Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 18.05.2021

Hybridatelier

Zwischen Traditionskleidung und digitaler Mode – nach eineinhalb Jahren bei Stardesignerin Vivienne Westwood in London, kreiert der 24-jährige Nachwuchsdesigner Peter Fellner die Mode der Zukunft an der Kunstuniversität Linz.

Bild 20210420-_DSC3117.jpg
© Dominik Derflinger

Von Marcel Ostertag in Berlin bis hin zu Vivienne Westwood in London – mit seinen 24 Jahren hat es Peter Fellner schon zu den Fashion Weeks in New York, London und Paris geschafft. Inspiriert vom Klima-
engagement Vivienne Westwoods entschied sich der Nachwuchsdesigner den Studiengang „Fashion & Technology“ an der Kunstuniversität in Linz zu belegen und in der Tabakfabrik neue, innovative Prozesse für eine nachhaltigere Modezukunft zu entwickeln. Im Interview erklärt uns der weltgewandte Oberösterreicher, warum er sich für Linz als Lebensmittelpunkt entschieden hat, wie er die Zukunft der Mode sieht und mit welchen Kleidungsstücken man(n) immer gut angezogen ist. 

 

OBERÖSTERREICHER: Herr Fellner, Sie sind als Designer schon viel herumgekommen und studieren mittlerweile Fashion & Technology in Linz. Wie sind Sie zur Mode gekommen? 

Peter Fellner: Eigentlich ziemlich natürlich. Ich habe mich immer für kreative Arbeiten und vor allem Zeichnen interessiert. Diese Kreativität hat sich dann relativ schnell auf den textilen Bereich übertragen. Daher entschied ich mich, die HBLA Lentia zu besuchen und bekam nach dem Zivildienst eine Praktikumsstelle bei Marcel Ostertag. Das Label siedelte in dieser Zeit von München nach Berlin – ich bin mitgezogen und war als Designer für die neu eingeführte Menswear-Linie zuständig. Daher flog ich auch zu den Fashion Weeks nach New York, Paris und Mailand. Dank dieser Erfahrung wollte ich wissen, wo es mich noch hintreiben könnte. So kam ich zu meiner Arbeit bei Vivienne Westwood und war eineinhalb Jahre im Londoner Atelier bei Andreas Kronthaler und im Design-Department von Vivienne tätig. 

 

Warum haben Sie sich gerade für Vivienne Westwood entschieden? 

Meine Mutter hatte damals in den 90er-Jahren eine Puderdose von Vivienne Westwood. Das war das einzige Produkt, an dem ihr im Badezimmer wirklich viel lag. Seitdem kenne ich die Marke und es war einer meiner großen Träume, einmal für Vivienne Westwood zu arbeiten. 

 

Wie war es für Sie, in London zu leben? 

Das Leben in London ist spannend, aber langfristig nicht meins. Die Lebensqualität eine völlig andere – für kleine Zimmer zahlt man extrem hohe Mieten. Hier in Linz studiere und arbeite ich in einem soliden Gebäude und in London fühlt man sich immer wie in einem Aluzelt (lacht). Aber es war auf jeden Fall eine unglaubliche Erfahrung. 

 

Wie sind Andreas Kronthaler und Vivienne Westwood? 

Andreas ist ja Österreicher und kommt ursprünglich aus Tirol. Er ist ein ex-trem cooler und lieber Typ. Vivienne ist genauso wie man sie aus Dokus und Filmen kennt – sehr straight und on point. Wenn etwas nicht passt, sagt sie es, und wenn etwas passt, sagt sie es auch. Sie ist Klimaaktivistin und pflegt ein unheimliches Engagement für dieses Thema. 

 

Ist Engagement für Nachhaltigkeit und Klimapositivität auch etwas, was Ihnen wichtig ist? 

Es hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich war nachhaltig davon beeindruckt, wie Vivienne ihre Meinung zu dem Thema vertritt. Dieses Engagement brachte mich dazu, in London an etlichen Klimaprotesten teilzunehmen und das Thema auch in meinen Arbeiten umzusetzen. 

 

Wie würden Sie Ihre eigene Mode beschreiben? 

Es ist mir wichtig, darauf zu achten, welche Ressourcen ich verwende und wie ich diese verarbeite. Ästhetisch gesehen finde ich mich im Recycling bzw. Upcycling wieder. Diese Methoden bestimmen dann schlussendlich auch den Prozess und das Ergebnis meiner Arbeit. Ich mag es, österreichische Traditionskleidung mit einem rebellischen Vibe „upzucyclen“. Grundsätzlich ist es mir aber vor allem wichtig, dass Menschen über die Dinge, die sie kaufen, nachdenken. Es gibt natürlich Experimente, um Prozesse darzustellen. Aber ich lege Wert darauf, dass die Kleidungsstücke, die ich mache, einen praktischen Nutzen haben und täglich getragen werden können. 

 

 

 

Bild 20210420-_DSC3354.jpg
© Dominik Derflinger

Wie kann man sich das Upcycling von österreichischer Traditionskleidung vorstellen? 

Ich habe beispielsweise aus einer alten Steirertracht für Herren in Größe 54 ein neues Kleidungsstück gefertigt. Die Tracht wurde zu einem wandelbaren Rock, den man auch als Cape tragen kann. 

 

Tradition und sich vom Vergangenen inspirieren zu lassen ist ein großer Teil im Design. Glauben Sie, dass es in der Mode überhaupt noch etwas wirklich Neues gibt? 

