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People | 29.03.2016

Im Talk mit Karikaturist Gerhard Haderer

Gerhard Haderer hat Kultstatus in Österreich und weit über die Grenzen erreicht: Mit seinen Karikaturen spiegelt er unsere Gesellschaft wider, wie es kaum ein anderer mit Worten schafft. Die OBERÖSTERREICHERIN traf den sympathischen „Hades“ zum Interview in seiner Wohnung in Linz-Urfahr.

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Gerhard Haderer zeigt auch im persönlichen Gespräch Humor. (© Andreas Röbl)

Wie würden Sie Ihren Humor bezeichnen?

Mit dem Begriff „Humor“ muss man sehr präzise umgehen. Ich glaube nicht, dass ich ein wirklich lustiger oder spaßiger Mensch bin. Meine Zeichnungen spiegeln allerdings wider, wie ich selbst bin.

 

Woher holen Sie sich Ihre Inspiration?

Aus meiner Umwelt. An jeder Ecke begegnet man der Realität, die so grotesk ist, dass man sie nur durch ihre Abbildung bereits zum Cartoon macht. Man braucht sich nur umschauen, die Cartoons liegen auf der Straße. So wie die Menschen sich benehmen, wie sie auftreten, sich kleiden und darbieten … Das sind lauter Angebote an mich!

 

Sie haben ein Atelier in Linz und am Attersee. Wo arbeiten Sie lieber?

Das ist unterschiedlich: Hin und wieder brauche ich die Stadt, die Umgebung, die Menschen um mich. Das sind Anregungen, „Flashs“, die man ständig bekommt und mit denen ich gut arbeiten kann. Das Gegenteil dazu ist diese paradiesische, beinahe idyllische Situation am See. Da ich sechs Monate in der Stadt und sechs Monate am See bin, ist ein schönes Gleichgewicht entstanden, das für mich perfekt ist.

 

Gibt es Tage oder Momente, in denen auch bei Ihnen mal die Kreativität auslässt? 

Das ist mir eigentlich noch nie passiert, da ich hinsichtlich meiner eigenen Kreativität kein besonders hohes Level ansetze. Malen ist die stärkste Sprache, die ich habe und so, wie ich gerade plaudere, kann ich zeichnen. Nicht immer kommen Ergebnisse zustande, die mich befriedigen. Dann warte ich einfach noch und versuche es am nächsten Tag nochmal. Ich selbst bin die schärfste Instanz meiner eigenen Kritik.

 

Arbeiten Sie unter Druck besser?

Manchmal machen sich Ener­gien frei, die man positiv nützen kann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Druck lässt auch mich manchmal besser arbeiten. Man muss nur aufpassen, dass es nicht zum System wird. 

 

Welche Person zeichnen Sie am liebsten?

Am liebsten zeichne ich Durchschnittspersonen wie du und ich.  

 

Geben die Österreicher eine gute Grundlage für Ihre Zeichnungen ab?

Die österreichische Seele hat mich seit Jahrzehnten schon immer fasziniert. Die Österreicher sind begabt darin zu sagen: „Ich weiß, dass das Mist ist, was ich jetzt baue, aber …“ Die Österreicher haben dafür einen Begriff erfunden: Ambivalenz. In diesem Zwischenbereich halten sich meine Zeichnungen auf.  

 

Sie arbeiten für Profil, Stern, die OÖNachrichten … Wie darf man sich diese Zusammenarbeit vorstellen?

Ich arbeite mit Handschlagverträgen. Tolle Verträge auf Papier interessieren mich nicht. Man trifft sich, schaut sich in die Augen und weiß dann, ob man zusammenarbeiten möchte oder nicht. Diese Verträge halten ewig, ich bin nämlich schon ein monogamer Mensch. (Lacht)

 

Haben die dramatischen Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo Ihre Arbeit beeinflusst?

Der Anschlag hat uns alle in unseren Gedanken erschüttert. Ich habe zwar „nur“ zwei Kollegen persönlich gekannt, aber das ist schrecklich genug. Natürlich hatte das einen großen Einfluss auf meine Arbeit. Aber nicht die Inhalte veränderten sich, sondern die Freiheit des Denkens. Unsere Cartoons fallen oft sehr scharf aus – das muss auch so sein, und es kommt nicht in Frage, dass wir uns von einem Haufen Krimineller in ein fins­teres Jahrhundert zurückbomben lassen, uns verkriechen und den Schwanz einziehen. Nun müssen wir – alle Kollegen aus Europa – sehr gescheit und sehr klar unsere Aussagen treffen. Wir bleiben, wie wir sind. 

