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People | 06.10.2015

"Ich bin durch die Hölle gegangen"

Vor gut einem Jahr erhielt die zweifache Mutter Petra Reder die Diagnose Brustkrebs. Nach einer Operation und sechs Chemotherapien geht es für die 45-jährige Friseurin langsam wieder bergauf. Im Interview schildert sie ihren Weg durch die Hölle und wieder zurück.

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(© Anja Strobl-Gubo)

Das Schicksal meinte es mit Petra Reder in den vergangen Jahren nicht gut. Vom Mann verlassen, musste die zweifache Mutter ihr Haus in Wels verkaufen. Sie übersiedelte mit ihren Söhnen in eine Mietwohnung in Linz und wechselte ihren Arbeitsplatz als Friseurin. Im neuen Friseur-Studio war sie aber nicht glücklich. Als in Marchtrenk ein Geschäftslokal frei wurde, entschloss sie sich, mit „Vanity Hair“ ihren eigenen Friseursalon zu eröffnen. Kaum waren alle Verträge unterschrieben, kam die niederschmetternde Diagnose Brustkrebs. 

 

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Brustkrebs haben könnten?

Das war im Juni 2014. Ich stand vor dem Spiegel und wollte mir die Beine eincremen. Plötzlich sah ich, dass sich die Haut bei meiner linken Brust eigenartig verzogen hatte. Das ließ mir keine Ruhe und ich fuhr sofort ins Brustkompetenzzentrum im AKH Linz. Bei der Mammografie war nichts zu sehen. Im Ultraschall wurde allerdings ein zweieinhalb Zentimeter großer Knoten festgestellt. Verdacht auf Brustkrebs, so die Diagnose des Arztes. Ich fing zu weinen an und war fix und fertig.

 

Was war Ihr erster Gedanke? 

Ich war in einem absoluten Schockzustand und dachte mir nur: Ich lasse mir beide Brüste entfernen, so wie Angelina Jolie. Meine Brüste sah ich in diesem Moment nur mehr als Feindbild. Dann galt es, auf die Diagnose zu warten. Es war schrecklich.

 

Wann erfuhren Sie, dass der Tumor bösartig ist?

Ein paar Tage später bekam ich die schreckliche Nachricht aus dem Krankenhaus. Eine Chemotherapie habe ich anfangs sofort abgelehnt. Ich musste zwei Wochen auf die Operation warten. Während dieser Zeit bin ich durch tiefe Täler gegangen und habe von Selbstmord bis hin zu „Du schaffst das alles“ sämtliche Gedanken durchgespielt. 

 

Wurde Ihnen die Brust entfernt?

Nein, als ich den Operationstermin hatte, sagte der Arzt: „Die Brust ist fast zu schön, als dass man sie ganz entfernt.“ Nach der Operation bekam ich die Information, dass der Tumor komplett entfernt werden konnte. Allerdings hatte ich 18 Lymphknoten, in denen Krebszellen gefunden wurden. „Ohne Chemotherapie werden Sie nicht überleben“, sagte mein Arzt. Da musste ich jetzt durch. Zuvor musste ich im Spital allerdings not-operiert werden. 

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Petra Reder (M.) mit ihrem Team: Melanie, Jennifer, Jutta und Sevo

Weshalb das?

Noch im Krankenhaus bekam ich plötzlich massive Schmerzen in der Brust. Man stellte fest, dass ich innere Blutungen hatte, weil die innere Naht von der OP aufgegangen war. Ich wurde sofort notoperiert. Nach ein paar Tagen wurde ich entlassen. Zu Hause bekam ich wieder ziehende Schmerzen in der Brust, habe mir aber nichts dabei gedacht. Dann bekam ich hohes Fieber und musste wieder ins Spital. Ich hatte mir einen Krankenhauskeim geholt. Die Folge: Ich war sechs Wochen arbeitsunfähig. 

 

Wann hatten Sie die erste Chemo?

Am 1. September habe ich mit der Chemo begonnen, am 1. Oktober habe ich mein Geschäft eröffnet. Ich wusste, ich habe zwei Söhne, bin alleinerziehend, und ich muss funktionieren. Ich habe das Geschäft von vorne bis hinten renoviert. Es war das Beste, was ich machen konnte. Ich bin auf andere Gedanken gekommen und war zu hundert Prozent abgelenkt. Bei der Firmengründung erfuhr ich großartige Unterstützung, vor allem auch durch meine Freundin Alexandra Pfeifer. 

