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People | 10.02.2020

"Ich bereue nichts!"

Die Sensation war perfekt, als sich der FC Red Bull Salzburg im Vorjahr nach elf Versuchen erstmals in der Gruppenphase der UEFA Champions League mit Europas Elite messen konnte. Aufs Feld geführt werden die „Bullen“ von einem Oberösterreicher. Der gebürtige Linzer Andreas Ulmer hält den Salzburgern nunmehr seit elf Jahren die Treue. Im Interview verrät der 34-jährige Mannschaftskapitän, wie er das Team zusammenhält, warum er nie den Weg ins Ausland gesucht hat und welche Momente im Vorjahr bei ihm für Gänsehaut gesorgt haben.

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© Dominik Derflinger, GEPA pictures

Die Geburt von Söhnchen Johnathan, das 100. Spiel im Europacup und die erste UEFA Champions League – Andreas Ulmer wird das Jahr 2019 wohl nie wieder vergessen. Wir treffen den FC Red Bull Salzburg Kapitän am 31.Dezember 2019 beim Heimaturlaub in Linz und lernen einen ruhigen und äußerst sympathischen Mann kennen. Von Star-Allüren, wie sie manche Kicker-Profis an den Tag legen, keine Spur. Immer wieder wird er beim Sparziergang durch Linz von Fans angesprochen und um ein Selfie gebeten. Für ein paar nette Worte und ein Lächeln in die Kamera nimmt sich der Profikicker gerne Zeit. Beim Interview im Cafè Traxlmayr erfahren wir von Andreas Ulmer, dass ihm das fußballerische Talent quasi in die Wiege gelegt wurde, denn Vater Gerhard und Onkel Fritz kickten als Profis bei VÖEST Linz und sind in Oberösterreich nicht unbekannt. Kein Wunder also, dass klein Andreas jede freie Minute im Hof verbrachte, um mit Freunden dem runden Leder nachzujagen. Sein erster Verein war der SK Asten, von dort wechselte er in die LASK Fußballakademie und absolvierte im Anschluss daran die Frank-Stronach-Akademie in Hollabrunn. Seine Profi-Karriere führte den linken Außenverteidiger von der Wiener Austria über die SV Ried im Jahr 2009 schließlich zum FC Red Bull Salzburg, wo er seine Heimat gefunden hat. Auch Österreichs Teamchef Franco Foda setzt auf die langjährige Erfahrung von Andreas Ulmer und holte das „Bullen-Urgestein“ 2017 wieder in die Nationalmannschaft.

Herr Ulmer, wie blicken Sie auf das Jahr 2019 zurück?

Glücklich, zufrieden und dankbar, da wir sehr viel von unseren Zielen erreicht haben. Wir wurden Cupsieger, Meister, waren das erste Mal in der Champions-League dabei und haben auch noch richtig gut performed. Schade, dass es mit dem Aufstieg in das Achtelfinale nicht geklappt hat, aber wir haben uns in Europa gut präsentiert. Privat war für mich natürlich die Geburt meines Sohnes Jonathan etwas ganz Besonderes. Sie sind mittlerweile seit elf Jahren beim FC Red Bull Salzburg. Ich habe gelesen, dass es auch Anfragen aus der Deutschen Bundesliga gegeben hat.

Was macht die Salzburger so speziell für Sie?

Es ist für mich das Gesamtpaket, das es ausmacht. Wir spielen sehr erfolgreich und sind auch international immer vorne dabei. Ich konnte und kann mich beim FC Red Bull Salzburg weiterentwickeln. Aber auch die Stadt Salzburg, wo ich mit meiner Familie lebe, gefällt mir sehr gut. Meine Frau und ich sind beide aus Oberösterreich und nur eine knappe Autostunde von unseren Eltern entfernt. Das ist optimal.

Der FC Red Bull Salzburg hat es heuer nach elf Anläufen zum ersten Mal in die Champions League geschafft, was war Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

Eigentlich waren die Europa League-Spiele der letzten Saison das, was uns vorbereitet hat, um diesmal in der Champions-League so gut mitzuspielen. Wir hatten es richtig verdient, dabei zu sein.

Wie war es, gegen den FC Liverpool zu spielen?

Es war ein Wahnsinn! Beim FC Liverpool spielen die besten Spieler der Welt, es ist ein Traum, wenn man sich mit ihnen messen kann. Man sieht, wo man steht, was man kann und was einem fehlt. Da waren Momente dabei, die für immer in meinem Kopf bleiben werden.

Die „Bullen“ sind 2020 in der Europa League dabei. Welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Das wird sicher spannend. Mit Eintracht Frankfurt kommt eine richtig gute deutsche Mannschaft auf uns zu, die auch von einem Österreicher, nämlich Adi Hütter gecoacht wird. Mein Kollege und Freund Martin Hinteregger spielt auch dort. Das wird sicher ein harter Brocken für uns.

Was sagen zur guten Performance vom LASK, der heuer auch überraschend in der Europa League spielt?

Ich habe zwei Jahre beim LASK im Nachwuchs gespielt und den ein oder anderen Spieler kenne ich noch von früher oder von der Nationalmannschaft. Die Jungs arbeiten sehr gut und sind richtig konstant. 

