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People | 04.02.2019

Man wächst mit der Aufgabe

Seit 6. Dezember 2018 ist Christine Haberlander Vize-Landeschefin von Oberösterreich. Wir haben mit der 37-jährigen Ennserin über unvergessliche Erlebnisse, persönliche Untergriffe und schlaflose Nächte im politischen Alltag gesprochen.

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Modisch setzt die Vize-Landeschefin gerne auf bunt – wie hier im federleichten, langen Abendkleid aus der Talbot Runhof-Kollektion von Hänsel & Gretel. (© Sarah Katharina)

Mit Thomas Stelzers Amtsantritt als Landeshauptmann im April 2017 wechselte Christine Haberlander (VP) in die oberösterreichische Landesregierung und ist seither als Landesrätin für die Agenden Gesundheit, Bildung, Kinderbetreuung und Frauen zuständig. In diesen zwei Jahren konnte die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin nicht nur hohe Sympathiewerte einheimsen, sie musste sich auch auf dem glatten politischen Parkett durchsetzen. Bei der umstrittenen Umsetzung der Kindergartengebühren und auch im Umgang mit der rumorenden Gesundheitslandschaft hat die Vollblutpolitikerin bewiesen, dass sie sich auch vor unangenehmen Themen keineswegs fürchtet. Das war mitunter auch ein Grund, warum sie Landeshauptmann Stelzer im Frühjahr 2018 als seine  Stellvertreterin vorgeschlagen hat. Nach einstimmiger Wahl wurde Christine Haberlander am 6. Dezember des Vorjahres als erste Vize-Landeschefin  Oberösterreichs angelobt und ist damit seit der Einführung des Frauenwahlrechts die erste Frau, die dieses Amt bekleidet. Bei unserem Covershooting im Musiktheater in Linz zeigte sich die zierliche Blondine in Outfits von Hänsel & Gretel und Trachten Wichtlstube von ihrer modischen Seite.

 

Seit 6. April 2017 sind Sie Landesrätin für Bildung, Gesundheit und Frauen. Das alles sind Bereiche, in denen es sehr menschelt und wo auch oft die Wogen hochgehen. Welche Ziele, die Sie sich vor zwei Jahren gesteckt haben, konnten Sie bereits erreichen?

Christine Haberlander: Für alle drei Bereiche war es mir von Anfang an ganz wichtig, mehr aufeinander zuzugehen und zuzuhören. Das ist uns sehr gut gelungen. Stolz bin ich auch da­rauf, dass wir es geschafft haben, die Frauenstrategie „Frauen.Leben 2030“ auf die Beine zu stellen, mit der unter anderem die Chancengleichheit von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen angekurbelt werden soll. Im Bereich der Bildung und Gesundheit sind wir gerade dabei, neue zukunftsfähige Strukturen zu schaffen. In der Bildung ist das die Bildungsdirektion, in der Gesundheit geht es um die Schaffung der Gesundheitsholding, wobei wir hier den Fokus ganz klar auf die Mitarbeiter und die Patienten legen. Ein großer und wichtiger Schritt ist aber auch der Ausgleich des Budgets mit einer schwarzen Null.

 

Welches Erlebnis aus dieser Zeit ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Die Erlebnisse sind so unterschiedlich wie die Bereiche, für die ich verantwortlich bin. Abseits meiner Angelobung zur Landeshauptmann- Stellvertreterin, bei der die Ennser Musikkapelle vor dem Landhaus gespielt hat, sind es meistens ganz alltägliche Begegnungen, die mich berühren. Wenn ich zum Beispiel einen Kindergarten besuche und die Kinder für mich singen, dann geht mir das Herz auf. So manches Lied kann ich sogar schon mitsingen. (lacht) Auch in Krankenhäusern oder Altenheimen vertrauen mir die Menschen ihre Probleme an und übertragen mir somit auch eine Verantwortung. Das ist berührend und motivierend zu gleich. 