Was Prozessmethoden anbelangt, werden auf jeden Fall neue Themen aufgegriffen – Stichwort Kryptowährungen. Solche Dinge lassen sich auch in die Mode integrieren. Was die Ästhetik anbelangt, gibt es immer einen Ausgangspunkt, der schon existent ist. 

 

Wo finden Sie Inspiration? 

Mein Ausgangspunkt ist oft die Ware, mit der ich arbeite. Ich mache mein Schaffen eigentlich immer von der Materialität und den Farben abhängig. Trotzdem greife ich auch gerne bestimmte Themen wie zum Beispiel den Klimawandel auf. Es kommt immer darauf an, was mich persönlich gerade bewegt. 

 

Wie sieht Mode 2021 aus und wie wird sich die Mode in den nächsten zehn Jahren verändern? 

Fast Fashion bzw. Super Fast Fashion ist ein großes Problem, das in der Mode gerade vorherrschend ist. Darunter versteht man billigste Mode, von der so viel und so schnell wie möglich produziert wird. Diese Entwicklung rührt meiner Meinung nach daher, dass sich der Mensch als Sammler versteht. Die Zukunft besteht also darin, sich mit Methoden zu beschäftigen, die dieses Bedürfnis des Sammelns befriedigen. Dabei gibt es schon erste Ansätze, einer davon heißt digitale Mode. Digitale Mode macht es möglich, dem Menschen das Sammeln nicht abtrainieren zu müssen, sondern das Bedürfnis auf einer anderen Ebene weiterzuführen.

 

Was bedeutet digitale Mode? Haben Sie auch ein Beispiel? 

Viele wollen ihre neuen Schuhe nur kurz auf Instagram zeigen. Daher wurden erste digitale Filter entwickelt, die es aussehen lassen, als hätte man die Schuhe auf einem Bild oder Video an. Diese Filter befriedigen die Nachfrage, aber benötigen nicht den aufwendigen Arbeitsprozess dahinter. Da bei digitaler Mode zusätzlich die Transportwege wegfallen, ist der Trend eine umweltfreundlichere Variante zur herkömmlichen Mode. 

 

Traditionskleidung und digitale Mode. Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Designer? 

Meine Idealvorstellung wäre ein hybrides Atelier, wo ich all diesen Bedürfnissen nachgehen kann. Natürlich erfüllt ein digitales Kleidungsstück nicht den Nutzen, wärmend zu sein, aber das muss auch nicht unbedingt immer der Fall sein. Es gibt auch ästhetische Ansätze, warum man ein Kleidungsstück kauft. Für mich ist es ebenso nachhaltig, wenn Menschen ein maßgeschneidertes Kleidungsstück von mir haben wollen, wie sich ein digitales Kleidungsstück für einen kurzen Onlineauftritt zu leisten. Und ich glaube, die Kombination aus diesen Faktoren macht meine Zukunft als Designer aus. 

 

 

Bild 20210420-_DSC3218.jpg
Recycling: Aus weggeworfenen Zigarettenstummeln webt Peter Fellner Stoff für seine neuesten Kreationen. © Dominik Derflinger

Sie haben sich nach Ihrer Arbeit bei Marcel Ostertag und Vivienne Westwood für das Studium „Fashion & Technology“ in Linz entschieden. Wieso drücken Sie jetzt nochmal die „Schulbank“? 

Diese Entscheidung habe ich mir lange überlegt. Europaweit ist das Angebot der Universitäten extrem eingeschränkt und viele Studenten haben nach ihrem Abschluss keine Jobperspektiven. Ich wollte nicht nur einen Abschluss, sondern vor allem etwas Relevantes für die Arbeitswelt studieren. Und das ist meiner Meinung nach beim Studium Fashion & Technology der Fall. Einerseits ist der Universität wichtig, dass wir das traditionelle Handwerk beherrschen, aber dieses andererseits mit neuen Methoden umsetzen. Nachhaltige Methoden, die eben auch manchmal nach neuen Technologien verlangen. 

 

Ist es heute leichter oder schwerer, in der Branche bekannt zu werden? 

Es ist generell extrem schwierig, im High-Fashion-Bereich Fuß zu fassen und ich glaube, dass es mit der Corona-
krise noch einmal komplizierter werden wird. Es fehlen einfach die finanziellen Mittel. 

 

Mit welchen Kleidungsstücken ist Mann immer gut angezogen? 

Ich mag extrem gerne Vintage-Jeansjacken. Vintage ist hier das Stichwort. Die Jacke muss nicht mehr durch den gesamten, chemischen Denim-Prozess laufen. Und auch von der Formgebung sind sie echt cool. Ein weiteres, zeitloses Piece ist auf jeden Fall ein schön verarbeiteter Hoodie. 

 

Welchen Tipp haben Sie für Männer, die mit der Mode nicht so viel am Hut haben? 

Männer, besonders in Österreich, können sich ruhig einmal mehr trauen. Linz ist die drittgrößte Stadt in Österreich und trotzdem ziemlich verschlossen. Ich finde aber, dass man viele verschiedene Moden ausprobieren muss, bis man sich gefunden hat. Dabei ist es wichtig, sich keine Gedanken darüber zu machen, ob jemand blöd schaut. Weil eins ist sowieso sicher: Die Leute werden immer blöd schauen (lacht).