Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 09.09.2019

Leben mit einem ADHS-Kind

Anna Maria Sanders ist Mutter eines Sohnes mit ADHS. Sie hat ihn ohne Medikamente, dafür mit einer Fülle an anderen Maßnahmen gut durch Kindheit und Jugend gebracht. Ihre Erfahrungen hat sie in zwei Büchern niedergeschrieben.

Bild 1909_O_Leben_ADHS-1.jpg
Kinder mit ADHS sind nicht böswillig unaufmerksam in der Schule, sie können sich schlicht und ergreifend nicht lange auf eine Aufgabe konzentrieren.

Bereits während der Schwangerschaft spürt Anna Maria Sanders, dass bei ihrem zweiten Kind etwas anders ist. Das ungeborene Baby ist im Mutterleib dermaßen aktiv und lebhaft, dass sie immer wieder von der Tischkante wegrücken muss, damit es sich nicht verletzt. „Die Kindsbewegungen waren nicht zu vergleichen mit jenen unseres ersten Sohnes“, erinnert sich die Wienerin. „Im Nachhinein haben mein Mann und ich immer gesagt, dass er schon im Mutterleib eine Ritterrüstung gebraucht hätte.“

 

Dass Raphael ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, haben könnte, daran denkt zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand. Auch nicht, als er die ersten drei Monate nahezu durchschreit, denn häufig sind ADHS-Kinder auch Schreibabys. Dass der Bub sehr aufgeweckt ist und nicht stillsitzen will, gibt auch im Kindergarten keinen Grund zur Sorge. „Wir sind sehr strukturierte und Regel-orientierte Eltern, das hat Raphael immer geholfen“, erzählt Sanders. „Oft sind ADHS-Kinder ja aggressiv, weil sie ohne entsprechende Regeln völlig überfordert sind, Entscheidungen selbst zu treffen.“

 

Überforderung in der Schule. Erst mit der Einschulung wird sichtbar, dass Raphael tatsächlich anders ist. Lange still zu sitzen, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, dem Lehrer zuzuhören, nicht ständig dazwischenreden zu dürfen und organisiert zu sein – all das überfordert ihn komplett. Raphael leidet an ADHS. Alleine zu lernen ist für ihn unmöglich. Mama Anna Maria Sanders unterstützt ihn, wo es geht. Sie lernt zum Beispiel mit ihm beim Spazie­rengehen, weil ihm dann das Lernen leichter fällt. „Oft haben wir uns auch zusammen auf das Sofa gekuschelt und er hat nebenbei die Katze gestreichelt“, erzählt Sanders. „Wenn Raphael eine zweite Beschäftigung hatte, hat auch das Lernen besser funktioniert. Das war sehr zeitintensiv und bis zum Ende seiner Schulzeit so.“

 

Problem für ganze Familie. Und dieses Ende kommt schneller als eigentlich geplant, denn als Raphael in der dritten Klasse Gymnasium ist, fassen seine Eltern einen Entschluss: Er soll die vierte Klasse zwar noch fertig machen, damit er die Unterstufe abgeschlossen hat, allerdings ohne Druck und ohne Lernen. „Wir wollten nicht, dass er oder auch wir daran zerbrechen, darum haben wir diese Entscheidung bewusst getroffen“, sagt Sanders. „Es war wahnsinnig anstrengend und mühsam für uns alle, weil das Problem des Kindes immer auch das Problem der ganzen Familie war. Man ist immer nur Mensch und bis zu einem gewissen Grad belastbar. Irgendwann stößt man an seine Grenzen, ist müde und erschöpft.“

 

ADHS-Kinder und ihre Stärken. Dass Raphael die Hauptgegenstände dann mit „Nicht genügend“ abschließt, ist für seine Eltern keine Tragik. Sie kennen ihren Sohn und dessen viele anderen Stärken. Er kann gut mit Menschen umgehen, ist empathisch und sensibel. Er hat gute Manieren und kann Verantwortung übernehmen. Außerdem ist er eine absolute Sportskanone und hat nur einen einzigen Berufswunsch: Er möchte Fitnesstrainer werden. Also unterstützen ihn seine Eltern bei der Suche nach einer entsprechenden Lehrstelle – und diese gestaltet sich weitaus einfacher als vermutet. „Raphael ist ein toller Bursch mit einer tollen Persönlichkeit, die Chefs haben das genauso gesehen“, erzählt Mama Anna Maria nicht ganz ohne Stolz. „Sie wollten dann sein Zeugnis gar nicht mehr sehen. Und das ist eben eine große Stärke von ADHS-Kindern: Wenn sie sich für eine Sache interessieren, können sie sich voll fokussieren und konzentrieren. Dann zählen sie meist zu den Allerbesten.“

Bild 1909_O_Leben_ADHS_Buch.jpg
Die Erfahrungen ihrer Familie hat Anna Maria Sanders übrigens in mittlerweile zwei Büchern niedergeschrieben. Nach „Ich dreh gleich durch!“ ist nun der zweite Teil „Schon wieder hat Max …“ erschienen. Darin erzählt sie humorvoll und einfühlsam vom Leben mit einem ADHS-Kind, von der Dia­gnose über die Therapiemöglichkeiten bis hin zu den positiven Seiten, die bei diesen Kindern viel zu oft übersehen werden. Infos: www.anna-maria-sanders.com

