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People | 11.12.2019

„Ich lebe meine Vision“

Seit 30 Jahren warnt Ökologin Monika Langthaler vor dem drohenden Klimakollaps. Oft belächelt, blieb sie ihrer Überzeugung immer treu. Nun ist klar, wie recht sie hatte. Für ihr Engagement wurde die Direktorin des „Austrian World Summit“ bei der „Women of the Year“-Gala zur Frau des Jahres gekürt. Das Interview.

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"Der Klimawandel findet nicht in ferner Zukunft statt, wir sind ja schon mittendrin und er ist nicht mehr zu stoppen. Wir müssen aber versuchen, das Ärgste zu verhindern." © Philipp Lipiarski

Lieber ist sie hinter den Kulissen aktiv, für den Umwelt- und Klimaschutz. Doch auch öffentliche Auftritte absolviert ­Monika Langthaler, 54, souverän. Das Rampenlicht kennt sie gut aus ihrer Zeit als Politikerin. Zehn Jahre lang war sie ab 1990 für die Grünen aktiv. Und bereits seit 30 Jahren warnt die Ökologin vor dem Klimakollaps. Für dieses unermüdliche Engagement wurde sie nun bei der look! „Women of the Year“-Gala im Wiener Rathaus – die heuer ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes stand – zur Frau des Jahres gekürt. „Eine große Freude“ für Langthaler, die seit sechs Jahren eng mit Arnold Schwarzenegger zusammenarbeitet. Der kalifornische Ex-Gouverneur holte sie an Bord seiner Klimaschutz­organisation R20. Als Direktorin des „R20 Austrian World Summit“ bringt sie jedes Jahr Staatschefs und Top-Wissenschaftler aus der ganzen Welt zum Klimagipfel nach Wien. Heuer sprach etwa Greta Thunberg vor mehr als 10.000 Menschen auf dem Heldenplatz.

Liebe zur Ökologie

Abseits davon betreibt Monika Langthaler, die u. a. wissenschaftliche Mitarbeiterin am ­Österreichischen Ökologie-Institut war und in London Umweltmanagement studierte, seit ihrem Ausstieg aus der Politik die Beratungsfirma brainbows. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Michael Rosenberg, und dem gemeinsamen Sohn in Niederösterreich. Das Interview über ihren „Women of the Year“-Award, ihre Vision und ein ­Leben in Zeiten des Klimawandels.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung „Woman of the Year“?

Monika Langthaler: Ich freue mich sehr! Vor allem weil diese Auszeichnung auch ausdrückt, dass sich heuer viel ­getan hat, dass viele Menschen auf die Klima­problematik aufmerksam wurden und auch begriffen haben, dass jeder ­etwas tun muss, um das Schlimmste zu verhindern. Vor allem die jungen Menschen, die bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen auf die Straße gehen, haben das erkannt, und ich möchte den Award auch für alle jene mitnehmen, die sich für dieses Thema engagieren.

Sie setzen sich seit 30 Jahren für den Umwelt- und Klimaschutz ein. Was war die Initialzündung?

Mich hat schon immer fasziniert, wie die Welt entstanden ist, das war schon in der Schule so. Im Maturajahr habe ich dann Hoimar von Ditfurths „Im Anfang war der Wasserstoff“ gelesen, das hat mich ungeheuer begeistert. Dann gab es Ereignisse wie die Besetzung der Hainburger Au 1984, die mich geprägt haben. Ich war rasch in einer Umwelt-Community und wusste, dass ich mich beruflich für Umweltthemen engagieren werde.

Damals waren Themen wie Umwelt- und Klimaschutz völlig neu. Wurden Sie ernst genommen?

Nicht immer. (Lacht.) Aber ich hatte eine Vision, der ich gefolgt bin – und vermutlich habe ich deshalb durchgehalten, auch wenn es Zeiten gab, in denen Umwelt- und Klimaschutz niemanden interessiert hat. Tatsache ist auch, dass mir erst seit rund einem Jahr zugehört wird, wenn ich etwa bei großen Konferenzen über den Klimawandel spreche. Davor wurde die Klimaproblematik als harmloses Orchideen-Thema abgetan, nur wenige haben überhaupt zugehört.

War Greta Thunberg der zündende Funke?

Ja, Greta ist ein Glücksfall für den Klimaschutz. Sie hat aufgerüttelt und in der Öffentlichkeit Bewusstsein für das Problem Klimawandel geschaffen.

Greta hat nicht nur Befürworter, sondern mit zunehmender Popularität auch immer mehr Feinde.

Vermutlich ist es die Kompromiss­losigkeit, mit der sie sich der Sache widmet, die bei manchen Menschen so heftigen Widerstand hervorruft. Vielleicht aktiviert Greta bei manchen auch das schlechte Gewissen, und darauf reagieren sie mit Wut und Aggression. Ich halte Greta nach wie vor für ein Geschenk für alle Klimaschützer und ich bin wahnsinnig froh, dass sie so aktiv ist.

 

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Umwelt-Trio. Vor kurzem traf Monika Langthaler die beiden Umwelt- Aktivisten Arnold Schwarzenegger und Greta Thunberg – u. a. stand eine gemeinsame Radtour auf dem Programm. © beigestellt

Dennoch: Manche schieben den Klimawandel ins Reich der Fantasie. Ihr Argument: Klimaschwankungen habe es schon immer gegeben. Was ­halten Sie Klimaleugnern entgegen?