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Natürlich und bodenständig: Christine Haberlander in Rock und Pulli von Trachten Wichtlstube (© Sarah Katharina)

Gab es in diesen zwei Jahren Situationen, wo sie gedacht haben, jetzt werfe ich das Handtuch?

Natürlich gab es Situationen, die nicht besonders erfreulich waren, und auch solche, die mir schlaflose Nächte bereitet haben. Das gehört aber zum Job dazu, denn wenn alles so easy-going wäre, würde man sich schwertun, etwas zu verändern und gestalten. Dass man sich Gedanken und Sorgen macht, bedeutet doch, dass man seine Sache ernst nimmt.

 

Sie wurden als erste Frau in der Geschichte einstimmig zur Landes-Vizechefin gewählt. Was hat sich seither in Ihrem beruflichen Alltag geändert?

Ich hatte vorher eine Siebentagewoche und habe diese auch jetzt noch. Das Arbeitspensum ist in etwa das Gleiche wie vorher, aber die Art der Termine hat sich geändert. Ich vertrete den Landeshauptmann bei Besuchen von Regierungsmitgliedern oder auch auf Auslandsreisen und wir tauschen uns täglich aus.

 

Weihnachtsfeiern, Silvester-Show auf der Gugl, Besuch des Neujahrsbabys ... – auch um die Feiertage waren Sie beruflich viel unterwegs. Wie viel Zeit bleibt für Privates?

Ich habe keinen fixen Tag oder Abend frei, versuche aber am Wochenende, bewusst Zeit mit meinen Freunden oder der Familie zu verbringen. Zum Glück habe ich einen sehr flexiblen und verständnisvollen Freundes- und Familienkreis.

 

Die Themen Frauen, Bildung und Gesundheit betreffen vor allem Familien sehr stark. Sie sind nicht verheiratet, haben keine Kinder. Kommt das manchmal aufs Tablett?

Meine persönliche Lebenssituation war bisher kein Thema. Ich habe sehr liebe Freundinnen mit Kindern, mit denen ich Zeit verbringe und auch auf Urlaub fahre. Da bekommt man vieles live mit.

 

Ein Job als Politikerin war nie auf Ihrem Radar. Jetzt sind Sie seit zwei Jahren Landesrätin und obendrein auch die mächtigste Frau im Land. Wie fühlt sich das an?

Politikerin zu werden war wirklich nicht mein Sandkastentraumberuf. (lacht) Dieser Weg hat sich ergeben. Ich sehe das Ganze mit einer gewissen Demut und glaube auch, dass das der Anspruch an die Politik ist. Dass man gestalten kann und auch bereit ist, Themen zu hinterfragen und zu verändern. Aber man ist nur für einen gewissen Zeitabschnitt da, wächst mit der Aufgabe und muss dieser respektvoll gegenüberstehen.

 

Vor gut einem Jahr trat die umstrittene Verordnung zu den Kindergarten-Nachmittagsbeiträgen in Kraft. Die Ab- und Ummeldungen betreffen rund 20 Prozent der Kinder. Verärgerte Eltern und Bürgermeister waren die Folge. Das Thema wurde sehr emotional und ideologisch diskutiert. Wie ist aktuell der Status quo?

Bei der Einführung der Beiträge war es ein intensiv diskutiertes Thema. Das verstehe ich auch, weil es ja eine große Veränderung war, die fast jede Gemeinde in Oberösterreich betrifft. Wir haben eine Evaluierung durchgeführt und gesehen, dass es in 96 Prozent der Gemeinden zu keinen Veränderungen des Angebots gekommen ist. Wenn ich jetzt im Land unterwegs bin, ist es kaum mehr ein Thema. Ich besuche viele Kindergärten und stelle immer wieder fest, dass das System in Oberösterreich sehr tragfähig ist. Die Zahlen der Kindertagesheimstatistik  werden im Frühling 2019 präsentiert.

 

In dieser Causa wurde nicht mit Kritik an Ihrer Person gespart. Wie gehen Sie mit Kritik allgemein um? 

