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People | 17.07.2019

Marlies Czerny

Als eine der ersten Frauen hat die Oberösterreicherin Marlies Czerny alle 82 Viertausender-Gipfel der Alpen bestiegen. Über diese Erfahrungen hat sie nun ein Buch geschrieben.

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Marlies Czerny hat es geschafft: Zwischen dem ersten und dem letzten Viertausender liegen sechs Jahre, viele Abenteuer und noch mehr unvergessliche Momente. (© Andreas Lattner / www.hochzwei.media)

Marlies Czerny muss Überstunden abbauen, als sie 2009 ihre erste Bergtour in Angriff nimmt. Auf dem Weg zur Grünburger Hütte muss sie, weil ungeübt, viele Pausen einlegen, und doch spürt sie etwas Besonderes – neue Lebensgeister. Weit weg von der Reizüberflutung in ihrem Job als Sportredakteurin gibt es nur die Natur und sie selbst. Dass dieser Tag der Beginn einer ganz großen Leidenschaft werden sollte, ahnt die 32-Jährige damals noch nicht. Heute hat sie als eine der ersten Frauen alle 82 Viertausender-Gipfel der Alpen bestiegen und ein Buch darüber geschrieben. Darin berichtet sie von besonderen Touren, dem Bezwingen von schwierigen Graten und wie es sich anfühlt, dabei auf nur zwei Quadratmetern zu biwakieren. Wir haben mit Marlies Czerny über die Faszination des Bergsteigens, die Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen und den Weg als Ziel gesprochen.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie haben Ihre erste Bergtour gemacht, als Sie viel Zeit hatten, weil Sie Überstunden abbauen mussten. Wie ist es Ihnen dabei gegangen?

Czerny: Huch, das war furchtbar anstrengend! (lacht) Ich schleppte mich mit 15 Kilogramm mehr Körpergewicht als heute auf die Grünburger Hütte. Auf den 400 Höhenmetern musste ich viele Pausen einlegen, und trotzdem spürte ich da auch neue Lebensgeister. Da gab‘s nur die Natur und mich – und nicht die Reizüberflutung und den Wirbelwind meines Journalistenalltags. Ich liebte meinen Job bei den OÖNachrichten, da ging es ebenso bergauf, aber ich habe dabei gar nicht bemerkt, dass ich selbst auf der Strecke geblieben bin. Der erste Schritt hinaus, das war auch ein erster Schritt zu mir selbst.

 

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Was bedeutet das Bergsteigen heute für Sie?

Für mich ist es ein Lebensgefühl – ein Gefühl, dass es im Leben neue Ziele mit Höhen und Tiefen braucht, dass man sich vor Wegkreuzungen immer wieder neu entscheiden darf – und dass Schlüsselstellen kein Angstmacher sind, sondern eine wunderbare Herausforderung, die mein Leben so richtig lebenswert machen. Am Berg bin ich voll bei mir. Ich liebe es, mich dem Berg auszusetzen, auf messerscharfen Graten zwischen zerrissenen Gletschern zu klettern. Ich habe dadurch schon so viele unfassbar schöne und wilde Flecken kennengelernt, die ich mir in meiner „normalen“ Welt gar nicht ausmalen hätte können. Mich freuen auch die kleinen Dinge auf diesem Weg, jeder Sonnenaufgang bringt mich zum Staunen. Und das Schönste ist für mich, dass ich das Erlebnis meistens mit meinem Lebens- und Seilpartner Andi teilen darf – und wir das auch ein Stück weit zu unserem Beruf machen konnten.

 

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie auf einen Berg gehen?

Befreit und fokussiert – weil nur der Moment zählt und mir dieser Moment ganz alleine gehört. Da geht’s nicht um Deadlines und das nächste E-Mail, da bin ich voll und ganz bei mir, beim nächsten Schritt, beim nächsten Kletterzug. Ich mag es auch, wenn der Weg anspruchsvoll und spannend ist, wenn ich vor Schlüsselstellen Entscheidungen treffen und mein ganzes Können abrufen muss. Das braucht auch viel Selbstverantwortung – und das ist doch etwas, das man im Alltag sehr gern auf andere abschiebt. (lächelt)

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Nach dreieinhalb Tagen haben die beiden Alpinisten den höchsten Punkt der Alpen, den Gipfel des Mont Blancs, erreicht. (© Andreas Latter / www.hochzwei.media)

Gilt dabei auch so ein bisschen das Motto „Der Weg ist das Ziel“ oder ist tatsächlich immer der Gipfel das Ziel?

