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People | 16.11.2022

Insta-Erfolg kennt kein Alter

Claudia Danner aus Vorchdorf hat vor Kurzem den Austria Food Blog Award in der Kategorie „Backen“ gewonnen. Damit zeigt die 52-jährige Mutter dreier erwachsener Söhne, dass der Job als Influencer nicht nur jungen Menschen vorbehalten ist.

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© Sebastian Mayer

Der Weg zur erfolgreichen Foodbloggerin war für Claudia Danner nicht einfach. Denn die dreifache Mutter erkrankt im Alter von 37 Jahren an Multipler Sklerose. Um sich davon abzulenken und von daheim aus mit anderen in Kontakt zu treten, startet sie den Instagram-Account „myclaud.kitchenstories“. Anfangs nur für sich selbst, spürt sie schnell großen Zuspruch und Unterstützung. Das gibt ihr sowohl Kraft als auch Mut, sich auch beruflich in diese Richtung zu verändern. Seit vier Jahren lebt sie mit „bakeART“ ihren Traum und wurde vor Kurzem sogar mit dem Austria Food Blog Award ausgezeichnet.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie haben nach einem Multiple Sklerose-Schub 2018 ihren Account als Foodbloggerin angefangen. Warum hat Ihnen das in dieser schwierigen Zeit geholfen?

Claudia Danner: Anfangs war mein Account gar nicht als reiner Foodblog gedacht. Das Backen war nach einem MS-Schub für mich immer sozusagen die erste Art der geistigen Herausforderung, und da man in dieser Zeit das Haus doch eher selten verlässt, habe ich 2018 meinen Instagram-Account eröffnet. Vorwiegend aber, um mich anonym mit anderen über Themen zu unterhalten, die weder mit meinem aktuellen Gesundheitszustand noch mit meinem Beruf zu tun hatten. Mit meiner Erkrankung bin ich zwar von Anfang an offen umgegangen, ich habe sie aber nicht zum Hauptthema gemacht. Meine „Jetzt erst recht“-Einstellung hat mein eigenes Umfeld am Anfang verwirrt, andere Betroffene aber immer motiviert. Diese positive Einstellung wollte ich auch gern in die Welt tragen … Und so haben sich nach und nach Viewer oder Follower auch offen an mich gewendet. Das hat mich beflügelt weiterzumachen, denn ob man es glaubt oder nicht, sehr, sehr viele Foodblogger haben gesundheitliche oder psychische Probleme. #gemeinsamstatteinsam lässt sich alles viel besser ertragen, auch für mich.

20 Jahre lang waren Sie leitend in der Wirtschaft tätig, bevor Sie sich selbstständig gemacht haben. Wie schwer ist Ihnen dieser Schritt gefallen?

Dieser Schritt ist mir im Grunde gar nicht schwergefallen. Es gab einen Wechsel an der Spitze des Unternehmens, in dem ich seit 20 Jahren beschäftigt war, und mein Körper hat mir in dieser Zeit eindeutige Signale gesendet. Wenn man diesen Zeichen genug Aufmerksamkeit schenkt, dann weiß man genau, wo der eigene Weg hinführt. Vieles hat sich gefügt, und wie sagt man so schön: „Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere.“ Es macht durchaus Sinn, nicht immer nur geradeaus zu gehen, wenn es links und rechts auch noch viele schöne Wege gibt. Natürlich braucht es Mut – und ein finanzielles Polster. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich anfangs gehört habe, warum ich mir das in meinem Alter noch anfange und ob das mit meiner Erkrankung klug ist. Doch genau das war eigentlich ausschlaggebend für mich. Mit der Selbstständigkeit kann ich ständig selbst bestimmen, wann ich wieviel arbeite. Auch die Kombination aus Off- und Online-
Arbeit macht es mir leichter.

Gab es Zeiten, in denen Sie diese Entscheidung auch bereut haben?

Sicherlich gibt es Phasen, in denen ich alles infrage stelle oder auch Angst vor der Zukunft habe – vor allem, als meine ersten Ideen nicht wirklich die gewünschten Früchte getragen haben. Aber ich spüre einfach, dass ich „angekommen“ bin, nicht mehr fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt alle meine Fähigkeiten, meine Kreativität und meine Talente für mich zu bündeln. Und reich werde ich sowieso nicht mehr (lacht). 

Mittlerweile gibt es Influencer wie Sand am Meer. Was macht für Sie einen guten Influencer aus?

