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People | 08.06.2016

"Ich bin keine Mrs. Kanzler"

Eveline Steinberger-Kern (44) ist die Gattin des neuen Bundeskanzlers. Aber wenig ist ihr so fremd, wie als „Frau des Kanzlers“ definiert zu werden. Das Porträt einer starken Frau.

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© Fotos: Wolfgang Wolak, picturedesk.com, Judith Stehlik

Prinz-Gemahlinnen sehen anders aus. Nicht unbedingt optisch, denn der Auftritt von Eveline Steinberger-Kern ist durchaus der einer attraktiven Blondine, Typ sportliche Karrierefrau mit Klasse. Der Unterschied zur „Frau von …“ wird allerdings spürbar, sobald man sie auf ihre neue (Zusatz-)Rolle als Kanzlergattin anspricht: „Kanzlergattin geht gar nicht! Ich definiere mich nicht über den Beruf meines Mannes. Ich bin Unternehmerin und in meinem Leben wird sich durch die neue Funktion meines Mannes nicht viel ändern.“ 

Und damit basta. Eveline Steinberger-Kern lässt nichts zu, was sie nicht will. Die Mutter einer Neunjährigen gibt sich bei ihren ersten öffentlichen Auftritten an der Seite des Kanzlers – wie Ende Mai bei der Burgtheater-Premiere von „Diener zweier Herren“ in Wien – unprätentiös und fast bescheiden. Nimmt artig im strahlend weißen Outfit Gratulationen entgegen, versichert, dass alles schon gut und richtig sei. Und verlässt die Premierenfeier nach smarten 15 Business-Minuten (so lange brauchen Profis, um alle Hände zu schütteln). Der nächste Arbeitstag, ein Montag, ist dicht. 

Anruf um zehn Uhr Vormittag bei The Blue Minds Company, einem Unternehmen mit Sitz in Wien und Tel Aviv, das sich mit Geschäftsmodellen rund um erneuerbare Energien und Energie-Effizienz auseinandersetzt  und Start-ups aus diesen Bereichen unterstützt. Steinberger-Kern ist Gründerin und Managing Director der Firma, die als Vorzeige-Unternehmen im grünen Bereich gilt. „Wir wollen Top-Leute mit Top-Projekten vernetzen”, so die Philosophie der Chefin, „und wir wollen Werte für die Zukunft schaffen. Wir verstehen uns als effizienter Marktplatz, der Geschäftsleute mit innovativen Ideen und Projekten verbindet.”

Wien-Tel Aviv. Während Christian Kern (50) in den 24 Stunden vor seiner Angelobung mit der Bildung seines neuen Teams beschäftigt war, reiste seine Frau, wie fast jede Woche, in ihre „Filiale“ nach Tel Aviv. Pünktlich zur Angelobung strahlte sie dann aber wieder an seiner Seite in Wien. Ob sie sich gewünscht habe, dass ihr Mann Kanzler wird? Noch dazu einer, in dem die Genossen nach den mauen Wahlergebnissen der letzten Jahre den neuen Heilsbringer sehen? Steinberger-Kern: „Gewünscht sicher nicht. In die Politik zu gehen, war ursprünglich kein Lebensentwurf von uns beiden.“

Die neue Funktion des Ehemannes wurde durchaus kontroversiell in der Familie diskutiert. Österreich fit für die Zukunft zu machen, ist zwar eine ehrenvolle, aber im Vergleich wenig lukrative Angelegenheit (Kern verdiente als ÖBB-Manager kolportierte 700.000 Euro pro Jahr, als Kanzler erhält er rund ein Drittel). Darüber freilich würde Eveline Steinberger-Kern weder öffentlich noch im privaten Kreis jemals ein Wort verlieren. Sie steht zur Entscheidung des Patchwork-Clan-Oberhauptes (Kern hat aus seiner ersten Ehe drei Söhne), den hohen Lebensstandard wird sie durch erhöhten Einsatz (“ich arbeite sicher 60 Stunden pro Woche”) mittragen: „Wir sind nicht naiv und wissen, was es heißt, in Österreich 2016 ein politisches Amt anzutreten”, sagt sie demnach auch. „Aber noch einmal: Unser Leben und vor allem mein Leben als Unternehmerin und Mutter wird sich dadurch nicht ändern. Ich lasse mich nicht verbiegen und mache so weiter, wie ich es für richtig halte.” Getreu ihrem Lebensmotto: „Man muss die Dinge einfach tun.”

