Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 21.07.2022

„Ich mag meine Viecherl einfach“

Bäuerin Andrea Rauch macht vieles glücklich. Allem voran ihre Tiere, die am gemütlich-urigen Hof im Mühlviertel muhen, flattern, grunzen und mähen. Dass sie auch noch schonungslos ehrlich von der Landwirtschaft, ihren Sorgen und Ängsten erzählt, ohne ihr Lachen zu verlieren, tut ihr übriges: Wir fühlen uns wohl hier zwischen alter Kuhtränke und neu gebautem Luxus-Hühnerstall.

Bild 2207_O_Agro-1.jpg
Bäuerin Andrea Rauch, © Dominik Derflinger

Sie wollte eigentlich nie Bäuerin werden, dann hat es sie „erwischt“ – und heute ist aus einer vorübergehenden Notlösung der Traumberuf geworden, mit einem Leben voller Liebe zum Tier und Wertschätzung für alles, was lebt. Ja, Andrea Rauch fühlt sich richtig dort, am Bauernhof in Neumarkt im Mühlkreis. Wir besuchten sie und ihren jüngsten Sohn Gabriel, bekamen Einblicke ins Leben am Hof, entdeckten eine enorme Vielfalt – und spürten die besondere Verbindung zwischen den sympathischen Mühlviertlern und ihren Tieren. Ein Interview übers Leben mit einer Kinderstube für Tiere, die Auswirkungen des Ukraine-Krieges und warum es mehr Nischen in der Landwirtschaft braucht. 

 

Frau Rauch, Sie haben den Hof 1997 von Ihren Eltern übernommen, die damals noch einen reinen Milchviehbetrieb hatten. Wie kam es zum Umschwung und somit zur Haltung anderer Tiere? 

Wir waren schon immer ein kleiner Betrieb mit sechs bis acht Kühen. Irgendwann rentierte sich das nicht mehr, die Gewinnspanne wurde zu klein, die Haltungskosten zu hoch. Das mit den Zuchtkalbinnen hat sich dann einfach so ergeben, heute haben wir – was die Kühe angeht – nur noch eine Kalbinnenaufzucht. Die ist spannend genug!

 

Für uns Laien: Was genau kann man sich unter einer Kalbinnenaufzucht vorstellen?

Ich kaufe Kälber, die bei mir bleiben, bis sie etwa zwei Jahre alt sind. Später darf dann der Stier ran. Und wenn die Kal-
binnen großträchtig, also hochschwanger sind, verkaufe ich sie wieder. Dabei arbeite ich eng mit einem Partnerbetrieb zusammen, von dem ich die Kälber bekomme, und der die trächtigen Kühe wieder zurücknimmt; oder aber ich fahre nach Freistadt zur Versteigerung oder bringe die Tiere in einen Mutterkuhbetrieb. Mein Hof ist für sie sozusagen die Kinderstube, sie verbringen ihre Kinder- und Jugendzeit bei mir, also die Zeit mit dem wenigsten Arbeitsaufwand für Bauer und Bäuerin. 

 

Wer ist noch alles über die Jahre in Ihre „Bauernhof-WG“ eingezogen?

Kamerunschafe, Texelschafe, allerlei Federvieh, Broholmer-Hunde, Duroc-Schweine, Microschweine … Die Liste ist lang und wird immer länger – ich mag meine Viecherl einfach! 

 

Die Zahl der Bauernhöfe geht seit Jahren zurück. Nachdem Sie mit Ihren Tieren eine Nische besetzen – ist das heutzutage der einzige Weg zu bestehen? 

Als kleiner Betrieb musst du eine Nische finden, sonst gehst du unter. Milchviehhaltung wäre für uns nicht mehr tragbar, wir müssten uns vergrößern, investieren … darin sehe ich keinen Sinn. Auch bei den Kalbinnen ist der Preis gefallen, die Kosten sind gestiegen, doch unsere Haupteinnahmequelle ist jetzt sowieso unsere Hühnerzucht. Das Vieh brauchen wir – landwirtschaftlich gesehen – eigentlich nur noch für die Weide.

