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People | 11.01.2016

"Holzhacken ist wunderbar meditativ"

Er ist das Gesicht der „Zeit im Bild 1“ und widmet sich in seiner Freizeit besonders gern seiner Lebensumgebung – deren zunehmende Verschandelung ihm allerdings Sorgen bereitet. Aus diesem Grund hat Tarek Leitner (43) erneut ein Buch geschrieben, das Ende Oktober auf den Markt gekommen ist. Wir haben mit dem gebürtigen Linzer gesprochen – über das Buch, sein Leben als Hahn im Korb und warum er beim Holzhacken entspannen kann.

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© Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag

Sie moderieren die „Zeit im Bild 1“ und haben kürzlich Ihr zweites Buch auf den Markt gebracht, das sich der zunehmenden Verunstaltung unserer Lebensumgebung widmet. Wie kommt es, dass Sie dieses Thema dermaßen beschäftigt?

Mit dem Schreiben meines ersten Buches „Mut zur Schönheit“ dachte ich, abgearbeitet zu haben, was mich bewegt. Allerdings habe ich dann gesehen, dass dieses Thema zum Glück nicht nur mich bewegt, sondern auch viele andere Menschen in diesem Land. Die Resonanz war sehr groß. Das habe ich beim ersten Buch allerdings so nicht abgesehen. Auch mein persönlicher Leidensdruck hat nicht abgenommen. Im Gegenteil, ich sehe immer noch so viele Aspekte, von denen ich denke, dass es wichtig ist, sie ausführlicher zu beschreiben. Ich wollte abbilden, wie die Verfasstheit unserer Gesellschaft sich in der verbauten Lebens­umgebung manifestiert und wie sich die Seele unserer Gesellschaft in der Landschaft widerspiegelt. 

 

Ihr Buch trägt den Titel „Wo leben wir denn?“. Darf ich diese Frage an Sie richten: Wo leben wir Ihrer Ansicht nach?

Wir leben in der Landschaft und der gebauten Umgebung, die uns und dem Zustand unserer Gesellschaft entspricht. Daher muss man sich anschauen, wie es uns als Gesellschaft im Moment geht und wie sich das in der Landschaft abbildet. Ein Beispiel: Die Digitalisierung bringt mit sich, dass wir es gewohnt sind, im virtuellen Raum alles immer überall gleichzeitig zur Verfügung zu haben. Das ist selbstverständlich für uns geworden. Mitt­lerweile stellen wir diesen Anspruch allerdings auch im realen Raum. Wir wollen alles jederzeit und überall – in der Stadt und auf dem Land, bei Tag und Nacht – verfügbar haben. Und dieser Zugang führt natürlich zu einer ungeheuren Infrastruktur. Wir haben kaum mehr Räume, in denen etwas entstehen und wachsen kann. Nicht nur Grün, sondern auch Ideen oder freie Räume, die eben nicht einer kommerziellen Nutzung unterworfen sind. Das fehlt uns zunehmend. 

 

Sie sagen, dass Bilder von schönen Landschaften und Sehnsuchtsorten ganze Bücher füllen und auch die sozialen Netzwerke voll davon sind. Aufgenommen allerdings mit dem Tunnelblick eines Teleobjektives. Inwiefern verzerren Medien, insbesondere auch soziale Medien, unsere Wahrnehmung der realen Lebenswelt?

In höchstem Maße! Wir sind ja von Bil­derwelten, insbesondere von schönen Bildern und  Perspektiven, die es nicht mehr gibt, umgeben. Selten zuvor haben wir das, was wir sehen, so sehr reproduziert wie heute. Das Problem ist dieser sehr kleine Ausschnitt. Dieser zeigt nicht die Welt, wie wir sie wahrnehmen, sondern die schmale Perspektive, die es noch gibt, aber die sich uns nicht erschließt, wenn man tatsächlich durchgeht. Weil wir in der realen Welt alles sehen und nicht nur den kleinen Ausschnitt des Schönen. Wir vergessen leider, dass das nur noch virtuelle Welten sind. 

 

Im Buch schreiben Sie von einer „schönen, glücklich machenden“ Lebensumgebung. Wie sieht die Ihrer Meinung nach aus?

Ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen, muss jene Kleinteiligkeit haben, die uns Menschen innewohnt und die auch dem Aktionsradius des Menschen entspricht. Eine Kleinteiligkeit, die Entdeckungen zulässt und den Blick auffängt. Dem widersprechen die Transparenz und das Glatte mit viel Glas und Beton – ohne, dass ich diese Materialien jetzt kritisieren möchte. An diesen Oberflächen bleibt der Blick aber nicht hängen. Dazu braucht es raue Oberflächen, Risse und Brüche. Es wird interessant, wenn auf den ersten Blick nicht alles erfassbar und erkennbar ist. Das Hochregallager mitten in der Landschaft, das uns als gelber Block entgegenschreit, ist sofort zu erfassen. Eine kleinteilige Innenstadt hingegen, in der wir uns so gern aufhalten, lässt uns an jeder Ecke etwas entdecken. 

Würden Sie sich als Ästhet beschreiben, der sich grundsätzlich gern mit schönen Dingen umgibt?

