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People | 02.11.2015

"Ich wünsche mir den Weltfrieden"

Mit drei Jahren wurde Panah Ahmed das Opfer eines Ärztefehlers. Seither ist die 29-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen. Während des Golfkrieges flüchtete die gebürtige Kurdin aus dem Nordirak mit ihrer Familie nach Österreich. In der Musik fand die talentierte Welserin nicht nur Trost, sondern auch ihre ganz große Leidenschaft.

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Musik macht Panah Ahmed glücklich. (© Heli Mayr)

Zu unserem Shooting in Wels kommt Panah Ahmed extra aus Wien angereist. Im „steamaudio“-Studio in Thalheim kommt die dunkelhaarige Schönheit so richtig in Form. Unglaublich wendig düst sie in ihrem Rollstuhl herum, zieht verschiedene Outfits an und posiert professionell vor der Kamera. Eine wahnsinnig beeindruckende Frau, die mit ihrer Stimme und ihren selbstgeschriebenen Texten Gänsehaut-Feeling hervorruft. 

 

Während des Golfkrieges haben Sie mit Ihrer Familie das Land verlassen und sind nach Österreich gekommen. Wann war das? 

Wir sind während des Golfkrieges geflüchtet. Meine Familie und ich waren gezwungen, eine neue Heimat zu finden. 

Wie war die Flucht? Kann man diese mit der Flüchtlingssituation der Syrer heute vergleichen?

Ja sicher, das kann man. Auch damals haben Menschen ihr letztes Hab und Gut verkauft, um es zu schaffen. Die Schlepper waren genauso gemein wie heute. Wenn sie sehen, dass du in Not bist, ziehen sie dir das letzte Geld aus den Taschen. Wir waren im Familienverband unterwegs, insgesamt um die 20 Personen. An der türkischen Grenze haben wir meinen Vater und andere Verwandte verloren. Meine Mama war hochschwanger mit meiner Schwester. Ein Mann hat uns zu sich nach Hause nach Van gebracht, das ist eine Stadt im türkischen Teil von Kurdistan. Er hat unser Leben gerettet. Ihm ist es schließlich gelungen, meinen Vater zu finden und ihn zu uns zu holen. Nachdem wir ein Jahr in Van gelebt hatten, mussten wir wieder flüchten und landeten schließlich im Auffanglager in Traiskirchen. 

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"Ich lache viel. Das macht schön." (© Heli Mayr)

Können Sie sich an die Flucht erinnern?

Wir waren zu Fuß unterwegs, was mit mir sehr beschwerlich war, da ich ja schon damals nicht mehr gehen konnte. Man ist unterwegs und hat irgendwann kein Zeitgefühl mehr. Man weiß nicht mehr, welcher Tag ist. 

Wie lange sind Sie in Traiskirchen gewesen?

Wir waren ein halbes Jahr in Traiskirchen und sind anschließend in ein Asylheim in die Lunzerstraße nach Linz gekommen. Dort verbrachten wir ein weiteres Jahr und dann sind wir in eine Wohnung nach Traun gezogen. 

Wie war diese ganze Situation?

Ich konnte damals nicht gehen. Da ich auch noch keinen Rollstuhl hatte, wurde ich fast bis zum siebten Lebensjahr in einem Kinderwagen herumgeschoben. In Österreich bekam ich dann verschiedenste Behandlungen, die ich im Irak niemals bekommen hätte. Es gab viele Organisationen, die uns geholfen haben. Im Asylantenheim lebten Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen. Das war nicht immer einfach. Meine Mama hat sehr viel durchgemacht und ist vom Leben gezeichnet. Ich habe in Österreich sehr viel Gutes erfahren. Ich darf Frau sein und ich lebe in einem Land, in dem jeder frei entscheiden kann. Viele Menschen glauben, mein größter Traum wäre, aus dem Rollstuhl aufzustehen und gehen zu können. Nein, das ist schon lange nicht mehr mein Traum. Was ich mir wünsche, ist der Weltfrieden. 

Sie sitzen durch einen Ärztefehler im Rollstuhl. Was ist damals passiert?

Ich war drei Jahre alt, hatte Fieber und meine Mama brachte mich zum Arzt. Dieser hat mir eine Spritze falsch gesetzt und einen Nerv an meiner Hüfte er­wischt. Am nächsten Tag konnte ich nicht mehr stehen, mein Körper hat sich völlig verkrampft, dann war ich zwölf Monate lang im Wachkoma. Für meine Mama war das ganz schlimm. Ich hatte auch für eineinhalb Jahre mein Augenlicht fast komplett verloren. 

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie musikalisch sind?

Wenn man als Kind in einem Rollstuhl sitzt, ist man ja nicht die Coolste. Wenn ich mit anderen Kindern zusammen war, habe ich immer die Rolle der Beobachterin eingenommen. Ich habe den Musik-TV-Sender MTV eingesogen und bin heimlich auf Kids-Playback-Shows gefahren. Mein Vater hätte das nie erlaubt. Auf einer Kiddy-Playback-Show in der Plus City habe ich einen Manager kennengelernt und der hat mich im Jahr 2000 zu den Paralympics nach Sydney gebracht, wo ich auf der Bühne performen durfte.

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Am Mischpult. (© Heli Mayr)

Wie war es, bei der Eröffnungsfeier für die Paralympics neben Superstars wie Kylie Minogue und Vanessa Amarosi zu performen?