Da muss man ganz klar differenzieren, um welche Art von Kritik es sich handelt. Sachliche und fachliche Kritik ist für mich selbstverständlich ein Thema, weil sie der inhaltlichen Reflexion dient. Ich bin ein sehr reflektierender Mensch und hinterfrage immer, was dahintersteht. Angst und Sorgen von Betroffenen muss man ernst nehmen. Problematisch wird es dann, wenn es um Untergriffe geht, die auf die Persönlichkeit oder das Äußere abzielen und meistens anonymisiert im Netz auftauchen. Gegen Hass im Netz gehe ich mit den Plänen der Bundesregierung, diese mit Regelungen einzudämmen, konform. Auch mir sind solche Untergriffigkeiten schon passiert, aber ich habe ein gutes Team um mich und kann damit ganz gut umgehen.

 

Um wieder auf die Kinderbetreuung zurückzukommen, wie sieht Ihrer Meinung nach eine ideale Lösung aus?

Der Idealfall wäre, dass jede Familie die Betreuungsform wählen kann, die sie haben möchte. Da aber fast jede Familie unterschiedlich tickt, müsste man ganz viele verschiedene Betreuungsformen anbieten. Das funktioniert in der Praxis nicht, da man ja im Auge behalten muss, was von Seiten der Gemeinden finanzierbar ist und wie die personelle wie auch die räumliche Situation aussieht. Ein großer Schritt, den wir noch vor uns haben, ist die Betreuung der unter dreijährigen Kinder. Aufgrund der geänderten Lebensmodelle hat sich die Anzahl der betreuten Kinder in dieser Altersgruppe in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht und der Bedarf wird in den nächsten Jahren noch weiter steigen.

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Rot steht ihr: Christine Haberlander im Dirndl von Trachten Wichtlstube (© Sarah Katharina)

Der Wirtschaft geht es gut, dennoch verdienen Frauen für gleiche Arbeit immer noch viel weniger als Männer. Die OÖ Landesregierung hat sich dazu verpflichtet, bis 2030 diesbezüglich eine Gleichstellung von Frauen und Männern erreichen zu wollen. Wann wird sich die Gehaltsschere schließen?

Um dieses Ziel bis 2030 erreichen zu können, ist nicht nur die Politik gefordert, sondern auch die Wirtschaft. Es gibt schon viele Unternehmen, bei denen die Gleichstellung bereits angekommen ist. Kein Unternehmen kann es sich leisten, auf das Know-how und die fachliche Expertise von Frauen zu verzichten. Es muss selbstverständlich werden, dass das auch in der monetären Bemessung Niederschlag findet. Das kann allerdings nur im Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik funktionieren.

 

Wie schaut Ihr persönliches Frauenbild aus?

Bunt! Jede Frau soll so leben und sich so entfalten können, wie sie das will. Folglich gibt es Hunderttausende unterschiedliche Frauenbilder. Ich wünsche mir Frauen, die mutig, laut und unangepasst sind, Frauen, die überraschen, selbstbewusst ihre Meinung sagen und Dinge einfordern.

 

Im Gesundheitswesen stehen große Veränderungen an, etwa gehen in den nächsten zehn Jahren fast die Hälfte der 665 Allgemeinmediziner in OÖ in Pension. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Zum einen haben wir in Linz eine Medizinische Fakultät gegründet, wo der Schwerpunkt auf Allgemeinmedizin gelegt wird. Da wir sehen, dass die Ärzte, die jetzt auf den Markt kommen, nicht mehr so ticken wie jene vor 30 Jahren, schaffen wir mit den Gesundheitszen­tren neue Mehrversorgungseinheiten. Zudem haben wir den Hausärztlichen Notdienst installiert, bei dem sich Ärzte mit den Wochenenddiensten abwechseln. Mit dem Thema Telemedizin kommt eine große Revolution auf uns zu, die auch die Basisversorgung in den Regionen verändern wird.

 

Auch das Thema Bildung polarisiert. Mit dem aktuellen Pädagogik-Paket der Bundesregierung werden an den Volksschulen ab dem zweiten Semester der zweiten Klasse wieder verpflichtend Ziffernnoten eingeführt. Außerdem können Schüler ab der zweiten Klasse wieder sitzenbleiben. Wie stehen Sie dazu?

