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People | 09.09.2020

"Man muss für die Idee brennen"

Sie ist Mutter von fünf Kindern, Bio-Pionierin und die gute Seele des Mauracher Hofs in Sarleinsbach: Sissy Eder kann mit ihren 60 Jahren auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Ein Porträt über eine Frau, die es gemeinsam mit ihrem Mann Josef und fünf Kindern geschafft hat, aus einer gelebten Philosophie eine erfolgreiche Bio-Landwirtschaft aufzubauen.

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© Julia Traxler

Wir treffen Sissy Eder in ihrem blühenden Garten am Mauracher Hof in Sarleinsbach und bekommen bei saftigen Pfirsichen und Kapuzinerkresse den lebenden Beweis: Hier wird Bio auf ganzer Linie gelebt. Da, wo heute Roggen und Dinkel sprießen, Milchkühe friedlich auf der Wiese grasen und Bio-Brotlaibe gebacken werden, stand vor 40 Jahren ein einfacher Bauernhof. Dem Kampfgeist, der gelebten Philosophie und dem richtigen Produktgespür von Sissy und Josef Eder ist es zu verdanken, dass der Mauracher Hof heute zu einer der erfolgreichsten biologischen Landwirtschaften Österreichs und dem bayerischen Raum zählt. Mittlerweile hat sich die passionierte Landwirtin in den Ruhestand zurückgezogen und die Wege für die nächste Generation geebnet. Bei Linzerkipferl und Dinkelherzen aus der hofeigenen Bio-Bäckerei gewährt sie uns inspirierende Einblicke in ihren ereignisreichen Lebenslauf und verrät, was sie sich für die Zukunft wünscht. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Eder, der „Mauracher Hof“ hat eine traditionsreiche Geschichte. Im 17. Jahrhundert erstmals erwähnt, haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann einen erfolgreichen Bio-Betrieb mit einer Bio-Hofbäckerei aufgebaut. War es schon immer Ihr Wunsch, Landwirtin zu werden?

Sissy Eder: Bevor ich meinen Mann kennengelernt habe, hatte ich mit der Landwirtschaft eher weniger am Hut. Mein Mann hingegen hatte sich bereits mehrere Jahre um den Betrieb gekümmert und führte diesen damals schon als Bio-Landwirtschaft. Die Einstellung biologisch zu leben, hat mich jedoch auf Anhieb fasziniert und seither leben wir es zu hundert Prozent in der Familie. Für unsere tägliche Arbeit war dies stets eine wichtige Grundvoraussetzung. Ich kann nicht etwas nach außen vertreten, wenn ich es nicht nach innen lebe. 

 

Sie haben vor 40 Jahren die Umstellung auf Bio-Betrieb mitgetragen und sind damit gegen den Strom geschwommen. War das eine einfache Entscheidung?

Für mich war das eine ganz klare Entscheidung, die ich keine Minute hinterfragt habe. Ganz im Gegenteil, ich bin überzeugt von unserer Philosophie und als wir auf gleichdenkende Bauern gestoßen sind, war dieser Austausch sehr befruchtend und wichtig. Nicht zuletzt da wir damals in der Bio-Szene nicht die Masse, sondern eine Minderheit waren. 

 

 

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© Julia Traxler

Fast zur selben Zeit der Umstrukturierung haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann eine Familie gegründet. Wie haben Sie es in den folgenden Jahren geschafft, ein Unternehmen von dieser Größe mitzuleiten und dabei fünf Kinder großzuziehen?

Letztendlich geht es um das richtige Zeitmanagement. Meine Taktik damals war, mir bewusst kleine Zeitfenster zu setzen und festzulegen, was ich in dieser Zeit alles erledigen muss. Man glaubt gar nicht, was man in einer Stunde alles unterbringt. Aber Zeitmanagement hin oder her, natürlich war es eine stressige Zeit, doch in solchen Situationen hat man keine andere Wahl. Es muss funktionieren. Wichtig ist dabei, seiner Ideologie treu zu bleiben und das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Das gibt einem viel Kraft. Der Nebeneffekt bei dem Ganzen war jedoch, dass wir wenig Zeit für unsere Kinder hatten. Im Nachhinein habe ich aber gemerkt, dass unsere Kinder dadurch selbstständig und belastbar geworden sind.

