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People | 20.05.2019

Mann sein Heute

Dass der Mann die Krone der Schöpfung sei, könnte nicht nur der spontane intellektuelle Erguss des blasierten Machos von nebenan sein. Diese Überzeugung wird bisweilen auch dem akademischen #MeToo-Feminismus unterstellt. Denn indem dieser die Frau in die Rolle des hilflosen Opfers drängt, setzt er dem Mann, wohl unbeabsichtigt, die Krone auf. Und übersieht dabei, dass genau jene Rolle eigentlich demontiert werden sollte. Konrad Paul Liessmann im Gespräch über Männlichkeit, Weiblichkeit, Menschlichkeit und den Hang zum Bösen.

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Zu Gast bei Österreichs bekanntestem Philosophen der Gegenwart Univ.-Prof. Konrad Paul Liessmann in seinem Büro in der Universität Wien.

Erschaffen aus der Rippe des Mannes, ist die zweitrangige Stellung der Frau bereits im Alten Testament grundgelegt. Und als wäre diese Benachteiligung nicht schwer genug zu ertragen, werden der Frau aufgrund der Ereignissein der Genesis auch noch die Attribute neugierig, ungehorsam, schwach, leicht verführbar und verderbt zugeschrieben. Schließlich war Eva es, die, der Eventualität unheilvoller Konsequenzen ihres Handelns bewusst, ihren Mann Adam anstiftete, von der verbotenen Frucht zu essen. So sagt es die christliche Mythologie.

Schuldig – mit diesem Makel müssen Frauen seit Jahrtausenden leben. Da scheint es nur gerecht, dass spätestens seit dem Aufkommen der #MeToo-Bewegung eine Korrektur der Schuldverteilung stattgefunden hat. Denn heute ist es der Mann, der am Pranger steht. Aggressiv, bestimmend, unterdrückerisch und gewalttätig sind gängige Wesensmerkmale, die ihm zugeschrieben werden. Jahrtausende nach Adam und Eva verleiht die im Oktober 2017 durch den Weinstein-Skandal in den USA ins Rollen gebrachte und auf andere Industrieländer übergegangene Bewegung, deren Kampf gegen sexuelle Belästigung und Gewalt sich zu einem Feldzug gegen den Mann und seine „toxische Männlichkeit“ ausgeweitet hat, der biblischen Geschichte vom Sündenfall eine Aura von Aktualität. Von der toxischen Weiblichkeit Evas, die nicht nur den Mann, sondern die ganze Menschheit ins Verderben stürzte, zur toxischen Männlichkeit: der böse, sexbesessene Mann, der für das Unglück der Frau und auf der Welt verantwortlich ist. Beifall verdient ein solcher Trend wahrlich keinen. Schuldumkehr kann, auch nach der jahrhundertelangen Diskriminierung und Unterdrückung der Frau, weder aus logischer noch aus ethischer Sicht die Lösung im ewigen Kampf der Geschlechter sein.

