Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 16.03.2020

Heute nicht!

Die österreichische Schauspielerin Muriel Baumeister (48) hat ein Buch über ihr Leben geschrieben und wie sie es im letzten Augenblick geschafft hat, ihre Alkoholsucht zu besiegen.

Bild 2003_O_Menschen_Baumeister_P.jpg
© Miriam Knickriem

Sie ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Sie steht vor der Kamera, seit sie 16 Jahre alt war. Sie ist Mutter von drei Kindern – und sie ist trockene Alkoholikerin. „Nüchterne ist mir lieber, weil trocken gilt doch eher für Kleinkinder“, sagt Muriel Baumeister (48) lachend. Heute hat die gebürtige Österreicherin wieder gut lachen. Sie hat seit Oktober 2017 keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Doch bis dahin war es ein weiter, teilweise schmerzhafter Weg. Denn die Schauspielerin wurde nach einem Unfall, den sie mit 1,45 Promille im Blut und ihrer Tochter im Wagen verursacht hatte, von der deutschen Boulevardpresse in der Luft zerrissen. Das war auch der Grund, warum sie ein Buch über ihr Leben geschrieben hat. Wir haben die entspannte und sympathische Salzburgerin in ihrer Heimatstadt zum Interview getroffen.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Anfang November ist Ihr Buch erschienen. Wie geht es Ihnen heute? War es die richtige Entscheidung, Ihre Geschichte öffentlich zu machen?

Muriel Baumeister: Ja, auf jeden Fall, vor allem auch deshalb, weil viele Menschen super darauf reagieren und begeistert sind. Ich bin niemand, der anderen leidtun will. Ich bereue auch relativ wenig. Außer, dass ich meiner Familie so lange Kummer gemacht habe – mit der Sauferei.

 

Wie groß war für Sie die Überwindung, so offen über Ihr Leben zu schreiben?  Sie haben Ihr Privatleben ja immer aus den Medien herausgehalten …

Ich habe es tatsächlich versucht, bis die Bild-Zeitung das anders entschieden hat. Das Buch war deshalb für mich die einzig richtige Reaktion. Ich bin grundsätzlich selbst schuld, das stimmt. Aber trotz alledem habe ich niemandem etwas getan – außer mir selbst. Ich bin nach diesem Unfall ganz tapfer zur Gerichtsverhandlung gegangen, weil ich dafür gradestehen wollte. Hätte ich das nicht gemacht, wäre das wahrscheinlich alles nicht passiert. Am nächsten Morgen hat mich eine Freundin angerufen und gewarnt, dass ich nicht nach draußen gehen solle, weil uns die Presse-Meute vollkommen belagert hat.

 

„Suff-Crash“ und „Absturz eines TV-Lieblings“ waren Schlagzeilen aus der Zeit nach Ihrem Unfall. Wie sehr hat es Sie verletzt, dass die deutsche Boulevardpresse dermaßen über Sie hergefallen ist?

Das war eine Unverschämtheit! Es hat aber damit zu tun, dass eine Frau in der Öffentlichkeit anders bewertet wird als ein Mann. Wenn ein Mann säuft, dann säuft er und es ist irgendwie cool. Wenn ein Mann sechs Kinder von vier Frauen hat, ist das cool. Mich haben sie schon angeschissen, als ich mein drittes Kind von einem dritten Mann bekommen habe. Ich bin grundsätzlich eine Frau, die auf Konventionen pfeift. Das bin ich immer schon gewesen. Deshalb haben sie mich medial mit Schlamm beworfen. Und das war natürlich auch beruflich eine Katastrophe für mich.

 

War Ihre Alkoholsucht in der Branche bekannt?

In dieser Branche ist Alkohol gang und gäbe. Wahrscheinlich haben sie geredet, aber mit mir wurde nicht geredet. Diese Geschichte in der Bild-Zeitung war eine öffentliche Hinrichtung, das ist über Wochen und Monate gegangen. Irgendwann war der Zeitpunkt erreicht, an dem ich gesagt habe: Nö, jetzt reicht’s mir.

 

Ihr Buch ist sehr persönlich, Sie schreiben sogar über Ihre Kinder 

Natürlich, aber grundsätzlich habe ich über mich erzählt. Wobei mir wichtig ist, zu sagen, dass es kein Ratgeber ist, weil ich niemandem sagen kann, wie er es machen soll. Ich kann nur erzählen, wie ich es gemacht habe, und ich bin jetzt seit zwei Jahren und dreieinhalb Monaten nüchtern. Und wenn ich gewusst hätte, wie toll das ist, hätte ich es vielleicht früher gemacht.

 

Bild 2003_O_Menschen_Baumeister_T.jpg
© Miriam Knickriem

Sie haben im Oktober 2017 einen kalten Entzug gemacht und seitdem  keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Wie geht es Ihnen seitdem? 