Ich begrüße das neue Pädagogik-Paket der Bundesregierung und auch die Ziffernnoten. Wichtig ist, dass Kindern und Eltern vermittelt wird, was die Note eigentlich heißt. Dazu gehört ein intensiver Informationsaustausch.

 

Mit der Bildungsdirektion wird auch die Schulorganisation neu aufgestellt. Wie schaut diese jetzt aus?

Wir haben jetzt statt 20 nur mehr sechs Bildungsregionen. Das ist eine Umstellung, die mit 1. Jänner 2019 schlagend wurde. Es braucht sicher seine Zeit, bis es sich an den Personen manifestiert, jeder seinen Platz gefunden hat und die Wege innerhalb der Behörde definiert werden. Ich verstehe, dass seitens der Betroffenen Sorgen vorhanden sind. Als einziges Bundesland sind in Oberösterreich die Bildungsdirektion und die Regional-Abteilungen seit 1. Jänner auch für die Elementarpädagogik zuständig – als ein „Haus der Pädagogik“.

 

Ihre Mutter war viele Jahre in Enns ÖVP-Gemeinderätin. Wie sehr hat Sie das in Ihrem Aufwachsen und Ihrer politischen Einstellung beeinflusst?

Ich bin in der großen ÖVP-Familie in Enns aufgewachsen, habe als kleines Kind immer den Kinderfasching besucht und später auch bei verschiedenen Aktionen der ÖVP ehrenamtlich mitgearbeitet. Dadurch habe ich Gemeindepolitik von der Pike auf kennengelernt. Die Tätigkeit in dieser Gemeinschaft war eine absolute Bereicherung für mich.

 

Laut jüngsten Erhebungen liegt Ihr Bekanntsheitsgrad bei 69 Prozent. Wie geht es Ihnen damit, eine öffentliche Person zu sein?

Man muss sich da­ran gewöhnen, aber zum Glück habe ich noch nie eine schlechte Erfahrung gemacht – ganz im Gegenteil, es waren immer sehr wertschätzende Begegnungen.

 

Könnten Sie sich auch vorstellen, nach Wien zu gehen und für die Bundespolitik tätig zu sein?

Ich bin sehr zufrieden, wie es jetzt ist. Mein Platz ist in Oberösterreich.

 

Was motiviert Sie?

Ich habe Themenbereiche, in denen es menschelt und wo man etwas verändern kann. Meine Motivation liegt darin, Oberösterreich besser zu machen. Unser Bundesland soll für die Menschen der Platz sein, wo sie gerne leben und auch Chancen haben. 

 

Lange Zeit wurde das Politikbild von älteren Herren dominiert. Mit Ihnen ist erstmals eine junge Frau an der Spitze unseres Landes. Wurden Sie von Anfang an akzeptiert?

Man ist mir immer sehr respektvoll begegnet. Das ist aber mit Sicherheit auch der Verdienst vieler Frauen, die in den letzten Jahrzehnten viel härter um ihr Ansehen kämpfen mussten als meine Kolleginnen und ich heute.

 

Was bedeutet Ihnen Mode?

Ich bin modeinteressiert, kann und will aber schon berufsbedingt nicht jeden Trend mitmachen. Ich mag Farben und finde, dass sich Politikerinnen heute viel modischer und bunter als früher anziehen.

 

Wie schaut es in Sachen Liebe aus? Gibt es einen Mann an Ihrer Seite?

Nein, ich bin ein glücklicher Single. Mein Fokus liegt auf der Arbeit, und meine Freizeit verbringe ich mit Freunden und Familie.

 


ZUR PERSON:

Nach dem Studium arbeitete Christine Haberlander als Referentin im Büro des Klubs der ÖVP-Landtagsabgeordneten. Danach leitete sie das Vorstandsbüro der Oö. Gesundheits- und Spitals AG und wurde später Referentin im Büro des damaligen LH Josef Pühringer.