 

Was war Ihnen bei der Erziehung Ihrer Kinder besonders wichtig? 

Den Kindern zu lernen, dass es Arbeiten im Leben gibt, die man nicht gerne macht, die aber getan werden müssen. Ihnen aber auch Werte wie Gerechtigkeit zu vermitteln, war mir wichtig. Der Leitspruch meiner Mutter war: Haltet zusammen, denn miteinander seid ihr stark. Das habe ich auch meinen Kindern immer gesagt.

 

Was raten Sie jungen Menschen, die gerade dabei sind, Ihr eigenes Unternehmen aufzubauen?

Bleibt eurer Philosophie immer treu und macht euch bewusst, dass es auch Zeiten geben wird, die schwer sind und wo es Rückschläge gibt. Lasst euch aber davon nie entmutigen und bleibt an eurer Idee dran. Das Wichtigste ist jedoch: Man muss für die Idee brennen. 

 

Altes Handwerk erhält einerseits neuen Schwung, andererseits wird es in der heutigen Zeit verkannt. Wie erleben Sie die Umbrüche beziehungsweise was sollte sich ändern?

Die Landwirtschaft und das Handwerk ist die Basis einer Gesellschaft. Leider wird dies oft verkannt, denn viele vergessen, dass unser Wohlstand auf der ständigen Weiterentwicklung der Generationen vor uns beruht. Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Eltern glauben, ihre Kinder müssen studieren, um erfolgreich zu sein. Das Handwerk hingegen stagniert, da es an fitten und passionierten Menschen fehlt, die es weiterentwickeln. Die Folge ist, dass altes Handwerk nicht mehr gelernt wird. Das Bewusstsein für Handwerk muss daher wieder geschärft werden.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eigenschaften für Erfolg? 

Konsequenz und Überzeugung, wobei wir unsere Arbeit immer aus einem Selbstverständnis heraus gemacht habe. Das ist auch der Grund, warum wir wenig Werbung für unsere Produkte gemacht haben. 

 

 

Bild 2009_O_Mauracherhof_re-1.jpg
© Julia Traxler

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückblicken, auf was sind Sie dabei besonders stolz? 

Auf meine fünf wundervollen Kinder, und dass wir es geschafft haben, den Hof zu dem zu machen, was er heute ist. 

 

Haben Sie ein Hobby, dem Sie gerne nachgehen? 

Dadurch, dass ich bereits als Kind viel arbeiten musste, hatte ich nie wirklich Zeit für ein Hobby. Jetzt in meiner Pensionierung freue ich mich, noch mehr Zeit mit meinen Enkelkindern zu verbringen. Meine Tochter ist aktuell auch mit Zwillingen schwanger und bin zuversichtlich, dass sich für mich ein neues Betätigungsfeld ergibt (lacht).

 

Haben Sie eine bestimmte Lebensphilosophie, die Sie verfolgen?

Ich bin kein Mensch, der sich verbiegt. Ich bin, wie ich bin und stehe hinter meinen Überzeugungen in jeder Sekunde meines Lebens.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Kinder und für den Mauracher Hof? 

Für meine Kinder wünsche ich mir Gesundheit, dass sie liebevolle und wertschätzende Partnerschaften leben können und ihren Kindern wichtige Werte weitergeben. Was den Mauracher Hof betrifft, wünsche ich mir für die nächste Generation, dass sie die Kraft besitzt, den Hof mit neuen und innovativen Ideen positiv weiterzuführen. Ohne unsere Mitarbeiter wäre das jedoch nicht möglich. Wir haben ein sehr familiäres Umfeld. Sie sind nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Freunde, Mitunternehmer und Verwandte wie meine Schwester und mein Bruder. Ich hoffe sehr, dass wir auch in Zukunft so ausgezeichnete Mitarbeiter haben, denen unsere Philosophie genauso am Herzen liegt wie uns.