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People | 29.06.2016

"Ich habe auf mein Herz gehört"

Nach einem firmeninternen Konflikt um die künftige Ausrichtung des Unternehmens ist Johann Scheuringer Mehrheitseigentümer des Traditionsbetriebes Josko. Dass ausgerechnet der jüngste Spross einmal das Zepter des Familienunternehmens in die Hand nehmen würde, war alles andere als vorhersehbar.

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Josko-Chef Johann Scheuringer (© Josko)

Seit einem halben Jahr steht Johann Scheuringer (48) offiziell an der Spitze des Innviertler Fensterherstellers Josko. Diesem Führungswechsel vorangegangen war ein interner Konflikt um die Zukunft des Familienunternehmens. Scheuringer wollte weiterhin den Weg der Eigenständigkeit und des organischen Wachstums gehen. Seine Schwester Christa Wag-ner, langjährige Josko-Chefin, hingegen wollte gemeinsam mit einem ausländischen Partner expandieren. Der jüngere Bruder setzte sich durch. Wir haben den Manager mit ausgeprägtem Faible für Geschichte und Architektur im Josko-Schauraum im beschaulichen Andorf zum Interview getroffen.

 

Sie haben mit Jahresbeginn offiziell die CEO-Position bei Josko übernommen. Wie ist es Ihnen in den ersten Monaten in dieser neuen Position ergangen?

Ich habe es sehr positiv erlebt, weil ich viel Zuspruch für die Entscheidung bekommen habe, weiterhin als Familienunternehmen zu existieren. Das habe ich vor allem an den Reaktionen unserer Mitarbeiter und Vertriebspartner gemerkt, aber auch von Freunden und Bekannten war der Zuspruch sehr gut. Das stärkt!

 

Was hat sich seit dieser Entscheidung, an die Spitze des Unternehmens zu treten, persönlich für Sie verändert?

Ehrlich gesagt, hat sich nicht sehr viel verändert. Was auch daran liegt, dass ich seit 20 Jahren im Unternehmen arbeite, davon 15 Jahre in der Geschäftsführung – allerdings nicht als Mehrheitseigentümer. Somit ist das alles nicht neu für mich. Was sich jetzt verändert hat, ist der Grad der Verantwortung. Meine Verantwortung ist stark gestiegen, doch ich fühle mich sehr wohl dabei. Das hat auch damit zu tun, dass es durch die neue Eigentümerstruktur einfacher geworden ist, ganz klare Entscheidungen zu treffen, weil man sich nicht mehr so viel abstimmen muss. 

 

Warum war Ihnen so wichtig, dass das Unternehmen in Familienhand bleibt und keinen ausländischen Partner an Bord holt?

Ich bin der Meinung, dass wir eine besondere Verantwortung tragen. Das liegt zum einen daran, dass wir hier in Andorf eine sehr strukturschwache Region vorliegen haben. Das macht einen Leitbetrieb wie Josko zu einem noch wichtigeren Faktor, wenn es um Arbeitsplätze geht. Somit wäre es ein harter Schlag, wenn mit uns etwas wäre – für die Mitarbeiter und die gesamte Region. Dessen ist man sich hier bewusst, vielleicht sogar mehr als im Zentralraum. Die meisten unserer Mitarbeiter stammen aus dem Bezirken Ried und Schärding. Darum spüren wir diese Verantwortung besonders stark!

 

Sie haben eine große Verantwortung übernommen. Ist Ihnen die Entscheidung dennoch leicht gefallen?

Bei dieser Entscheidung habe ich auch auf mein Herz gehört. Ich habe einfach gespürt, dass ich mit der Firma Josko noch nicht „fertig“ bin. Ich war zuvor für Marketing und Produktentwicklung zuständig und hänge dementsprechend sehr an unseren Produkten und den Ideen dahinter. Außerdem bin ich der Meinung, dass die Stärken die Schwächen überwiegen. Auch wenn der Markt im Moment hart ist. Wir haben eine sehr gute Marke, eine sehr gute Strategie und wir sind bekannt. Was wir verstärkt machen müssen, ist, uns von der Abhängigkeit Österreichs trennen. Das ist mit 80 Prozent einfach sehr viel. Unterm Strich habe ich alles zusammengezählt und gespürt, wie es mir dabei geht, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Stärken überwiegen. 