Für das Beste im Mann. Die ursprünglich aus den 1990er-Jahren aus den USA stammende Idee der „toxic masculinity“ (dt. toxische Männlichkeit) ist seit der Veröffentlichung des neuen Werbekurzfilms des Rasierer-Herstellers Gillette im Jänner dieses Jahres in aller Munde. Rund 30 Millionen Aufrufe auf YouTube innerhalb der ersten zehn Wochen und Hunderttausende unterstützende wie ablehnende Kommentare aus der ganzen Welt in den Social Media erntete der die #MeToo-Bewegung ansprechen- de Clip und provozierte eine mediale Debatte über einen Begriff, der selbsterklärend nichts Gutes besagt:„Toxische Männlichkeit“ meint bestimmte traditionelle Verhaltensweisen, durch die ein Schaden an der Gesellschaft und an den Männern selbst einhergeht: Dominanz, Aggressivität, Gewalttätigkeit, Abwertung von Frauen, das Unterdrücken von Emotionen, extremes Selbstvertrauen, Homophobie. Diese seien nicht biologisch begründet, sondern werden, so das Narrativ, Männern schon von klein auf angelernt – von der Gesellschaft, vom Patriarchat oder gar von den Müttern selbst, ist die Erziehung der Kinder doch auch heute und selbst in Österreich, wo die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Verfassung verankert ist, vorrangig Frauensache? Im Werbeclip gezeigte Beispiele, die so gar nicht „für das Beste im Mann“ stehen, sind etwa in der Wiese raufende Buben oder Frauen anmachende Kerle, die pathetisch aufgefordert werden, sich über ihre toxische Männlichkeit hinaus zu entwickeln. Was an der Idee der „toxischen Männlichkeit“ dran ist, ob die traditionellen Geschlechterrollen, die heute eher im Aufwind denn im Schwinden begriffen sind, überwunden werden sollten und warum unser Rechtsstaat sowohl gegen Sexismus vorgehen als auch der Überempfindlichkeit gegen Sexismus, der keiner ist, Einhalt gebieten muss, darüber haben wir mit Konrad Paul Liessmann gesprochen.

 

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Hercules unterwirft den mörderischen Unhold Cacus und tötet ihn schließlich im Kampf: Die Helden der römischen und griechischen Mythologie sind der Inbegriff heroisch-männlicher Stärke, Kraft und Tapferkeit – oder „toxischer Männlichkeit“? Foto: Shutterstock

Wir sprechen heute über Männlichkeit. Ich erachte es als wichtig, diesen Begriff erst einmal zu definieren. Das ist gar nicht so einfach, sieht man von der biologischen Definition ab. Was sagt der Philosoph dazu?
Wenn man von der von Ihnen angesprochenen biologischen Definition, von der genetischen und hormonellen Ausstattung, absieht, ist „Männlichkeit“ ein Begriff, der sehr stark gesellschaftlich, kulturell und ideologisch geprägt ist und auch immer geprägt war. Aus philosophischer Sicht ist„Männlichkeit“ ebenso wie „Weiblichkeit“ ein Begriff, der ein Gegenüber braucht, das heißt, nur in Hinblick auf die Bipolarität – oder auch Tripolarität, wenn man an Intersexualität denkt – einen Sinn gibt. Männlichkeit und Weiblichkeit kann man als zwei Eckpunkte sehen, zwischen denen es immer schon ein Feld von Schattierungen gegeben hat, wo sich beide etwa in Form von androgynen Konzepten angenähert haben. Es fällt mir deshalb schwer, Männlichkeit generell zu definieren. Alle diejenigen Eigenschaften, die man in bestimmten Kulturen als männlich bezeichnet hat, können aus einer anderen Perspektive negativ beurteilt werden. Man kennt immer auch Gesellschaften, wo man Männlichkeit anders sehen kann. Im antiken Griechenland konnte man sich als Spartaner als Prototyp des Männlichen fühlen und den Athenern vorwerfen, sie wären keine Männer, und umgekehrt.

