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People | 03.11.2020

„Leben in Österreich ist ein Geschenk“

Nicht erst seit den letzten Monaten wissen wir, wie wichtig heimische Landwirtschaft und deren Früchte des (Ernte-)Erfolgs sind. Und doch machen wir uns wenige Gedanken, wie das, was auf unseren Tellern landet, produziert wird und wo es herkommt. Landwirtschaftskammerpräsidentin LAbg. Michaela Langer-Weninger gibt Einblicke in ihre Arbeit.

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© Landwirtschaftskammer Oberösterreich

Seit Juni 2009 hat LAbg. Michaela Langer-Weninger die Präsidentschaft der Landwirtschaftskammer Oberösterreich inne. Schon länger in der Politik tätig, freute sie sich über die Möglichkeit, ihr Interesse und ihre Ideen nach außen zu tragen und sich für die oberösterreichische Landwirtschaft einzusetzen. Die geerdete und sympathische Mondseerin spricht mit der OBERÖSTERREICHERIN über die Tücken der Landwirtschaft, ihren eigenen Hof und warum Konsumenten und Bildungsbeauftragte das Schicksal unserer Bauern und Landwirte in den Händen tragen.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Seit Juni 2009 sind Sie als Präsidentin der Landwirtschaftskammer Oberösterreich tätig. Welche Akzente konnten Sie bisher setzen – und was wollen Sie (noch) verändern?

Für mich war immer schon – und ist es auch heute noch – ganz wichtig, die Landwirtschaftskammer als offenes Haus zu sehen. Hier sollen alle zusammenfinden, die in diesen Bereichen arbeiten, sich dafür interessieren, offene Fragen haben oder die sich für die Landwirtschaft und allem, was dazugehört, einsetzen. Unsere Bezirkstouren werden gerne angenommen – kein Wunder, immerhin sind die einzelnen Bezirksthemen sehr unterschiedlich und für uns nur dann erfassbar, wenn wir vor Ort sind. Politik von unten nach oben, quasi von den Wurzeln bis zur Ernte, dafür stehen wir und so werden wir auch weitermachen. 

 

Agrarpolitik, Agrarverwaltung … Wörter, die dem Laien ein Fragezeichen über den Kopf malen. Können Sie uns Ihren Job in diesem Bereich „erklären“?

In erster Linie geht es hierbei um Interessenpolitik und -vertretung. Die Themen, denen wir uns widmen, lenken die Landwirtschaft Oberösterreichs in die richtige Richtung – und zwar so, dass jeder etwas davon hat. Ein Beispiel wäre die Preissituation im Handel: Unterm Strich ist für viele landwirtschaftliche Betriebe die derzeitige Situation nicht mehr tragbar, sie bekommen zu wenig „raus“. Wir positionieren dieses Thema auf Bundesebene, setzen uns ein für Steuerpakete und sorgen für Entlastungsmaßnahmen, damit die Betriebe nicht wegbrechen und der Leidensdruck gemindert wird. 

 

Selbst bewirtschaften Sie mit Ihrer Familie das Aichriedlgut mit Bioheumilcherzeugung in Innerschwand am Mondsee. Ist dieses „nahe dran“ sein ausschlaggebend für Ihren Erfolg als Landwirtschaftskammerpräsidentin?

Ein eigener Landwirtschaftsbetrieb ist die Grundvoraussetzung, um selbst Mitglied bei der Landwirtschaftskammer sein zu können. Das ist natürlich ausschlaggebend dafür, authentisch und empathisch agieren zu können. Denn auch durch – oder vor allem wegen – dem Zusammensitzen an den Höfen erfährt man, was andere bewegt, an was es fehlt, was gut läuft und wo Verbesserungen notwendig sind. 

 

Ein Tag am Hof: Wie sieht dieser bei Ihnen aus? Und wie schaffen Sie den Spagat zwischen Ihren vielen Funktionen, ehrenamtlichen Tätigkeiten wie NORA – einer Frauen- und Familienberatungsstelle in Mondsee –, Familie und Hof?

Unser Hof birgt 20 Hektar Grünland, fünf Hektar Waldwirtschaft und eine kleine Rinderherde, die aus 20 Tieren besteht. Unter der Woche arbeite ich nur wenig am Hof, da kümmern sich hauptsächlich mein Mann und mein Sohn um ihn, am Wochenende werde ich hier aber selbst gerne aktiv: In den Stall gehen, die Kühe melken, anfallende Tätigkeiten machen. Diese Arbeit erdet mich, lässt mich die Bodenhaftung und das Gespür nicht verlieren und am Ende des Tages halte ich ein Produkt in der Hand, das mich sehen lässt, wofür ich arbeite. 

