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People | 05.10.2020

„Kinder müssen alles aushalten“

Nach dem Roman „Hannas schlafende Hunde“, der mit Hannelore Elsner verfilmt wurde, legt die Welser Autorin Elisabeth Escher ein weiteres Werk vor, das auf einer wahren Lebensgeschichte basiert.

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© privat

Mit dem Roman „Das Fenster zum Himmel“ ist Elisabeth Escher ein weiteres brisantes Werk gelungen, das auf einer wahren Geschichte basiert. Aufrüttelnd, aber dennoch positiv erzählt die Autorin die bewegende Geschichte des „Zigeunermädchens“ Marie Muth, das seiner Mutter, einer Prostitutierten, entzogen wird. Im Alter von drei Jahren kommt Marie ins Heim und landet anschließend bei einer herzlosen Pflegefamilie. Erst als Jakob Seliger, Pfarrer und Religionslehrer im kleinen Ort Schönboden, das Mädchen bei sich aufnimmt, kehren Ruhe und Normalität in ihr Leben. Bald aber schon brodelt die Gerüchteküche im Ort. Wir haben mit Autorin Elisabeth Escher über die „echte“ Marie Muth, Rufmord und Kinderschicksale gesprochen.

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Escher, Ihrem neuen Roman „Das Fenster zum Himmel“ liegt die wahre Lebensgeschichte vom „Zigeunermädchen“ Marie Muth zugrunde. Wie hat sich die Bekanntschaft zwischen Ihnen und der Protagonistin ergeben?

Elisabeth Escher: Mein verfilmter Roman „Hannas schlafende Hunde“ war soeben in den österreichischen Kinos angelaufen, als mir die „wahre“ Marie Muth von Freunden vorgestellt wurde. Wir kamen ins Gespräch und sie nahm Bezug auf den Roman „Hannas schlafende Hunde“. Sie meinte, sie könne das Schicksal des Mädchens Hanna, der Protagonistin, sehr gut nachvollziehen, da sie selbst auch eine sehr spezielle und „heftige“ Kindheit erlebt habe, wenn auch in einer völlig anderen Umgebung. Ich fragte nach und bekam erste Antworten. Es folgten eine Reihe von extrem aufwühlenden, spannenden und auch humorvollen Gesprächen ...

Wie ist es der „echten“ Marie Muth beim Erzählen ergangen? Wie waren die Gespräche mit ihr? 

Wunden, die vergangene Erlebnisse zugefügt haben, mit der Erinnerung zu berühren, ist immer mit Schmerzen verbunden. Aber die Gewissheit, dass es möglich ist, diese tiefen Verletzungen auch zu überwinden, gibt Hoffnung. Der „Lichtstrahl“, der sich im Lauf der Geschichte auftut – eben dieses „Fenster zum Himmel“ – war sogar für mich bei der literarischen Aufarbeitung der Geschehnisse erlösend, weil ich dadurch bei der Choreographie des Romans auch helle und positive Möglichkeiten der Gestaltung zur Verfügung hatte. „Das Fenster zum Himmel“ ist ja keine reine Biographie, sondern ein Roman, der basierend auf wahren Begebenheiten eine eigene, in Teilen fiktive Geschichte erzählt.

Wie viel Zeit haben Sie miteinander verbracht?

Wir trafen einander natürlich mehrmals zu intensiven Gesprächen, die an unterschiedlichen Orten stattfanden, unter anderem auch an den Originalschauplätzen der Handlung. Das war für mich wesentlich, um die Umgebung authentisch einfangen zu können. Wie viele Stunden das waren, kann ich nicht mehr genau sagen, viele jedenfalls.

Wie hat Marie Muth reagiert, nachdem sie das Buch gelesen hat?