Mittlerweile ist für mich der Weg das Ziel, und der Weg soll nicht der einfachste sein, sondern der schönste und spannendste. Wobei der Gipfel, der mein Ziel definiert, natürlich ebenso eine Rolle spielt – und der aber nur fast so wichtig ist wie das Heimkommen.

 

Wie sehr hat die Welt der Berge Ihr Leben bzw. Sie verändert?

Wenn ich meinen Lebensweg als GPS-Track aufgezeichnet hätte, dann gehe ich jetzt wohl 180 Grad in die andere Richtung. Die Berge haben meine Prioritäten verschoben, meinen Blick auf die Welt verändert. Ich versuche, meinem Herzen zu folgen – und nicht irgendwelchen Schlagzeilen oder Kennzahlen. Für mich ist das Leben wie ein Weg, den man mit Freude geht und auf dem man nicht still steht, auf dem man sich fragen soll: Was macht mich glücklich? Wo will ich hin? Jeder Mensch hat es selbst in der Hand, seinen eigenen Weg zu gehen. Ich wünsche jedem, dass er den Mut hat, den ersten Schritt zu setzen und Schlüsselstellen zu wagen – wohin auch immer sie führen werden.

 

Sie sind meist mit Ihrem Lebenspartner Andreas in den Bergen unterwegs. Welches Erlebnis oder welche Tour wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Oh, da gibt es verdammt viele! Das fängt bei ganz kleinen Momenten hinter der Haustüre an – wenn wir auf dem Hohen Nock schlafen und zum Sonnenaufgang mit dem Gleitschirm nach Hause fliegen – und führt zu den ganz großen: Wenn wir schwierige Grate am Mont Blanc gemeinsam meistern und dabei auf nur zwei Qua­drat­metern biwakieren, wenn es uns zu Expeditionen nach Nepal oder Pakistan zieht. Es ist für uns ein Glück und Geschenk, dass wir nicht nur das Seil, sondern auch unser Leben miteinander teilen dürfen – denn diese Erinnerungen verbinden uns für immer.

 

Wie geht es Ihnen, wenn Sie Nachrichten wie jene vom Tod David Lamas hören? Ist man sich dieser Gefahr als ständiger Begleiter in den Bergen bewusst?

Bei solchen Nachrichten wünscht man sich erst, dass es sich um Fake News handelt. Die traurige Gewissheit schmerzte und traf mich wie die gesamte Bergsteiger-Community – aber sie überraschte leider nicht. Je öfter man extrem bergsteigt, umso öfter setzt man sich erhöhten Gefahren aus. Diese kann man minimieren – und dennoch bleibt das Restrisiko auf jeder einzelnen Tour. Wir beantworten dieses für uns mit der Frage: Ist es uns dieses Erlebnis wert, dass wir das Risiko eingehen? Diese ganz persönlichen Entscheidungen sollte man respektieren – und darüber nicht aus der Ferne urteilen, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.

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Buchtipp: „4000er leben – von Null auf die höchsten Gipfel der Alpen“, Marlies Czerny, Verlag Bergwelten, € 22

Anfang Mai hat der Weltrat für Biodiversität seinen Bericht zur weltweiten Artenvielfalt veröffentlicht. Stichwort Klimawandel. Wie sehr bereitet Ihnen als Alpinistin und Naturliebhaberin dieses Thema Sorgen?

Sehr, um nicht zu sagen: extrem! Die Auswirkungen des Klimawandels werden in den Alpen besonders augenscheinlich und führen bereits jetzt zu großen Problemen. Hütten, die unter Wassermangel leiden; Zustiege, die durch den Gletscherrückgang stetig angepasst und mit Leitern versehen werden müssen; Routen, die immer gefährlicher bis unmöglich werden, um nur drei Beispiele zu nennen. Dass Gletscher, über die wir heute noch gehen, für unsere Enkelkinder einmal nicht mehr existieren werden – diese Vorstellung will einfach nicht in meinen Kopf. Wir haben schon viel zu lange dabei zugesehen.