Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 15.07.2019

"Man kann es nie allen recht machen"

Sabine Naderer-Jelinek (SPÖ) steht seit Ende Mai an der Spitze von Leonding und zählt mit 38 Jahren zu den jüngsten Bürgermeisterinnen Österreichs.

Bild 1907_O_Menschen_Sabine_Nader.jpg (1)
Sabine Naderer-Jelinek bringt als neue Bürgermeisterin frischen Wind in das Leondinger Rathaus. (© Dominik Derflinger)

Die viertgrößte Stadt Oberösterreichs ist seit Ende Mai fest in Frauenhand: Sabine Naderer-Jelinek (38) wurde im Mai zur Bürgermeisterin von Leonding gewählt. Damit ist sie eine von insgesamt 174 Bürgermeisterinnen in Österreich. Zwar steigt der  Anteil der Frauen kontinuierlich, allerdings sind sie immer noch deutlich in der Unterzahl. Zur Erinnerung: Im Moment gibt es mehr als 1.900 männliche Bürgermeister. Was es braucht, um mehr Frauen in die Politik zu bringen, welche Pläne sie für Leonding hat und warum sie von den Werten der Sozialdemokratie überzeugt ist, haben wir mit Naderer-Jelinek in ihrem neuen Büro im Rathaus besprochen. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie haben sich bereits im ersten Wahlgang gegen die Bürgermeister-Kandidaten der anderen Parteien durchgesetzt. Was haben Sie getan, nachdem die erste Hochrechnung dieses auch für Sie überraschende Ergebnis gezeigt hat?

Sabine Naderer-Jelinek: (lacht) Ich habe den Kopf in die Hände gelegt und konnte nicht glauben, dass das wirklich wahr ist. Zum einen, dass ich 51 Prozent der Stimmen bekommen habe, andererseits, dass das Ergebnis gleich im ersten Wahlgang so deutlich ist. Außerdem hat die Auszählung eines Sprengels sehr lange gefehlt. Man hat mir zwar gesagt, dass dieser Sprengel nichts am Ergebnis ändern würde, aber ich wollte es erst glauben, nachdem alle Stimmen ausgezählt waren. Und dann waren Freude und Erleichterung riesengroß!

Nach dem Rücktritt Ihres Vorgängers Walter Brunner im Februar haben Sie den Job der Bürgermeisterin auch interimsmäßig einige Monate gemacht. So neu ist das also gar nicht für Sie …

Das stimmt, aber es macht einen großen Unterschied aus, weil ich jetzt mit dem Vertrauen der Menschen ausgestattet bin. Es ist fast wie beim Heiraten: Auch wenn alle sagen, dass es keinen Unterschied macht, aber es ist einfach ein anderes Gefühl, zu wissen, dass der Großteil der Bevölkerung hinter einem steht.

 

Leonding ist die viertgrößte Stadt Oberösterreichs. Wie groß ist die Verantwortung, die Sie bei Ihrer Aufgabe verspüren?

Natürlich ist die Verantwortung sehr groß, aber auch sehr schön. Es ist eine Riesenehre für mich, in der viertgrößten Stadt dieses Amt ausführen zu dürfen – auch als erste Frau. Ich freue mich, dass Leonding so weit ist, eine Frau in meinem Alter in die Spitze zu lassen. Das ist noch immer nicht selbstverständlich. Jedes Mal, wenn ich durch die Stadt gehe, schaue ich, was sich tut und was mir auffällt. Man ist sozusagen ständig im Dienst. Ich fühle mich den Menschen hier verpflichtet, die Stadt mit jener Verantwortung weiterzuführen, wie das meine Vorgänger bereits gemacht haben. Eine Stadt, die so floriert, zu übernehmen, ist eine Riesenaufgabe, weil die Erwartung auch dementsprechend groß ist.

 

Sie haben auch Respekt vor dieser Aufgabe?