Der heutige Gender-Feminismus hinter- fragt die naturgegebene, biologische Geschlechterdifferenz. Geschlecht und Geschlechterverhältnisse werden rein als gesellschaftliche oder soziale Kons- truktionen angesehen. Große Theorie, noch größerer Irrtum?
Bei dieser Frage, Biologie auf der einen Seite und gesellschaftliche Konstruktion auf der anderen Seite, werden einige Denkfehler begangen. Die Rede von der sozialen Konstruktion des Geschlechts tut so, als wäre das Geschlecht beliebig konstruierbar, doch Menschen kommen immer noch als leibliche, als biologische Wesen auf die Welt, ausgestattet mit ganz bestimmten Merkmalen. Die interessante Frage ist die, ob sich von diesen biologischen Gegebenheiten ganz bestimmte überkulturelle, überzeitliche, übergesellschaftliche Charaktereigenschaften ablesen lassen. Und das halte ich für eine schwierig zu beantwortende Frage. Natürlich kann man sagen, dass Männlichkeit, wenn man sie im Sinne von Geschlechtlichkeit und Sexualität sieht, im Wesentlichen in der Fähigkeit des Zeugens besteht und Weiblichkeit im Empfangen und Gebären. Bei Platon heißt es noch, Liebe ist das Zeugen und Gebären im Schönen. Man hat lange versucht, daraus bestimmte Charaktereigenschaften abzu- leiten: das Männliche als das Hervorbringende, das Gestaltende, das Durchdringende, das Eindringende, das Analytische, das Weibliche als das Empfangende, das Passive, aber gleichzeitig als das, was lebensspendend ist, Leben gebiert. Das waren uralte Konzeptionen, die aber jederzeit und in allen Gesellschaften modifizierbar gewesen sind. Spätestens seit Sexualität und Fortpflanzung in der Antike entkoppelt wurden, haben sich auch die damit verbundenen Geschlechterrollen verändert. Gerade in der Antike kannte man schon alle Schattierungen von Männern und Frauen – weibliche Männer, männliche Frauen, androgyne Figuren, den pubertierenden Knaben als eigene Form von einer sexuellen Konzeption, die bei uns überhaupt nicht mehr vorstellbar ist. Es gab hier eine unglaubliche Variantenbreite. Was nichts daran ändert, dass, solange wir als Menschen auf die Welt kommen, die nicht künstlich verändert sind, wir letztendlich diese Bandbreite aufspannen müssen in einer bestimmten geschlechtlichen Bipolarität.

Kommen wir zum viel diskutierten Begriff „toxische Männlichkeit“, der nicht nur ein Kampfbegriff des radikalen Feminismus ist, sondern ein wissenschaftlicher Terminus in der Psychologie. Traditionelle Männlichkeit sei „psychisch schädlich“, stellte die American Psychological Association (APA) kürzlich in einem Ratgeber fest. Nun ist es so, dass bei Gewalttaten tatsächlich überwiegend Männer die Täter sind, man geht nach einem Verbrechen grundsätzlich davon aus, dass das Geschlecht des Täters männlich ist. Männlichkeit und Gewalt sind also offenbar tatsächlich verknüpft, das ist ein weltweites Phänomen. Ist das nicht Beweis genug für die Existenz toxischer Männlichkeit?
„Toxische Männlichkeit“ kann kein wissenschaftlicher Begriff sein, weil es eine Metapher ist. Ein Bild, das meines Erachtens wie alle biologistischen Metaphern mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Von „toxischer Männlichkeit“ zu sprechen ist für mich ungefähr so sinnvoll, wie zu sagen, Frauen seien nur durch den Mutterinstinkt geprägt. Ich kann dem keinen wissenschaftlichen Wert beimessen. Was das Phänomen betrifft, das Sie genannt haben, dass es eine bestimmte signifikante Gewaltbereitschaft von Männern gibt oder dass Männlichkeit und eine Disposition zu Gewalt oft zusammengehen, ist etwas, das man empirisch beobachten und untersuchen kann und in richtige Relationen stellen kann. Wäre Männlichkeit aber grundsätzlich toxisch, dann müsste jeder Mann gewalttätig sein, und wir hätten eine Gesellschaft, in dem der Bürgerkrieg der Geschlechter herrschte. So eine Gesellschaft haben wir aber nicht, und so eine Gesellschaft hatten wir auch nie. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass ein Großteil der historischen Gewalttätigkeit von Männern gegen Männer gerichtet war und nicht gegen Frauen. Kriege haben Männer mit Männern und gegen Männer geführt, und die Millionen von Toten auf den Schlachtfeldern waren Männer. Das heißt nicht, dass es im Zuge von kriegerischen Auseinandersetzungen nicht auch zu Gewalt gegen Frauen gekommen wäre – selbstverständlich gab es die –, aber das ursprüngliche Ziel war, den Mann als Feind zu töten, und das seit dem Neolithikum, seit Menschen diese Art von gewalttätigen Kriegen führen.