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Sportlich. Kraft tanken beim Skifahren mit der Familie.

Wenn Sie sagen, dass die Abhängigkeit vom österreichischen Markt geringer werden soll: In welche Richtung wird es für Josko gehen?

Unser Wachstum kommt im Moment aus dem Ausland, vor allem Deutschland. Wir machen im Export bereits knapp 25 Millionen Euro. Und das wollen wir weiter forcieren. Besonders in den umliegenden Märkten, wie Süddeutschland, Tschechien und der Schweiz, wollen wir stärker präsent sein. 2015 hatten wir einen Exportanteil von 19 Prozent, in diesem Jahr wollen wir 21 bis 22 Prozent erreichen. Der Josko-Weitblick liegt neben der Sicherung der Marktrelevanz in Österreich auf der weiteren Internationalisierung in Europa und Übersee. Unsere hochqualitativen Ganzglassysteme und Schiebeelemente sind auch in Kanada und den USA ein wichtiges Thema. 

 

Sie sind mit dem Unternehmen, das Ihr Vater 1960 gegründet hat, groß geworden. War für Sie immer klar, dass Sie auch einmal im Familienbetrieb arbeiten werden?

Nein, gar nicht, ich bin der Quereinsteiger in der Familie. Ich war als jüngstes von vier Kindern klassisch nicht unbedingt vorgesehen, ins Unternehmen einsteigen zu müssen. Da war glücklicherweise der Druck auch nicht mehr so groß. Ich habe Design studiert und bin im Jahr 2000 dann doch in den Betrieb eingestiegen, als mein Vater beschlossen hat, in Pension zu gehen. Ich habe gesehen, dass sich da unter Geschwistern etwas ergibt, das sehr interessant sein könnte. Ich konnte etwas beitragen, was vielleicht nicht so das Ding der anderen ist. Das hat sich auch bewahrheitet. Ich bin sozusagen freiwillig zurückgekommen und ich glaube, dass das die beste Art ist, um zurückzukommen. Ohne Druck, der bei meiner älteren Schwester und meinem älteren Bruder bestimmt größer war.

 

Sie sind verheiratet und Vater von drei Kindern. Bleibt jetzt noch genug Zeit für die Familie?

Ja, weil mir das immer sehr wichtig war. Ich bin kein Mensch, der 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche funktioniert. Das tun viele nicht, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Ich brauche mein Maß an Freizeit und mein Maß an Familie. Das geht auch jetzt. Wenn man seine Mannschaft dementsprechend aufstellt und das macht, was man soll, und nicht das, was man vielleicht will, dann geht das. Natürlich gibt es auch manchmal mehr zu tun, aber man darf nie übersehen, sich den Freiraum zu nehmen. Und der Vorteil am Chef-Dasein ist, dass man es sich besser einteilen kann, und das sollte man auch nützen, wie ich finde. 

 

Gibt es Hobbys, bei denen Sie wieder neue Kraft und Energie tanken können?

Ich bin sehr geschichtsinteressiert. Das ist für mich etwas, woraus man sehr viel lernen kann – auch für den Beruf. Es gibt sehr oft keinen besseren Lehrmeister als die Geschichte. Das würde ich auch gern unseren Politikern ins Heft schreiben. Zu meinen Hobbys zählen Laufen, Mountainbiken und im Winter Skifahren. Ich interessiere mich für den Motorsport, bin früher selbst Motorrad gefahren, habe es dann aber der Kinder wegen aufgegeben. Ich lese auch sehr gern und habe ein Faible für Kultur und Architektur.