Bild 2207_O_Agro-13.jpg
Tierische Rasenmäher, © Dominik Derflinger

Bis vor Kurzem haben Sie noch fast schon exotische Ackerspezialkulturen wie Mohn, Koriander und Kümmel angebaut. Gilt auch hier: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

Stimmt, das haben wir – doch unsere Spezialkulturen mussten weichen, da wir mehr Fläche für Futtermittel brauchten – alleine unsere Hühner fressen zehn Tonnen Getreide im Jahr! Und doch mag ich nicht ausschließen, dass wir uns wieder an spezielle Kulturen wagen werden. Es ist spannend, was bei Versuchen rauskommt. Gemeinsam mit einem Mohn-Züchter haben wir beispielsweise die Mohnsorte „Mühlviertler Granit“ gezüchtet. So ein bisschen Neues wagen, das gehört dazu, sonst bleibt man stehen.

 

Sind Sie in allen Bereichen des Lebens so kreativ?

Mein Mann sagt ja, ich finde nein (lacht). Je älter ich werde, desto weniger riskiere ich. Ich bin so erzogen werden: Wenn man was macht, dann macht man es g‘scheit – oder eben gar nicht.

 

Was macht Ihnen besonders große Freude am Bäuerinnen-Dasein?

Meine Tiere. Das Traktorfahren – zum Glück fahren meine Männer nicht gerne! Die Maschinen. Ich mag allgemein gerne die typischen „Männerarbeiten“ am Hof und bin stolz, wenn ich auch Schwieriges alleine schaffe.

Beim letzten Interview mit Bäuerin Daniela Burgstaller waren der Krieg in der Ukraine ein großes Thema und die Ungewissheit, die unsere Bauern und Bäuerinnen beschäftigten. Wie sieht die Situation heute aus?

Wir werden noch immer von so vielen unbeantworteten Fragen wachgehalten. Es wäre ein Wahnsinn, wenn die Ukraine das Getreide nicht wegbringt vom Hafen. Man hört ja auch von russischen Frachtern, die Tausende von Tonnen ins eigene Land bringen … Ich weiß nicht, wie sich das alles weiterentwickeln soll. Viele Flächen können nicht bewirtschaftet werden, in Afrika wird’s richtig schlimm. Und wie soll es weitergehen?! Wer nichts zu essen hat, geht natürlich dahin, wo es etwas zu essen gibt … Ich habe Angst vor Putin und den weiteren Folgen seines Krieges.

Bild 2207_O_Agro-5.jpg
Das Spinnrad ist erworben, die Wolle noch verfilzt - doch Andrea Rauch möchte Schönes daraus entstehen lassen. © Dominik Derflinger

Was hat sich alles geändert – wenn nicht für Sie, dann für andere Landwirte aus Ihrem Umfeld? 

Unser Hof ist nicht wirklich abhängig, wir haben eine Kreislaufwirtschaft. Es ist insgesamt einfach alles teurer geworden, die Situation ist aber nicht besonders transparent: Der Düngepreis ist schon vor dem Krieg gestiegen, jetzt wird noch einmal ordentlich draufgelegt, und man weiß gar nicht so recht warum. Es gibt viele Betriebe, die schwarzsehen – große ebenso wie kleine. Alles kostet mehr, wir verdienen weniger. Alleine was den Strom angeht, das muss man erst einmal stemmen können. Wir bauen gerade eine Photovoltaikanlage mit Speicher, die uns hoffentlich entlastet – alleine die Anschaffung kostet natürlich. Bei den Rindern ist der Markt, wie er ist – schlecht. Bei den Hühnern können wir glücklicherweise unseren eigenen Preis machen, die reißen uns raus. 

 

Wie sehen Sie – landwirtschaftlich betrachtet – Österreich aufgestellt? Können wir uns selbst versorgen? 