Müsste man, wenn überhaupt, nicht vielmehr von einer „toxischen Menschlichkeit“ sprechen? Schließlich haben auch Frauen im oben definierten Sinn toxische Züge, psychische Gewalt ist eine weibliche „Spezialität“. Psychologisch und philosophisch gesprochen wäre das das Böse im Menschen.
Absolut richtig. Ich würde das „Toxische“ ohnehin eher mit Frauen assoziieren, würde aber lieber so wie Immanuel Kant von einem Hang des Menschen zum Bösen sprechen. Wir haben die Möglichkeit zum Bösen, was auch Resultat unserer Freiheit ist. Der Freiheit, dass wir eben nicht durchgängig von der Natur determinierte Wesen sind, sondern dass wir Entscheidungen treffen können, dass wir die freie Wahl zwischen bestimmten Optionen haben. Dass da immer auch die Verführung da ist, seinen eigenen Willen und seine eigenen Bedürfnisse und Interessen durchzusetzen und dafür zu gewalttätigen Mitteln zu greifen. Es war immer schon die Anstrengung von Gemeinschaftsbildung, diesen Hang zum Bösen zu zähmen. Deshalb gibt es in allen Gesellschaften Gebote, Verbote, Tabus und Regeln. Diese haben einen Grund: die Fä- higkeit zu Gewalt im Menschen zu zähmen. Nicht zum Verschwinden zu bringen, denn das wird nicht gehen, aber zu zähmen, zu zivilisieren. Für mich ist Zivilisation daran zu messen, wie sehr es gelingt, die immer vorhandenen menschlichen Konflikte und Interessengegensätze in einer nicht-gewalttätigen Art und Weise auszutragen. Das ist in der Tat ein Maßstab: Je mehr es gelingt, Gewalt zu zügeln, desto zivilisierter ist eine Gesellschaft. Ich glaube, dass ein bestimmtes Potenzial zu Gewalttätigkeit und der Wille zur Macht nicht männlich sind, sondern menschlich. Mensch sein heißt, sich durchsetzen zu müssen gegen die Natur, sich am Leben erhalten zu müssen gegen widrige Umstände. Und das trifft Männer genauso wie Frauen. Man darf nicht vergessen, dass Aggressionspotenziale, die auf der einen Seite stark negative Auswirkungen haben können, auf der anderen Seite auch überlebensnotwendig sind. Mit dieser Ambivalenz müssen wir lernen umzugehen. Es ist jedenfalls wenig gewonnen, wenn wir das eine Geschlecht zum gewalttätigen und das andere zum friedfertigen erklären. Denn dann werden wir eine ganze Reihe von menschlichen Phänomenen nicht verstehen. 

 

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Der Wissenschaftler des Jahres 2006 und Träger des Paul-Watzlawick-Ehrenrings 2016 ist eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Foto: Emmerich Mädl

Durch #MeToo werden auch Handlungen kriminalisiert, die schlicht und einfach nicht kriminell sind. In der aktuellen Gillette-Werbung werden Männer angeklagt, die Dinge tun, die weit weg vom Straftatbestand sind. Wo sexuelle Belästigung anfängt, kann dafür das subjektive Empfinden der Maßstab sein? Welche Auswirkungen hätte das auf unseren Rechtsstaat?
Es ist bedenklich, wenn soziale Medien, die Werbeindustrie und die Twitter-Diskurse jetzt darüber entscheiden, was rechtens ist und was nicht. Der Rechtsstaat zeichnet sich genau dadurch aus, dass nicht die subjektive Empfindlichkeit der Maßstab ist. Wobei nichts dagegen spricht, dass nicht jemand etwas als unerträglich empfinden kann, was jemand anders goutieren würde. Der Rechtsstaat hat den Rahmen zu definieren, einen Rahmen für die Bandbreite subjektiver Interpretationen. Wir haben ein bisschen die Unterscheidungsfähigkeit verloren, um zwischen einem kriminellen Akt und dem zu unterscheiden, was man früher Geschmacklosigkeit nannte. Eine plumpe Anmache ist geschmacklos, aber es ist kein Verbrechen. Gegen Geschmacklosigkeiten muss man sich zur Wehr setzen können, aber nicht, indem ich den Richter rufe, sondern indem ich zum Beispiel auf derselben Ebene eine freche Antwort gebe. Wir betreiben hier zum Teil auch eine medial forcierte Selbstinfantilisierung von Männern und Frauen, die für das erwachsene Leben in einer Gesellschaft und damit für die Souveränität der Menschen in dieser Gesellschaft nicht förderlich und gedeihlich ist. Alles unter dem Aspekt der Kriminalisierung und des Strafrechts zu sehen unterminiert auch die Schutzbedürftigkeit jener, die wirklich des Schutzes bedürfen. Man kann Begriffe wie „Sexismus“ so in ihrer Bedeutung ausdehnen, dass man negativen Konnotationen nicht entgehen kann. Das ist eine beliebte Strategie, die man in der antiken Rhetorik schon findet, aber das bringt niemandem etwas.

