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People | 20.05.2019

Ich bin dann mal pilgern

Schuldirektor Ferdinand Karer über seinen Pilgerweg nach Rom, Hirschtalg an den Füßen und die Freiheit, zu denken, was man will. Dazu gibt die Redaktion einen Überblick über spirituelle Routen in Oberösterreich – und weit darüber hinaus. Denn: Pilgern boomt.

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BIS NACH ROM: Durch duftende Wälder, Wiesen, Felder und Olivenhaine: Schuldirektor Pater Ferdinand Karer pilgerte in 50 Tagen in die „Ewige Stadt“. (© Ferdinand Karer)

Ob nach Lourdes, Fatima, Santiago oder St. Wolfgang, Pilgern gehört zu den ältesten Formen des Reisens. Aufbrechen, Unterwegssein, Ankommen. Gedanken kommen und gehen. Ideen reifen. Immer mehr Menschen machen sich auf, um sich selbst zu finden. Allein nach Mariazell pilgern jährlich mehr als eine Million Menschen. Beweggründe gibt es viele: Eine Veränderung, eine neue Lebensphase, den Alltag für eine Weile hinter sich zu lassen, Gott zu suchen, der Wunsch nach Entschleunigung oder schlichtweg Freiheit. Im Mittelalter war die Hoffnung auf Heilung einer der wichtigsten Gründe für das Pilgern. Seit einigen Jahrzehnten erlebt das Pilgern in Europa einen neuerlichen Aufschwung. Der 2006 erschienene Bestseller des deutschen Moderators und Comedians Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ machte das Pilgern so richtig modern, auch bei jüngeren Menschen. Einfachheit ist zum neuen Luxus geworden. Auch Ferdinand Karer aus Dachsberg verspürte dieses Bedürfnis und schaffte es dank des Rückhalts seines Kollegiums, sich zwei Monate aus seinem Alltag als Schuldirektor auszuklinken. In seinen Rucksack packte er nur das Notwendigste: Turnschuhe, Flip-Flops, zwei Paar Socken, zwei Unterhosen, zwei Wanderhosen, zwei T-Shirts fürs Gehen, ein Shirt für die Nacht, ein Leiberl aus Merinowolle. Trekkingschuhe, eine Fleece-Jacke, eine Windjacke und einen Regenponcho, einen Hüttenschlafsack, ein Funktionshandtuch, Zahnputzzeug, Kernseife, eine Tube Hirschtalg für die Füße. Ein E-Book, ein Handy mit Wander-App, einen Fotoapparat, ein unbeschriebenes Moleskine-Buch, Bankomatkarte und e-card. Dazu ein Paar Wanderstöcke. Am 20. August in den Sommerferien brach er auf. Es sollten 50 rein(igend)e Gehtage werden. Im Durchschnitt 30 Kilometer täglich. Wa­rum er anfangs zweifelte, ob er je in Rom ankommen würde, schildert der beliebte Schuldirektor in seinem Buch und im persönlichen Gespräch.

 

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Faszinierende Formationen der Natur, auf dem Weg nach Rom (© Ferdinand Karer)

Sie sind 1.500 Kilometer zu Fuß nach Rom gepilgert. Wie haben Sie sich körperlich und geistig vorbereitet?

Ich habe mich ganz schlecht vorbereitet. (lacht) Ich war sehr beschäftigt, da wir an der Schule eine Baustelle hatten. Ich kaufte mir zuerst Wanderschuhe, die ich nach einer Probewanderung im Pesenbachtal noch tauschen musste. Die einzige Vorbereitung war, dass ich eine Woche vor dem Start begann, meine Füße mit Hirschtalg einzuschmieren, das ist ein alter Tipp. Und ich habe tatsächlich bis Rom keine einzige Blase bekommen.

 

Sie machten sich mit einem Rucksack, der acht Kilo wog, und Wanderstöcken auf. Waren Sie mit der Ausrüstung zufrieden?

Ja, es war mir wichtig, dass ich möglichst wenig Gewicht mithabe. Ich habe mir nur in Innsbruck zwei Tuben Hirschtalg nachgekauft und in Rom gleich ein frisches Paar Socken, weil die Wandersocken schon voller Talg waren.

 

Am Anfang haben Sie daran gezweifelt, je in Rom anzukommen. Warum?