 

Wie ist es dann weitergegangen?

Insgesamt hatte ich sechs Chemos. Nach dem ersten Zyklus sind mir die Haare ausgegangen. Nach dem zweiten Zyklus mit Kortison ist es rapide bergab gegangen. Bei der sechsten Chemo hat man das Kortison abgesetzt, weil ich es nicht vertragen habe. Ich konnte eine Woche lang nicht schlafen. Es war schlimm. Bis zur vierten Chemotherapie konnte ich allerdings noch im Geschäft arbeiten. Dann ging es nicht mehr. Die letzte Chemo hatte ich am 19. Februar, ich sah aus und fühlte mich wie eine Greisin.

 

Wer hat sich um das Geschäft gekümmert?

Meine Mitarbeiterinnen haben mich voll unterstützt und waren immer ehrlich und aufrichtig, sonst würde das Geschäft nicht mehr funktionieren. Vor allem meine Mitarbeiterin und Freundin Jutta Mirwald war moralisch für mich die größte Stütze. Sie hatte selbst vor rund sieben Jahren Brustkrebs und wusste, was ich durchmache. 

 

Wie sind Ihre Söhne mit Ihrer Krankheit umgegangen?

Ganz schlecht. Mein älterer Sohn, er ist 19 Jahre alt, hat bereits seinen Vater durch Krebs verloren. Mein jüngerer Sohn ist zwölf Jahre alt und auch für ihn war es ganz schlimm. Noch dazu bin ich zwei bis drei Mal neben ihm kollabiert und war bewusstlos. Bei jeder Kleinigkeit fragt er: „Mama, bekommst du eh keinen Krebs mehr?“

 

Was war für Sie das Schlimmste?

Ganz schlimm ist, wenn man sieht, wie der Krebs den Körper verändert. Ich habe von einem Tag auf den anderen die Haare verloren. Und zwar nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper inklusive Augenbrauen und Wimpern. Ich stand oft vor dem Spiegel und habe geweint. Es dauert sehr lange, bis die Haare, Wimpern und Augenbrauen wieder nachwachsen. Anfangs habe ich mir eine Perücke gekauft. Ich habe mich damit aber nicht wohl gefühlt und bin oft mit Glatze im Geschäft gestanden. 

 

Haben Sie einen besonderen Rat an Frauen, die das gleiche durchmachen?

Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, aber das Leben geht weiter. Wenn ich heute, gut ein Jahr später, Fotos von mir aus dieser Zeit sehe, ist das befremdend. Das bin nicht mehr ich. Man muss nach vorne schauen und soll besonders während der Chemo alles machen, was einem persönlich gut tut. Ich haben mir die Augenbrauen mit Permanent-Make-up machen lassen, falsche Wimpern aufgeklebt und bin auch ab und zu ins Solarium gegangen. Ich möchte gerne eine Anlaufstelle für Krebspatientinnen sein und Betroffenen helfen. 

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Petra Reder in ihrer schlimmsten Zeit

Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich muss alle drei Monate eine Untersuchung beim Frauenarzt machen, weil mein Krebs zu mehr als 90 Prozent hormongesteuert ist. Mein Körper produziert derzeit keine weiblichen Hormone, daher muss ich täglich Tabletten nehmen. Einmal im Monat bekomme ich eine sehr schmerzhafte Spritze in den Unterleib. Alle sechs Monate bekomme ich Zoledronsäure für den Knochenaufbau. Diese 3er-Kombination ist derzeit die sicherste und beste Heilungsmethode. Geheilt bin ich allerdings noch nicht, fünf Jahre lang bin ich Krebspatientin. Am 23. März 2016 habe ich meine große Brustuntersuchung.

 

Was hat sich an Ihrer Einstellung zum Leben geändert?

Hin und wieder bin ich schon verzweifelt und frage mich, wie lange ich noch lebe. Dann habe ich wieder gute Tage, wo ich voll drüberstehe. Ich versuche, jeden Tag in vollen Zügen zu genießen und ich lebe viel bewusster.

 

Was ist Ihr größter Wunsch?

Lange zu leben! Ich möchte 70, 80 Jahre alt werden und erleben, wie meine Söhne Väter werden. Das ist mein größter Wunsch (weint).