In Schweden, wo die #MeeToo-Kampagne gegen angebliche sexuelle Übergriffe besonders hohe Wellen geschlagen hat, wurde das Strafrecht bereits verschärft: Partner müssen vor jedem Geschlechtsverkehr explizit um Erlaubnis bitten und diese auch erhalten, alles andere wird als Vergewaltigung gewertet. Man könnte manchen Spielarten des Feminismus unterstellen, dass sie selbst von reaktionären – man könnte fast sagen frauenfeindlichen – Ideen ausgehen, etwa dass der Mann, der „Jäger“, immer willig ist und die Frau sexuell den passiven Part innehat. Offenbar unterschlägt #MeToo der Frau sowohl deren Fähigkeit zum Verführen als auch ihr Vergnügen daran, zu verführen, aber auch verführt zu werden.
Ich denke, man muss das nüchtern sehen. Sie haben vollkommen recht, ich glaube auch, dass durch solche Regeln und die dahinter- liegenden Argumente im Grunde genau jene alten Rollenklischees bestätigt und verfestigt werden, gegen die man eigentlich ankämpfen wollte. Die Emanzipationsbewegungen seit 1900 hatten die Aufgabe, genau diese Klischees aufzubrechen, und haben das auch zum Teil getan. Ich finde, solche Debatten werden falsch geführt, nicht, weil die Anlässe nicht gegeben wären, denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt, sondern weil die Konsequenzen, die daraus gezogen werden, die falschen sind. Man zieht sich zurück in die Rollenklischees, die das eine Geschlecht als das schützenswerte und das andere als das bedrohliche sehen, auch was die legistischen Rahmung betrifft, anstatt die grundsätzliche Freiheit im Wechselspiel des Erotischen zu akzeptieren und nur dort einzuschreiten, wo es um eindeutige Formen von Gewalt geht. Weil Sie die Verführung angesprochen haben, es ist ja in der Philosophie der Verführung und in der Frage von der Verführbarkeit des Menschen eine uralte moralische Streitfrage, wie legitim ist es, einen Menschen zu verführen. Aber wie auch immer man Verführungsakte moralisch bewertet hat, in einem waren sich alle, die sich damit beschäftigt haben, im Klaren: dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen Verführung und Vergewaltigung gibt. Für einen wirklichen Verführer, ich denke da an Don Giovanni oder Casanova, war es völlig klar, dass der Ehrgeiz des Verführers nicht darin besteht, die Frau gegen ihren Willen zu etwas mit Gewalt zu zwingen. Ganz im Gegenteil. Sondern der Ehrgeiz des Verführers bestand immer erstens darin, der Frau das Gefühl zu geben, sie ist die Einzige, sie ist die Allerbegehrenswerteste, und zweitens, sie nur zu etwas zu verführen, von dem man annehmen kann, dass sie es im Innersten ihres Herzens ohnehin will. Psychoanalytisch gesprochen besteht die Kunst der Verführung darin, die unbewussten Wünsche eines Menschen anzusprechen und zum Durchbruch zu verhelfen. Erotik lebt in hohem Maße von diesem wechselseitigen Spiel mit dem Kokettieren, mit dem Unbewussten des Anderen. Deshalb gibt es meines Erachtens in der Erotik und der Sexualität gerade diese Eindeutigkeit, die solche gesetzlichen Rahmenbedingungen wie in Schweden nahelegen, dass man immer in jeder Situation jetzt genau weiß, was man will oder was man nicht will, prinzipiell nicht. Das ist der Inbegriff des Erotischen: Ich will und ich will nicht. Wir versuchen mit Gewalt Eindeutigkeit herzustellen, wo das Wesen der Dinge in der Zweideutigkeit besteht. 

