Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 03.03.2020

"Hanni ist eine coole Socke"

Wie man sich trotz größter Not menschlich verhält, hat Hanni Rittenschober während der Nazizeit eindrucksvoll bewiesen. Mit „Hanni“ bringt Autor Franzobel am 10. März einen Monolog über das Leben der 99-jährigen Mühlviertlerin auf die Bühne des Brucknerhauses.

Bild 2003_O_Kultur_Franzobel_Copy.jpg
© Georg Buxhofer/Paul Zsolnay-Verlag

Am 10. März feiert mit Hanni Rittenschober eine bemerkenswerte Frau ihren 99. Geburtstag. Das Leben der Mühlviertlerin, die heute in einem Seniorenheim lebt, war geprägt von bitterer Not, Armut und Entbehrungen. Mit ihrem Vater wurde sie gezwungen, beim Bau der Baracken für das Konzentrationslager Gusen mitzuarbeiten. Später wurde sie Zeugin der „Mühlviertler Hasenjagd“. Ihre mutigen Versuche, den Häftlingen zu helfen, waren allerdings wenig aussichtsreich. Ihr Mann kehrte 1947 völlig verändert aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Da er alles vertrank und verspielte, musste Hanni allein darum kämpfen, ihre sechs Kinder durchzubringen. 

Kraft und Lebensmut.  Auf Grundlage dieser Biografie hat Franzobel ein Monodram für Schauspielerin Maxi Blaha gemacht, zu dem der gebürtige Linzer Gerald Resch die Musik beisteuert. Die von Alexander Hauer inszenierte Uraufführung von „Hanni“ findet auf den Tag genau am 99. Geburtstag von Hanni Rittenschober statt und zeigt die große Geschichte aus der Perspektive kleiner Leute, deren unerschütterliche Kraft und Lebensmut vorbildlich sind. Wie er den Monolog angelegt hat und wie seine Begegnungen mit der Zeitzeugin waren, erzählt der aus Vöcklabruck stammende Autor im Interview. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: In Ihrem Monolog geht es um Zeitzeugin Hanni Rittenschober, wie sind Sie auf diese Frau gekommen?

Franzobel: Zufällig, durch ihren Sohn, den Fotografen Joseph Gallus Rittenberg. So viele Zeitzeugen gibt es ja nicht mehr, und über fremde Geschichten zu arbeiten fällt oft leichter als über die eigene. Meine Großeltern zu interviewen habe ich leider verabsäumt, aber bei Hanni ist mir das nicht passiert.

 

Sie haben Frau Rittenschober persönlich getroffen, wie war das Zusammentreffen? 

Sehr familiär, weil immer ihre ganze Familie anwesend war, ihre Söhne mit Lebenspartnerinnen, ihre Tochter. Das war stets eine große Tafel mit vielen netten Menschen, die alle etwas zu erzählen wussten. Manche Episoden ihres Lebens wurden mir also aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was ein interessantes Spektrum ergeben hat.

 

Was beeindruckt Sie besonders an dieser Frau und ihrem Schicksal?

Sie ist in heute unvorstellbarer Armut aufgewachsen, hatte wirklich kein leichtes Leben. Hanni ist keine Heldin der großen Geschichte, aber eine Heldin des Alltags, die alles für ihre Familie getan hat und trotz eines schweren Schicksals menschlich und humorvoll geblieben ist.

 

Was war Ihnen vom Inhalt des Stückes wichtig? 

Es sind die bewegenden Episoden ihres Lebens: Ihr Vater musste als un-
eheliches Kind noch in einem Sautrog schlafen, sie wurde wie ein Arbeitstier gehalten. Später hat sie ihren Mann kennengelernt, der in den Krieg musste und traumatisiert zurückgekommen ist. Sie sah die Opfer der Mühlviertler Hasenjagd und hat die Befreiung des KZ-Nebenlagers Gusen erlebt, dann der Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder – auf dem Land alles etwas verzögert. Mich hat interessiert, wie sich die große Geschichte in den kleinen Leuten abbildet. Hanni ist vielleicht ein Prototyp der kleinen Leute, kein Opfer, aber auch kein Täter, im Grunde unpolitisch, doch von der Geschichte immer wieder überrollt.

 

 

Bild 2003_O_Kultur_Maxi Blaha 4â.jpg
Maxi Blaha (r.) wird als Schauspielerin und Sängerin in die Rolle von Hanni Rittenschober (l.) schlüpfen. © Georg Buxhofer/Paul Zsolnay-Verlag

Sie bezeichnen Ihren Text als „symphonischen Monolog“. Was versteht man darunter?

Der Text ist so geschrieben, dass er durchgängig vertont werden kann, sehr rhythmisch und melodiös, man könnte ihn auch singen.

 

Wie legen Sie den Monolog von der Sprache her an?

Es gibt viele Dialekt-Einschübe, aber letztlich ist es eine Kunstsprache, ein poetisiertes Oberösterreichisch.

 

Hanni Rittenschober feiert am Tag der Uraufführung ihren 99. Geburtstag. Wie geht es ihr und wird sie im Brucknerhaus dabei sein?

Davon gehe ich aus. Noch geht es ihr sehr gut, und ich glaube, sie will diesen Abend unbedingt erleben. In dem Alter weiß man natürlich nie, was passiert, aber die Hanni ist zäh, sonst wär‘ sie nicht so alt geworden.

 

Was sagt Frau Rittenschober dazu, dass ihre Lebensgeschichte im Brucknerhaus Gehör findet?

Sie freut sich. Vielleicht ist sie auch ein bisschen aufgeregt, aber ich denke, sie ist eine coole Socke.

 

Das Ende des Nationalsozialismus ist jetzt 75 Jahre her. Es wird also immer weniger so wichtige Zeitzeugen wie Hanni Rittenschober geben. Ist „Hanni“ ein Monolog gegen das Vergessen?

Es ist kein Monolog gegen das Vergessen, sondern eine berührende und herzergreifende Geschichte, von der man lernen kann, wie man sich trotz größter Not menschlich verhält. Das ist schon sehr viel. Die Geschichte wird persönlich, anschaulich und damit nachvollziehbar. Vergessen? Eher geht es um die Rückeroberung der Geschichte und gegen die Vereinnahmung, weil die kleinen Leute zu Wort kommen, die, denen sonst nie Gehör geschenkt wird.

 

Franzobels „Hanni“

Uraufführung: 10. März 2020, 19:30 Uhr

Brucknerhaus Linz, Großer Saal

 

Karten und Infos: 

Tel.: 0732/77 52 30

[email protected]

www.brucknerhaus.at