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© Fotos: Wolfgang Wolak, picturedesk.com, Judith Stehlik

Just do it! Davongezogen ist die Steirerin, die in Graz Betriebswirtschaftslehre studierte, 1998 promovierte und von 1999 an neun Jahre für die Verbund-AG in Wien als Leiterin für strategisches Marketing und Geschäftsführerin der Verbund Sales arbeitete (dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen) den weniger schnittigen KollegInnen immer schon. Klar, dass man sich durch erhöhtes Erfolgsaufkommen nicht nur Freunde schafft und mit Aussagen wie „Menschen, die nicht mitziehen, werde ich auf meinem Weg wohl verlieren“, polarisiert. Das Unternehmen musste sie verlassen, weil ihr Mann später Verbund-Chef wurde. Im siebten Monat schwanger, suchte sie sich einen neuen Job – und wurde Geschäftsführerin des Klimafonds. 

Selbst ist die Frau. Zwei Jahre später gründete die junge Mutter Green Minds, eine Energie-Beratungsfirma, die bald wieder ruhend gestellt wurde – weil die nächste Herausforderung lockte. Siemens betraute die smarte Businessfrau damit, die grüne Energiewende einzuleiten. Steinberger-Kern managte den Chance-Prozess, mit  3.500 Mitarbeitern in 19 Ländern. Eine Umstrukturierung, bei der das Management reduziert wurde, beendete die Karriere im Großkonzern relativ abrupt. Eingeweihte sprechen davon, dass die dynamische Selfmade-Woman mit den starren Konzernstrukturen nicht wirklich zurechtgekommen sei. Es folgte die Gründung des eigenen Unternehmens.

Working Mom. Daneben wurde mit Hilfe von Kindermädchen, Kindergarten und großelterlicher Unterstützung die Privat-Großbaustelle jongliert. Eine kleine Tochter und drei pubertierende Stiefsöhne. Christian Kern, der mit 22 Jahren zum ersten Mal Vater wurde und einen seiner Söhne alleinerziehend betreute, war ebenso beschäftigt wie stolz auf seine tüchtige Frau, die das Unternehmen Familie managte.  Das tut sie bis heute mit Leidenschaft.

Patchwork-Modell. „Natürlich hatten wir als zusammengewürfelte Familie auch schwierige Phasen”, sagt Steinberger-Kern. Doch wir sind eine starke Familie, die zusammenhält”. Das Patchwork-Abkommen der Anfangsjahre – „mein Mann kümmert sich um die drei Jungs, ich mich um unsere Tochter” – ist mittlerweile hinfällig. Die jetzt erwachsenen Kinder des Kanzlers passen mittlerweile gerne auf die neunjährige Stiefschwester auf: „Das funktioniert wunderbar, sie fühlen sich alle für sie verantwortlich.”  

Wahre Leidenschaft. Die dritte Leidenschaft neben Mann und Kind gehört ihrem Glauben an die grüne Zukunft: „Erneuerbare Energien haben mich immer schon fasziniert, sie sind unsere Lebensgrundlage und Zukunft. Und die Zukunft unserer Kinder.” Wenn der Stress überhand nimmt, hat Steinberger-Kern einen simplen Tipp: „Laufschuhe anziehen und losrennen. Das hilft immer.” Ihr Rat an Frauen, die eine ähnliche dynamische Karriere anstreben? „Stay hungry, stay foolish”, was so viel heißt wie: Erfolg hat vor allem, wer auch gegen den Wind denken kann …