Natürlich habe ich Vorstellungen davon, wie ich es angehen möchte, und auch einen gewissen Hang zum Perfektionismus. Den werde ich etwas ablegen müssen. Man kann es nicht allen Menschen recht machen, das habe ich den vergangenen sechs Jahren als Vizebürgermeisterin bereits gelernt. Ich weiß, welche Vorstellungen ich von der Stadt habe. Dafür muss ich versuchen, Mehrheiten zu finden und auch andere davon zu überzeugen, dass das der richtige Weg ist. Das ist eine spannende Herausforderung. Dazu kommt, dass Städte und Gemeinden zwar immer mehr Aufgaben bekommen, aber das Geld dafür nicht mehr wird. Das verlangt mir gewissen Respekt ab, weil ich mich frage, wie sich das in Zukunft entwickeln wird und wie weit ich überhaupt Einfluss darauf habe, was in der Stadt passieren kann – weil das ganz andere Ebenen entscheiden. Ein Beispiel dafür ist der geplante vierspurige Ausbau der Bahn. Da sind wir auch wesentlich von Land und Bund abhängig.

 

Wie geht es für Leonding unter Ihrer Führung weiter? Was sind Ihre wichtigsten Vorhaben?

Sehr wichtig ist im Moment der angesprochene Ausbau der Bahn und die von uns in diesem Zusammenhang geforderte Einhausung mit Tieferlegung. Dafür werden wir kämpfen, weil wir nicht nur die viertgrößte Stadt in Oberösterreich sind, sondern auch die 14. größte Stadt Österreichs. Es geht also um die Interessen von 30.000 Menschen. Bei meinen Hausbesuchen ganz oft gekommen sind auch Verkehrsthemen. Das sind für uns viele vermeintlich kleine Dinge, die für die Menschen vor Ort aber sehr wesentlich sind. Da ist es mir wichtig, eins nach dem anderen abzuarbeiten. Allerdings ohne dabei von einer Straße zur anderen zu denken, denn Verkehr und Mobilität sind bedeutende Themen, bei denen wir ganzheitlich auf die Stadt schauen müssen. Ein weiteres großes Thema ist momentan der Bildungscampus, bei dem es darum geht, von der Krabbel­­­stube bis zum Fachhochschul­ab­schluss alles in Leonding absolvieren zu können. Wir haben mit Volksschulen, Neuer Mittelschule und HTL bestehende Strukturen, die wir künftig besser vernetzen möchten. Es geht darum, Austausch zu schaffen und bei den Kindern Interesse und Verständnis für die Technik zu wecken. Das Konzept für den Bildungscampus haben wir gemeinsam mit den großen Leondinger Unternehmen aufgestellt. Das ist einzigartig an unserem Konzept.

 

Sie sind Sozialdemokratin. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich aktuell die Bundes-SP anschauen?

Mir persönlich, als Sozialdemokratin in Leonding, geht es sehr gut. Was die SPÖ auf Landes- und Bundesebene betrifft, habe ich viel Vertrauen in die Werte der Sozialdemokratie. Ich bin davon überzeugt, wenn sich die Sozialdemokratie auf ihre Werte besinnt, mit Hausverstand handelt und den Menschen zuhört, dass sie auch wieder ganz andere Zeiten erleben wird. Die sozialdemokratischen Parteien befinden sich europaweit in einem Findungsprozess. Das gehört für mich dazu. Ich bin nach wie vor stolze Sozialdemokratin. Wir stehen für die richtigen Werte und für jene Menschen ein, die keine Lobby haben. Das hat sich auch ganz deutlich bei der Arbeiterkammer-Wahl gezeigt. Darum sehe ich die Situation im Moment auch nicht so eng.

 

Bild 1907_O_Menschen_Sabine_Nader.jpg
Sabine Naderer-Jelinek ist Mutter einer zweijährigen Tochter und studierte Publizistin. (© Dominik Derflinger)

Sie haben sich früh politisch engagiert. Woher kommt dieses Interesse?

