfahrung. Wichtig ist, dass die Wechsel gut erklärbar sind.

 

 

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Das Büro von Bettina Kern hat ein bisschen Wohnzimmer-Atmosphäre. Das ist ihr wichtig. „Schließlich verbringe ich hier den Großteil meiner Zeit“, sagt sie. (© Kern engineering careers)

„Wir denken die ganze Zeit, warum dann nicht groß?“ Inwieweit hat Sie dieses Zitat in Ihrem eigenen Denken beeinflusst?

Dieses Zitat beeinflusst mich noch immer. Es hing viele Jahre eingerahmt in unserem Wohnzimmer und ist ein Lebens- und Arbeitsmotto für mich geworden. Weil es ja tatsächlich so ist, dass wir die ganze Zeit denken, und warum muss ich mir dabei immer ein Gefängnis für meine Gedanken machen? Warum lasse ich nicht einfach mal zu? Wenn ich mir nichts Großes vorstellen kann, kann ich auch nichts Großes erreichen. Das war auch ganz wichtig für mich, als ich mich selbstständig gemacht habe. Man muss sich das Unternehmen vorstellen können, damit es funktioniert. Ich denke, dass man als Unternehmer immer auch Visionär sein muss. Man muss sich auch unrealistische Ziele und Visionen vorstellen können, damit man etwas erreichen kann. Und man muss die Mitarbeiter auf diese Reise mitnehmen, damit sie ebenfalls anfangen, ihren Geist zu öffnen und groß zu denken.

 

Haben Frauen da vielleicht noch ganz besonders Aufholbedarf, weil sich viele immer noch zu wenig zutrauen?

Leider ja! Ich merke das zum Beispiel auch, wenn ich Mitarbeiter aufnehme. Frauen verhandeln immer sehr vorsichtig und stapeln immer tief. Männer hingegen überzeichnen und überschätzen sich ganz oft. Sie muss ich manchmal eher bremsen. Daher meine Botschaft an die Frauen: Traut euch mehr!

 

Sie sagen, dass Sie als oberösterreichische Unternehmerin eine große Verantwortung spüren. Welche Verantwortung ist das?

Auch wenn ich wirklich gern reise, bin ich von Herzen gern Österreicherin. Ich hatte das Glück, in Österreich aufzuwachsen, in einem guten sozialen Umfeld leben zu dürfen und hier meine Ausbildung machen zu können. Wir leben hier wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, und von dieser Sonnenseite möchte ich etwas zurückgeben. Ich merke, wie sehr uns die Digitalisierung und der Wandel in Europa schwächen. Da spreche ich gar nicht von Oberösterreich, sondern von ganz Europa. Darum muss jedes Land seinen Beitrag leisten, damit wir konkurrenzfähig bleiben. Und das können wir nur mit guten Mitarbeitern! Deshalb finde ich es wichtig, der Industrie etwas zurückzugeben, indem wir für sie die besten Mitarbeiter finden und somit die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen nachhaltig sichern.

 

Sie lieben Ihren Job. Was gibt Ihnen immer wieder neue Kraft?

Auf der einen Seite ist es das Reisen, um sich mal komplett auszuklinken – manchmal mit unserer Tochter, manchmal auch nur mit meinem Partner ganz bewusst als Paar. Mein Geschäftspartner Christian Geissler und ich sind ja privat ein Paar, und neben Beruf und Familie kommt die Zeit zu zweit oft ein bisschen zu kurz. Sehr viel Kraft gibt mir auch die Meditation. Das öffnet den Geist und ist für mich ein unheimlich toller Ausgleich.

 

Sie sind Mutter einer sechsjährigen Tochter und „nebenbei“ Chefin von 180 Mitarbeitern an vier Standorten in Österreich. Wie managen Sie das?

Es ist immer ein Spagat zwischen schlechtem Gewissen als Mutter und als Unternehmerin. Ich habe über die Jahre gelernt, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Die ersten drei Jahre waren etwas härter, weil immer wieder mit dem Finger auf mich gezeigt wurde und ich als Rabenmutter bezeichnet wurde. Wir sind nun mal eine Kultur, in der man als Frau und Mutter eher zu Hause bleibt, sich um die Kinder kümmert und der Mann arbeiten geht. Ich sehe das gar nicht so! Darum wird mein lieber Mann da auch sehr eingespannt. Und ich habe eine sehr liebe Familie, die mich unterstützt, weil mir in Österreich in dieser Hinsicht noch die öffentliche Seite fehlt, die Müttern dabei hilft, dass sie ihre Karriere ganz normal fortsetzen können. Da haben wir noch viel zu tun!