Ich war etwas zu weit gegangen und hatte zu wenig zu trinken dabei. Am ersten Abend ist es mir richtig schlecht gegangen. Seitlich war ich vom Rucksack aufgescheuert – ich war voll Selbstmitleid. (lacht) Ich dachte wirklich: Das kann nichts werden. Ab dem Kobernaußerwald ist das Gehen etwas leichter geworden. Zum Glück wurde es von Tag zu Tag besser.

 

Haben Sie für die ersten Nächte Vorbereitungen getroffen?

Ich habe die ersten drei Nächte bei Bekannten verbracht. Freunde haben mich immer wieder ein Stück begleitet. Ab Lofer war es dann ein Gehen allein. Nur kurz vor Assisi kam ein Jugendfreund dazu, um ein paar Tage mitzugehen.

 

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NACH MARIAZELL. Ausgangspunkt: Linz/Pöstlingberg. Länge: 87 km / 3-4 Tagesetappen (© TVB Mariazeller Land)

Welche Gedanken gehen einem beim Gehen durch den Kopf?

Ich habe mich bewusst mit Menschlichkeit und Barmherzigkeit auseinandergesetzt. Obwohl ich ein Mensch bin, der nach vorne schaut, führte mich mein Denken oft zurück in meine Kindheit. Im Laufe des Weges geriet ich dann immer mehr ins Staunen. Man bekommt einen anderen Blick auf die Natur. Das Schöne ist die Langsamkeit – und trotzdem ist es erstaunlich, wie weit man an einem Tag kommt, wenn ein Berg, auf dem man gerade noch war, plötzlich weit weg ist.

 

Pilgern hat mit Suchen zu tun. Was haben Sie gefunden?

Eine Zeit lang mehr innere Ruhe, Gelassenheit und Demut. Pilgern war für mich absolute Freiheit im Denken. Das stellt sich aber erst nach Wochen ein.

 

Fühlten Sie sich niemals einsam?

Es war für mich eine positive Einsamkeit, die ich als reinigend und befreiend erlebt habe.

 

Haben Sie die Quartiere im Vorfeld reserviert?

Das war nur manchmal möglich. Ich wusste nicht immer, wie weit ich an einem Tag gehen würde. Ich habe hauptsächlich in Gasthöfen geschlafen und in Agriturismo-Bauernhöfen, die ganz toll sind und sensationelles Essen anbieten. Gegessen habe ich vorwiegend abends, tagsüber kaum.

 

Wo lagen die Unterschiede zum Jakobsweg von Frankreich nach Spanien, den Sie im Herbst 2011 gegangen sind?

Den Weg nach Rom habe ich viel, viel schöner in Erinnerung. Schon allein deswegen, weil es keine „Pilgerautobahn“ ist, was natürlich den Nachteil hat, dass die Infrastruktur nicht so ausgebaut ist wie nach Santiago, wo es alle paar Kilometer eine Herberge gibt. Aber ich habe es sehr genossen, und für mich war es spirituell intensiver.

 

Wie haben Sie sich bei der Ankunft in Rom gefühlt?

Es war schön, aber auch ein plötzliches Eintauchen in eine hektische Stadt. Natürlich ist man ein wenig stolz, es geschafft zu haben. Der krönende Höhepunkt war in meinem Fall eine Audienz bei Papst Franziskus.

 

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GRANITPILGERN im Mühlviertel. Start: Pilgermonument St. Martin im Mühlkreis. Länge: rund 90 km / 3-4 Tagesetappen, www.granitpilgern.at (© Verein Mühlviertler Granitland)

Meine Tipps für Pilger:

- Zeit nehmen: Empfehlenswert wäre alles, was über eine Woche hinausgeht, damit es in die Tiefe geht.

- Füße: Um Blasen vorzubeugen, täglich mit Hirschtalgsalbe einschmieren. Schon eine Woche vor der Pilgerreise beginnen!

- Wasser: für unterwegs.

- Gepäck: So wenig wie möglich einpacken. Wanderstöcke sind empfehlenswert.

- Route: GPS-Navigationen werden über Wanderführer angeboten.

- Unterkunft: Für die meisten Routen gibt es Wanderführer mit Adressen.

 

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BUCHTIPP: Ferdinand Karer: „Gehen und staunen“; Tyrolia-Verlag, € 17,95 (auch als E-Book erhältlich)