Traumjob gefunden. Bei Raphael ist es nicht anders: Er ist heute 18 Jahre alt, arbeitet in einem prestigereichen Fitnessclub und wird dort zum Fitness­trainer ausgebildet. Er geht gern in die Arbeit, weil er sich damit auch einen großen Traum erfüllt. Dass er all die Jahre ohne Medikamente ausgekommen ist, liegt an der bewussten Entscheidung seiner Eltern. „Ich hatte damals Angst vor etwaigen Nebenwirkungen, weil auch die Forschung noch nicht so weit wie heute war“, sagt Sanders. „Darum wollte ich nicht, dass unser Sohn irgendetwas nimmt. Heute würde ich Medikamente vielleicht in Erwägung ziehen, um seine Leistungen in der Schule zu verbessern.“ Denn das ist ein Punkt, den sie Raphael gern erspart hätte: ständig das Gefühl zu haben, dümmer als die anderen zu sein. Denn im Vergleich zu seinen Mitschülern musste er immer sehr viel mehr lernen, um dann doch wieder eine schlechtere Note zu bekommen.

 

ADHS richtig behandeln. „Ja, diese Erfahrung hätte ich ihm gern erspart, weil ich ja wusste, dass er ein schlauer Junge ist“, seufzt seine Mutter. „Aber ich möchte betonen, dass es immer eine individuelle Entscheidung sein muss, ob ein Kind entsprechende Medikamente bekommen soll oder nicht. Wichtig ist, dass ADHS-Kinder behandelt werden – sonst therapieren sie sich später selbst. Sie sind nämlich auch anfälliger für Süchte.“ Um dem rechtzeitig entgegenzuwirken, empfiehlt Anna Maria Sanders betroffenen Eltern, eine sinnvolle gemeinsame Beschäftigung zu suchen. Das könne ein regelmäßiger Waldspaziergang ebenso sein wie das Spielen in einem Fußballverein, zu dem man das Kind begleitet. „Es geht darum, Zeit mit dem Kind zu verbringen, miteinander zu reden und eine Bindung aufzubauen“, betont sie. „Und was alle Kinder und jene mit ADHS besonders brauchen, sind wertschätzende Gespräche, in denen man gemeinsam Lösungen erarbeitet, wenn etwas schiefgegangen ist, und ihnen auch ihre Stärken bewusst macht. Ich habe unserem Sohn zum Beispiel immer wieder gesagt: Dort, wo du gut bist, bist du uneinholbar!“

 

WAS IST ADHS?

Bei ADHS-Kindern verlaufen Wahrnehmung und Verarbeitung von äußeren Eindrücken und Informationen anders als bei Kindern ohne ADHS. Sie haben Schwierigkeiten herauszufinden, welcher Reiz wann wichtig ist. Der Vogel vor dem Fenster ist für sie genauso wichtig wie der Lehrer an der Tafel. Das ADHS-Kind kann nur schwer bestimmen, mit welchem Reiz es sich in einer Situation beschäftigen soll. Es ist abgelenkt, weil es immer etwas Neues gibt, das Aufmerksamkeit verlangt. So entstehen die typischen Schwierigkeiten, die schon in alltäglichen Situationen, wie etwa dem Anziehen, auffallen und im Kindergarten oder spätestens in der Schule zu Problemen führen. Wenn Außenstehende ein ADHS-Kind beobachten, sind sie schnell mit einem Urteil bei der Hand: „Das Kind könne, wenn es wolle“. Diese Einschätzung führt zu viel Ärger, Leid und Unverständnis, denn sie ist falsch. Ein Kind mit ADHS handelt nicht aus bösem Willen, es ist nicht dumm oder faul und seine Eltern sind auch nicht erziehungsunfähig, das ADHS-Kind kann nicht anders.

 

URSACHEN & FOLGEN:

Nach aktuellen Erkenntnissen geht man davon aus, dass es sich bei ADHS um eine Informationsstörung in den Teilen des Gehirns handelt, die verantwortlich für Problemlösung, Planung und Impulskontrolle sind. Wahrscheinlich ist bei Menschen mit ADHS zu wenig Dopamin/Noradrenalin vorhanden, das notwendig ist, um Reize aus der Umwelt richtig zu verarbeiten. Dopamin/Noradrenalin ist ein wichtiger Botenstoff (Neurotransmitter), der Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten übermittelt. Das ist nötig, weil die Nervenzellen nicht direkt miteinander verbunden sind, sondern zwischen ihnen ein kleiner Spalt liegt (synaptischer Spalt). Botenstoffe haben die Aufgabe, Synapsen mitsamt der geladenen Information zu überbrücken. Ist zu wenig Dopamin/Noradrenalin vorhanden oder wird dieses zu schnell abgebaut, werden Informationen nicht richtig weitergeleitet. Diese Störung im System führt zu einer permanenten Reizüberflutung, die sich in dem hyperaktiven, unaufmerksamen und/oder impulsiven Verhalten niederschlägt. Besondere Mühe bereiten Alltagsaufgaben, die einen bestimmten Ablauf verlangen. Durch die permanente Überreizung sind ADHS-Kinder häufiger gestresst und wirken wie unter Strom. Das äußert sich in einem ständigen Getriebensein, starken Stimmungsschwankungen und einer niedrigen Frustrationstoleranz, teilweise auch in Wutausbrüchen.

(Quelle: www.barmherzige-brueder.at)