 

Auf Ihrem Hof leben 20 Kühe – haben diese Namen? 

Natürlich (lacht)! Unsere Kühe haben alle Namen, man hat ja auch einen persönlichen Bezug zu ihnen. Gerade in Oberösterreich – oder auch Österreich – wird es kaum einen Betrieb geben, wo das nicht so ist, das zeichnet uns durchaus aus. Man muss über jedes Tier Bescheid wissen, damit man darauf reagieren kann, wenn es sich mal anders verhält als sonst, damit man beispielsweise Krankheiten schnell erkennt. 

 

 

Eine Schule mit guten Lerninhalten ist natürlich das Tüpfelchen auf dem i – Bildung, die einen fürs Leben prägt, passiert aber schon weit vorher, im Elternhaus. So war es bei mir: Ich komme aus der Landwirtschaft, bei uns wurden Lebensmittel produziert und verarbeitet, über Regionalität und saisonale Zutaten nicht nur gesprochen, diese waren viel mehr für uns selbstverständlich. Als ich zur Schule ging wurde weniger auf Regionalität gesetzt, in den 1990ern war es vielmehr hip, exotische Lebensmittel aus der ganzen Welt anzubieten! Da tut sich jetzt viel: In der Spitzengastronomie kehrt man wieder wortwörtlich zurück zu den Wurzeln und bietet spannende Kreationen mit Produkten von unseren Feldern und Gärten an. 

 

 

 

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© Landwirtschaftskammer Oberösterreich

Die nachhaltige Zukunft – auch die der Landwirtschaft – liegt in den Händen unserer Kinder. Wie haben Sie Ihre Schulzeit an der Tourismusschule HLF Krems erlebt? Wie hat diese Sie fürs Leben geprägt?

Eine Schule mit guten Lerninhalten ist natürlich das Tüpfelchen auf dem i – Bildung, die einen fürs Leben prägt, passiert aber schon weit vorher, im Elternhaus. So war es bei mir: Ich komme aus der Landwirtschaft, bei uns wurden Lebensmittel produziert und verarbeitet, über Regionalität und saisonale Zutaten nicht nur gesprochen, diese waren viel mehr für uns selbstverständlich. Als ich zur Schule ging wurde weniger auf Regionalität gesetzt, in den 1990ern war es vielmehr hip, exotische Lebensmittel aus der ganzen Welt anzubieten! Da tut sich jetzt viel: In der Spitzengastronomie kehrt man wieder wortwörtlich zurück zu den Wurzeln und bietet spannende Kreationen mit Produkten von unseren Feldern und Gärten an. 

 

Sie selbst absolvierten 2006 die Meisterprüfung im ländlichen Betriebs- und Haushaltsmanagement. Was sind hier die Lehrinhalte? 

Das war eine spannende Zeit, ich war Teil des ersten Meisterkurses mit neuen Lehrinhalten, da wir eine sehr kritische Kursgruppe waren und uns für Innovation einsetzten. Wurden früher Kochen, Putzen und Nähen gelehrt, ging es nun in die Richtung Ernährung, Direktvermarktung, Marketing, richtiger Umgang mit Konsumenten etc. Heute gibt es ein etabliertes Kursangebot für all jene, die am Hof diversifiziert denken – und auch Männer finden das Angebot attraktiv. 

 

Finden Sie, dass der Lehrplan an Schulen dahingehend geändert werden sollte bzw. gibt es Wissen, das den Kindern eindeutig fehlt? 

Unsere Forderung, auch die der Bäuerinnen, ist es, ein Schulfach für Ernährung und Lebensmittelkompetenz einzuführen. In diesem Bereich ist noch viel zu wenig Wissen vorhanden, obwohl es ein absolutes Zukunftsthema ist. Unsere Seminarbäuerinnen setzen hier gute Angebote und kommen vor Ort mit gesunder Schuljause und machen Lust auf gesunde Ernährung. Bewusstseinsbildung auch im Schulbuffetbereich ist ein Ansatz, den wir nachverfolgen. Parallel dazu bieten wir Angebote wie „Schule am Bauernhof“, wo wir einige Betriebe in Oberösterreich haben. Die Klassen fahren auf den Bauernhof, bekommen Einblicke in das dortige Leben, können selbst Butter shaken, Hand anlegen, Wissen erlangen und mit mehr Respekt vor unseren Lebensmitteln wieder nach Hause gehen.

