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People | 25.02.2021

„Für jedes Umweltproblem gibt es eine Lösung“

Umweltschutz ist heute untrennbar mit dem Namen Wolfgang Neumann verbunden. Als Gründer der Energiesparmesse in Wels im Jahr 1985 hat der Oberösterreicher schon früh bewiesen, dass er ein Mann der Taten ist. Mit dem „Energy Globe Award“ gelang Neumann 1999 dann der weltweite Durchbruch. Der sympathische Energiepionier im exklusiven Talk.

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© Thom Trauner

Wolfgang Neumann ist ein Mann, der für den Umweltschutz brennt. Das merken wir auch schnell beim Interview, als er von seinen Meilensteinen erzählt. Diese Leidenschaft und Überzeugung ist auch eine der Erfolgskomponenten des Energiepioniers. Die 1985 von Neumann ins Leben gerufene Energiesparmesse in Wels gilt heute als die erfolgreichste derartige Veranstaltung in Mitteleuropa. Es folgten ein Energieausweis für Gebäude und zahlreiche Energieberatungszentren in ganz Europa. Mit dem „Energy Globe Award“ stellte Wolfgang Neumann 1999 erstmals einen Umweltpreis für Nachhaltigkeit auf die Beine, der heute zu den renommiertesten weltweit zählt und Weltpersönlichkeiten wie Michail Gorbatschow, Amory Lovins und Maneka Gandhi auf die Agenda rief. Privat hat er sein Glück im Salzkammergut gefunden, wo er mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern auf einem Bauernhof nahe Traunkirchen lebt. Im Interview verrät uns der sympathische Energiepionier, wie es zum„Energy Globe Award“ gekommen ist und welche nachhaltigen Lösungen er als bedenklich einstuft.

 

Herr Ing. Neumann, wie ist die Idee zum „Energy Globe Award“ entstanden?

Ausgangspunkt war eine große Konferenz in Wels, bei der wir schon damals begonnen haben, große Projekte vorzustellen. Inspiriert von einem spanischen Teilnehmer, der uns ein großartiges Projekt präsentiert hat, beschloss ich, einen Award für Nachhaltigkeit auf die Beine zu stellen. Später bei der Konzeptausarbeitung war es mir wichtig, das Ganze leicht verständlich und als eine Art Show aufzubauen. Einer, der mich dabei stets maßgeblich unterstützt hat, war Dr. Christoph Leitl. Nach drei Jahren haben bereits 30 Länder teilgenommen. 2005 war der „Energy Globe Award“ Aushängeschild auf der EXPO in Japan. Ein Jahr darauf hat der heutige kanadische Premierminister Justin Trudeau als Moderator die Verleihung des „Energy Globe World Award“ in Vancouver vorgenommen. 2007 und 2008 gelang es uns dann sogar, das Europäische Parlament in Brüssel als Location zu gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Zeremonie erstmals weltweit in neun Sprachen ausgestrahlt. Seit 2013 wird der Award auch national vergeben. Mittlerweile nehmen jedes Jahr mehr als 180 Länder am „Energy Globe Award“ teil. Das freut mich natürlich sehr!

 

Haben Sie mit so viel Zuspruch gerechnet?

Nein, überhaupt nicht. Zum Zeitpunkt der Gründung gab es nichts Vergleichbares. Und obwohl ich als Techniker wenig Ahnung von der Materie hatte, war ich schon immer der Überzeugung, dass man im Leben alles schaffen kann, wenn man mit Herzblut dabei ist und es nicht wegen des Geldes macht.

 

Der Award setzt sich aus den Kategorien „Erde“, „Feuer“, „Wasser“, „Luft“, „Jugend“ und in Österreich mit der Sonderkategorie „Nachhaltige Gemeinde“ zusammen. Wo sehen Sie das größte Potenzial für die Zukunft?

Es ist ein guter Mix. Natürlich gibt es immer wieder neue Schwerpunkte. Wasser ist zum Beispiel ein Thema, das wir sehr vernachlässigt haben. Hier gilt es, unter anderem das Verbraucherverhalten zu optimieren. So liegt zum Beispiel in Amerika der Wasserverbrauch insgesamt pro Kopf und Jahr bei unglaublichen 1,2 Millionen Litern. Dabei könnte man locker bis zu 80 Prozent einsparen.