Wir könnten uns absolut glücklich schätzen, tun wir aber nicht: Die Landwirtschaft wird immer noch viel zu wenig wertgeschätzt. Wir werden als die Umweltverpester der Nation hingestellt. Doch wir sind die ersten, die die Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen – natürlich denken wir weit über den Tellerrand hinaus. Aber zurück zur Frage, ja, wir können uns selbst versorgen. Wir haben von Haus aus ein hohes Tierwohl, viele Möglichkeiten, sind auch hinsichtlich des Umweltschutzes gut aufgestellt. 

 

Auch Corona hat Spuren hinterlassen: Bei Schweinefleisch klagen ExpertInnen, der Konsum sei wegen der Pandemie um bis zu zehn Prozent eingebrochen. Inwieweit merken Sie das?

Ich persönlich merke das nicht mit meinen Duroc-Schweinen, da hat man  seine Abnehmer. Was anderes ist es beim Mäster, der 50 und mehr Ferkel hat und wo es um die Tageszunahme der einzelnen Tiere geht. Wer eine Schiene fährt, also eine Tierart hat, den trifft es besonders, wir Nischenbesetzer können besser und flexibler reagieren.

 

Überall in der Region poppen kleine Bauern- und Selbstbedienungsläden auf, immer mehr junge Menschen gehen auf Märkte, um dort ihr Bio-Gemüse zu kaufen. Andererseits wird in den Supermärkten Preisdumping betrieben und Fleisch billigst verschleudert. Wie sehen Sie die Entwicklungen?

Wir haben eine spannende Zeit, langsam geht‘s wieder bergauf. Aber solange wir Lebensmittel tonnenweise wegschmeißen können, sind sie wohl nicht teuer genug … Verstehen Sie mich nicht falsch, ich weiß von den Nöten der Menschen, die sich kaum mehr etwas leisten können. Doch muss endlich einmal etwas gegen die sinnlose Lebensmittelverschwendung getan werden – vor allem unsere Tiere gehören nicht einfach in den Müll! Die jungen Leute sind schon gescheiter als wir „Alte“, achten darauf, wo das Fleisch herkommt. Es muss nicht immer Bio sein – in konventionellen Betrieben mit AMA-Zertifizierung sind wir ganz vorne – und leistbar – mit dabei. 

Bild 2207_O_Agro-3.jpg
Bauernhof-WG, © Dominik Derflinger

Was kann die Politik machen?

Alles. Oder anders gesagt: Sie müsste mehr tun, mehr Förderungen bereitstellen etc. Das ist leider in der Praxis anders. Wir Bauern sind eine Minderheit, sich mit uns auseinanderzusetzen, kostet Zeit, Geld, Wählerstimmen … Und es ist schwer für alle Beteiligten – Land, Bund, Politik, Landwirte, Konsumenten –, einen Mittelweg zu finden, mit dem alle glücklich werden. 

 

Stichwort Kennzeichnungspflicht …

Ich bin stark für eine Kennzeichnungspflicht der Lebensmittel in der Gastronomie, aber so einfach, wie alle denken, ist diese nicht umzusetzen. Es gibt noch kein Kontrollsystem für Wirte, das muss erst jemand finanzieren. Wer soll dafür zahlen: Die Wirte? Die Politik? Hier gibt es noch viele offene Fragen, doch ich bin zuversichtlich. 

 

Sie selbst sind Ortsbäuerin von Neumarkt und nehmen sich somit auch den Wünschen und Bedürfnissen in Ihrem Umfeld an. Was bewegt die Menschen am Land? 

Momentan sind es die Energiekosten, die alle sehr belasten. Davor war es die Impfpflicht. Und wieder davor das unbeständige Wetter und die Häufung der Wetterextreme. Wobei ich betonen möchte: Selbst als ich den Hof 1979 übernommen habe und bei der ersten Sitzung der Landwirte und Landwirtinnen dabei war, hieß es, dass wir auf schwierige Zeiten zusteuern. Es hat sich immer schon viel verändert, das wird es auch weiterhin. Man muss nur das Beste daraus machen!

 

Wer ist Andrea Rauch außerhalb von Gummistiefeln und Mistgabel? 