 

Erwachsene als Vorbildfunktion, gerade auch beim Einkaufen im Supermarkt: Was können wir tun, damit es der Landwirtschaft wieder besser geht? 

Ganz wesentlich ist es, auf heimische, österreichische Produkte zu achten. Das ist relativ einfach: Wo das AMA-Gütesiegel, das AMA-Gütezeichen und das Biozeichen drauf sind, sind die Produkte unserer Bauern und Landwirte drin. Wir haben von der Landwirtschaftskammer aus eine Studie für das Wirtschaftsforschungsinstitut in Auftrag gegeben, um Zahlen und einen Beleg zu haben, dass der heimische Einkauf die Wirtschaft nachweislich unterstützt. Wir haben die Zahlen auf Oberösterreich heruntergebrochen, das Ergebnis ist äußerst spannend: Würde man in einem durchschnittlichen Haushalt, in dem rund 350 Euro für einen Monatseinkauf ausgegeben werden, nur ein Prozent mehr heimische Lebensmittel kaufen, können 550 neue bzw. gesicherte Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit einem kleinen Beitrag von nur 3,50 Euro wird so eine wirkliche Sicherung an Wertschöpfung in der Region bewirkt. 

 

Gerade durch Corona haben sich die Menschen glücklicherweise immer mehr dem regionalen Markt zugewandt, Bio und „kauf vor Ort“ boomen. Wie sehen Sie die Entwicklung? 

Wir haben mit Corona eine wirklich spannende Zeit erlebt: Den Menschen ist wieder klar geworden, dass die heimische Landwirtschaft überlebenswichtig ist. Dass der Konsument sagt, er greift zu 90 Prozent zu österreichischen Lebensmitteln, wenn sie schnell erkennbar sind, zeigt, dass wir eine klare Lebensmittelkennzeichnung ohne Konsumententäuschung brauchen. Damit bekommt der Kunde und Konsument mehr Entscheidungsfreiheit denn je – und eine Kennzeichnung ist somit ausschlaggebend, welche Lebensmittel auf den Tellern aller landet. 

 

Auf unseren österreichischen Tellern landet auch viel Fleisch. Tierwohl ist ein Wort der Stunde – wie schauen wir aus, wenn es um gute oder bessere Tierhaltung geht?

In Österreich haben wir sehr hohe Standards, weil wir auch innerhalb der Europäischen Union Vorbilder und Vorreiter im Tierschutz sind. Und das mit allen Vor- und Nachteilen: Ein höherer Aufwand braucht höhere Preise für unsere sehr gute Arbeit. Spannend: In der Geflügelproduktion sind wir noch keine Selbstversorger, hier müssen wir sogar importieren! Schluss­endlich entscheidet jeder Betrieb selbst, wie er arbeiten möchte und kann – und der Konsument ist dafür da, eine gute Richtung einzuschlagen. 

 

Mit Ihren zahlreichen Funktionen sind Sie sehr ausgelastet. Wie verbringen Sie die freie Zeit, die Ihnen bleibt? 

In meiner Freizeit bin ich gerne zu Hause, verbringe Zeit mit meinem Mann und meinen Kindern. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, mir das Zither-Spielen beizubringen, was ein schöner Ausgleich ist. Ansonsten findet man mich in meinem Garten und in der Natur. 

 

Würden Sie das Leben am Hof immer wieder wählen?

Ja! Weil das ganze Drumherum einfach ein Geschenk ist. Alleine schon, um die Kinder ein zweites Mal auf dem Bauernhof aufwachsen zu sehen, als geerdete und dankbare Persönlichkeiten mit starken Wurzeln und Freude an den kleinen Dingen. Ich bin sehr dankbar dafür. 

 

Was wünschen Sie sich und Ihren Kindern für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Landwirtschaft weiterhin einen so hohen oder noch höheren Stellenwert hat, damit wir Bäuerinnen und Bauern auch künftig Freude an unserer Arbeit haben. Für mich wünsche ich mir, dass eines meiner Kinder den Hof weiterführen möchte, Spaß an der Arbeit hat und sich an einem reich gedeckten Tisch ebenso freuen kann wie ich mich. Leben in Österreich ist ein Geschenk.

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© Landwirtschaftskammer Oberösterreich
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© Landwirtschaftskammer Oberösterreich