 

Welche Voraussetzungen müssen vorhanden sein, um teilnehmen zu können?

Bei uns dürfen nur Projekte eingereicht werden, die bereits umgesetzt wurden. Die Größe der Projekte ist aber egal.

 

Nach welchen Kriterien werden die Siegerprojekte ausgewählt und was erhalten die Gewinner?


Die Nominierung setzt sich aus den fünf Maßstäben „Innovationsgrad“, „Nutzen für die Umwelt“, „Soziale Auswirkungen“, „Multiplizierbarkeit“ und „Kosten-Nutzen-Relation“ zusammen. Die Projekte werden alle Jahre wieder von einer 30-köpfigen Expertenjury beurteilt. Die internationalen Siegerprojekte erhalten neben dem Award ein Preisgeld, für die nationalen Sieger gibt es eine Urkunde.

 

Welches Umweltprojekt ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?


Viele! (lacht) Was mir in Sachen Weiterentwicklung gefallen hat, waren zwei Projekte aus Marokko und Oberösterreich. Durch die Wasserknappheit in Marokko hat sich ein Team von dort auf die Luftfeuchtigkeitsgewinnung spezialisiert. Heuer wurde dann ein Projekt aus Oberösterreich eingereicht, das mithilfe eines speziell konstruierten Containers aus der Luftfeuchtigkeit Trinkwasser herstellt und die notwendige Energie mittels Photovoltaik gewinnt.

 

 

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© Thom Trauner

Wo liegt Österreich in puncto Umweltbewusstsein im internationalen Vergleich?

Österreich liegt, was Technologie und Entwicklung, aber auch Energiequellen wie Wasserkraft betrifft, an der Spitze. Falsch war jedoch aus meiner Sicht der Beschluss der Agenda 20-20-20, wonach sich jedes Land in Europa nochmals um 20 Prozent verbessern muss. Daraus folgt, dass wenn du bereits gut bist, diese Ziele kaum mehr erreichen kannst und deshalb als Verlierer dargestellt wirst, obwohl du eigentlich besser bist als andere Staaten.

 

Kann man der Umweltkrise wirklich noch entgegenwirken?


Das beste Beispiel ist meiner Meinung nach das Ozonloch. Als ich jung war, hat jeder gesagt, dass in spätestens 30 Jahren Schluss sein wird. Heute ist das Ozonloch kleiner als je zuvor. Das muss man letztendlich als Vision sehen. Im Prinzip gibt es bei unseren bisher 30.000 eingereichten Projekte für jedes Umweltprojekt bereits eine Lösung, man muss die Leute nur motivieren, sie zu nutzen.

 

Wie können Menschen aus Ihrer Sicht motiviert werden, nachhaltig zu handeln?


Das Thema muss wieder sexy werden. Heute ist es sexy, demonstrieren zu gehen. Die „Fridays for Future“-Bewegung ist ein guter Weckruf, sollte aber schnellstmöglich zu „Acting for Future“ werden. Aktiv werden Menschen durch Anreize. Indem man ihnen einfach und objektiv zeigt, welche persönlichen Vorteile für sie entstehen, werden sie nachhaltig handeln. In diesem Sinne werden wir in den nächsten Monaten das Onlineportal „checkpoint.eco“ auf den Markt bringen. Hier kann man kostenlos zu allen Lebensbereichen, wie zum Beispiel beim Haus, seinen Energiestatus virtuell durchchecken lassen. Auf Wunsch wird der Nutzer dann zu einem Dienstleister in seiner Gemeinde vermittelt, der einem umgehend auch die Kosten für die Sanierung benennen kann. Das Portal ist für Bürger, Gemeinden und jegliche Art von Einrichtungen konzipiert. Begleitend dazu wollen wir mit dem Schulprojekt „Energie Checker“ Volksschüler sensibilisieren. Im weiteren Schritt plane ich eine Social Media Community für Nachhaltigkeit basierend auf den Eckpfeilern „Energy Globe Award“, „Energie Globe Project-Datenbank“ für Wirtschaftstreibende, „checkpoint.eco“ für den Konsumenten und eine „Energie Globe Akademie“. Letztere soll als eine wissenschaftliche und unabhängige Begleitung der Politik fungieren, die unter anderem Zertifikate für nachhaltige Unternehmen vergibt. Diese Community ist aus meiner Sicht die einzige Lösung für die Zukunft.

