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People | 12.06.2018

Kurven statt Knochen

Curvy-Models wie Ashley Graham, Kate Upton oder die Linzerin Nadine Mirada stehen zu ihren Kurven und liegen damit gut im Geschäft. Wir haben uns bei Branchenkennerinnen und Expertinnen umgehört und herausgefunden, dass dieser positive Trend auch bei uns im Kommen ist.

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Fotografin Sara Katharina: "In Amerika gibt es sogar eigene Plus-­Size-Agenturen, wo die Models gar nicht curvy genug sein können.“ (© Sarah Katharina)

Spindeldürre Mädchen mit blassem Teint, die den Hunger vor der Fashion-Show mit in Orangensaft getränkten Wattebauschen stillen und wie Zahnstocher auf den Catwalks auf und ab stolzieren – jahrelang dominierte dieses Bild die Modelszene. Langsam, aber sicher scheint dieser ungesunde Trend, dem viele junge Mädchen und Frauen nacheifern, ein Ende zu finden. Und das ist gut so! Denn der Kult um Schönheit und Körper stellt laut Experten einen idealen Nährboden für die Entwicklung von Essstörungen dar. Manche Frauen und Mädchen quälen sich auf ihrem Weg zum „Idealgewicht“ von einer Diät zur anderen und versinken in Unzufriedenheit, wenn die Kilos nicht purzeln wollen.

Mit den Kurven kam der Erfolg. Von unzähligen Diäten kann auch unsere bildhübsche Coverdame Nadine Mirada ein Lied singen. „Ich arbeite seit vielen Jahren als Model und war ständig mit meinem Gewicht unzufrieden“, erinnert sich die 29-jährige Schönheit. Bis sie eines Tages eingesehen hat, dass sie schon alleine wegen ihrem Körperbau niemals mit
Size-Zero-Mädchen konkurrieren kann. „Ich habe einen großen Busen, und die Idealmaße von 90-60-90 sind für mich von Natur aus unerreichbar. Irgendwann habe ich beschlossen, mich so anzunehmen, wie ich bin“, erzählt Nadine. Und mit der Akzeptanz ihrer Rundungen begann auch der Rubel im Modelbusiness zu rollen. Von einem der größten amerikanischen Anbieter für Curvy-Mode über Instagram entdeckt, ist die Linzerin heute international bestens im Geschäft. Nach einer Einladung zur Oscar-Verleihung nach L.A. absolvierte sie vor Kurzem sogar ein Testshooting für Guess. „Die Amerikaner sind von meinen natürlichen Rundungen begeistert“, strahlt Nadine.

Umdenken gefordert. Dass uns Amerika in Sachen Kurven und Rundungen um einiges voraus ist, beweisen nicht nur Curvy-Models wie Ahley Graham oder Kate Upton, die es sogar aufs Cover der „Sports Illustrated“ geschafft haben, auch im ganz normalen Modelalltag sind kurvige Mädchen gut gebucht. Diese Erfahrung machte auch die Linzer Fotografin Sarah Katharina. Vor Kurzem war sie beruflich in Amerika unterwegs und hat erlebt, dass dort ein regelrechter Boom in Sachen Curvy und Plus-Size herrscht. „Es gibt sogar eigene Plus-Size-Agenturen, wo die Models gar nicht kurvig genug sein können. Österreich muss sich da erst noch ein bisschen rantasten“, erzählt die Fotografin. In Florida hat sie sich ein Plus-Size-Model vor die Kamera geholt und dabei so ihre Erfahrungen gemacht. „Als Fotografin ist man zum Umdenken gefordert. Immerhin wurde uns in den letzten Jahren ein bestimmtes Bild eingetrichtert, das sich als Optimum in unseren Köpfen eingebrannt hat. Und wer nicht zu hundert Prozent dem Ideal entsprochen hat, wurde im Nachhinein schlank retuschiert. Wobei die perfekte Figur bei Sarah Katharina, die viel im Fashion- und Beautybereich arbeitet, nicht unbedingt im Vordergrund steht. „Um ein tolles Ergebnis erzielen zu können, sind mir vor allem der Ausdruck und das Posing wichtig. Auch wenn ein Model noch so schön ist, ohne Ausdruck tut sich jeder Fotograf schwer!“ 

