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People | 06.01.2020

Hier sind Menschen recht

Wo der Mensch Mensch sein darf, wo gebrochene Seelen heilen und wo helfende Hände in eine positive Zukunft führen: Das „Haus der Menschenrechte“ in Urfahr gibt all jenen wieder Mut zum Nach-vorne-­Blicken, die mit einem schweren Schicksal hadern mussten.

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© Dominik Derflinger

Der Verein SOS-Menschenrechte arbeitet als Menschenrechtsorganisation für eine Gesellschaft, die geprägt ist von Demokratie, Pluralität, Toleranz und Solidarität. Wie Hilfe in der Not greifbar wird, zeigt das Haus der Menschenrechte in der Urfahraner Rudolfstraße. Sarah Kotopulos und ihr Team geben benachteiligten Menschen in Notlagen ein vorübergehendes Zuhause und ermöglichen ihnen so ein Sprungbrett in ein besseres Leben.

Ein Ort fürs Menschsein.

Hell, aufgeräumt, gemütlich – wenn man das große, in modernem Grau angemalte Haus der Menschenrechte in der Rudolfstraße betritt, zeugt nichts mehr von den Zuständen, die nur wenige Jahre zuvor herrschten. Das heruntergekommene Gebäude wurde im Frühling zu einem Ort, an dem Menschen neue Energie schöpfen und einen sicheren Rückzugsort ihr Eigen nennen können. Sarah Kotopulos kam vor fünf Jahren zu dem Verein; mit damals nur 27 Jahren hat sie ihn übernommen und aus der schwierigen Lage gehievt – mit großem Erfolg! „Dank unseren zahlreichen Spendern konnten wir das rund 120 Jahre alte Haus sanieren. Früher als erstes Frauenhaus Oberösterreichs von einem anderen Verein gestartet, wurde
es später als reines Flüchtlingsheim geführt – und heute kommen Menschen aller Art zusammen“, freut sich die gebürtige Steirerin. Derzeit leben 15 verschiedene Nationen unter einem Dach zusammen, durch ein neues Konzept haben Österreicher genauso Platz wie Asyl­werbende, Minderjährige und Familien in Notlagen aus anderen Ländern. In Zeiten des „Funktionieren-Müssens“ fällt es vielen Menschen nicht leicht, Hilfe anzunehmen, besonders das Selbstbewusstsein leidet oftmals unter der Situation. „Die Asylwerbenden werden uns von der Grundversorgungsabteilung zugeteilt“, erklärt Sarah Kotopulos. „Wir sind eines der wenigen Häuser, das minderjährige Mädchen aufnimmt. Für die bekommen wir eine Hälfte des Tagessatzes von jenen, die sich in einer österreichischen Jugend-WG befinden. Wir sehen es als staatliche Verantwortung, dass alle Kinder auch finanziell gleich behandelt werden – immerhin sind sie ja auch gleich viel wert!“ Knapp 65 Menschen finden hier ein Zuhause, die neu gebauten Ein-Zimmer-Wohneinheiten sind begehrt und lassen den großen Schritt in die Selbstständigkeit für viele wahr werden. 

 

Ein Zuhause für..
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Negin (20) 

Für die damals 16-jährige Negin brach vor vier Jahren die Welt zusammen: In Afghanistan geboren und im Iran aufgewachsen, wollte sie mit ihren Eltern ein besseres Leben in Deutschland beginnen, fernab von Krieg und Leid. „Als auf mein Flüchtlingscamp, in dem wir eine Nacht verbrachten, plötzlich geschossen wurde, sind wir alle losgelaufen, in die Lastwagen von Schleppern gestiegen und abtransportiert worden.“ Von da an musste Negin, die ihre Eltern während der Flucht verloren hatte, alleine weitermachen – von ihnen hörte die junge Frau nie wieder etwas. Ihr Ziel war Deutschland, über Umwege kam sie glücklicherweise ins Haus der Menschenrechte. „Heute geht es mir sehr gut hier, ich wurde von Anfang an mit viel Einfühlungsvermögen betreut, konnte mich zum Abendgymnasium anmelden und arbeite heute als Lehrling im zweiten Lehrjahr als bautechnische Zeichnerin in dieser männerdominierten Branche“, ist sie auf ihr Schaffen stolz. Nebenbei als DJane und Moderatorin für kleine Veranstaltungen tätig, strebt sie es an, die Matura zu machen. Ihr größter Wunsch? „Natürlich meine Eltern irgendwann zu finden – und neben der Arbeit als Model zu arbeiten!“ 

 

 

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Nouchka (29)

