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People | 18.12.2018

Im Rolli die Welt entdecken

Pauli (10) sitzt seit seinem fünften Lebensjahr im Rollstuhl. Sein neuer Rolli, der exakt auf Paulis Körper und seine Bedürfnisse angepasst wurde, bedeutet für ihn ein Stück mehr Selbstständigkeit.

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Pauli Schneeweiß hat seinen neuen Rollstuhl zu Schulbeginn bekommen und immer noch eine Riesenfreude damit. (© Stefan Beiganz)

Sein neuer Rollstuhl ist Paulis ganzer Stolz. Der Speichenschutz wurde speziell nach seinen Vorstellungen designt und extra für ihn angefertigt. „Schaut cool aus, oder?“, fragt der Zehnjährige und dreht seinen Rolli mit Schwung auf die Seite. Das Comic-Motiv zeigt die so genannte „Metal-Hand“, einen Jungen, der Zeigefinger und kleinen Finger von seinen Fäusten abspreizt. „Dieses Zeichen hab ich mir ausgesucht, weil ich wie mein Papa ein Heavy Metal-Fan bin“, erzählt Pauli. Gern hört er zum Beispiel die Musik von Metallica. Darum trägt er zum Interview- und Fototermin auch ein T-Shirt mit dem Schriftzug der Band vorne drauf. Er ist eben ein ganz normaler Zehnjähriger. Mit dem Unterschied, dass er eingeschränkt ist, was die Motorik seiner Beine betrifft. Pauli war ein Frühchen und leidet an „infantiler Zerebralparese“. Das sind Bewegungsstörungen, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt. „Pauli muss von klein auf jede Woche zur Physio- und Ergotherapie“, erzählt seine Mama Julia Schneeweiß. „Seit er fünf Jahre alt ist, sitzt er im Rollstuhl. Er braucht bei allem Unterstützung, wo er stehen oder gehen muss. Es ist zwar nicht ganz ausgeschlossen, dass er später einmal gehen können wird, ein normales Gangbild wird er allerdings nie bekommen. Das kann bedeuten, dass er zum Beispiel immer Krücken brauchen wird.“

 

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„Metaller“ unter sich: Pauli mit Mama Julia und Papa Christian Schneeweiß. (© Stefan Beiganz)

Den Alltag erleichtern. Sein neuer Rollstuhl ist ein Segen für die ganze Familie. Weil er dem Zehnjährigen zum einen Selbstständigkeit ermöglicht und auf der anderen Seite auch seinen Eltern den Alltag erleichtert. „Oft sind es Kleinigkeiten, die um so vieles einfacher werden“, sagt Julia Schneeweiß. „Etwa wenn wir vom Einkaufen zurückkommen und ich die Hände voller Taschen habe, braucht Pauli nicht auch noch meine Hilfe.“

Exakt an Paulis Körper und seine Bedürfnisse angepasst wurde der neue Rollstuhl bei Orthotechnik Falkensammer in Sattledt. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren auf Kinder-Reha-Technik und Kinder-Orthopädie-Technik spezialisiert. „Die Nachfrage an technischen Hilfsmitteln für Kinder ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden“, erzählt Firmenchef Andreas Falkensammer. „Darauf haben wir reagiert und unser Angebot sukzessive erweitert.“

Im Sommer hat er Österreichs größten Schauraum für Kinder-Reha-Technik eröffnet. Auf insgesamt 350 Quadratmetern können die verschiedenen Produkte kennengelernt, ausprobiert und sogar ausgeliehen werden – vom Therapie-Dreirad über Frühförderstühle bis hin zu den speziellen Rollstühlen für Kinder. „Bei diesen Hilfsmitteln geht es um mehr als nur um technische Lösungen“, erklärt Falkensammer. „Das Wichtigste ist, den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Welt selbst zu entdecken. Auf diese Weise können Sie am Alltagsleben teilnehmen, mit ihren Freunden spielen und ein Stück Unabhängigkeit gewinnen.“

 

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Ein kleines Rolli-Wettrennen mit Andreas Falkensammer. (© Stefan Beiganz)

Kaum Angebot für Kinder. Tatsächlich hat es noch vor wenigen Jahren kaum ein Angebot an Krabbelhilfen oder Rollstühlen für Kinder gegeben. Weil der Fokus nicht auf der Selbstständigkeit lag. Für Kinder bis zu acht Jahren wurden deshalb häufig so genannte Reha-Buggys als Fortbewegungsmittel verwendet. Mittlerweile hat sich dieser Fokus verschoben, heute stehen Frühförderung und Mobilität im Vordergrund. Hilfsmittel für die täglichen Herausforderungen gibt es bereits für Kinder ab den ersten Lebensmonaten.

Allerdings ist das Wissen über die verschiedenen Möglichkeiten oft noch sehr gering – sowohl bei den betroffenen Familien als auch in Fachkreisen, was durchaus überrascht. Andreas Falkensammer und sein neunköpfiges Team haben sich deshalb auf die Fahnen geheftet, Aufklärungsarbeit zu leisten und Betroffene bestmöglich zu unterstützen. Nicht umsonst kommen Kunden aus ganz Österreich nach Sattledt, um sich professionell beraten zu lassen. „Da sind oft sehr rührende Momente dabei, wenn Eltern sehen, was ihre Kinder trotz ihrer motorischen Einschränkungen alles machen können“, sagt Andreas Falkensammer lächelnd. 

Pauli erzählt in der Zwischenzeit von seinen Hobbys, dass er gern mit seinem Papa Musik hört, mit der Mama kuschelt, in seinem Zimmer experimentiert und dass er gern und viel quatscht. „Ach, das ist jetzt bestimmt noch keinem aufgefallen“, lacht Mama Julia. Was er nicht so gern macht, sind Hausübungen. Pauli besucht die zweite Klasse einer Volksschule und ist dort Integrationskind. Was ihn besonders hart trifft und enttäuscht, ist, dass er nicht zu den Geburtstagsfeiern seiner Klassenkameraden eingeladen wird. „Die Eltern sind oft verunsichert und haben Angst, weil sie nicht wissen, wie sie mit Pauli umgehen sollen – etwa, wenn er auf die Toilette muss“, erzählt Julia Schneeweiß. „Dabei wäre das kein Problem, wenn sie nur mit uns als Eltern reden würden. Wir kommen sehr gern mit und helfen!“

Erst im Oktober hat Pauli selbst seinen zehnten Geburtstag mit einer großen Party gefeiert. Eingeladen hat er unter anderen alle seine Klassenkameraden, um zu zeigen, wie es gehen kann. „Alles hat super funktioniert“, erinnert sich seine Mama. „Kinder haben keine Berührungsängste!“

 

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Orthopädie-Techniker und Firmenchef Andreas Falkensammer passt den Rollstuhl exakt auf Paulis Körper und seine Bedürfnisse an. (© Stefan Beiganz)