Unsere Expertinnen
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In Florida holte sich die Linzer Fotografin Sarah Katharina ein Plus-Size-Model vor die Linse. Das Ergebnis (Foto oben) kann sich sehen lassen.
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Dr. Tina Bräutigam ist Allgemeinmedizinerin in Linz. Das Interview mit ihr zum Thema "Kurven statt Knochen" lesen Sie in der Print-Ausgabe der OBERÖSTERREICHERIN. (© privat)
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„Vor allem bei Modenschauen will man Kurven sehen, da haben ganz dünne Mädchen kaum eine Chance.“ Andrea Kobleder, Chefin people2people Modelmanagement
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„Es ist doch nicht normal, den Körper in Problemzonen zu unterteilen.“ Doris Kaiser, Sexualberaterin für Frauen

Bei Modenschauen sind Kurven gefragt. Langsam, aber sicher werden Curvy-Models auch bei uns zulande immer häufiger nachgefragt. „Models mit Konfektionsgröße 38 bis 42 sind gut im Geschäft“, weiß  Andrea Kobl­eder, Chefin von people2people Modelmanagement in Ried im Innkreis, die in etwa 900 Models in ihrer Kartei führt. „Vor allem bei Modenschauen will man Kurven sehen, da haben ganz dünne Mädchen kaum eine Chance, von Kunden gebucht zu werden. Richtige Size-Zero-Models, da spricht man von einer Konfektionsgröße 32, werden erfahrungsgemäß in Österreich ohnehin wenig nachgefragt“, weiß Kobleder.

Schritt in die richtige Richtung. Die Linzerin Doris Kaiser setzt sich in ihrem Job als Sexualberaterin für Frauen intensiv mit dem weiblichen Körper auseinander. Sie kritisiert, dass es ständig nur um das Körperbild gehe und wie dieses optimiert werden könne. „Das Körpergefühl bleibt dabei vollkommen auf der Strecke“, bedauert Kaiser. „Das ist doch nicht normal, den Körper in Problemzonen zu unterteilen und ständig darauf zu achten, wie man diese kaschieren kann. Viel besser ist es, sich auf das zu konzentrieren, was einem an sich selbst gefällt. Denn jede Frau hat etwas, das schön an ihr ist.“ Für sie ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass Curvy- und Plus-Size-Models immer erfolgreicher werden. Noch lieber wäre es ihr allerdings, wenn das nicht als Trend zu verstehen wäre, sondern Teil des Alltags werden würde. „Im Idealfall wird einfach die Vielfalt der Menschen abgebildet – ohne sie dabei als Plus-Size oder Size-Zero zu deklarieren“, sagt Kaiser. „Die weiblichen Körper sollten so unterschiedlich sein dürfen wie die Frauen selbst.“

Die Cellulite-Dellen stören „ihn“ meist wenig. Deshalb sollte es nicht darum gehen, den Körper zu verändern, sondern die Sichtweise und das Bewusstsein, wie man den eigenen Körper wahrnimmt. Meistens ist es nämlich so, dass man selbst viel kritischer ist als der Rest der Welt und zum Beispiel auch der Partner. Die Cellulite-Dellen an den Oberschenkeln stören ihn oft ebenso wenig wie der Schwab­belbauch oder die nicht mehr ganz so festen Brüste. „Mit seinem Körper im Reinen zu sein und zu seiner Einzigartigkeit zu stehen, zahlt sich aus, weil sich diese Zufriedenheit auf viele Bereiche des Lebens positiv auswirkt“, betont die Expertin. „Man wird selbstbewusster und verspürt mehr Lebensfreude. Natürlich profitiert auch das Liebesleben davon, wenn man beim Sex nicht mehr darauf achten muss, in welcher Stellung man möglichst gut aussieht, sondern sich einfach hingeben und fallen lassen kann.“