Ich glaube, nicht mehr als andere Menschen. Jeder braucht eine schöne Umgebung, um eine schöne Zeit zu verbringen. 

 

Sie sind in Linz geboren und aufgewachsen. Was fällt Ihnen hier auf, was die zunehmende Verschandelung betrifft?

Städte haben vielfach den Vorteil, dass ihnen nicht so viel passieren kann. Insbesondere dort, wo sie bereits dicht verbaut sind. Wenn dort das eine oder andere Gebäude durch ein neues ersetzt wird, ist das meistens nicht prägend. Damit wird nicht die gesamte Anmutung der Stadt komplett verändert. Wogegen ich grundsätzlich auch nicht bin. Keines meiner Bücher ist ein Plädoyer für das Alte und das ewige Denkmalamt. Allerdings kann die Anmutung eines Tales weiter draußen schnell durch eine kleine Sache groß verändert werden.

 

Das Einfamilienhaus im Grünen kommt in Ihrem Buch nicht besonders gut weg. Wie leben Sie persönlich? 

Ich lebe in Wien in einer Innenstadtwohnung und bin dort sehr glücklich. Und ich glaube, dass auch meine Kinder dort sehr glücklich sind. Wobei ich dazu sagen möchte, dass es keine Kritik am einzelnen Einfamilienhaus-Bewohner sein sollte. Die Kritik richtet sich an eine Zersiedelung des Raumes in ihrer Achtlosigkeit. Ein eigenes Haus zu haben, ist nicht das Thema. Vielmehr geht es um die Art und Weise, in der wir das als Gesellschaft zulassen. 

 

Stichwort Familie. Sie sind Vater von zwei Töchtern, acht und zehn Jahre alt. Versuchen Sie auch, den beiden zu zeigen, wie wichtig es ist, aufmerksam und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen?

Ich spreche mit ihnen über Dinge, die uns begegnen und die wir sehen, und hoffe, bei ihnen eine Sensibilität zu schaffen, wie wir mit unserer Umgebung umgehen. Das ist auch für einen selbst wichtig, weil man sich glückliche Orte nicht immer erschaffen kann, aber zumindest für sich finden soll. Weil es einem dann ein kleines Stück besser geht. 

 

Und wie lebt es sich mit drei Frauen als Hahn im Korb?

(Lacht) Die Kinder sind in einer spannenden Phase zwischen acht und zehn Jahren. Es ist jeden Tag ein gemeinsames Entdecken von Neuem. Und das ist auch für mich eine aufregende Zeit, gemeinsam mit ihnen die Welt zu erschließen. Ich verbringe zwar viel Zeit mit meiner Arbeit, habe aber das Glück, dass meine Arbeitszeiten teilweise flexibel sind. Darum habe ich manchmal auch unter der Woche Zeit für die Kinder, wenn sich andere Eltern schwertun. Dann kann ich mit ihnen eine Reihe von Dingen tun, für die andere Väter keine Zeit haben. Vormittägliche Arztbesuche zum Beispiel. Nicht, dass das für die Kinder das Lustigste wäre, aber ich bin manchmal ganz froh, dass ich auch diese Dinge mit ihnen bewältigen kann. 

 

Sie haben neben Ihrem Studium beim ORF Oberösterreich gearbeitet. Hat Sie der Journalismus schon immer fasziniert?

Das habe ich mir nie so richtig überlegt. Ich habe als ORF-Redakteur begonnen und viele Jahre sehr engagiert neben meinem Jus-Studium gearbeitet. Als ich dieses abgeschlossen hatte, habe ich in die Redaktion der „Zeit im Bild“ nach Wien gewechselt. Insofern ist das alles gewachsen und war nicht von Grund auf geplant. Ich bin grundsätzlich keiner, der einen großen Lebensplan hat – weder beruflich noch privat. Aber ich glaube zu erkennen, wenn sich irgendwo eine Weiche auftut und herannaht. Dann überlege ich rechtzeitig, in welche Richtung ich abzweigen will. Und das ist ja das Wichtige im Leben. 

 

Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten, wenn Sie nicht gerade an einem Buch schreiben?

(Schmunzelt) Ich lese sehr viel. Bücher, die nichts mit meinem Beruf und nichts mit den Themen meiner eigenen Bücher zu tun haben. Weil ich Freude daran habe, auf diesem Weg die Welt zu erkunden. Das ist oft ein schöner Fluchtweg in eine andere Welt. Wobei ich noch entspannen kann, ist Holzhacken. Meine Frau (Ö3-Redakteurin Claudia Lahnsteiner, Anm. d. Red.) stammt aus dem Salzkammergut und wenn wir dort sind, mache ich das sehr gern. Das ist eine wunderbar meditative Tätigkeit, weil man sehr konzentriert sein muss. Anders als bei sonstigen Konzentrationsübungen ist es beim Holzhacken wichtig, zur eigenen Sicherheit ausschließlich an das Holzhacken zu denken. Weil man sich sonst schlimmstenfalls die Finger abhacken kann. 

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Tarek Leitner mit seiner Frau Claudia Lahnsteiner. (© Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag)
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Tarek Leitners neues Buch "Wo leben wir denn?". (© Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag)