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People | 10.10.2018

Im Blindflug zum Glück

Constanze Hill ist seit ihrer Geburt blind. Unter dem Titel „Ich seh, ich seh, was du nicht siehst. Denn ich bin blind“ hat die 44-jährige Linzerin ihr nunmehr drittes Buch herausgebracht. Darin erzählt sie, was sie fühlt, wie sie träumt und wie sie liebt.

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Rank und schlank mit coolen Braids. Modisches Aussehen ist der zweifachen Mama aus Linz wichtig (© Celine Daliot, Ueberreiter, Schiffleitner)

Wir treffen Constanze Hill an ihrem Arbeitsplatz bei Life Radio, wo sie sich jeden Montag von 21 bis 24 Uhr in ihrer Sendung „Life in Love“ in Sachen Liebe kein Blatt vor den Mund nimmt. Immer an ihrer Seite sind ihr Blindenhund „Calimero“ und Assistent Dominik Klinger, der uns mit Kaffee versorgt. In ihrem neuen Buch zieht die 44-jährige Linzerin Bilanz und gibt dabei sehr private Einblicke in ihr Leben als Zweifachmama, Liebhaberin und Karrierefrau. Neben ihrem Vater und Bruder kommt da­rin unter anderen auch ihr Lebenspartner Michael zu Wort. Ihre Blindheit hat Constanze Hill nie daran gehindert, ihre Ziele konsequent zu verfolgen. Ganz im Gegenteil, ihre Blindheit sei der Schlüssel zu ihrem Erfolg, erzählt uns Constanze im Interview.

 

In Ihrem neuen Buch geben Sie sehr private Einblicke in Ihr Leben. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?
Constanze Hill: Ich glaube, dass die Lebensgeschichte einer Blinden, die so viel erlebt hat wie ich, nicht alltäglich ist. Und ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte vielen Menschen Mut machen kann, und zwar nicht nur blinden, sondern auch sehenden Menschen.  

Sie schreiben, dass Sie nie damit gehadert haben, blind zu sein. Wer oder was hat dazu beigetragen, dass Sie heute ein selbstbestimmtes Leben führen?
Meine Eltern sind bravourös mit meiner Blindheit umgegangen. Ich habe sehr früh gelernt, etwaige Beleidigungen nicht auf mich zu beziehen, sondern sie dort zu lassen, wo sie herkommen. Dasselbe gilt für Mitleid. Meine Mama hat mir richtig gut beigebracht, dass ich nicht bemitleidenswert bin und dass ich das Verlassen der Komfortzone als Freude erleben kann. Das ist es auch, was ich Eltern von blinden Kindern unbedingt raten würde. Man muss ihnen etwas zutrauen, ihnen Aufgaben stellen, die sie herausfordern, die sie zugleich aber auch bewältigen können. Auf keinen Fall sollte man ihnen vermitteln, dass sie ein tragisches Los zu tragen haben. Das ist es ja auch nicht.

Nach der Volksschule im Bundes-Bildungsinstitut für Blinde in Wien haben Sie als erstes blindes Kind in Österreich ein öffentliches Gymnasium absolviert. Wie war das? 
Das war extrem schwierig, da ich damals die Bücher in Blindenschrift teilweise erst ein halbes Jahr später als meine Klassenkameraden bekommen habe. Oftmals waren die Kinder auch unfair und haben nicht mit mir geredet. Ich habe das sehr persönlich genommen, dabei wussten viele nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Das hat mir weh getan. Die Schule an sich hat mich auch nie so richtig interessiert. 

Dafür drehte sich Ihr Leben schon damals um Beziehungen und Liebe ...
Genau. Und obwohl mein Opa immer gesagt hat, dass ich keine Beziehung haben werde, weil ich blind bin, war ich seit dem 15. Lebensjahr immer in Beziehungen. Nur einmal habe ich mir ein freiwilliges Single-Jahr auferlegt, weil ich sehen wollte, ob ich es alleine schaffen kann. Aber ich bin gerne in einer Beziehung. 

Trotzdem sind Sie bereits zum zweiten Mal geschieden. 
Ich finde, dass man sich, wenn man an ein Ende gekommen ist, auch wieder trennen darf, gerade heutzutage. Ich denke, dass es in einer Liebesbeziehung ein paar Konstanten geben muss, die stimmen müssen. Die gegenseitige Wertschätzung etwa oder das intellektuelle Niveau. Für mich sind auch Leidenschaftlichkeit und Sexualität ein großes Thema.

Was muss ein Mann haben, um Ihr Herz zu erobern?
Ich mag intelligente Männer mit Humor, die kreativ sind und das Herz am rechten Fleck haben. Es gefällt mir, wenn ein Mann weiß, was er will und in der Beziehung eine Führungspersönlichkeit ist. Natürlich will ich nicht, dass die Frau unterdrückt wird. Immerhin bin ich eine sehr positive, nicht radikalisierte Feministin. Aber eine Frau muss weiblich sein dürfen und ein Mann männlich. 

