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People | 29.11.2014

„Niemand wird weggeschickt“

Anonyme Nächstenliebe hat einen Namen: „Love Sharing“ nennt sich ein Projekt, das vor einem Jahr in Linz initiiert wurde.

Anton, 52 Jahre alt, ist bedürftig. Seit 18 Jahren verkauft der Linzer, der in einer kleinen GWG-Wohnung lebt, die Straßenzeitung „Kupfermuckn“. Ich treffe ihn am Taubenmarkt, um ein wenig mit ihm zu plaudern. „Seit Anfang an bin ich im Redaktionsteam dabei“, erzählt Anton mir ein wenig schüchtern. Eines Tages habe er hier gestanden, als er auf das Projekt „Love Sharing“ aufmerksam gemacht wurde: In rund 20 Betrieben wie Restaurants, Bäckereien oder Würstelbuden in Linz können Bedürftige mittels Kupfermuckn-Ausweis oder SOMA-Kundenkarte dadurch gratis essen gehen. Alkohol ist jedoch tabu. Finanziert wird das Projekt, das im Oktober vergangenen Jahres initiiert wurde, durch die Kunden der jeweiligen Betriebe: Diese können entweder einen Geldbetrag in der „Love Sharing“-Kasse hinterlegen oder ein Produkt bezahlen.

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Kupfermuckn-Verkäufer Anton: „Love Sharing ist ein super Angebot.“

(Foto: A. Röbl)

 

Doch auf meine Frage hin, wie oft Anton dieses Angebot nutzt, zeigt er sich bescheiden: „Ich nutze das gar nicht so oft. Mir geht es ja eigentlich nicht so schlecht – da schaue ich lieber, dass die anderen, die es nötiger haben als ich, etwas gratis zu essen bekommen.“ Doch wenn der 52-Jährige „Love Sharing“ dann doch in Anspruch nimmt, zieht es ihn in die Linzer Altstadt: „Da gibt es eine Bäckerei. Am liebsten mag ich die Pizzaweckerl.“

 

Love Sharing – was ist das?

Doch das Phänomen, Bedürftigen auf diese Art zu helfen, ist an sich kein Neues: „Love Sharing“ gibt es in seiner Urform schon seit rund einhundert Jahren und ist auch unter den weitverbreiteten Begriffen „Cofeesharing“, „Suspended Coffees“ oder „Caffè sospeso“ zu finden. Entstanden ist die Tradition im italienischen Neapel: Nach dem Krieg konnten sich viele Menschen nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee leisten. Damals machte man es sich zur Gewohnheit, zu seinem eigenen Kaffee einen zweiten zu bezahlen: Den einen trank man selbst, der andere war für einen Bedürftigen reserviert. 

 

Anonyme Nächstenliebe

Auf diese Art der Nächstenliebe wurde Mario Sarcletti vor einigen Jahren aufmerksam: „Viele Bedürftige müssen sich Gedanken um ihr tägliches Essen machen“, sagt der junge Mann, der im Oktober des vergangenen Jahres „Love Sharing“ gründete. Zu Beginn suchte der Linzer, der anfangs 40 Stunden Arbeit pro Woche in das Projekt steckte, zahlreiche Betriebe auf und erzählte von seinem Vorhaben. Dabei stieß er auf großen Zuspruch. Wichtig war bei der Auswahl der Betriebe die gute Lage: „Es bringt nichts, wenn ein Bedürftiger ans andere Ende der Stadt fahren muss. Alles soll zu Fuß erreichbar sein.“

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Mario Sarcletti hat „Love Sharing“ im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. (Foto: A. Röbl)

 

Bekannt durch Mundpropaganda

„In den weltweit größten Coffee-Sharing-Städten wie Bratislava gibt es rund 20 Betriebe. Ich wollte beweisen, dass in Linz genauso viel, wenn nicht noch mehr, möglich ist.“ Und genau das hat Sarcletti geschafft. „Anfangs habe ich selbst Geld in die ‚Love-Sharing’-Kassen eingezahlt, bin zu den Bedürftigen und habe die Situation in den Betrieben mit ihnen durchgespielt. So hat sich das dann verbreitet“, erzählt er. Außerdem habe er die Kupfermuckn-Redaktion sowie Notschlafstellen aufgesucht, um sein Projekt bekannt zu machen.

 

Niemand wird weggeschickt

Manche Bedürftige nutzten das Angebot täglich, andere nur einmal im Monat. „Das ist immer ganz unterschiedlich. Aber es ist schön, dass die ‚Love-Sharing’-Kassen eigentlich nie leer sind“, so Sarcletti und fügt hinzu, „wenn ein Bedürftiger kommt und es ist mal wirklich kein Geld in der Kasse, geben die Betriebe dennoch etwas her. Niemand wird weggeschickt.“

Tina Ornezeder

Love Sharing
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Pickerl an der Tür: Hier gibt es Love Sharing.
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Mit dieser Karte findet man alle Betriebe in Linz. Infos unter: www.facebook.com/LoveSharingLinz