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People | 11.07.2016

"Ich bin eine Menschenfreundin"

Mit 95,8 Prozent der Delegiertenstimmen wurde die bisherige AMS-Landesgeschäftsführerin Birgit Gerstorfer am 18. Juni beim SPÖ-Landesparteitag in Marchtrenk zur neuen Landeschefin gewählt. Wir haben die erste Frau an der Spitze der SPÖ OÖ zum Interview gebeten.

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© SPÖ OÖ, Volker Weihbold

Ich treffe die neue Landeschefin der SPÖ in ihrem Büro beim AMS in Linz zum Interview. Mit ihrer Angelobung am 7. Juli wird die Alkovnerin ins Landhaus in die Innenstadt wechseln. Nicht nur im Herzen, sondern auch optisch – mit rotem Schal – bekennt die 52-Jährige Farbe. Im Interview erzählt die Mutter zweier Töchter und dreifache Großmutter, warum sie sich für eine Laufbahn in der Politik entschieden hat und wie sie die angeschlagene SPÖ Oberösterreich wieder auf Vordermann bringen will. 

 

Frau Gerstorfer, Sie sind Vorsitzende der SPÖ Oberösterreich sowie Nachfolgerin von Reinhold Entholzer als Landesrätin. Wie geht es Ihnen?

Es geht mir sehr gut und ich freue mich auf diese neue Aufgabe. Momentan sehe ich mich als Jägerin und Sammlerin. Ich jage nach Informationen und sammle Puzzlesteine, die hoffentlich in Kürze ein Gesamtbild produzieren werden. 

 

Ist Ihnen die Entscheidung, in die Politik zu wechseln, schwer gefallen?

Es war für mich von Vorteil, dass der Entscheidungsprozess verhältnismäßig lange gedauert hat. Deshalb konnte die Entscheidung wachsen und ich konnte mich auch mit meinem Mann absprechen, der mich voll und ganz unterstützt.

 

Wie lange hat der Entscheidungsprozess gedauert?

Der Entscheidungsprozess hat für mich mit dem letzten Parteitag Mitte Jänner begonnen. Damals war ich in Thailand auf Urlaub und eine meiner Töchter schickte mir per WhatsApp Zeitungsberichte aus Oberösterreich. Wenn man das erste Mal liest, Birgit Gerstorfer kommt für die Position der Landesrätin in Frage, dann beginnt man zu überlegen und beobachtet sehr genau, wer einem das zutrauen würde. Da ich nicht sofort dementiert habe, bin ich weiterhin in Diskussion geblieben. 

 

Wann haben Sie sich endgültig für die Politik entschieden?

Ganz sicher war ich mir nach der Bundespräsidentenwahl, bei der fast 52 Prozent der Oberösterreicher Alexander Van der Bellen gewählt haben. Es ist hochgradig zu vermuten, dass sich diese 52 Prozent aus SPÖ- und Grünwählern zusammengesetzt haben. Ich bin mir sicher, dass es viele Herzen gibt, die im tiefsten Innersten „rot“ schlagen, die aber mit der Politik, die wir in der letzten Zeit gemacht haben, nicht zufrieden waren. Das gilt es zu ändern.  

 

Wie wollen Sie die angeschlagene SPÖ Oberösterreich (18,4 Prozent bei der Landtagswahl im Vorjahr) wieder auf Erfolgskurs bringen?

Ich bin ein sehr offener Mensch mit einer großen Portion Humor und Optimismus, und ich bin eine Menschenfreundin. Das alleine wird natürlich nicht reichen, es braucht eine klare politische Position zu bestimmten Themen, die die Menschen interessieren und bewegen. Politik ist schwieriger geworden, da es viel mehr Diversität im Berufsleben und in der Bevölkerung allgemein gibt. Man muss eine politische Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen finden. Das geht nicht von heute auf morgen, aber das Grundgerüst steht. 

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© SPÖ OÖ, Volker Weihbold

Sie werden die einzige Frau in der oberösterreichischen Landesregierung sein. Welche Punkte haben in der Frauenpolitik für Sie Priorität?

In meiner Position als AMS-Chefin stand die erwerbstätige Frau im Fokus. Der Aktionsradius wird sich künftig auch auf Pensionistinnen und jene Frauen, die im Moment nicht am Erwerbsleben teilnehmen, ausdehnen. Die großen Themenfelder sind Kinderbetreuung und die Frage, welchen Einfluss die Familienarbeit auf Karriereverläufe hat. Da geht es auch sehr stark um die gesellschaftliche Anerkennung der berufstätigen Frau. Wird sie nur als Zuverdienerin oder als wertvolles Mitglied der arbeitenden Gesellschaft wahrgenommen? Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einkommensschere.

 

Wie wollen Sie die SPÖ bei der Integration von Flüchtlingen positionieren?

Ich glaube, dass es eine hochgradige Überbewertung dieses Themas gibt. Die Quantitäten in Oberösterreich sind in einem verträglichen Ausmaß vorhanden. Derzeit haben wir 13.000 Asylwerber in der Grundversorgung. Darunter befinden sich 3.400 Kinder, was natürlich eine Herausforderung für die Schulen ist, aber gleichzeitig Klassengrößen sichert. Wir haben 2.400 Frauen, die diese Kinder betreuen und für den Arbeitsmarkt nur marginal in Frage kommen. Dann gibt es nur 200 Menschen über 60 Jahre und 6.000 Männer im erwerbsfähigen Alter. 6.000 Männer sind für den oberösterreichischen Arbeitsmarkt keine große Herausforderung. Wenn wir eine restriktive Haltung haben, Menschen neu hereinzulassen und der Zuwachs nicht überproportional ansteigt, dann ist es eine machbare Größe. Verglichen mit den Flüchtlingsströmen in den 90er-Jahren, liegen wir bei einer ähnlichen Größenordnung – und wir haben es geschafft. Ich kenne viele Menschen aus dieser Fluchtgeneration, denen die Integration sehr gut gelungen ist. Es liegt nicht nur an diesen Menschen, sondern auch an uns.

 

Was erwarten Sie sich von Kanzler Kern?

Dasselbe wie von mir. Ich glaube, dass die Menschen in diesem Land viel lieber einen positiven Führungsstil und eine positive Kommunikation erleben wollen als Streitereien, die über die Medien hinausgetragen werden. Es braucht eine Politik, die auf die Gegebenheiten eines Landes Rücksicht nimmt. Nicht ausschließlich auf die Arbeitnehmerschaft, sondern auch auf die Gegebenheiten der Wirtschaft. Man muss sehr genau darauf schauen, was man bewahren will, was man diskutieren darf und wo man sich annähern kann. Die verharrenden Positionen, die bestimmte politische Akteure immer wieder einnehmen, werden uns nicht weiterbringen und Entscheidungen sollten idealerweise nicht eine halbe Ewigkeit dauern. Das erwarte ich von mir, vom politischen Mitbewerb und von der Bundespolitik. 

 

Wie schalten Sie am liebsten vom Alltag ab?

Ich bin seit meinem achten Lebensjahr Mitglied im Tennisverein Alkoven und dort auch ehrenamtliches Mitglied im Vorstand. Das ist meine zweite Heimat. Ich kann allerdings seit drei Jahren kaum mehr Tennis spielen, weil ich Probleme mit den Knien habe. Am liebsten entspanne ich in meinem Garten. Und natürlich auch dann, wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe. Sie gibt mir sehr viel Halt.