Das war der helle Wahnsinn, es war ein richtiger Flash. Sidney hat mein Leben komplett verändert. Ich habe Menschen gesehen, die nur einen Rumpf hatten oder deren Gliedmaßen amputiert waren. Und all diese Menschen hatten eine enorme Lebensfreude, das hat mir einen gewaltigen Schub gegeben. 

Ihr Song „Together we are strong“ wurde sogar von Coca Cola gesponsert. Wie war es, vor so einem großen Publikum auf der Bühne zu stehen. Sind Sie den Stars auch näher gekommen?

Ich habe das Lied selber geschrieben und die ganze Show war einfach überwältigend. Die Stars waren alle irrsinnig nett und ich bekam sehr viel Lob. 

Ihre Musik hat Sie auch nach New York gebracht?

Ja, genau. Ich habe mir vor rund zehn Jahren ein Ticket gekauft und bin mit einer Freundin nach New York geflogen. Ich wollte ein Superstar werden (lacht) und Kontakte knüpfen. Ich war überall mit meiner CD unterwegs und erlangte damit einen ziemlich großen Bekanntheitsgrad. Auf einem Konzert von „Boyz II Men“ habe ich deren Manager kennengelernt. Er gab mir seine Telefonnummer, ich durfte vorsingen und war am nächsten Tag als Vorgruppe von „Boyz II Men“ engagiert. 

Sie haben auch den berühmten Musikproduzenten Ken Lewis, der mit Stars wie Usher, 50 Cent, und Kanye West zusammenarbeitet, kennengelernt. Wie war das?

Das war Bombe! Ken Lewis hat mich nach New Jersey mitgenommen. Damals wurde ich von der VOX-Sendung „Auf und davon“ begleitet. Er hat für Nicole Scherzinger das Lied „Unbreakable“ geschrieben. Als sie wieder mit ihrem Ex-Freund zusammenkam, hat das Lied nicht mehr so gut gepasst, also habe ich diesen Song bekommen. Wegen meiner Stärke. Ken Lewis wurde ein Fan von meinen Liedern, er ist mein Mentor. Er ist für mich da und er hat mir gesanglich viele Tipps gegeben. Diesem Menschen verdanke ich im Leben neben meiner Mutter das meiste. 

Wie läuft Ihre Arbeit ab?

Ich komme meistens am Vormittag ins Studio. Dort treffe ich meine Leute, wir wärmen uns auf und spielen uns ein. Wir jammen ein bisschen und darauf bauen wir erstzunehmende Strukturen auf. Erst am Abend wird aufgenommen. Als Sängerin mache ich seit zwei Monaten ganz neu deutsche Songs, das gefällt mir unheimlich gut. Mein erstes Album möchte ich mit deutschen Songs herausbringen.  

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Mit Bundespräsident Heinz Fischer. (© privat)

Was waren bisher Ihre größten Erfolge?

Xavier Neidoo hat mich im Sommer bei seinem Konzert in Wien auf die Bühne geholt. Er war eigentlich der erste Mensch, der mich zum Weitermachen im Musikbusiness überzeugt hat. Er ist mein Idol. Auch die Coca Cola-Tour war für mich ein großer Erfolg und ich war bei Fifty Cent als Vorgruppe bei „Energy in the Park“ auf der Wiener Donauinsel. 

Einer Ihrer Songs heißt „Unbreakable“. Sind Sie wirklich unzerbrechlich?

Ungewollt, ja. Ich hätte aber ab und zu gerne die Erlaubnis zu zerbrechen. Ich bin durch viele Situationen in meinem Leben hart und verbissen geworden. Sicher sage ich manchmal, dass ich nicht mehr kann. Aber in der Realität war das noch nie der Fall. 

Wie sehr schränkt Sie der Rollstuhl ein?

Wenn ich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann, dann schränkt er mich schon gewaltig ein. Auch Treppen sind so eine Sache. Ansons­ten habe ich aber überhaupt nicht das Gefühl, dass ich auf irgend­etwas verzichten muss. 

Haben Sie schon Diskriminierung erfahren?

Ja, leider viel zu viel. Ich wollte einmal einer alten Frau helfen und sie hat mich Türkenhure genannt. So etwas passiert mir des Öfteren. Manche Menschen stört mein Anblick, aber mir machen solche Meldungen mittlerweile nichts mehr aus. 

Sie sehen sehr gut aus. Was machen Sie für Ihr Aussehen?

Essen (lacht). Ich muss viel am Motomed trainieren, das ist ein Bewegungstrainer, bei dem man mit den Händen radelt. Und ich lache viel. Das macht schön. 

Wie schaut es mit Ihrem Liebesleben aus? Sind Sie vergeben?

Ich bin momentan nicht vergeben und fokussiere mich voll auf meine Karriere. 

Was bedeutet Ihnen Familie?

Meine Mama, meine Schwester und ich sind ein eingeschworenes Team. Mit meiner ehemaligen Heimat habe ich abgeschlossen, da ich so viel Schlimmes gesehen und erlebt habe. 

Was sind Ihre Ziele bzw. was ist Ihr größter Traum?

Einerseits der Weltfrieden und andererseits will ich mit meinem Team, das sich „Träum mit mir“ nennt, ganz groß rauskommen. 

Möchten Sie einmal eine eigene Familie haben?

Auf jeden Fall.