Marie Muth, die in der Realität natürlich anders heißt, hat sehr positiv auf das Buch reagiert. Sie habe sich im Buch immer wieder selbst gefunden, als das Mädchen gesehen, dessen Lebenswille und Lebenslust sich nicht habe brechen lassen und das durch die ihm letztlich geschenkte Zuwendung und Liebe wieder Zuversicht und Vertrauen gewinnt.

Was wollen Sie mit der Geschichte von Marie, die als Pflegekind im Heim und in einer Pflegefamilie qualvolle Jahre erleben musste, aussagen?

Frauen- und Kinderschicksale, Schicksale der sogenannten „Anderen“, scheinbar nicht in die Gesellschaft Passenden, erfahren erst jetzt eine vorsichtige gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung. Es ist wichtig, dass sich auch die Literatur dieser ganz speziellen Enge und Engstirnigkeit der 60er- und 70er-Jahre annimmt und mit den ihr eigenen stilistischen und sprachlichen Mitteln dazu beiträgt, aufzurütteln und ein Spiegelbild zum Jetzt zu schaffen.

Beim Lesen zweifelt man, ob nicht doch Pfarrer Jakob Selinger dem Mädchen nachstellt. Sexueller Missbrauch ist ja in der katholischen Kirche keine Unbekannte. Wie wichtig ist es, in so einem Fall, Gerüchten nachzugehen?

Der Roman stellt sich brisanter Themen und wirft entsprechende Fragen auf: Wie steht es um die Scheinheiligkeit innerhalb der katholischen Kirche? Wie zeitgerecht und sinnvoll ist das Zölibat? Wie geht man mit einer Missbrauchsvermutung um? Und wie bedrohlich sind dabei Tratsch und Gerüchte? Gerüchte sind gefährlich und führen sehr schnell zu Verleumdung und Rufmord. Das Wort „Mord“ steckt nicht zufällig in „Rufmord“. Natürlich ist es zwingend notwendig, jedem Missbrauchsverdacht bis ins Letzte nachzugehen, doch würde ich den Weg zur Wahrheit nicht über Gerüchte suchen.

Ich hatte beim Klappentext Angst, dass die Geschichte traurig und schwer verdaulich ist. Sie ist aber trotz ihrer Tragik positiv geschrieben. Ist die echte Marie Muth ein positiver Mensch?

Durchaus. Die erlebte Sicherheit und das Vertrauen in der „Familie“ ihrer späteren Kindheitsjahre bildeten den Grundstein für eine Zukunft, in der es auch Glücks- und Liebesfähigkeit gibt.

Glauben Sie, dass Kinder mehr aushalten, als wir annehmen?

Sie müssen alles aushalten, die Frage ist nur, welche Folgeschäden sie von Lieblosigkeit und Misshandlungen davontragen. Kinder sind die Wehrlosesten in unserer Gesellschaft. Deshalb ist es so wichtig, ihnen Schutz zu bieten.

Ihr Erfolgsroman „Hannas schlafende Hunde“ wurde mit Hannelore Elsner verfilmt. Hat Ihr neuer Roman das Zeug, an diesen Erfolg anzuknüpfen?

Viele Leserinnen und Leser teilten mir mit, dass bei der Lektüre von „Das Fenster zum Himmel“ vor ihrem geistigen Auge ein ganzer Film abgelaufen sei, so konkret waren die Bilder, die das Gelesene hervorrief. Ein schönes Kompliment und eine Empfehlung zur Verfilmung, die übrigens angedacht ist.

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BUCHTIPP: Das Fenster zum Himmel von Elisabeth Escher

Lesung

Am Dienstag, 13. Oktober, liest Elisabeth Escher um 19 Uhr im Full House in Marchtrenk aus ihrem Roman „Das Fenster zum Himmel“.
Musikalisch begleitet wird die Autorin von Edith Meixner.

Full House
Goethestraße 7, Marchtrenk

 

BUCHTIPP:

Das Fenster zum Himmel

von Elisabeth Escher
Bernardus-Verlag
ISBN-13: 978-3-8107-0320-0
Preis: € 16,80