 

Sie haben lange Zeit als Grafiker und Illustrator für Werbeagenturen gearbeitet. Wann haben Sie begonnen, Karikaturen zu zeichnen?

Ich war schon immer ein freier Vogel, doch mit 33 Jahren habe ich gemerkt, dass ich Teil einer Konsumgesellschaft bin, der ich nie sein wollte. In meinem Job bei der Werbeagentur musste ich grässliche Produkte – damals wohlgemerkt noch ohne Photoshop – mit der Hand, also mit dem Pinsel, schön polieren. Das hat mich krank gemacht. Diese Glitzeroberfläche hat mich abgestoßen und angewidert, ich habe gegen meine Seele gearbeitet. Dann habe ich begonnen, meine Gedanken in Zeichnungen einzubringen – meine ersten Cartoons. Als ich bemerkt habe, wie beeindruckt die Frauen von meinen Bildern waren, war für mich klar: Ich zeichne. (Lacht

 

Sie haben vier Kinder. Geht eines beruflich in Ihre Richtung?

Alle meine Kinder haben dieses Talent, doch nicht alle haben es genutzt. Ich war ja auch nicht das große Vorbild für Kinder, die sich einen Präsidenten oder Feuerwehrmann als Papa wünschten. Meine Tochter geht allerdings in meine Richtung. 

 

Ist Ihnen eine Karikatur besonders in Erinnerung geblieben bzw. hängen Sie persönlich an einer bestimmten? 

Nein, eigentlich nicht. Mittlerweile habe ich um die 1.500 Blätter gezeichnet, das sind alle meine Babys.  

 

Gibt es bei Ihrer Arbeit auch Grenzen oder darf so gut wie alles satirisch betrachtet werden? Was würden Sie nicht zeichnen?

Prinzipiell darf alles dargestellt werden. Aber jede einzelne Zeichnung beschäftigt sich damit, wie ich an das Thema herangehe, damit es mir entspricht, dass es radikal genug ist, dass ich klar und kraftvoll genug meine Aussage treffe, aber nicht über eine selbst gesetzte, imaginäre Grenze gehe. Ich provoziere nicht nur, weil Provokation so lustig ist. 

 

Haben Sie Freizeit?

Ich habe entweder nie Freizeit oder ich habe immer Freizeit. Mein Leben ist unglaublich luxuriös, weil das, was ich mache, nichts mit Arbeit im klassischen Sinne zu tun hat. Das ist pure Lust an der Sache, das ist pure Freude. Sobald es zu ruhig wird, zu gediegen, werde ich schon wieder nervös. 

 

Diese Woche hat Richard Lugner bekannt gegeben, dass er bei der Bundespräsidentenwahl antreten wird. Sind das Momente, in denen vor Ihrem geistigen Auge bereits eine Zeichnung entsteht?

Im Falle Lugner entsteht keine Karikatur, weil es einige Personen in unserem Land gibt, die man durch Karikatur nicht mehr kommentieren kann. Die sind eine wandelnde Groteske, da kann man nicht noch was draufsetzen. 

 

Würden Sie sich selbst als politischen Menschen bezeichnen?

Auf jeden Fall. Momentan haben wir eine Situation um uns, die es unmöglich macht, unpolitisch zu sein. Unsere Demokratie besteht aus vielen einzelnen Individuen, die aufgefordert sind, sich einzumischen. Wir leben in einer Phase des Neo-Biedermeier, wo sich die Menschen in ihre kleine private Idylle zurückziehen, diese polieren und tapezieren und schöne Blumerl aufstellen. Dieser Rückzug ist auch eine politische Haltung.  

 

Wie könnten wir dann die jetzige Lage ändern?

Es wäre lächerlich, wenn ich eine Lösung vorschlagen würde. Aber ich hätte zwei Vorschläge. Erstens: Bitte verkauft keine Waffen an die Wahnsinnigen, die Kriege führen. Zweitens: Führt das Pflichtfach „Soziale Bildung“ an Schulen ein. 

 

Woran arbeiten Sie gerade?

Im Augenblick bereite ich mich auf eine Ausstellung im Karikaturmuseum Krems vor, die am 27. Februar beginnt und bis November dauern wird. Außerdem bin ich sehr interessiert daran, Graphic Novels mit Literaten zu machen und diese Literatur in meine Form umzusetzen. Und dann gibt es ja auch noch MOFF, ein monatlich erscheinendes Schundheftl, mein Herzblatt.