 

Viele betiteln E-Mobilität als die Lösung im Kampf gegen die Luftverschmutzung. Sehen Sie das auch so?


Aus meiner Sicht sind Elektroautos mit Batterie nur in manchen Segmenten des Verkehrs eine gute ökologische Lösung. Eine Studie aus Schweden hat herausgefunden, dass ein Elektrofahrzeug erst bei etwa 100.000 Kilometern eine ähnliche Ökobilanz wie ein dieselbetriebener Wagen hat. Vorausgesetzt, der Strom kommt aus erneuerbarer Erzeugung und das kann nur in wenigen Ländern wie Österreich garantiert werden. Denn weltweit liegt der Anteil an erneuerbarer Energie nur bei fünf Prozent. Ich war schockiert, als bei einem Vortrag zum Thema batteriebetriebene Fahrzeuge einer der wichtigsten Berater der deutschen Automobilindustrie auf die Frage, ob wir überhaupt genug Strom haben, antwortete „Kein Problem, wenn er zu wenig wird, dann fahren wir mit unseren Kohlekraftwerken wieder hoch und sonst haben wir auch noch Atomkraftwerke.“ Hier stellt sich für mich die Frage, ob es vielleicht nur um das „Geld verdienen“ geht. Auch die Frage des Recyclings von Altbatterien stellt sich. In Österreich arbeitet bereits das Unternehmen „Saubermacher“ an einer Lösung, in anderen Ländern denkt man noch nicht darüber nach. In China setzt man schon voll auf Wasserstoff aus erneuerbarer Energie und für batteriebetriebene Fahrzeuge gibt es Elektrotankstellen, wo ein Roboterarm die leere Batterie gegen eine geladene austauscht. Das heißt keine Wartezeiten und keine überdimensionierten Ladestationen, die die Stromversorgung gefährden. Ich glaube, die Zukunft der Mobilität liegt in diesem Mix. Alternativ hat sich ein österreichisches Unternehmen auch bereits auf die Produktion von Biogas aus Wasserstoff spezialisiert. Dieses eignet sich hervorragend für gasbetriebene Fahrzeuge, für die es schon lange ausgereifte Konzepte gibt. Sowohl Wasserstoff als auch Biogas sind absolut umweltfreundlich und bieten den gewünschten Komfort. Österreich ist hier in den Entwicklungen vorne dabei, aber es braucht auch die Politik, die mit Kompetenz die richtigen Rahmenbedingungen setzen muss. Die beste Lösung ist aber immer noch, so oft es geht, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und bei Autos Fahrgemeinschaften zu gründen, denn entscheidend ist der Energieverbrauch pro Person.

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© Thom Trauner

Bei der Stromversorgung wird hingegen der Einsatz von Photovoltaikanlagen gepusht.

Das ist grundsätzlich zu begrüßen, für mich ist aber nicht erklärbar, dass auf die wichtigsten begleitenden Maßnahmen vergessen wird. In unseren Regionen kann eine Photovoltaikanlage nur maximal 1.000 Stunden im Jahr Strom produzieren, das Jahr hat aber fast 9.000 Stunden. Es heißt also, dringendst Speicherkapazitäten zu schaffen, die den Strom aus erneuerbarer Energie das ganze Jahr verfügbar machen. Dies kann die vorab genannte Umwandlung in Wasserstoff oder noch besser in Biogas sein, wo unendliche Speicherkapazitäten vorhanden sind. Zu Hause hat man dann eine Mikrokraftwärmekopplung, die dieses Gas mit einem Wirkungsgrad von fast 100 Prozent in Wärme und Strom umwandelt.

 

Wie hoch schätzen Sie die Blackout-Gefahr ein?