Was ist Ihnen als Kapitän vom FC Red Bull Salzburg im Umgang mit der Mannschaft wichtig?

Durch meine langjährige Erfahrung kann ich den jungen Spielern einiges mitgeben. Ich stehe meinen Teamkollegen gern mit Rat und Tat zur Seite und wenn sie Unterstützung brauchen, bin ich für sie da. Ich denke, dass ich meinen Job als Kapitän ganz ordentlich mache. Jeder, der ein Problem hat oder unzufrieden ist, kann sich äußern und das ehrlich mitteilen. Das ist für das gesamte Team enorm wichtig.

Seit 2004 sind Sie Profikicker, wie schafft man es so lange auf diesem Niveau zu bleiben?

Man muss gesund bleiben, sich gut ernähren, hart arbeiten und diszipliniert sein. Es kommt sehr stark darauf an, wie man sich auf ein Training vorbereitet, nachbereitet und wie man generell lebt. Der Lebensstil von Profifußballern hat sich seit dem Beginn meiner Karriere stark verändert und weiterentwickelt.

Wie wichtig ist das mentale Training? Gerade wenn man gegen eine Mannschaft wie den FC Liverpool antritt?

Am wichtigsten ist, dass man körperlich fit ist und seine Leistung im entscheidenden Moment abrufen kann. Aber natürlich spielt auch die mentale Fitness eine große Rolle. Wir haben im Team einen Mentalcoach, den jeder von uns in Anspruch nehmen kann, es ist aber nicht verpflichtend.

Wie haben Sie es geschafft, nach Verletzungen immer wieder zurückzukommen?

In Sachen medizinischer Betreuung sind wir in Österreich sehr gut versorgt. Beim FC Red Bull Salzburg haben wir Top-Mediziner an unserer Seite. Meine schwerste Verletzung war ein Adduktoren-Sehnenabriss, damals wurde ich sehr gut betreut und habe jetzt zum Glück keine Probleme mehr.

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Andreas Ulmer mit Chefredakteurin Ulli Wright beim Interview in Linz. © Dominik Derflinger, GEPA pictures

Ihr Vertrag bei den „Bullen“ läuft in zweieinhalb Jahren ab, haben Sie vor zu verlängern oder haben Sie andere Pläne?

Ich möchte so lange wie möglich Fußballspielen, weil es für mich der schönste Beruf und gleichzeitig auch das schönste Hobby ist. Solange ich fit bin und mithalten kann, möchte ich im Profibereich spielen. Nach meiner aktiven Spielerlaufbahn habe ich vor, im Fußball zu bleiben. Da habe ich die meiste Erfahrung, da kenne ich mich aus.

Wenn Ihre Karriere im Profifußball nicht aufgegangen wäre. Hätte es einen Plan B gegeben?

Ich habe mir keinen Plan B zurechtgelegt, daher bin ich froh, dass es so läuft wie es läuft.

Welche Eigenschaften muss man haben, um Profifußballer zu werden?

Man muss, wie in jeder anderen Sportart auch, hart arbeiten und dranbleiben. Sicher gibt es immer wieder Rückschl.ge, aber davon darf man sich nicht unterkriegen lassen. Man muss an sich glauben.

Gab es in Ihrer Karriere einen Zeitpunkt, an dem Sie am liebsten aufgehört hätten?

Als ich beim FK Austria Wien endlich den Sprung zu den Profis geschafft habe, hat es auf einmal geheißen, ich soll bei den Austria Wien Amateuren spielen. Damals habe ich mich aufgrund der besseren Erfolgsaussichten entschieden, in die Bundesliga zu wechseln und bin zur SV Ried gegangen. Im Nachhinein weiß ich, dass diese Entscheidung hundertprozentig richtig war.

Ihr Vater und Ihr Onkel waren Fußballprofis beim SK VOEST Linz, inwieweit hat Sie das geprägt?

Ich war zu jung, um beide aktiv im Profibereich spielen zu sehen. Aber natürlich bin ich mit Fußball aufgewachsen und der Name Ulmer war in Fußballkreisen in Oberösterreichbekannt. Als ich im Nachwuchs beim SK Asten und später in der Fußballakademie beim LASK gespielt habe, wurde ich immer wieder auf meinen Vater angesprochen. Heute sind meine Eltern bei jedem Spiel dabei, drücken mir die Daumen und sind meine größten Fans.

Wann haben Sie zu kicken begonnen?

Ich habe immer zu Hause in der Wohnung oder im Hof mit dem Nachbarsbuben gespielt. Nachdem er mich einmal zu Training auf den Fußballplatz in Asten mitgenommen hat, war es um mich geschehen. Der Nachbarsbub war ein paar Jahre älter als ich und ich kann mich noch erinnern, dass ich anfangs traurig war, weil ich aufgrund meines Alters nicht in derselben Mannschaft wie er spielen konnte.

Ihre Frau Sarah ist ebenfalls aus Oberösterreich, ist sie auch fußballaffin?

