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People | 04.01.2017

"Ich bin am richtigen Platz"

Seit Anfang Juli hat SPÖ OÖ- Chefin Birgit Gerstorfer neben dem Sozialressort auch die Frauenagenden in der Oberösterreichischen Landesregierung über. Im Interview erklärt die 53-jährige Alkovnerin, dass sie mit einem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen erleichtern will.

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© SPÖ OÖ

Am 18. Juni dieses Jahres wurde die ehemalige AMS-Landesgeschäftsführerin Birgit Gerstorfer zur Landeschefin der SPÖ Oberösterreich gewählt. Angesichts der angeschlagenen Partei wohl einer der herausforderndsten Jobs im Land, den die 53-jährige gebürtige Alkovnerin voller Elan und guten Mutes angegangen ist. Heute, ein halbes Jahr später, ist innerhalb der SPÖ Oberösterreich eine Aufbruchstimmung zu spüren. Im Interview mit der OBERÖSTERREICHERIN zieht die zweifache Mutter und einzige Frau in der Oberösterreichischen Landesregierung eine erste Bilanz und erzählt, dass sie sich in der Politik sehr wohl fühlt.

 

Anfang Juli wechselten Sie vom AMS ins Linzer Landhaus. Wie gefällt es Ihnen in der Politik?

Die politische Bühne ist mir zwar neu, aber nicht fremd. Ich kenne viele der Akteure aus Arbeitszusammenhängen im AMS.  Als Quereinsteigerin kann ich frei agieren. Ich bin ausschließlich den Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern verpflichtet. Für die Menschen im Land arbeiten zu dürfen, ist ein Privileg. Solange mir das klar ist, bin ich am richtigen Platz.

 

Seit gut einem halben Jahr sind Sie Vorsitzende der SPÖ Oberösterreich. Wie ist die Stimmung in der Partei?

Deutlich besser. Es gab viel Unruhe unter den Mitgliedern. Mit Christian Kern als Bundesparteichef und mir als Chefin in Oberösterreich gibt es aber eine spürbare Aufbruchstimmung.

 

Ihr Ziel ist es, die angeschlagene SPÖ Oberösterreich wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Haben Sie diesbezüglich schon erste Fortschritte gemacht?

Ich bin dabei, die Türen und Fenster aufzumachen und ordentlich durchzulüften. Mein Ziel ist es, die SPÖ zu einer Mitmach-Partei zu machen und wieder verstärkt junge Menschen anzusprechen.

 

Als Landesrätin für Soziales und für Frauen sind Sie die einzige Frau in der Oberösterreichischen Landesregierung. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Schwarz-Blauen Regierung?

Schwarz-Blau setzt auf politische Symbole. Gedacht wird nur bis zur nächsten Umfrage. Die Politik wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht, wenn sie nur kurzfristig und aus Eigeninteresse handelt. ÖVP und FPÖ wollen die nächste Umfrage gewinnen – ich will die Probleme der Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher lösen. Das führt naturgemäß zu Spannungen.

 

Welche Themen haben für Sie als Frauenlandesrätin für Oberösterreichs Frauen Priorität?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Lohngerechtigkeit stehen ganz oben. Im Kern geht es mir schlicht um Chancengleichheit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Was muss getan werden, dass Frauen Familie und Beruf optimal vereinbaren können?

Was es braucht, sind verlässliche Rahmenbedingungen. Die will ich durch einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung schaffen. Wenn Eltern wissen, dass sie nach einer Karenzzeit wieder beruflich einsteigen können, dann wird ihnen eine große Last von den Schultern genommen.

 

Immer wieder werden bei uns in Oberösterreich die Öffnungszeiten der Horte und Kindergärten allgemein und vor allem während der Ferien kritisiert. Was muss getan werden, um hier eine befriedigende Lösung zu finden?

Zuerst braucht es ein Problembewusstsein. Als Frau habe ich am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich bezweifle, dass der Landeshauptmann oder der zuständige Landesrat ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wäre das der Fall, hätten wir diese Probleme längst gelöst.

 

Wie zufrieden sind Sie mit der eben erst präsentierten Bildungsreform, die ja auch den Ausbau von Ganztagsschulen forciert?

Mehr Ganztagsschulen sind ein Gewinn für Kinder und Eltern. Ganz besonders für Eltern, die sich Freizeit-aktivitäten und Nachhilfe nicht leisten können. Derzeit gibt es so wenig ganztägige Angebote, dass von einer Wahlfreiheit gar nicht die Rede sein kann. Auch deswegen ist der Ausbau wichtig.

 

Viele Frauen arbeiten, auch nachdem die Kinder aus dem Gröbsten draußen sind, ihr Leben lang Teilzeit. Wie wichtig ist es, unter den Frauen eine Bewusstseinsbildung für Vollzeitjobs zu schaffen?

Ich bin selbst nach der Karenz als Teilzeit-Sekretariatskraft eingestiegen. Wenn die Teilzeit zur jeweiligen Lebenssituation passt, dann ist das in Ordnung. Aber wenn Frauen gerne Vollzeit arbeiten würden, aber nicht können, dann ist das ein Problem. Teilzeitarbeit heißt auch, eine niedrige Pension zu bekommen und im Alter eher von Sozialleistungen abhängig zu sein. Dieser Zusammenhang gehört viel stärker kommuniziert.

 

Das Zukunftsforum vom OÖ Frauenreferat steht unter dem Titel „FRAUEN.LEBEN. 4.0“. Wie müssen Ihrer Meinung nach die Arbeitswelten der Zukunft mit Fokus auf die Frauen aussehen?

Ob wir das wollen oder nicht: Die demographischen und technologischen Entwicklungen werden unsere Arbeitswelt grundlegend verändern. Gleichzeitig gibt es viele Regelungen, die aus einer Zeit stammen, in denen Frauen im Erwerbsleben die Ausnahme waren. Wenn ich frühzeitig weiß, dass Veränderungen ins Haus stehen, dann muss ich überlegen, wie ich richtig damit umgehen werde. Genau das ist die Idee hinter dem Zukunftsforum, das ich als Auftakt zur Erstellung eines umfassenden frauenpolitischen Programms für Oberösterreich verstehe.