Gott sei Dank ist es auf der Welt nach wie vor so, dass jeder seinen eigenen Geschmack hat. Die große Mischung an Bloggern aus verschiedensten Ländern in unterschiedlichen Altersgruppen und Lebenssituationen bietet eine bunte Vielfalt, die sich gegenseitig nährt. So hat auch jeder Blogger seinen eigenen Stil, seinen eigenen Blickwinkel und seinen Platz in der Community. Für mich persönlich war immer wichtig, dass ich mir selbst treu bleibe und ehrlich bin, was ich tatsächlich als das wichtigste Kriterium empfinde, denn nur so bleibt man glaubwürdig und wirkt authentisch. 

Der klassische Influencer ist meist sehr jung. Warum ist es Ihrer Meinung nach dennoch keine Frage des Alters, in diesem Job erfolgreich zu sein? Sie selbst sind ja das beste Beispiel dafür

Die Freude an dem, was man tut, die Leidenschaft und Hingabe, mit der man etwas macht, ist keine Frage des Alters. Natürlich sieht man mit 50 viele Dinge anders als mit 25, aber vielleicht ist das auch mein kleiner Vorteil. Das Alter meiner Follower drittelt sich tatsächlich gleichmäßig von 25 bis 55 auf, was zeigt, dass ich so gut wie alle Altersgruppen anspreche. Vielleicht gelingt mir das deshalb so gut, weil ich ein sehr empathischer Mensch und Mutter dreier erwachsener Söhne bin, und dennoch auch gut weiß, was ich als Jugendliche geliebt habe. Die Sprache aller Altersgruppen sprechen zu können, macht es aus. 

Sie sagen von sich selbst, backverrückt zu sein. War das schon immer so oder hat sich das im Lauf der Zeit entwickelt?

Das hat sich tatsächlich erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Gekocht habe ich immer schon leidenschaftlich gern und gut, aber neben Berufstätigkeit mit vier Männern im Haushalt war Kochen und Backen mehr Muss als Genuss. Es ging vielmehr darum, „alle Mann“ satt zu bekommen, anstatt sich kreativ auszuleben. Erst als unsere Söhne ausgezogen waren, habe ich die schönen Feinheiten für mich entdeckt. Zu dieser Zeit dachte ich zwar immer noch, dass Backen nicht mein Metier ist. Dieses genaue Abwiegen, akkurate Zutaten, und das Einhalten von Rezeptangaben lassen einen Freigeist wie mich doch eher scheitern. Aber nach und nach war es genau das, was mich reizte. Ich las mich oft nächtelang in ein Thema ein, beschäftigte mich mit der „Chemie“ des Backens und studierte alte Bäckerhandwerkstechniken. Ich habe erkannt, dass Backen perfekt zu mir passt. Ehrgeizig, wissbegierig und voller Leidenschaft habe ich mich in das Erschaffen von kleinen Kunstwerken mit wenigen Zutaten und den bloßen Händen verliebt. Ich glaube mittlerweile sogar, dass es das ist, was der Mensch allgemein vermisst: etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen. Vom Sauerteigbrot bis zur französischen Backkunst, vom Apfelstrudel der Oma bis zum perfekten American Pie – jedes Backwerk hat sein eigenes Geheimnis, und ich bin verrückt genug, um danach zu suchen, wenn nicht sogar süchtig danach (lacht).

Mit Ihrem Zuckerknoten haben Sie die Jury beim Austrian Food Blog Award überzeugt. Wie groß ist Ihre Freude über diesen Award? Sehen Sie ihn auch als Bestätigung Ihrer Arbeit?

Es gab tatsächlich keine Kategorie, die ich so gern gewinnen wollte wie das Backen. Nicht selten habe ich im vergangenen Jahr von Kursteilnehmern, Kolleginnen oder Kunden gehört, wie sehr man meine Liebe zum Backen sieht und spürt. Diesen Award heuer zu gewinnen, ist eine große Bestätigung für mich. Aber nicht für meine „Arbeit“, sondern dafür, dass man seinem Herzen folgen soll, denn ich sag immer, dass das, was man mit Liebe und Leidenschaft macht, niemals falsch sein kann. Der Award ist eine Bestätigung dafür, dass es gut war, dass ich mich wiedergefunden habe und mir selbst treu geblieben bin. Mein Foodblog vereint backen, schreiben und fotografieren. Die letzten beiden Leidenschaften lebe ich ja schon länger aus, und gemeinsam mit dem Backen ist nun ein kleines Business „bakeART“ daraus entstanden. Schöner kann es eigentlich gar nicht sein. Wenn aus Mehl und Flüssigkeit kleine Kunstwerke entstehen, macht mich das glücklich und zufrieden. 

 

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Gekocht hat die 52-jährige Vorchdorferin schon immer gern. Doch erst als ihre drei Söhne ausgezogen sind, hat sie die schönen Feinheiten des Backens für sich entdeckt. © Claudia Danner