Mannsein und Frausein ist auch mit bestimmten gesellschaftlichen Rollen verbunden. Der Soziologe Martin Schröder von der Uni Marburg hat in einer Mitte 2018 veröffentlichten Studie herausgefunden, dass das „längst überwunden gedachte“ – also zu überwinden geltende – traditionelle Familienbild Väter wie Mütter am glücklichsten macht. Am allerglücklichsten seien die Väter, wenn sie 40 bis 60 Stunden pro Woche arbeiten und sich als Ernährer der Familie fühlen können. Auch die Lebenszufriedenheit der Mütter sei so am höchsten. Was ist so schlimm an den klassischen Rollenmustern? Warum spricht man davon, dass etwas überwunden werden müsse, wenn es doch offenbar glücklich macht?
Das klassische Rollenbild war und ist insofern schlimm, wenn damit einseitige Abhängigkeitsverhältnisse verbunden sind. Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo die Frau ökonomisch noch vom Mann abhängig war. Und meine Mutter hat das nicht als Glück empfunden. Es war tatsächlich dramatisch für sie. Die Abhängigkeit, in der Hand eines anderen zu liegen, widerspricht dem Menschsein. Aus dem Grund bin ich auch gegen Sklaverei. Emanzipation bedeutet ja wörtlich: sich aus der Hand eines anderen zu lösen. 

 

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„Es ist wenig gewonnen, wenn wir das eine Geschlecht zum gewalttätigen und das andere zum friedfertigen erklären.“ Foto: Emmerich Mädl

Im zeitlichen Kontext von heute und wenn von Ländern wie Deutschland oder Österreich die Rede ist, muss man aber sagen, dass die Frau die Freiheit hat, das selbst zu entscheiden. Das Problem liegt vielleicht darin, dass gewisse Tätigkeiten, etwa der „24-Stunden-Job“ Kinderbetreuung inklusive Haushaltsarbeit, keine bezahlte Arbeit ist.
Ja, man müsste gesamtgesellschaftlich Wertsysteme ändern, also etwa Reproduktionsarbeit, Arbeit in der Familie, Arbeit mit Kindern, Betreuungsarbeit insgesamt aufwerten und nicht nur die Lohnarbeit, die Erwerbsarbeit zum Maßstab aller Tätigkeiten machen. Die große Kunst besteht darin, nicht dem Fehler zu verfallen, die eine Tätigkeit aufzuwerten und die andere abzuwerten. Das passiert uns aber ständig.