Eine lustige Frau, die das Leben, den Hof, ihren Mann Ferdinand und ihre Söhne liebt. Ich bin, wie ich bin – sicher nicht perfekt, aber ich finde mich schon ganz gut so (lacht). 

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Dass Frieden einkehrt, und dass wir zufriedener sind. Denn auch wenn gerade wirklich viele Themen das Radl im Kopf laufen lassen – uns geht‘s im Großen und Ganzen ja gut.  

Bild 2207_O_Agro-7.jpg
Andrea und Sohn Gabriel, © Dominik Derflinger

Gabriel Rauch ist 25 Jahre alt und wird den Hof von seiner Mutter übernehmen. Dabei hat sich der gelernte Landschaftsgärtner auch für eine Nische entschieden – der Hühnerstall ist „sein Reich“, die Liebe zu seinem ganz besonderen Federvieh groß. 

 

Gabriel, Sie haben sich auf die Zucht alter Hühnerrassen spezialisiert. Wie kam es zur Leidenschaft fürs Züchten?

Ich züchte Tiere, seit ich sechs Jahre alt bin. Die Leidenschaft ist mir geblieben, nur dass es heute nicht mehr nur Zwerg-
hühner sind, sondern weitere 29 Rassen aus allen Ecken der Welt – Pflanzen, blaulegende Wachteln und sogar Broholmer, eine dänische Hunderasse. 

 

Sie haben sich also wie Ihre Mutter auch für eine Nische entschieden?

Absolut! Das ist der einzige Weg, um als kleiner Betrieb erfolgreich zu sein. Während andere sich ein Haus kaufen, habe ich knapp eine halbe Millionen Euro in den neuen Hühnerstall samt Auslauf investiert, damit ich seltene und sogar sehr gefährdete Rassen züchten kann. Die Sizilianer, also die Hühnerrasse, galten 1980 fast schon als ausgestorben. Dann wohnen im Stall noch das Gà Đông Tào, das Drachenhuhn, das von Kopf bis Feder schwarze Ayam-Cemani-Huhn, das größte Huhn der Welt, Índio Gigante Brasileiro, die Blauleger British Lavender Araucana aus England … Ich liebe diese Vielfalt!

 

Die außergewöhnlichste Hühnerrasse in Ihrem Stall?

Eindeutig das asiatische Gà H‘Mông-Huhn, ich war meines Wissens der Erste, der sie nach Europa gebracht hat. Die Rasse aus Vietnam hat eine dunkle Haut, weiße Federn und das Fleisch, die Knochen und Innereien haben eine komplett blaue bis schwarze Färbung. Geschmacklich ist das Gà H‘Mông mit keinem anderen Fleisch zu vergleichen. 

 

Der Trend zur Hühnerhaltung – auch im städtischen Bereich – ist ungebrochen. Gefällt Ihnen diese Entwicklung oder gibt‘s auch Schattenseiten?

Hühner sind tolle Tiere. Es  freut mich, dass sich immer mehr Menschen welche in den Garten holen – und dabei weg von Hy-
briden gehen und hin zu seltenen Rassen. Grundsätzlich spricht nichts gegen eine Hühnerhaltung, wenn genügend Platz zur Verfügung steht, man weiß, dass die Wiese als Pick-und Scharrfläche genutzt wird, die Tiere von einem verantwortungsvollen Betrieb kommen … 

 

Mit „Rauchs Hühnerwelt“ sind Sie vor allem auf Facebook und Instagram sehr aktiv. Die Landwirtschaft und die sozialen Medien – wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

Heutzutage kann man die unterschiedlichen Medien vielfältig nutzen: Menschen das wunderbar vielfältige Leben am Hof zeigen und sie für die Tiere begeistern, aufkommende Fragen schnell mal beim „Durchwischen“ beantworten, in meinem Fall auch die außergewöhnlichen Hühnerrassen bekannter machen  und ein Rundumpaket für Interessenten liefern.  

Bild 2207_O_Agro-9.jpg
Gabriel Rauch und das Hühnerhotel, © Dominik Derflinger

TEXT: Denise Derflinger