Weltweit haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist. Das ist eine Tatsache und daran ist nicht zu rütteln. Die CO2-Emissionen, die wir verursachen, sind für den Treibhaus­effekt, für die Erderwärmung und für den Klimawandel verantwortlich. Klimawandel bedeutet auch das Entstehen von Wetterextremen, wie sie bereits täglich Thema in den Nachrichten sind: Murenabgänge mit Toten in Österreich, Venedig unter Wasser. Tornados in ­Europa und faustgroßer Hagel, weltweit Hitzeperioden.

Was denken Sie, wenn Sie das hören?

Ich denke daran, dass ich – und alle anderen Klimaschützer und Forscher auf der ganzen Welt – vor genau diesen Szenarien gewarnt haben. Und was wir jetzt erleben, ist erst der Beginn. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Denn die Auswirkungen des Klimawandels werden wir noch viel dramatischer zu spüren bekommen. In Österreich etwa wird es nicht mehr lange dauern, bis im alpinen Bereich manche Täler nicht mehr zugänglich sind – wegen Hang­rutschungen durch erodierte Böden, und weil der Permafrost dynamischer auftaut und den Boden nicht mehr zusammenhält. Es wird vermehrte Niederschläge und Hochwasser geben, Hitze­perioden und Dürre, vermehrt Schädlinge und mehr Krankheitserreger, mehr Luftschadstoffe, die in Ballungs­zentren wie etwa in Indien und in China den Menschen jetzt bereits im wahrsten Sinn des Wortes den Atem rauben.

Zur Klimaproblematik kommen weitere Probleme wie der Plastikmüll.

Plastik in den Ozeanen und die massive Abholzung der Wälder – wir stehen vor multiplen ökologischen Herausforderungen und das macht das Ganze dann noch einmal viel dramatischer. Auf unserem Planeten leben sieben Milliarden Menschen und wir verhalten uns, als gäbe es kein Morgen.

Ein durchschnittlicher Österreicher bzw. jeder Mensch in der westlichen Welt produziert pro Jahr knapp 13 Tonnen CO2-Emissionen. Um das Pariser ­Abkommen zu erreichen, müssten wir diesen Wert um 90 Prozent senken. Ist das zu schaffen – und ist der Klimakollaps überhaupt abwendbar?

Wir müssen an zwei Fronten etwas tun: die Emissionen drastisch eindämmen und gleichzeitig Anpassungsmaßnahmen ans Klima treffen, weil wir den Klimawandel nicht mehr stoppen können. Er findet ja nicht in ferner Zukunft statt, sondern wir sind schon mittendrin. Es geht nur darum, das Ärgste zu verhindern. Und das können wir, wenn wir die von den Wissenschaftlern geforderte Grenze von einer Erwärmung um maximal 1,5 Grad nicht überschreiten. Ich halte das für machbar.

Da ist auch die Politik am Zug,

Natürlich, es muss eine CO2-Steuer geben. Die PolitikerInnen müssen endlich begreifen, dass wir Veränderungen brauchen. Dazu bedarf es des Drucks von Menschen wie den „Fridays for Future“-AktivistInnen, die zeigen, dass sie nicht damit einverstanden sind, wenn die Politik untätig ist. Die auf die Straße gehen und laut sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Denn eine ­Erwärmung um zwei Grad ist schon kritisch, und wenn wir uns auf vier oder fünf Grad zu bewegen – die Auswirkungen wären verheerend.

Was kann jeder Einzelne tun?

Regional einkaufen, wie etwa auf Himbeeren aus Chile verzichten. Vor allem auch bei der Kleidung achtgeben, keine Billigware kaufen, die vom anderen Ende der Welt eingeflogen wird, sondern – wie früher – achtsam mit ­weniger, aber besserer Kleidung umgehen. Denn die Textilindustrie ist einer der größten CO2-Verschmutzer weltweit. Außerdem sollte die Mobilität überdacht werden. Muss jede Strecke mit dem Auto gefahren werden? Muss jeder Urlaub eine Flugreise sein? Wenn man auf manches verzichtet, hat man trotzdem Spaß am Leben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Apropos Mobilität. Was sagen Sie Menschen, die E-Autos wegen der Batterien ablehnen?

Jedes Auto hat einen Impakt auf die Umwelt. Aber es ist klar, dass der Impakt von Elektroautos viel geringer ist als jener von Autos, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. Natürlich sind die Batterien ein Thema, das sind sie auch bei jedem Handy und ­jedem Computer. Und natürlich haben Elektroautos, die mit Strom aus erneuerbarer Energie betrieben werden, eine bessere Ökobilanz als jene, die Strom tanken, der aus Kohle gewonnen wird. – Die Zukunft sollte sein, dass es viel ­weniger Autos gibt, eines pro Familie, und dass dieses mit Strom aus erneuerbarer Energie fährt.

Sie waren zehn Jahre lang Grün-Poli­tikerin. Ist eine Rückkehr in die ­Politik kein Thema?

Politik wird mich immer interessieren, aber ich schließe absolut aus, dass ich Ministerin werde.