Ihre beiden Kinder sind zehn und 15 Jahre alt. Wie kommen sie durch die Pubertät?
Sehr gut! Meine Tochter Jennifer geht jetzt in die Dr. Ernst Koref Mittelschule in Linz. Sie ist quietschvergnügt, sehr sozial und lustig. Tristan ist in der zweiten Klasse HTL – sein berufliches Ziel liegt im Bereich der Neuen Medien. Er ist sehr auf das Lernen und die spätere Karriere fokussiert. Es freut mich immer, wenn wir am Wochenende oder im Urlaub gemeinsam etwas unternehmen, sonst bin ich schon relativ abgemeldet. (lacht) 

 

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Constanze Hill im Talk mit Chefredakteurin Ulli Wright. Immer an ihrer Seite ist Blindenhund „Calimero“. (© Celine Daliot, Ueberreiter, Schiffleitner)

Sie haben zwei Kinder, drei Jobs und gerade ihr drittes Buch herausgebracht. Wie bringen Sie das alles auf die Reihe? 
Das werde ich immer wieder gefragt. Ganz wichtig ist für mich, dass alles schön durchgeplant ist. Und ich gönne mir immer wieder Pausen, sonst brenne ich aus. Vor allem schaue ich auch darauf, dass ich das, was ich mache, auch genieße. Es ist wichtig, dass man auf sich selbst aufpasst. 

Sie sind immer modisch gekleidet, haben coole Braids und perfekt manikürte rote Fingernägel. Wie wichtig ist es Ihnen, gut auszusehen?
Bei keinem anderen ist es mir wichtig, wie er aussieht. (lacht) Bei mir selber schon, weil ich als blinde Frau auch angeschaut werde. Noch vor einigen Jahren hatte ich massives Übergewicht, kurze Haare, kurze Fingernägel. Wenn du dann auch noch blind bist, wirst du als Frau bemitleidet. 

Wer oder was hat Sie dazu motiviert, abzunehmen?
Mein Lebenspartner Michael hat gesagt, du bist einfach zu dick, Mädel. Viele Frauen wären in so einem Fall zutiefst beleidigt, aber er hatte völlig recht und ich habe es geändert. 

Und wie haben Sie das geschafft?
Mit gesunder Ernährung und mit meinem Trampolin. Darauf hüpfe ich viermal die Woche je eine halbe Stunde herum und einmal die Woche gehe ich in die Body Street zum EMS Training. 

„Wenn ich noch einmal geboren werde, würde ich mir wünschen, wieder blind auf die Welt zu kommen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Warum?
Ich glaube, sehen zu können, würde für mich viele Nachteile haben. Ich wäre abgelenkter, wäre mit viel Bullshit konfrontiert, den ich erst ausfiltern müsste, und ich würde viele Menschen nach ihrem Aussehen beurteilen. Das finde ich nicht cool. 

Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimnis für ein erfülltes Leben? 
Es gibt Fliegen, die auf der schönsten Blumenwiese immer nach Mist suchen. Und dann gibt es Bienen, die suchen auch auf der Müllhalde immer den besten Honig. Ich bin eine Biene. Ich fokussiere mich nicht auf das Negative. Es ist so spannend auf dieser Welt, man kann so viel machen und erleben. Die Menschen glauben immer, wenn sie die Komfortzone verlassen, ist das das Ende der Welt, aber in Wahrheit beginnt doch das Leben erst am Rande der Komfortzone. 

Der Titel Ihres Buches lautet „Ich seh, ich seh, was du nicht siehst. Denn ich bin blind“.  Was sehen Sie, was Sehende nicht sehen?
Bei meinem Job als Coach habe ich oft das Gefühl, dass meine Klienten mit der Nase am Baum anstehen und nicht sehen, was eigentlich ganz klar ist. Und wenn ich dann mit ihnen gemeinsam hinschaue und es bei ihnen „klick“ macht, dann erreichen sie plötzlich ihre Ziele. So gesehen kann ich jemandem helfen, der auf andere Weise als ich im Dunkeln tappt. Das ist wunderschön,  und das liebe ich an meinem Job. Ich helfe Menschen bei der Selbstverwirklichung und beim selbstbestimmten Leben. Denn man muss sein Leben so leben, wie man das selber will. Nicht wie die Mutter will, der Chef, der Partner oder die Fitnessindustrie. Das ist ganz wichtig. 

Sie schreiben, Ihre Blindheit sei der Schlüssel zu Ihrem Erfolg. Warum ist das so?
Wäre ich sehend auf die Welt gekommen, wäre ich mit Sicherheit nicht das, was ich jetzt in beinahe all meinen Funktionen bin: ein Coach mit Leib und Seele, sei  es  nun  für  meine  Familie,  meine  Freunde  oder  für  die  Vielzahl von Klientinnen und Klienten, die ich via Radio oder übers Telefon betreue.

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Jeden Montag moderiert Constanze Hill von 21 bis 24 Uhr auf Life Radio ihre Sendung „Life in Love“. (© Celine Daliot, Ueberreiter, Schiffleitner)