Aus meiner Sicht liegt die Gefahr bei 100 Prozent. Der Stromverbrauch steigt konstant. Ohne Speicherung und ausreichende Kraftwerkskapazitäten, die rasch hochfahren können, wird es zu großen Problemen kommen. Auch hier ist die Politik gefordert, rasch die Rahmenbedingungen für Energieversorger zu schaffen. Denn es ist schon schlimm, wenn Photovoltaikanlagen gefördert werden und dann viele bei Schönwetter bzw. im Sommer wieder abgeschaltet werden, weil zu viel Strom am Markt ist und es keine Abnahme dafür gibt. Oft wird dieser Strom sogar verschenkt, was wieder Kraftwerke unrentabel macht. Um sich die Dimension unseres weltweiten Energieverbrauches besser vergegenwärtigen zu können: Würde man die gesamte jährlich benötigte Energie auf unserem Planeten in Öl umrechnen, so entspräche das 14 Milliarden Tonnen Öl. Diese Menge, in Kesselwaggons gefüllt, ergäbe eine Zuglänge, die 120 Mal um die Erde reichen würde. Diese benötigte Energie wird in der Realität zu rund 90 Prozent durch Verbrennung genutzt. Und nahezu unglaublich, die Sonne benötigt nur rund acht Stunden, um diese Menge an Energie zur Erde zu schicken. Deshalb sollte man Sonnenenergie unbedingt nutzen, aber dringend die begleitenden Rahmenbedingungen schaffen. Neben der Schaffung von Speichermöglichkeiten gehören auch die Optimierung des Ressourcenverbrauchs und ein intelligentes Energiemanagement dazu. Das heißt dann, Energie zu verbrauchen, wenn sie verfügbar ist. Hier kann ein Smart Manager helfen.

 

Wie kann man diesem Blackout entgegensteuern?


Kurzfristig empfehle ich, die wichtigsten Elektrogeräte im Haushalt auf einen eigenen Stromkreis zu geben, den man im Notfall mittels eines Netzfreischalters vom öffentlichen Stromnetz trennen und extern mit einem kleinen Stromaggregat versorgen kann. So kann man eine Zeit lang über die Runden kommen.

 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihnen privat?


Eine sehr große und da ich eine Landwirtschaft besitze, ist es auch relativ einfach. Ich habe meine Tiere, heize nur mit Holz beziehungsweise habe eine Sonnenkollektoren- und Photovoltaikanlage, außerdem fahre ich, so oft es geht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Am meisten stolz bin ich aber, dass ich den Umweltgedanken an meine fünf Töchter weitergeben konnte.

 

Wie kann jeder Einzelne im Alltag zum Umweltschutz beitragen?


Im Prinzip ist es relativ einfach. An Lebensmitteln sollte nur das gekauft werden, was gerade Saison hat und auch nur so viel, was tatsächlich gegessen wird. Leider werden heute bis zu 35 Prozent der Lebensmittel weggeworfen. Aber auch der Wasserverbrauch ist bei der Lebensmittelproduktion enorm. Alleine 15.000 Liter Wasser werden pro Kilo Rindfleisch verbraucht. Das hat uns dazu veranlasst, künftig eine Kategorie für gesundes und nachhaltiges Essen zu machen. In puncto Mobilität hat eine Studie ergeben, dass 600 Kilometer pro Jahr mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, sinnvoller ist als jedes Elektrofahrzeug. Beim Lüften im Eigenheim gilt: Heizung abdrehen und maximal 20 Minuten alles öffnen. Bei Plastik bin ich hingegen nicht der Meinung, dass es generell schlecht ist. Schlecht sind Einwegverpackungen, Kunststoff an sich ist aber ein toller Werkstoff, der bis zu zehn Mal wiederverwertet werden kann – vorausgesetzt er wird gesammelt und richtig recycelt.

 

Wo wird der „Energy Globe World Award“ 2021 abgehalten werden?


Mein Ziel ist, künftig alles in Österreich auszurichten. Wir liegen aus meiner Sicht in puncto Nachhaltigkeit ganz vorne und das sollten wir der Welt auch zeigen. Langfristig plane ich den „Energy Globe World Award“ als einen Spielfilm mit Starbesetzung aufzubauen. Ich möchte alles im Vorhinein aufzeichnen und es dann den Fernsehstationen weltweit anbieten.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesundheit und weiterhin viel Kraft und Energie, um Leute von meinen Projekten zu überzeugen. Mein guter Freund Kofi Annan schrieb mir in seinem letzten Brief den altbewährten Spruch: „Vergiss nie, dass die Welt nicht uns gehört, sondern eigentlich von unseren Kinder geborgt ist.“ An diesem Gedanken sollten wir festhalten.

 

 

www.energyglobe.at