Es geht mir super, viel besser! Es ist heller, die Morgen sind schöner, die Emotionen sind stärker – sowohl positiv als auch negativ. Das muss man aushalten lernen. Alkohol ist ja nicht zufällig Volksdroge Nummer eins. Und solange der Staat daran verdient, kannst du dich totsaufen und es interessiert einfach niemanden. Das ist für mich eine absolute Unmöglichkeit. Ich finde das Leben jetzt besser als vorher. Es ist manchmal anstrengend, aber ich bereue keinen einzigen Tag.

 

War Ihr Unfall auch der Zeitpunkt, an dem Sie erkannt haben, dass Ihr Leben in die falsche Richtung läuft?

Das habe ich natürlich vorher schon gewusst, aber als Alkoholiker will man das nicht hören. Das willst du nicht wissen, das willst du nicht hören und schon gar nicht willst du es zugeben.

 

Das war demnach ein großer Schritt, denn im Buch schreiben Sie sogar, dass Sie Alkoholikerin sind …

Zu sagen, dass ich Alkoholikerin bin, ist das eine. Es dann aber schwarz auf weiß zu lesen, war noch einmal was ganz anderes. Ich habe sogar überlegt, ob wir es nicht rausnehmen können. Am Ende habe ich gesagt, dass es mir aber genau darum geht – und deshalb ist es drinnen geblieben.

 

Der enorme Medienrummel hat sich extrem auf Ihre Rollenangebote ausgewirkt. Wie sieht es jetzt aus?

Gut! Wobei ich mir bis März eine Auszeit für das Buch gegeben habe. Dann fange ich wieder mit der Schauspielerei an.

 

Sie schreiben am Ende des Buches, dass Sie mittlerweile mit wenig zufrieden sind und am liebsten nur gern wieder nach Österreich ziehen möchten. Was macht dieses Fleckerl Erde für Sie so besonders?

Es ist Heimat, Zuhause, ich bin in Salzburg aufgewachsen. Ich mag, wie es riecht und wie es schmeckt. Ich liebe Österreich – bis auf seine politischen Auswüchse. Ansonsten bin ich hier einfach daheim. Ich bin im Sommer am Mattsee oder bei mir zuhause in der Hängematte (Anm. d. Red.: Baumeisters Familie hat immer noch das Haus, in dem sie aufgewachsen ist). Es gibt kein schöneres Fleckerl Erde für mich. 

 

Sie freuen sich auf das Älterwerden – auch, weil lange nicht klar war, ob Sie das überhaupt schaffen. Hat Ihre Krankheit Sie dankbarer gemacht und Ihren Blick auf das Leben verändert?

Ja, auf jeden Fall! Wobei ich in Würde zu altern auch Arsch finde. Ich würde gern immer noch ausschauen wie 42 – und die Erfahrung, die darf wachsen. Aber es gibt halt nur zwei Möglichkeiten: entweder älter werden oder tot sein.

 

Können Sie trotzdem einigermaßen entspannt älter werden? Die optischen Veränderungen, die damit einhergehen, werden in Ihrer Branche im wörtlichen Sinn ja nicht gern gesehen …

Das Älterwerden ist für Frauen furchtbar. Das regt mich auch beim Film so auf. Dass die Männer 50 oder 60 Jahre alt sind und die Frauen maximal 30. Das ist scheiße! Da gibt es kein Wort, das das besser ausdrücken würde. Ich bin kein Fan von Frau Klums Öffentlichkeitswirksamkeit, aber ich finde es cool, dass sie einen jungen Mann hat. Das Schlimme ist, dass man das überhaupt noch thematisieren muss. Von mir aus soll jeder machen, was er will, solange er niemanden damit verletzt. Mein Problem ist, dass ich nicht auf junge Männer stehe, weil ich eh schon drei Kinder habe, brauche nicht noch eines dazu (lacht).

 

Sie lieben Ihren Job als Schauspielerin. Sie hätten sich also nie vorstellen können, etwas anderes zu machen?

Ich kann nix anderes (lacht). Ich bin mittlerweile wieder eine gute Mutter, aber dafür gibt es kein Geld. Ich hätte irgendwann gerne ein österreichisches Wirtshaus, ein Wirtinnenhaus, aufgemacht, aber das geht wegen des Alkohols nicht. Das wäre Irrsinn. So sehr muss man sich dann auch nicht selbst auf den Prüfstand stellen.

 

Ist es noch schwierig für Sie, keinen Alkohol zu trinken?

Es gibt Tage, da fällt es mir schwer. Und es gibt Tage, da fällt es mir nicht schwer. Für die Tage, an denen es zwickt, gibt es diesen wahnsinnig guten Satz von den Anonymen Alkoholikern, der sagt: „Heute nicht.“ Damit ist alles gesagt. Weil „heute nicht“ sind 24 Stunden. Das klingt nicht so absolut wie „Nie wieder!“.

 

Bild 2003_O_Menschen_Baumeister_B.jpg
„Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben“, Muriel Baumeister/Constanze Behrends, Eden Books, € 18,50