Man kann fast sagen, dass ich ein bisschen hineingeboren wurde. Meine Mama hat ihre Wehen in einer Betriebsratssitzung in der Arbeiterkammer bekommen. (lacht) Sie war Betriebsrätin von den Hausbesorgern, auch mein Opa war schon Betriebsrat in einem Steinbruch in Mauthausen. Wobei es nie so war, dass Parteipolitik bei uns daheim ein sehr großes Thema gewesen wäre. Es war eher so, dass vieles ganz einfach gelebt worden ist. Meine Mama war als Krankenschwester tätig, mein Papa war Kraftfahrer. Es war deshalb völlig normal, dass sich mein Papa um meinen Bruder und mich gekümmert hat, wenn meine Mama Nachtdienst hatte. So wurde ich sozialisiert. Nach dem Gymnasium habe ich Publizistik studiert und Politikwissenschaften nur dazu genommen, weil es damals noch ein Doppelstudium gewesen ist. Ich wollte immer Journalistin werden, weil ich so gern geschrieben habe. Im Laufe des Studiums habe ich dann allerdings gemerkt, dass mich Politik viel mehr interessiert und deshalb den Schwerpunkt verlagert. Mein politisches Engagement in Leonding hat klein begonnen. Nach einer Weile war ich dann im Jugendausschuss und habe mich gemeinsam mit den Jugendlichen für das Jugendcafé am Harter Plateau eingesetzt. Dieses Projekt hat mich sehr gereizt, und am Ende haben wir dort eine halbe Million Euro investiert. Das war für mich der Zeitpunkt, an dem ich gesehen habe, dass man in der Politik tatsächlich etwas für die Menschen erreichen kann.

 

Seit Kurzem hat Österreich seine erste Bundeskanzlerin. Wäre es gut, wenn grundsätzlich mehr Frauen in der Politik in Spitzenpositionen wären? 

Ich tue mir immer ein bisschen schwer mit dieser Mann-Frau-Diskussion. Für mich wäre es wichtiger, dass gute Leute in die Politik gehen. Ich denke allerdings schon, dass es gut für die Politik wäre, wenn wir auch gute Frauen in die Politik bringen könnten. Dafür braucht es auch ein bisschen Vorbildwirkung. Und Politik ist halt noch immer kein sehr familienfreundliches Geschäft. In dieser Hinsicht müssen sich Männer immer noch weniger Gedanken machen als Frauen. Ich habe das Riesenglück, dass ich meinen Mann, der zu 100 Prozent hinter mir steht, und meine Eltern habe. Aber das hat nicht jede Frau! Und deswegen empfinde ich es immer als ein bisschen unfair, den Frauen zu unterstellen, dass sie nicht in die Politik wollen. 

 

Wie managen Sie die Betreuung Ihrer zwei Jahre alten Tochter?

Meine Tochter hat einen Krabbelstubenplatz. Am Nachmittag holt sie meistens mein Mann ab. Ist er verhindert, kümmern sich meine Eltern um sie. Ein Nachmittag in der Woche gehört jedenfalls fix meinem Kind und mir. Ich mache das ganz bewusst, weil es mir wichtig ist. Und zeige damit vielleicht auch anderen Frauen, dass es funktionieren kann. Ich finde es immer schade, wenn Frauen sich zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen.

 

Sollten sich viele Frauen schlicht und ergreifend auch mehr zutrauen?

Ja, das ist ganz sicher so, denn ich kenne sehr viele sehr gute Frauen. Natürlich genieße ich die Zeit mit meiner Kleinen sehr. Aber genauso genieße ich es auch, hier zu sein, mitzugestalten und das, was ich gelernt habe, anwenden zu können.

 

Was möchten Sie Ihrer Tochter mit auf ihren Weg geben?

Ich möchte gern, dass sie in dem Bewusstsein aufwächst, dass sie eine liebevolle Familie hat – egal, was wir beruflich machen. Dass sie weiß, dass sie geliebt wird und der wichtigste Mensch in unserem Leben ist. Andererseits möchte ich ihr vorleben, dass berufstätig und vielleicht sogar erfolgreich zu sein nicht automatisch heißt, dass man damit seine Familie hinten lässt. Sie soll sehen, dass es ein Sowohl-als-auch gibt und unterschiedliche Modelle, wie man es leben kann. Ich schreibe Tagebuch für meine Tochter und hoffe, dass sie irgendwann mal sagt: „Mama, du warst eine ziemlich coole Puppe! Du hast das immer gut geschaukelt. Ich hatte immer das Gefühl, dass jemand für mich da ist und ich aufgefangen werde, wenn etwas passieren sollte.“ Ich weiß nicht, ob es gelingt, aber das wünsche ich mir.