Ein politisches Drama hat Nouchka vor fünf Jahren von der DR Kongo nach Österreich gebracht: Sie arbeitete ehrenamtlich für einen Präsidentschaftsanwärter, der die Wahl verlor und aus diesem Grund heraus eine Rebellionsgruppe bildete. „Da ich eng mit dem Parteisekretär gearbeitet habe, hat man angenommen, dass ich Geheimnisse weiß“, erinnert sie sich. „Man hat mich kurzerhand ins Gefängnis gesperrt, bis mein Onkel meine Flucht organisieren konnte und ich über Wien nach Linz kam.“ Hier, im Haus der Menschenrechte, bekam sie eine Heimat – und im April endlich auch die Aufenthaltsgenehmigung nach vielen Rückschlägen. Gerade macht sie die Ausbildung zur Altenfachbetreuerin und Pflegehelferin, und auch ihre Freizeit hat die 29-Jährige im Griff: „Ich nähe und laufe gerne, lehre einer Frau Französisch und sie mir Deutsch und helfe immer wieder mal einer alten Dame im Rollstuhl – eine erfüllende Aufgabe.“ Was sie später machen möchte? „Ich möchte eine Organisation gründen, in der alleinerziehende Mütter und Halbweisen in der DR Kongo unterstützt werden!“ 

 

 

Echte Vorbilder.

Ein ganzer Stock im Haus der Menschenrechte wird von geflüchteten Mädchen und Frauen bewohnt, die intensiv betreut werden müssen. Die meisten von ihnen haben sexuelle Gewalt erfahren. Wie kann man mit derartigem Wissen umgehen? „Man stumpft keineswegs ab, auch wenn man noch so viele schwere Schicksale tagtäglich mitbekommt. Wir Sozial­arbeiterinnen und Sozialarbeiter sind das Werkzeug, denn über Beziehungsarbeit und Vertrauensaufbau kann vieles wieder stabilisiert werden“, so Sarah Kotopulos. „In unserem Haus gibt es viele schlimme Geschichten: Von Missbrauch, Flucht und Ausbeutung über Frauen, die gegen Sex schneller zu einem Fluchtboot-Ticket kamen, Massenlager, in denen Menschenrechte keinen Stellenwert haben, Menschen, die, physisch schon lange hier angekommen, psychisch noch eine ganze Weile brauchen werden …“ Zum Glück gibt es aber auch jene, die schon bei der Ankunft alle Fühler in Richtung bessere Zukunft strecken: „Viele Hausbewohner werden ehrenamtlich aktiv, gehen raus, suchen den Kontakt zu Menschen, von denen sie lernen oder denen sie helfen können.“ Diese Menschen sind für das gesamte Menschenrechtshaus-Team echte Vorbilder: „Die haben eine Lebensenergie und legen Überlebensstrategien an den Tag, die einen absolut inspirieren!“ 

Eine gute Zukunft.

Wenige Hände können viel bewirken: Schon Hunderte Menschen wurden über die letzten 23 Jahre im Haus in der Rudolfstraße begleitet, und es werden noch viele folgen, denen ein Sprung in ein besseres Leben in den neu sanierten Gemäuern ermöglicht wird. Neben jungen Frauen, Asylwerbenden und anderen Personen in Notlagen bewohnen das Haus auch Familien, die hier ihre Kinder in einer Umgebung aufwachsen lassen können, die menschenwürdig ist und den Kleinen eine große Portion Sicherheit gibt. Ein Leben also, für das es sich zu leben lohnt. Und doch müssen sie alle einmal wieder das Haus, das den meisten eine Heimat geworden ist, verlassen. Sei es, weil die Menschen einen Job gefunden haben und nun auf eigenen Beinen stehen können und wollen, oder weil sie einen negativen Asylbescheid bekommen haben und in ein oftmals zerstörtes Land zurückkatapultiert werden – Gründe gibt es viele. „Glücklicherweise haben wir einige sehr schöne Geschichten parat. Zum Beispiel von Juan aus Syrien, der im Ars Electronica Center in der Presseabteilung mitverantwortlich ist und dort mehrsprachige Führungen macht, oder von Karen, die alleinerziehende Mama ist, als Einzelhandelskauffrau arbeitet und eine eigene Wohnung bezogen hat“, freut sich Sarah Kotopulos. „Andere sind als Menschenrechtstrainerinnen und -trainer in unserem Bildungsprojekt tätig, wurden Musiker, Künstler, Studenten, Elektriker … alles quer durch die Bank. Viele von ihnen besuchen uns regelmäßig bei unseren Festen und Veranstaltungen. Es ist eine Freude zu sehen, wie sich aus  oft verängstigten und hoffnungslosen Menschen energiegeladene, fröhliche und selbstbewusste Individuen entwickelt haben.“ Zuversicht, das ist es, was die Menschen hier im Haus der Menschenrechte antreibt. Und das Wissen, dass Sarah Kotopulos und ihrem Team „jeder Mensch recht“ ist.