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People | 13.06.2018

„Kirgistan hat mich verändert“

Für ihren neuen Roman „Kafka mit Flügeln“ verbrachte Autorin Daniela Emminger acht Monate mutterseelenallein im wilden Kirgistan, lebte mit Nomaden und aß bereits zum Frühstück fettes Schaffleisch. Herausgekommen ist eine Geschichte über das Suchen, Finden und Verlorengehen.

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© Emminger/privat

Die Geschichte beginnt in Wien, wo sich zwischen den Schulkindern Samat und Sybille eine enge Freundschaft entwickelt. Eines Tages verschwindet Samat plötzlich und macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln in Kirgistan. Sybille bleibt zurück. Nach dem Tod ihrer Eltern und ihres Mannes findet sie ein Vierteljahrhundert später Briefe von Samat, die erfolgreich vor ihr geheim gehalten wurden. Sybille verlässt Wien und fliegt nach Kirgistan, um Samat zu suchen. Eine wilde Jagd durch die kirgisische Geschichte, den Culture Clash der Gegenwart, Samats Brieffragmente und Sybilles Denk- und Seelenlandschaft beginnt.

Für ihren neuen und mittlerweile fünften Roman „Kafka mit Flügeln“ hat die gebürtige Vöcklabruckerin Daniela Emminger zwei Sommer lang ganz alleine im wilden Kirgistan recherchiert. Um zu erfahren, wie es ist, sich völlig verloren zu fühlen, hat die Autorin im zentralasiatischen Land an der Seidenstraße gänzlich unbekanntes Terrain betreten. Sie lebte bei Nomaden, schlief in Jurten, genoss bereits zum Frühstück fettes Schaffleisch, begleitete Schmetterlingsforscher und bestieg den über 5.000 Meter hohen Berg Terskej-Alatau. Herausgekommen ist ein Roman über das Suchen, Finden und Verlorengehen und eine veränderte Daniela Emminger, wie sie uns im Interview verrät.

 

Frau Emminger, wie kamen Sie dazu, Ihren neuen Roman ausgerechnet in Krigistan anzusiedeln?

Daniela Emminger: Die Grundidee war, dass sich Sybille Specht, die Protagonistin im Buch, total verloren fühlt. Sie verliert Menschen und lässt alles zurück, was ihr wichtig ist, auch ihre Heimat. Für meine Recherchen wollte ich irgendwo hingehen, wo ich mich richtig verloren fühlen würde. Kirgistan hat sich zufällig ergeben. Als ich im Internet die Bilder dieses Landes sah, war ich von den Naturgewalten sofort begeistert. Kirgistan ist ein Hochgebirgsland mit vielen 7.000er-­Gipfeln.  Nomaden leben mit Kind und Kegel auf 3.000 Metern in Jurten. Es ist ein sehr armes und wildes Land. Auch die Geschichte hat mich interessiert, da Kirgistan ein Teil der Sowjetunion war und erst seit 27 Jahren eigene Demokratie ist. Das alles war so exotisch, da habe ich mir gedacht: „Emminger, da musst du hin!“

 

2015 sind Sie zum ersten Mal hingeflogen. Wie war die Ankunft?

Das war ein totaler Flash. Ich hatte nur den Flug und ein Appartement gebucht. Als ich in der Hauptstadt Bischkek angekommen bin, war ich total überfordert und hatte Angst. Ich habe mir anfangs einen Dolmetscher gesucht, denn für eine Schriftstellerin ist es das Schwierigste, wenn man ihr die Sprache nimmt. Und da ich weder Russisch noch Kirgisisch spreche, war ich komplett „lost in translation“. Außerdem funktioniert es nicht, als Frau alleine durch Kirgistan zu reisen. Das 21. Jahrhundert ist dort noch nicht angekommen. Es gibt Frauenraub, und die Hygiene- und Lebensbedingungen sind der absolute Wahnsinn.

 

Wie sind Sie mit Ihrer Angst umgegangen?

Ich habe ein paar Wochen bei Nomaden gelebt. Das war eine sehr beeindruckende Erfahrung. In der Steppe kommt man sich vor wie ein Punkt im nichts, sehr einsam und verloren. Es waren extreme Bilder, die sich auch im Roman niederschlagen. Meine anfängliche Angst hat sich irgendwann in Stärke verwandelt, vor allem, als ich gemerkt habe, dass ich auch am anderen Ende der Welt alleine zurechtkomme.

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Zwei Sommer lang verbrachte Daniela Emminger in Kirgistan und lebte unter einfachsten Bedingungen mit Nomaden. (© Emminger/privat)

Wie ist es Ihnen mit dem Schreiben ergangen?

Im Hochsommer hat es über 40 Grad. Lebenstechnisch und vom Standard her war es der absolute Wahnsinn. Mir ist es auch physisch nicht sonderlich gut gegangen. Ich habe meistens von vier Uhr früh bis 11 Uhr gearbeitet, handschriftliche Aufzeichnungen und viele Fotos gemacht, um die Erinnerungen abzuspeichern.

 

„Kafka mit Flügeln“ ist Reise- und Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Wissenschaftskritik, Groteske und Science-Fiction in einem. Auf den 496 Seiten haben Sie viel untergebracht. Wie schwierig war das?

Der Roman ist eine fiktionale Geschichte, bei der die Fakten recherchiert sind – das ist mir wichtig. Die Handlungsstränge sind sehr komplex. Außerdem passieren schlimme und auch sehr verrückte Sachen. Aber das Ende ist schlüssig und versöhnlich. Über allem steht die Metamorphose, die Veränderung. Da ist Samat, der in Österreich aufgewachsen ist und versucht, wieder zu einem Kirgisen zu werden. Da ist Sybille, die neben Samat auch sich selbst finden will. Aber auch Kirgistan ist in Veränderung – vom Sowjetstaat zur modernen Demokratie. Und auch ich selbst habe mich während des dreijährigen Schreibprozessen verändert.

 

Wie haben Sie sich verändert?

Na ja, grundsätzlich lebe ich in Wien ein ganz konventionelles Leben: Ich arbeite, bin verheiratet und besuche regelmäßig meinen Vater in Oberösterreich. Natürlich verändert es einen, wenn man ganz alleine in einem fremden Land, in einer fremden Kultur zurechtkommen muss. Man wird demütiger und ruhiger. Unter dem Strich bin ich als Mensch selbstsicherer geworden. Der Roman hat aber auch mein Schriftstellerdasein verändert, weil es so eine große und komplexe Geschichte war. Wenn man drei Jahre lang an einem Buch schreibt, gibt es viele Höhen und Tiefen. Ich war froh, als der Roman für mich fertig war.

 

Protagonistin Sybille hat in Kirgistan ihren verlorenen Freund aus Kindheitstagen gefunden. Wenn man sich nach so langer Zeit wiedersieht, ist es dann möglich, sich zu „finden“, oder liegt zu viel dazwischen?

Ich glaube, dass Freundschaften nie aufhören. Aber wenn man sich, so wie im Roman, nach einem Vierteljahrhundert wieder trifft, kann entweder gar nichts mehr da sein, oder es kann etwas ganz Elementares vorhanden sein. Man kann aber nach so langer Zeit sicher nicht dort anknüpfen, wo man einst war. Das heißt, man muss sich wieder neu finden und kennenlernen. Meine Protagonisten finden sich wieder, so viel sei verraten.

 

In Ihren bisherigen Romanen geht es um Themen wie Älterwerden, Abschiednehmen oder Vergebung. Welche Aussage hat Ihr neuer Roman? Was wollen Sie rüberbringen?

In unserer schnelllebigen Zeit ist die ganze Welt und jeder Mensch ständig in Veränderung, und man ist gezwungen, sich ständig neu zu erfinden und zu reflektieren. Nicht umsonst rennen viele Menschen ständig zum Psychologen. Die permanente Veränderung ist einerseits ganz gut, birgt aber auch viel Gefahr in sich. Denn wie kann es sein, dass Trump plötzlich zu den mächtigsten Menschen der Welt gehört? Oder warum sind plötzlich 20-jährige Mädchen unheimlich wichtig, nur weil sie Tausende Follower auf Instagram haben? Das ist einerseits völlig absurd und andererseits die Normalität, in der wir leben. Und genau um diesen Widerspruch geht es in meinem Roman. 

Was ist das größte Kompliment, das man Ihnen machen kann?

Bei „Kafka mit Flügeln“ ist die Sprache viel reduzierter als bei meinen anderen Romanen, und die Handlung steht absolut im Vordergrund. Das größte Kompliment ist, wenn man „Kafka mit Flügeln“ als unkonventionell bezeichnet, denn das Leben an sich ist ja nicht konventionell.

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Lost in Translation. Autorin Daniela Emminger inmitten der unberührten Natur Kirgistans. (© Emminger/privat)