Das Phänomen des „Nordischen Gleichstellungsparadoxons“ beschreibt einen scheinbaren Widerspruch: Je mehr Gleichstellung zwischen den Geschlechtern in einem Land herrscht, desto eher wählen Frauen „typische Frauenberufe“ und Männer „typische Män- nerberufe“, desto weniger Interesse haben Frauen an MINT-Fächern, desto weniger Frauen bekleiden Managerpositionen. Ich will hier mitnichten die große Errungenschaft der gesetzlichen Gleichstellung von Mann und Frau infrage stellen, aber hinterfragen, ob die feministische Forderung nach immer mehr Gleichheit der Geschlechter überhaupt zielführend ist. Abgesehen davon, dass Gleichheit ohnehin eine unerreichbare Illusion oder Utopie ist.
Es sollte jeder Mensch alle Möglichkeiten haben. Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder wegen ihres Alters von bestimmten Ausbildungen oder Berufen auszuschließen, widerspricht jeder Form einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Und Freiheit ist für mich in diesem Zusammenhang das zentrale Kriterium. Aber wenn diese Freiheit
gewährleistet ist und man erwachsenen Menschen die Möglichkeit gibt, sich für das eine oder andere Lebensmodell oder den einen oder andern Beruf zu entscheiden, dann sollte man das auch akzeptieren. Es ist interessant, dass Menschen, die genau diese Freiheit haben, offensichtlich eine Berufswahl treffen, die dem widerspricht, was man vielleicht erwarten würde. An sich ist das kein Problem, solange man die Wertigkeit dieser Berufsentscheidungen aneinander angeglichen hat. Ich weiß nicht, was eine Gesellschaft gewinnt, wenn Menschen, die das nicht wirklich wollen, krampfhaft versuchen, auf die TU zu gehen, und andere krampfhaft versuchen, Kinder großzuziehen. Es geht darum, Menschen ihre Lebensform frei wählen zu lassen. Wenn dann herauskommt, dass sehr viele Frauen nach wie vor am meisten Freude haben, dies zu tun, und Männer Freude haben, das zu tun, dann ist das eben so. Dann muss man nur darauf achten, dass sie das, was sie gewählt haben zu tun, gut machen. Ich halte diese ideologischen Verordnungen, dass wir überall so und so viele Vertreter eines Geschlechts oder einer Herkunftsethnie unterbringen müssen, diesen Gedanken der Quotierung von allem und jedem für kontraproduktiv. Die Forderungen seien erfüllt, wenn Frauen all das machen, was Männer auch machen und umgekehrt – ich halte das prinzipiell für eine fragwürdige Zielvorstellung. Was nicht dagegen spricht, dass jeder die Möglichkeit haben soll, das zu machen, was er will.

Mann und Frau sind nun einmal nicht gleich im Sinne von ident.
Dass Menschen nicht gleich sind, lehrt uns jede alltägliche Erfahrung. Und das ist auch gut so, denn wir könnten nicht so sehr auf Individualität pochen, wenn wir alle gleich wären. Das ist ein Widerspruch. Gleichheit bedeutet eben nicht, dass alle das Gleiche machen, denken und fühlen und dass alle in jeder Hinsicht gleich behandelt werden müssen. Sondern wir wollen als Individuen wahrgenommen werden, also ungleich behandelt werden. Dieses Pathos des Gleichheitsbegriffs der Französischen Revolution war ja darauf bezogen, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, dass alle die gleichen Rechte haben, dass niemand Privilegien für sich in Anspruch nehmen darf. Aber dass alle die gleichen Rechte haben, heißt nicht, dass alle gleich sind und das Gleiche tun müssen. Das ist ein großer Denkfehler. 

Macho, Karrierist, Ernährer, Hausmann, Softie oder von allem etwas: Wie muss der Mann heute beschaffen sein, damit es allen Frauen passt?
Die Frage ist leicht zu beantworten: Das wird nicht gehen. Weil es prinzipiell nicht geht, etwas zu tun, was allen passt. Denn es gehört zum Menschsein, dass es immer andere Menschen geben wird, denen das, was wir tun, sei es in bester Absicht, so nicht passt. Und ich finde das gut, dass niemand vorschreiben kann, wie man sich als Mann verhalten muss, wie man denken und fühlen muss, sich zu kleiden hat, damit man allen Frauen passt, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es war nie das Anliegen des Mannes, etwas zu machen, was für alle Frauen passt, sondern es geht um einige und manchmal auch nur um eine Frau, für die es passen muss.

 

Der Rasierer-Hersteller Gillette verkauft neben den Männerrasierern inklusive neuem Männerbild im Übrigen auch die pinken „Venus“-Damenrasierer. Eine Kampagne zur Infragestellung von weiblichen Verhaltensweisen wurde bis dato nicht initiiert.