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People | 21.12.2016

„Geordneter Rückzug oft die beste Lösung“

Alle Jahre wieder ... entbrennen unter dem Christbaum heftige Konflikte. Immer wieder kommt dabei auch Gewalt ins Spiel. Warum Männer zuschlagen und was man machen kann, wenn man merkt, dass eine Situation eskaliert, haben wir mit dem Linzer Psychotherapeuten Robert Karbiner (www.psychotherapie-linz.or.at) besprochen.

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Nicht in allen Familien ist die Stimmung an Weihnachten so entspannt und friedlich. (© Shutterstock)

Man liest immer wieder, dass es besonders in der Weihnachtszeit zu Streit und eben auch Gewalt in Beziehungen und Familien kommt. Warum ist ausgerechnet diese Zeit dermaßen konfliktgeladen?

Das liegt zum einen daran, dass diese Zeit bei den meisten Menschen mit sehr viel Stress verbunden ist. Eine Weihnachtsfeier jagt die nächste, Geschenke müssen gekauft werden, dazwischen Kekse backen und auf den Adventmarkt gehen. Dazu kommt, dass in vielen Berufen die Zeit vor dem Jahreswechsel ebenfalls sehr stressig ist, und natürlich der Anspruch, dass gerade zu Weihnachten alles perfekt sein muss. All diese Faktoren tragen dazu bei, die innere Spannung immer weiter zu erhöhen. Oft reicht dann eine Kleinigkeit und die Situation eskaliert.

 

Es ist erwiesen, dass Männer im Streit weitaus öfter gewalttätig werden als Frauen. Woran kann das liegen?

Bei Beziehungsgewalt geht die Gewalt zu rund 80 Prozent von den Männern aus. Das hat zum einen mit unserer Sozialisation zu tun. Männer wurden - und werden oft noch immer – mit der Idee groß, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt. Das bedeutet: Buben zeigen weder Gefühle noch Tränen, weil sie sonst als „Weichei“ oder „Mädchen“ abgestempelt werden. Und das will natürlich kein Junge! Weinen wird in unserer Kultur immer noch als Schwäche angesehen. Dabei wäre das Weinen wichtig für den Heilungsprozess auf seelischer Ebene. Die Emotionen bei den Männern sind zwar da, aber sie dürfen nicht heraus. Diese zu unterdrücken, erfordert einen unheimlich hohen Energieaufwand. Der Mann ist in dessen Folge erschöpft und noch schneller gereizt oder grantig.

 

Das ist allerdings noch kein Grund, zuzuschlagen ...

Völlig richtig! Klienten lernen im Laufe einer Therapie ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie lernen, sich ohne körperliche und verbale Gewalt für sich einzusetzen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen – auch in Streitsituationen. Traurigerweise reicht manchmal schon ein vermeintlich harmloser „Schubs“, der fatale Folgen haben kann. Etwa wenn die Partnerin stürzt und sich schwer verletzt. Das könnte auch rechtliche Folgen und einen Eintrag im Strafregister nach sich ziehen. Auch das muss man den Männern bewusst machen! Zu Gewalttaten kann es übrigens auch kommen, wenn sich Männer hilflos, verzweifelt und ohnmächtig und den Frauen verbal unterlegen fühlen. Wenn sie dann etwas kaputt schlagen oder zuhauen, sind sie nicht mehr ohnmächtig, sondern in diesem einen Moment mächtig. Nach der Tat bereuen die Männer meist, was sie getan haben. Sie schämen sich, dass sie den Menschen, der ihnen im Leben am nächsten steht, verletzt haben. Meist möchten sie die Tat wieder ungeschehen machen, was dann aber nicht mehr möglich ist.

 

 

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Robert Karbiner ist Psychotherapeut, Lebens- und Sozialberater sowie Anti-Gewalt-Pädagoge in Linz. (© Privat)

Was kann man machen, wenn man merkt, dass eine Situation zu eskalieren droht?

Kurzfristig hilft es, wenn man den Ort des Konfliktes verlässt. Wenn man merkt, dass es brenzlig wird, ist ein geordneter Rückzug oft die beste Lösung. Wichtig ist, dass man den anderen nicht in Angst und Schrecken zurücklässt, sondern klare Spielregeln einhält. Das heißt: Ich sage, dass ich jetzt gehe, wohin ich gehe und wann ich wieder zurück sein werde. Es bedeutet nicht: Mit Vollgas im Auto davon fahren und sich im nächsten Wirtshaus einen hinter die Binde kippen. Das würde den Konflikt nur prolongieren. Was ebenfalls verboten ist: etwas unbedingt ausdiskutieren zu wollen. Davon sind Frauen häufig betroffen. Wenn die Emotionen bereits so hoch kochen, findet man ohnehin keine vernünftige Lösung. Besser ist es, den Streit zu besprechen, wenn beide wieder abgekühlt sind.

 

Haben Sie ein paar grundsätzliche Tipps, wie man entspannte Feiertage im Kreis der Familie verbringen kann?

Ich finde es hilfreich, wenn man sich im Vorfeld in Ruhe zusammensetzt und bespricht, wie man die Feiertage verbringen möchte. Wer soll wann eingeladen werden, wo fährt man hin und wann ist einfach nur Entspannung angesagt. Auch solche Freiräume sollte man unbedingt einplanen, damit es niemandem zu viel wird. Das wäre auch schon in der Vorweihnachtszeit wichtig. Man muss nicht auf jeder Weihnachtsfeier dabei sein oder von einem Adventmarkt auf den nächsten hetzen. Konflikte entstehen nämlich auch dann häufiger, wenn die Menschen erschöpft und somit leichter reizbar sind.