Bevor Sie mich kennengelernt hat, hatten sie und ihre Familie mit Fußball nicht viel am Hut. Jetzt sind alle Fußballfans, nicht nur von mir, sondern generell. (lacht) 

Im Vorjahr haben Sie für Nachwuchs gesorgt. Steht mit Ihrem Sohn Jonathan bereits der nächste Star-Kicker in den Startlöchern?

Schauen wir mal! (lacht) Natürlich würde es mir taugen, wenn er einmal Freude an Sport hat. Er wird aber sicher nicht zu etwas gezwungen oder gedrillt. Wenn er Unterstützung braucht, dann wird er diese von uns natürlich bekommen.

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Letztes Spiel gegen den TSV Hartberg vor der wohlverdienten Winterpause am 14.Dezember 2019. © Dominik Derflinger, GEPA pictures

Entstehen mit Teamkollegen auch abseits vom Rasen Freundschaften?

Natürlich kann man nicht mit allen Teamkollegen best friend sein, aber es sind immer auch ein paar Spieler dabei, mit denen man auf einer Wellenlänge ist. Takumi Minamino ist so ein guter Freund, mit dem ich auch außerhalb vom Rasen gerne etwas gemacht habe. Er war lange Zeit bei uns und man lernt sich gut kennen.Wir sind immer noch regelmäßig in Kontakt ist, auch wenn er jetzt nicht mehr in Salzburg spielt.

Der 19-jährige Norweger Erling Haaland wechselte mit Jahresbeginn zu Borussia Dortmund. Wie schwierig ist es, wenn ein Top-Spieler geht?

Für uns ist das natürlich schade, weil Erling Haaland ein richtig guter Spieler ist. Aber es ist auch ein Teil der Philosophie vom FC Red Bull Salzburg, talentierte Spieler zu holen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich bestmöglich zu entwickeln. Wir bieten ihnen eine internationale Bühne, sich zu präsentieren. Selbstverständlich sind wir auch stolz, dass Spieler wie Haaland bei uns Salzburg gespielt haben. Man freut sich sehr über die Karriere, die ehemalige Teamkollegen machen. Aber klar, es ist schade, wenn sie gehen.

Im Vorjahr ist Fränky Schiemer, ebenfalls ein Oberösterreicher, als Co-Trainer zum FC Red Bull Salzburg zurückgekehrt. Haben Sie in Ihrer Laufbahn gemeinsam gespielt?

Ja, wir haben bereits beim FK Austria Wien gemeinsam gespielt und auch während seiner aktiven Zeit beim FC Red Bull Salzburg. Jetzt sind wir in einer anderen Funktion zusammen, was mich sehr freut.

Was macht einen guten Trainer aus?

Das ist eine gute Frage. In erster Linie zählt das Fachwissen im Bereich Fußball generell. Ein guter Trainer soll richtig analysieren und ins Detail gehen können. Er muss dem Spieler gute Optionen bieten können, um sich weiterzuentwickeln. Das alles muss er so kommunizieren, dass es der Spieler annimmt und ein gutes, positives Gefühl hat.

Franco Foda holte Sie 2017 wieder in die Nationalmannschaft zurück. Worin liegt der Unterschied, ob man im Nationalteam oder beim FC Red Bull Salzburg kickt?

Das kann man so direkt nicht vergleichen. Wenn man bei einem Ländermatch am Spielfeld steht und die Nationalhymne hört, dann ist das schon ein ganz besonderer Moment. Ich spiele gerne für die Nationalmannschaft und bin froh, dass es wieder so gut läuft und ich so viele Spiele bestreiten konnte. Aber der FC Red Bull Salzburg ist mein Heimatverein, mit diesem Club habe ich die meisten Spiele absolviert und auch das ist jedes Mal wieder ein ganz spezielles Erlebnis.

Gibt es etwas, dass Sie in Ihrer langjährigen Karriere bereuen?

Nein, ich bereue nichts. 

Was war der größte sportliche Höhepunkt in Ihrer Karriere?

Mit Sicherheit die vergangene Saison, als wir es mit Trainer Marco Rose bis ins Finale der Europa League geschafft haben und natürlich in dieser Saison, die Spiele gegen Liverpool.

Welches Spiel werden Sie nie vergessen?

Da gibt es ein paar, wie etwa das Europa League Halb-Finale gegen Marseille oder das Viertelfinale gegen Lazio Rom, wo wir das Ergebnis noch gedreht haben. Na ja und natürlich das Spiel gegen den FC Liverpool.

Wer ist Ihr Vorbild?

Diego Maradona – allerdings von der Spielweise und nicht vom Lebensstil (lacht). Wenn ich es positionsabhängig mache, dann der Marcelo von Real Madrid. Er ist richtig cool als Linksverteidiger.

Was erdet Sie?

Die Familie

Was treibt Sie an?

Mein Ehrgeiz

Ihr größter Wunsch für das Jahr 2020?

Die Gesundheit ist das Wichtigste. Das merkt man vor allem wenn Spielerkollegen verletzt sind. Auch familiär gesehen, bin ich froh, dass es allen gut geht und hoffe, dass es so bleibt.